Oma Ida aus dem Schlammloch

Paläontologie Mit dem Fund unseres menschlichen Urahns erweist sich die Grube Messel erneut als Schatzkammer des Lebens vor 48 Millionen Jahren

In einem Land vor unserer Zeit macht sich eines Tages eine kleine Fledermaus auf eine unglaubliche Zeitreise. Die Abenddämmerung legt sich über den Wald, als sie zum Sturzflug auf einen See ansetzt. Plötzlich steigt ein Stoß giftiger Gase aus dem Wasser auf und die Fledermaus fällt hinab in das Nass. Unbemerkt von den kleinen Krokodilen sinkt sie fast 300 Meter in die Tiefe auf den Grund des Sees. Sanft, als hätte ihre Mutter sie zu Bett gelegt, kommt sie auf dem Sedimentgestein zur Ruhe. In den folgenden 48 Millionen Jahren verschlammt der See. Die kleine Fledermaus schläft weiter.

Viel später kamen unter Lärm und Getöse Neuankömmlinge. Einer dieser ungestümen Primaten entdeckte Ölschiefer in dem kleinen Waldstück bei Darmstadt und begann, das Sediment auszubuddeln. Die Überbleibsel geheimnisvoller prähistorischer Ungeheuer wurden dabei genauso zerbröselt wie der umgebende Schiefer. Die Fledermaus aber hatte Glück und blieb unversehrt. Als noch etwas später die menschlichen Primaten einander bekriegten, schauten Piloten auf den gigantischen Krater des Tagebaus herab und nahmen an, diesen bereits bombardiert zu haben. Später beschlossen die zänkischen Menschen, den 60 Meter tiefen Krater mit Müll zu füllen. Andere ihrer Artgenossen protestierten und begannen rasend, versteinerte Ameisenbären, Tapire und Miniaturpferde aus der Grube zu bergen, bevor die ersten Mülllaster kommen sollten.

Im vergangenen Monat befreite ein Paläontologe dann endlich die Fledermaus sanft aus ihrer steinernen Umhüllung und badete sie in Wasser, damit sie nicht zu Staub zerfällt. Ein Wissenschaftlerteam von Deutschlands größtem naturgeschichtlichen Museum, dem Senckenbergmuseum in Frankfurt am Main, entfernte unter Leitung von Stephan Schaal behutsam den Schmutz von ihren Flügeln und Ohren. Das Tier wird auf eine Platte aus gelbem Kunstharz gebettet, einen Namen erhalten und für die kurze Zeit, die die Menschen auf der Erde wandeln, im Museum zu bestaunen sein.

Plündern für die Wissenschaft

Als vergangenen Monat in New York ein anderes Fossil namens Darwinius masillae, auch Ida genannt, enthüllt wurde, sorgte das für eine Sensation. In der internationalen Presse wurde Ida „als ein entscheidendes ,Missing Link‘ zwischen dem evolutionären Zweig, dem wir selbst angehören, und dem übrigen Tierreich“ bejubelt. Aber nicht nur die wissenschaftliche Bedeutung dieses Star-Fossils, auch seine Geschichte ist faszinierend: Ein gebrochenes Handgelenk, ein tödlicher Sturz, Millionen Jahre im Erdreich verborgen, 20 Jahre im Besitz eines habgierigen Privatsammlers, bevor es endlich das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Nicht weniger verblüffend sind die Geschichten Tausender weiterer Lebewesen, die, wie Ida, lebten, in der Grube Messel starben und ausgegraben wurden.

Anders als Ida, der fossile Rockstar, ist die Grube Messel selbst äußerst unprätentiös. Hinter einem Industriegebiet 28 Kilometer südlich von Frankfurt versteckt und schlecht ausgeschildert, ist sie kaum zu finden. Die Ortsansässigen zucken mit den Schultern, wo oder was das sein soll, die Grube Messel. Eine holprige Straße hinunter neben einer Baustelle befinden sich ein paar Wohnwagen für die seltenen Besucher. Der Hausmeister ist gleichzeitig auch der Wachmann der Anlage. Hinter dem bescheiden Zaun klafft ein Krater von beeindruckender Größe und einer Tiefe von 60 Metern. Birkenbäume, Holunderbüsche, Brennnesseln und Kreuzkraut verzieren seine Ränder. Aus einem Teich am Grund steigt das Quaken von Fröschen empor.

Die Frösche hätten ebenso schon vor 48 Millionen Jahren quaken können, als Messel noch ein tiefer Vulkansee in den subtropischen Regenwäldern des europäischen Archipels war. Während Lemuren-ähnliche Primaten wie Ida in den Bäumen kletterten, zogen Tapire, Ameisenbären und primitive Igel schnüffelnd durch den Wald. Ein Miniaturpferd, einen halben Meter hoch und trächtig, stand am Wasser. Spechte machten Jagd auf Riesenameisen, Krokodile schnappten nach Barschen, Schildkröten paarten sich und eine Schlange, die im Jahr 2005 nach dem Grünen-Politiker Joschka Fischer benannt werden sollte, sonnte sich am Ufer.

Die Menschen, die vor gerade mal zwei Millionen Jahren aufgetaucht sind, scheinen in der Geschichte der Grube Messel keine allzu bedeutende Rolle gespielt zu haben. Fischer immerhin hat einen kleinen Anteil an der Sicherung ihres Erhalts. Ebenso Stephan Schaal, der sich, wenn er nicht gerade frisch gefundene Fledermäuse reinigt, sicher fragt, wie sich Ida auf die Zukunft Messels auswirken wird. Mit jeder Entdeckung sind Dutzende neuer Fragen aufgetaucht. Warum Tapire in Europa ausstarben oder wie ein Wanderaal in den See gelangte.

Die Präsentation von Ida zieht aber auch Fragen nach sich, die weniger wissenschaftlicher Natur sind. Werden nun Besucherhorden in die Grube einfallen, die der Öffentlichkeit prinzipiell offen steht, in der Grabungen aber nur von Wissenschaftlern durchgeführt werden dürfen, die eine entsprechende Erlaubnis besitzen? Wird es einen Rückfall zum illegalen Plündern der Schätze geben? Und liegt dort noch eine weitere Ida begraben, oder vielleicht sogar etwas noch Spektakuläreres?

Das erste Krokodil wurde 1875 von Bergleuten aus der Messeler Erde gezogen, ungefähr zu der Zeit, als der kommerzielle Abbau von Ölschiefer zunächst zur Herstellung von Paraffin und später von Industrieölen begann. Ölschiefer ist ein dunkles Sedimentgestein in dünnen Schichten, die sich wie die Seiten eines Buches voneinander trennen lassen. Nicht selten kommen dabei Fossilien zum Vorschein, platt gedrückt und oftmals in zwei Hälften geteilt. Und erstaunlich gut erhalten.

Aufgrund der Tiefe des Vulkansees gelangte kein Sauerstoff auf den Grund, weshalb die Tierleichen von Aasfressern verschont wurden. Langsam zersetzten anaerobe Bakterien die Weichteile. Durch ihre mineralischen Ausscheidungen entstand ein Abdruck, der nicht nur die Knochen zeigt, sondern die Umrisse des gesamten Tiers einschließlich der Musterung ihrer Federn oder ihre Haut und sogar den Inhalt ihrer Mägen.

Lange gab es allerdings ein Problem: Die wunderschönen Fossilien waren so vergänglich wie ein Sonnenuntergang. Wird Schiefer dem Boden entnommen, trocknet er aus und wird brüchig und krümelig. Fossilien zerfallen dann einfach. In den 1960ern wurde jedoch ein „Transfer-Verfahren“ entwickelt, bei dem mit Kunstharz auch die zartesten Abdrücke auf der Schieferplatte konserviert werden. „Diese Transfermethode ermöglichte es, ästhetisch zufrieden stellende und äußerst interessante Fossilien zu erhalten“, erklärt Norbert Micklich vom Hessischen Landesmuseum Darmstadt (das neben dem Senckenbergmuseum als einziges über eine Ausgrabungslizenz für die Grube verfügt). Ohne diese Methode, sagt Micklich, „hätte sogar Ida wie ein Misthaufen ausgesehen“.

Schnell beherrschten Wissenschaftler wie Amateure diese Methode, und aus den Fossilien wurden Sammlerschätze, die wie dafür geschaffen erscheinen, an einer Wohnzimmerwand aufgehängt zu werden. Der Tagebau mag Tausende großartiger Fossilien zerstört haben, aber, meint Schaal: „Auf der anderen Seite hätten wir sonst das Loch nicht. Wir befänden uns nicht in diesen Schichten, sondern 60 Meter weiter oben ohne ein einziges Fossil.“

Nachdem der Tagebau 1972 eingestellt wurde, kamen die Fossilienjäger. Manchmal schürften 300 gleichzeitig und aufs Geratewohl in diesem Mini-El-Dorado. „Es war wie ein Goldrausch. Es gingen viele Leute in die Grube, die keine besonders gute Ausrüstung besaßen“, erzählt Micklich. Es wurden spektakuläre Zwerg-Pferde entdeckt, bei einem waren sogar noch die Knochen eines Fohlen im Mutterleib zu erkennen. 1975 fand man den ersten Primaten, einen männlichen Vertreter seiner Art – das Baculum war erhalten, der Penisknochen, den die meisten Säugetiere aufweisen.

Mülldeponie wird Welterbe

In vielen Fossilien-Fundstätten findet man nur jeweils eine Art, Messel hingegen verfügt über eine außergewöhnliche Vielfalt: Der See war nicht nur für Säugetiere eine tödliche Falle, sondern auch für Vögel, Fische, Pflanzen und Insekten – ein 48 Millionen Jahre altes Ökosystem. „Es ist, als öffnete man ein Fenster und blickte eine unbekannte Zeit“, sagt Schaal.

Anhand der Fossilien aus Messel können sie die Frequenz der Echoortung einer Fledermaus aus der Größe und Form ihrer Ohren errechnen. Königinnen und Könige einer Spezies der Riesenameisen mit einer Flügelspanne von zwölf Zentimetern wurden gefunden, aber seltsamerweise keine Arbeiterameisen. Sonja Wedmann vom Senckenbergmuseum vermutet, die Flügel der Königinnen hätten die Tiere, wenn diese auf das Wasser gefallen seien, durch ihr Gewicht unter die Oberfläche gezogen. Die kleineren Arbeiterameisen hingegen hätten sich ungehindert von Flügeln in Sicherheit bringen können. Tellergroße Schildkröten wurden oft paarweise gefunden, eine größere an eine kleinere geschmiegt, dahingeschieden im Augenblick ihrer Paarung.

Verglichen mit dem, was dann in den siebziger und achtziger Jahren beabsichtigt wurde, hatte sogar die Gier der privaten Sammler etwas Altruistisches an sich. Die Grube sollte zu einer Müllhalde umgewandelt werden. Sämtliche Parteien Hessens außer den Grünen (und Fischer) unterstützte das Vorhaben damals. Also begann man mit „Rettungsgrabungen“. Museen erhielten die Erlaubnis, Fossilien zu bergen, und auch die illegalen Grabungen wurden fortgesetzt. Die Museen begrüßten Hilfe von Amateuren. Möglich, dass in jener Hast viel verloren ging. „Alle versuchten große Säugetiere herauszuholen. Insekten und kleinere Funde wurden weggeworfen“, weiß Micklich. Inmitten dieses Chaos wurde im Jahr 1983 Ida gefunden. In zwei Hälften. Ob diese zunächst zusammen aufbewahrt wurden, weiß man nicht. Dass ihre bessere Hälfte irgendwann heimlich aber doch fachmännisch in Kunstharz konserviert wurde, schon.

So entstand ein weiteres Rätsel um Messel: Wie war es möglich, den bedeutendsten Fund der Grube zu entfernen, ohne dass irgendwer es bemerkte? Relativ leicht, meinen die Wissenschaftler. Der Finder wird Helfer gebraucht haben, um Ida zu bergen, denen aber müsse überhaupt nicht bewusst gewesen sein, wozu sie da Beihilfe leisteten. Wie bei den meisten Funden muss Idas Bedeutung vor der Reinigung und Begutachtung nicht unmittelbar ersichtlich gewesen sein.

Schaal begann 1984 mit der Arbeit in Messel. Er schloss sich den Gegnern der Schließung der Grube an. Jedes Mal, wenn er ein neues Fossil fand, eilte er zur Lokalzeitung und drängte sie, Geschichten darüber zu bringen. „Die ersten Jahre waren wirklich hart für mich. Meine grauen Haare habe ich aus dieser Zeit“, seufzt er heute. 1987 machte ein Gericht dem Mülldeponie-Plan endlich ein Ende. Die Rechtsschlacht ging allerdings bis 1991 weiter, als der Staat Hessen das Gelände kaufte. Vier Jahre später erhielt es von der Unesco die Auszeichnung als Weltnaturerbestätte.

In Deutschland ist der Besitzer des Landes, auf dem ein Fossilienfund gemacht wird, zur Hälfte Eigentümer des Fossils. Schon seit Jahren war unter denen, die in Messel tätig waren, das Gerücht im Umlauf, es sei ein spektakulärer Fund gemacht worden. Doch der erste Schritt zur öffentlichen Enthüllung Idas kam in Gestalt einer Amnestie, durch die Funde aus der Zeit vor der Ernennung zur Weltnaturerbestätte für legal erklärt wurden. „Von da an begannen die privaten Sammler, ihre Funde den Wissenschaftlern zu zeigen und sie zu verkaufen. Für die Wissenschaft war das ein sehr wichtiger Schritt“, sagt Schaal.

Liegen in der Grube Messel noch mehr spektakuläre Funde begraben? In der Grabungssaison von April bis September findet Schaals Team, das aus einem Dutzend Forschern besteht, jeden Tag durchschnittlich zehn Fische, zehn Pflanzen und zehn Insekten und jede Woche einen Vogel oder eine Fledermaus. Schaal ist zuversichtlich, dass weitere Idas auftauchen werden: „Wir finden jedes Jahr mehr große Säugetiere. Es ist durchaus möglich, dass wir morgen den nächsten Primaten finden. Oder aber in 20 Jahren.“

Übersetzung der gekürzten Fassung: Zilla Hofman

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12:18 09.07.2009
Geschrieben von

Patrick Barkham, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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