Parole: Durchhalten

Japan Kaum Brot, leere Zapfsäulen, keine Möglichkeit, die Toten angemessen zu bestatten: In der Präfektur Miyagi kämpfen die Menschen mit den Folgen von Erdbeben und Tsunami

Die Frage, wie man mit den Toten verfährt, ist in Ishinomaki zu einem dringenden Problem geworden. Der Vizebürgermeister der Stadt, Etsuro Kitamura, schätzt, dass von den 160.000 Einwohnern der Stadt 10.000 in dem Tsunami ums Leben gekommen sein könnten.

Obwohl man die Toten traditioneller Weise verbrennt, kommt dies in der gegenwärtigen Situation wegen des Mangels an Brennstoff und ausreichenden Kapazitäten nicht infrage. „Wir haben lediglich ein Krematorium, das vielleicht 18 Leichen pro Tag schafft“, so Kitamura. „Bei 10.000 Toten würde es 500 Tage dauern, sie alle zu verbrennen.“

„Annährend 20.000 Menschen lebten hier direkt an der Küste. Es gab keinen Ort, an den sie hätten fliehen können. Wir sind uns nicht sicher, ob sie um’s Leben gekommen sind und hoffen, dass sie entkommen konnten, aber die Chancen sind gering. Wahrscheinlich wurden sie begraben oder auf’s Meer hinausgespült“, so Kitamura. Die örtlichen Schulen sind zu Leichenhäusern umfunktioniert worden. Aber trotz der niedrigen Temperaturen können die Leichen nicht lange in den behelfsmäßigen Räumen aufbewahrt werden. Die Stadtverwaltung denkt an Massenbestattungen.

Noch Treibstoff für einen Tag

Die akuteste Sorge gilt indessen den Lebenden, denen es immer mehr am Nötigsten fehlt, insbesondere an Lebensmitteln und Treibstoff. Die Zentralregierung hat Soldaten abgestellt und versprochen, noch zusätzliche Freiwillige und Lebensmittel zu schicken. Nach Ishinomaki müssen die Lebensmittel mit dem Hubschrauber gebracht werden, der nur im Fußballstadion landen kann. Aber die Hilfsmaßnahmen scheinen der Katastrophe nicht angemessen, deren Ausmaß offenbar immer noch nicht vollständig überblickt wird. „Was wir bislang bekommen haben, reicht nicht aus“, sagt Kitamura. „Unser Bedarf ist gewaltig. Die Menschen haben ihr Zuhause verloren. Sie werden lange hier sein.“

Es ist schwierig, die Vorräte in die Gegend zu bekommen. Da die Raffinerie der Region abgebrannt ist, muss das Öl von weiter weg angeliefert werden. Aber der durch die Versorgungsknappheit entstandene Druck ist im ganzen Land enorm. Den staatlichen Medien zufolge hat der Speditionsverband die Regierung dazu aufgefordert, die nationalen Ölreserven anzuzapfen, da man im Augenblick lediglich 60 Prozent der frischen Produkte ausliefern könne. Die meisten Tankstellen in der Präfektur Miyagi haben geschlossen. Die Autofahrer stehen stundenlang an den wenigen Zapfsäulen Schlange, die noch nicht versiegt sind – dabei bekommt jeder nur ungefähr sieben Liter zugeteilt. „Wenn wir so weitermachen, reicht uns der Sprit meiner Meinung nach noch für einen Tag“, sagt der Betreiber der Tankstelle, Nobuhiko Araki. „Ich weiß nicht, wann die nächste Lieferung eintreffen wird.“

Der Mangel an Treibstoff erschwert die Verteilung von Lebensmitteln. Dies wird in immer weiteren Teilen des Nordostens zum Problem. Noch 100 km vom Katastrophengebiet entfernt rationieren die Supermärkte das Brot: Jeder Kunde bekommt nur zwei Scheiben Brot zugeteilt. Im Katastrophengebiet verhält es sich natürlich nicht besser. Für viele ist die Situation dramatisch. „Ich und meine vier Kinder haben Hunger. Wir haben nur eine Banane und eine Portion Reis pro Tag“, sagt Hiroko Kodo, die in einem Altenheim arbeitet.

Knurrende Mägen, dankbare Worte

Das Gleiche bekommt man in den 106 Evakuierungszentren der Stadt zu hören, in denen 39.854 Menschen untergebracht sind. Sie campieren auf den Fluren, liegen auf zusammengeschobenen Stühlen und sehen sich im Fernsehen die Berichterstattung über die Situation in den Atomkraftwerken und die Zerstörungen durch den Tsunami und das Erdbeben an. Die betrüblichen Bilder lenken wenigstens von dem knurrenden Magen ab. „Ich habe heute weder gefrühstückt noch zu Mittag gegessen. Wir bekommen nur eine kleine Mahlzeit pro Tag – eine einzige Portion Reis oder ein Stück Brot“, sagt Mieko Kono, die eigentlich als "Mama-San", als Barfrau, arbeitet und in der Notunterkunft mit ihrem Leoparden-Top reichlich deplatziert wirkt. „Ich bin hungrig, aber ich finde dennoch, dass die örtlichen Behörden großartige Arbeit leisten. Ich wäre gestorben, wenn sie nicht gekommen wären, um mich vor dem Tsunami zu retten.“

Es ist nicht die einzige Geschichte, die von dramatischer Flucht und Bewunderung für den Heldenmut engagierter Bürger und staatlicher Hilfskräfte erzählt. Neben Kono versucht Sumiko Saito vergebens, im Lärm der Menge ein wenig zu schlafen. Nach dem Erdbeben war sie in ihrem Friseursalon zwischen heruntergefallenen Balken gefangen. Eine Englischlehrerin hörte sie schreien und holte Hilfe. Sechs Hilfskräfte zogen sie aus dem zerstörten Gebäude heraus und brachten sie vor dem herannahenden Tsunami in Sicherheit. Kumiyaki Sato betreibt einen Sake-Laden. Er wurde evakuiert, nachdem er seine Mutter bei dem Tsunami verloren hatte. „Sie klemmte in einem Auto fest. Ich wurde von dem Wasser nach unten gezogen und dachte, ich müsse sterben. Es war schrecklich.“

Nur vereinzelte Plünderungen

Die Dankbarkeit und Zurückhaltung der Flüchtlinge ist bemerkenswert, auch wenn sie wohl ebenso der Erleichterung, überlebt zu haben, geschuldet ist, wie dem berühmten Langmut der Japaner.

Aber die Situation könnte sich ändern, wenn nicht bald Abhilfe geschaffen wird. Bislang gibt es wenig Berichte über Verbrechen und Gewaltausbrüche in den Katastrophengebieten, auch wenn ein paar Flüchtlinge davon berichtet haben, dass Plünderer in die verlassenen Wohnungen eingestiegen seien. Aber zum überwiegenden Teil blieb die bürgerliche Ordnung intakt. Den Angaben der Behörden zufolge halten sich 95 Prozent der Flüchtlinge an die Anweisungen, auch wenn der Stress für viele zwangsläufig zuviel wird. „Ein paar Mal ist es schon zu Streit und Beschwerden gekommen, aber das ist in Anbetracht der Umstände normal“, sagt der Pressesprecher der Stadtverwaltung, Yoshinori Sato. „Ich weiß nicht, wie lange wir das noch ertragen können. Aber wir müssen durchhalten, das zeichnet unser Volk aus. Das werden wir in den kommenden Tagen und Monaten mit großer Anstrengung unter Beweis stellen müssen. Es könnte noch sehr lange dauern, bis wir in unsere eigenen Wohnungen zurückkehren können.“

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15:40 16.03.2011
Geschrieben von

Jonathan Watts | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 41/2021

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