Ohne Geld in den Urlaub

Unterwegs Mit wenig in den Urlaub fahren und trotzdem mit vielen Abenteuern zurück kommen. Freeconomy-Gründer Mark Boyle erklärt, wie das durchaus entspannt geht

Wer sagt, Reisen sei im Zeitalter der fossilen Brennstoffe ein Luxus und keine Notwendigkeit, vereinfacht die Dinge zu grob. Die Globalisierung hat Familienangehörige und Freunde über den ganzen Erdball verstreut. Und die immer aufreibenderen Jobs, die wir uns selbst schaffen, führen dazu, dass wir regelmäßig Abstand zu allem bekommen „müssen“. Diese Ferien bezahlen wir oft auf Pump, was zu noch mehr Stress führt, wenn der Spaß erstmal vorbei ist. Also brauchen wir dringend die nächste Auszeit und unser Dispo steigt.

Auch wenn das alles verständlich ist, so ist der Beitrag, den unsere Art des Reisens zum Klimawandel leistet, astronomisch. Doch ein Urlaub muss nicht zu Lasten der Erde gehen – ja, nicht einmal zu Lasten des Geldbeutels. Am meisten geben wir für die Fahrt oder den Flug und für die Unterkunft aus. Das einzige was man braucht, um sich diese beiden Dinge zu ersparen, ist ein wenig Abenteuerlust.

Günstige Fitness

Wer im Urlaub gerne in der freien Natur ist, sollte sich aufs Wandern und Radfahren verlegen. Beides hält fit und Sie tanken dabei ironischer Weise mehr Energie, als wenn Sie nur ausspannen. Wenn Sie daraus eine Gewohnheit machen, können Sie sich nach dem Urlaub sogar die Gebühren fürs Sportstudio sparen. Ich habe Freunde, die fahren mit dem Auto ins Fitnessstudio, dort setzen sie sich 45 Minuten auf ein Spinning-Bike, dann fahren sie wieder nach Hause! Ich mache oft Witze darüber, dass sie sich die Gebühren für das Studio und das Benzin, die Steuer, die Versicherung und den TÜV fürs Auto sparen könnten, wenn sie einfach zum Studio und zurück radeln würden ohne hineinzugehen.

Damit das Wandern nicht nur günstig, sondern vollkommen kostenlos ist, müssen Sie sich ihre Schuhe selbst anfertigen. Mein Favorit sind Flip-Flops aus alten Autoreifen, gebrauchten Fahrradschläuchen und organisch angebautem Hanf. Damit der Radurlaub kostenlos wird, genügt es, sich bei einem Fahrradhändler in der Nähe gebrauchte Teile zu besorgen, die eigentlich für die Deponie bestimmt, aber immer noch brauchbar sind. Dann müssen Sie nur noch in der Freeconomy Community jemanden finden, der Ihnen für umsonst erklärt, wie man einen Reifen flickt. Ich benutze einen Dynamo, um sowohl meinem Geldbeutel als auch dem Planeten die Kosten für Batterien zu ersparen, und unplattbare Reifen, um sicher zu gehen, dass ich kein Wegwerf-Flickzeug mehr benutzen muss.

Wenn Sie weiter weg möchten, weshalb halten Sie dann nicht einfach den Daumen in die Luft? Man sieht inzwischen so selten Tramper am Straßenrand – obwohl es eine fantastische Art zu reisen ist: Man trifft die interessantesten Typen, reduziert seine CO2-Bilanz, erfährt Dinge über ein Land, die kein Reiseführer verrät und man muss keinen Cent für die Fahrt ausgeben. Meine schönsten Abenteuer hatten mit Trampen zu tun und ich habe oft die unglaublichsten Erfahrungen an Orten gemacht, die ich eigentlich gar nicht besuchen wollte. Wem das zu riskant erscheint (sowohl was die Zeitplanung als auch die persönliche Sicherheit betrifft), der kann vielleicht eine offiziellere Möglichkeiten des Trampens nutzen, wie etwa Carsharing-Programme. Ich bin viel mit dem Rad unterwegs und beobachte, dass etwa sieben von zehn Autos, die an mir vorbeirauschen, nur mit einer Person besetzt sind. Das ist nicht nur ökologischer Wahnsinn, sondern zeugt auch von idiotischer Organisation.

Einladende Sofas

Ist man einmal da, wo man hin will, stellte sich früher die nächste Frage nach der Unterkunft. Diese Zeiten sind vorbei. Wenn man, unabhängig von der Jahreszeit, gerne draußen ist (schon oft bin ich um sechs Uhr früh auf Fußballplätzen aufgewacht und meine Wasserflasche war eingefroren), braucht man nur einen ordentlichen (wegen der Dopplung) Schlafsack und /oder das gute alte Zelt.

Wenn Ihnen das ein wenig zu hart sein sollte, so kann ein anderes Phänomen in der Umsonst-Ökonomie Abhilfe schaffen. CouchSurfing und The Hospitality Club haben Millionen von Mitgliedern auf der ganzen Welt, die alle bereit sind, Sie kostenlos auf ihren Sofas übernachten zu lassen. Dabei sparen Sie nicht nur das Geld für ein Hotel, sondern haben gleichzeitig auch die Möglichkeit, neue Freundschaften zu schließen, mehr über den Alltag und das Leben der Einheimischen zu erfahren und können obendrein die Küche ihres Gastgebers nutzen, anstatt in teuren Restaurants viel Geld für standardisierte Gerichte auszugeben.

Diese Projekte basieren auf dem gleichen Prinzip der Weitergabe-Ökonomie, das auch der von mir gegründeten Freeconomy Community zugrunde liegt: Man stellt einem Reisenden seine Couch zur Verfügung. Die Person, der man hilft, wird einem womöglich selbst diesen Dienst nicht erwidern, aber wenn man selbst eine Übernachtungsmöglichkeit braucht, wird sich ein anderer finden, der einem hilft. Es ist ein ständiger Fluss von Geben und Nehmen, der ganzen Ökosystemen zugrunde liegt.

Freiwillig arbeiten?

Eine Veränderung ist oft interessanter als eine Auszeit: Immer mehr Menschen arbeiten mittlerweile in ihrer freien Zeit freiwillig auf Bio-Bauernhöfen : Man hilft 20-30 Stunden die Woche mit, und bekommt dafür freie Kost und Logis. Das ist aber nur die halbe Miete. Man lernt nämlich zusätzlich auch noch vieles, was man in Zukunft noch gut gebrauchen könnte, wenn die Ölvorräte ihren Höhepunkt überschritten haben und für das man andernorts viel Geld hinlegen müsste.

All dies ist überhaupt nicht kompliziert. Wie bei vielen Problemen auf der Welt, sind die Antworten bereits vorhanden, man fängt nur jetzt erst an, sie anzuwenden. Alles, was man braucht, ist die Wiederbelebung des Vertrauens in seine Mitmenschen und die Bereitschaft, sich auf Fremde einzulassen. Und schließlich wird es Ihnen sogar Spaß machen.

Mark Boyle ist der Gründer der Freeconomy Community und hat in den vergangenen 18 Monaten ohne Geld gelebt. Sein Buch ist soeben bei Oneworld erschienen. Der Erlös aus den Verkäufen fließt in eine wohltätige Stiftung für Freeconomy.

Übersetzung: Christine Käppeler / Holger Hutt

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09:38 18.06.2010
Geschrieben von

Mark Boyle | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

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