Playboy der Linken

Slavoj Žižek Slavoj Žižek gilt als Star der antikapitalistischen Intellektuellen, der gerne auch die traditionelle Szene provoziert. Was macht ihn und sein Denken so außergewöhnlich?

Der Vorlesungssaal im französischen Institut der Universität von Barcelona ist hoffnungslos überfüllt. Unter den Wartenden sind nur wenige elegant gekleidete Intellektuelle mittleren Alters, dazu eine Handvoll Altlinker mit langen Haaren und Kappen. Die Mehrheit des Publikums ist jung, stilbewusst und betont nachlässig gekleidet – wie man es eigentlich bei Konzerten von Hot Chip oder Vampire Weekend erwarten würde.

Sie alle sind versammelt, um einem 61 Jahre alten, slowenischen Philosophen namens Slavoj Žižek zuzuhören, dessen Kritik des globalen Kapitalismus inzwischen über 50 Bücher füllt, übersetzt in 20 Sprachen. Žižek bezeichnet sich selbst als „einen komplizierten Kommunisten“ und bedient sich der psychoanalytischen Theorie von Jacques Lacan, um zu illustrieren, wie die kapitalistische Ideologie das kollektive Imaginäre beeinflusst. „Ich gebe selbst auf einfachste Fragen keine klaren Antworten“, sagt Žižek. „Ich hasse und misstraue schlichten Erklärungen.“

Die Titel seiner Bücher spiegeln Žižeks spielerische und oft in sich widersprüchliche theoretische Stoßrichtung. Darunter: Die Tücke des Subjekts, das sich mit „dem Spektrum des cartesianischen Subjekts in westlichen Denkmodellen“ auseinandersetzt; Die Pest der Phantasmen, in dem er analysiert, wie „audiovisuelle Medien die Fähigkeit zur Vernunft vernebeln“; und das wunderbare Did Somebody Say Totalitarianism?, seine scharfe Kritik am „liberal-demokratischen Konsens“.

Er macht sich gern unbeliebt

Žižek scheint ein Faible für Standpunkte zu haben, mit denen er sich bei Traditionalisten jeglicher politischer Couleur unbeliebt macht. In einem seiner jüngeren Werke, Auf verlorenem Posten, argumentiert er, unter philosophisch-politischen Gesichtspunkten könne man Heideggers Liebäugeln mit dem Faschismus und Foucaults Unterstützung der iranischen Revolution als „richtige Schritte in die falsche Richtung“ sehen.

„Slavoj ist einzigartig, er hat die Theorie aus dem Elfenbeinturm der Universitäten geholt“, meint die Filmemacherin Sophie Fiennes, die bei Žižeks Film The Perverts Guide to the Cinema Regie führte. „Er stellt die Angst seiner Zeitgenossen vor Begriffen wie ‚Ideologie‘ in Frage und betrachtet diese Angst – meiner Meinung nach zurecht – als ein Produkt unserer Informationskultur. Darüber hinaus sei diese Angst eine vor Unruhen und der Unzufriedenheit, die ein effektives und tiefgründig politisches Denken hervorrufen kann.“

Žižek ist jedoch auch ein schelmischer Provokateur mit Sinn für das Absurde. Für eines seiner Bücher schrieb er folgenden autobiografischen Klappentext (der vom Verlag abgelehnt wurde): „In seiner Freizeit sucht Žižek gerne im Internet nach Kinderpornos und bringt seinem Sohn bei, wie man Spinnen die Beine ausreißt.“ Als entschiedener Atheist sieht er keinen Widerspruch darin, für eine Welt zu plädieren, in der sich Christen und Marxisten gegen den „modernen Ansturm banaler Spiritualität“ vereinen. Traditionellen Anhängern der analytischen Philosophie behagen solche Ideen nicht. Dasselbe gilt für die Art, wie er sich in aller Freiheit durch Hoch- und Unterhaltungskultur bewegt und bei Hitchcock, Hegel, Leibnitz und David Lynch nach Lacan’schen Untertönen sucht. Sein neues Buch Living in the End Times enthält ein ernstgemeintes und witziges Essay über den Animationsfilm Kung Fu Panda, der laut Žižek eine „etwas naive, aber im Grunde genaue Illustration eines wichtigen Aspekts der Theorie Lacans ist“.

Žižek ist heute das, was Derrida in den Achtzigern war, trotz, oder eben vielleicht gerade weil er der in sich widersprüchliche Bilderstürmer ist, der von politischer Korrektheit wenig hält. Er ist der Lieblingsphilosoph der jungen, intellektuellen, europäischen Avantgarde. Žižek graut davor. Doch anders als Derrida ist er ein entschlossener Linker, wenn auch nicht im herkömmlichen Sinne. „Sie könnten mich sehr abstrakt als anti-kapitalistisch bezeichnen“, sagt er. „Aber ich habe Vorbehalte gegenüber Altlinken, die ihren Hass auf die USA konzentrieren. Was ist mit dem chinesischen Neo-Kolonialismus? Warum schweigt die Linke da? Wenn ich das anspreche, dann verärgert sie das. Gut so! Mein Instinkt als Philosoph sagt mir, dass wir uns effektiv auf eine Welt mit mehreren Machtzentren zubewegen, was bedeutet, dass wir neue Fragen stellen müssen, die für die traditionelle Linke unbequem sind.“

Verglichen mit dem stets adretten Derrida, ist Žižek eine Augenweide: blass, bärtig, übergewichtig und exzentrisch. In dem Dokumentarfilm Žižek! aus dem Jahr 2005 führt er die Regisseurin Astra Taylor durch seine Küche, öffnet Schubladen und Schränke, in denen anstelle von Besteck und Geschirr seine Socken, Unterhosen, Hosen und Hemden lagern. Sein Stil – wenn dieses Wort nicht schon zu extravagant ist – besteht aus lustlosen Varianten des Proletarier-Looks: schlechtsitzende T-Shirts, weite Jeans, Socken, die man kostenlos im Flugzeug bekommt – „Lufthansa hat die besten“ – und grobschlächtigen Schuhen, die mit Sicherheit ausschließlich von einer slowenischen Schuhmanufaktur gefertigt werden, die den Zusammenbruch der Sowjetunion verpasst hat.

Notbremse der Geschichte

Wenn er spricht oder schreibt, dann wird Žižek lebendig. Seine Botschaft, oder zumindest das, was sich aus seinem verbalen Schrotflinten-Feuer herausfiltern lässt, ist politisch pessimistisch und philosophisch schwer zu greifen. „Um Walter Benjamin zu zitieren: Die Aufgabe eines linken Denkers besteht heute darin, nicht auf den Zug der Geschichte aufzuspringen, sondern die Notbremse zu ziehen.“

Im proppenvollen Auditorium in Barcelona spricht Žižek über zweieinhalb Stunden lang ohne auch nur einmal die Handbremse anzuziehen. Seine zentrale These: „Das globale kapitalistische System nähert sich einem apokalyptischen Nullpunkt.“ Für Žižek ist eine Kernthese jedoch das, was für den großen Jazz-Saxophonisten John Coltrane die Melodie war: Ein Ausgangs-Riff, über dem man improvisiert und zu dem man nur zurückkehrt, wenn alle Sub-Themen erschöpft sind. Mit vielen offenen Fragen.

An diesem Abend zum Beispiel streift er nur vage den Grund, weshalb er hartnäckig an den Kommunismus glaubt – obgleich dessen Ruf ruiniert ist. „Mein Ansatz hat mit dem Kommunismus alten Stils nichts gemein,“ erwidert er, als ich ihn später darauf anspreche. „Doch inhaltlich bleibt das Problem immer dasselbe: Ein Einzelner errichtet einen Zaun und beansprucht einen Teil des Gemeinguts für sich. Marx bezog sich auf Land und Besitztümer, heute hingegen sind auch geistiges Eigentum und Informationen unser Gemeingut. Wir sind Zeugen eines erstaunlichen Rückschritts. Wieder werden Zäune errichtet und Menschen wie Bill Gates kassieren für die Nutzungsrechte ihres geistigen Eigentums.“

Das unglückliche Kind

Bereits Žižeks Elternhaus war kommunistisch geprägt. Er wurde 1949 im damaligen Jugoslawien als Sohn eines Ökonomen im Staatsdienst und einer Buchhalterin in einem staatlichen Betrieb geboren. Ich frage ihn, ob er in Portorož an der Adriaküste eine glückliche Kindheit hatte. „Nein. Sie könnten vulgärfreudianisch wohl sagen, dass ich das unglückliche Kind war, das sich in die Welt der Bücher geflüchtet hat. Selbst als Kind war ich alleine am glücklichsten. Daran hat sich nichts geändert.“

Seine Teenager-Jahre verbrachte er in Lubljana, Bücher verschlang er nun geradezu. Er sei in der Schule ganz gut gewesen, sagt er, „obwohl ich den Stundenplan komplett ignorierte“. Mit Fünfzehn wollte er Filmregisseur werden, doch er erkannte bald, dass seine Liebe zur Theorie seine Leidenschaft für den Film übertraf. In den Sechzigern betörte ihn die neue Welle der französischen Poststrukturalisten – Derrida, Michel Foucault, Julia Kristeva und am meisten Jacques Lacan. Seine Doktorarbeit wurde zunächst abgelehnt – aufgrund ihrer Kritik an Marx. Er überarbeitete sie und bestand, doch als Philosophiedozent wurde er nicht zugelassen. „Welche Ironie, dass ausgerechnet jene Professoren, die mich einst wegen mangelnder marxistischer Gesinnung angefeindet haben, mich heute als Nationalisten angreifen, weil ich Marxist bin. Aber, ganz im Ernst, das ist mir egal.“

In den Neunzigern brüskierte er seine linken Freunde und Anhänger damit, dass er sich als Kandidat der Liberaldemokraten zur Wahl stellte. Žižek wurde fünfter. „Die Politik ist mein Schicksal“, erzählt er mir traurig. „Sie verfolgt mich wie ein Schatten.“ Wenn Žižek nicht gerade reist oder in Amerika oder Europa lehrt – er unterhält Gastprofessuren an der Columbia University, in Princeton und ist Direktor der geisteswissenschaftlichen Fakultät des Birkbeck College, London – dann genießt er es, sich in Ljubljana in sein kleines Apartment voller Bücher, DVDs und klassischer CDs zurückzuziehen. „Ich bin ein überzeugter Wagnerianer. Und – das wird sie wohl schockieren – ich mag sogar Elgar.“

Je nachdem, wem man Glauben schenkt, war Žižek zwei oder drei Mal verheiratet. Er äußert sich nicht dazu. Am 1. April 2005 heiratete er bekanntermaßen eine 27-jährige Argentinierin, die sich nach einer Karriere als Unterwäschemodel den Lehren Lacans verschrieben hat. Er hat zwei Söhne, der eine ist Mitte 30, der andere Neun. Als ich ihn verlasse, bricht auch er auf, um ein iPad als Geschenk für seinen Jüngsten zu finden. „Ich bin ein scheinheiliger Kommunist, nicht wahr?“

Im Blitzlicht sieht Žižek noch dämonischer und ungesünder aus als auf den Fotos, die man von ihm kennt. Sein verfilztes Haar und der graue Bart umrahmen ein Gesicht, das aussieht als habe es niemals die Sonne gesehen. Sein rasender Vortrag kann mit dem fieberhaften Tempo, in dem sein übervolles Gehirn arbeitet, nicht mithalten. Stille, und sei es nur um Luft zu holen, scheint ihn zu beunruhigen. Am meisten irritieren seine zahlreichen Ticks: Laufend fährt er sich über Bart und Lippen, pausenlos zupft er an seinen gerunzelten Augenbrauen herum, er schließt die Augen, ballt die Fäuste und wenn er spricht, wird seine Rede von seltsamen Knacklauten unterbrochen. Er leidet unter Diabetes – sein nomadischer Lebensstil und seine manische Veranlagung sind da eher ungünstig. „Ich habe Sie benutzt“, sagt er bei unserem Treffen anstelle einer Begrüßung, „um ein paar Stunden den Pflichtübungen zu entgehen, die diese spanischen Linken von mir erwarten.“

Das wahre Lebenswerk

Žižek scheucht mich schnell die Treppe hinauf in ein Apartment, das vorübergehend sein Zuhause ist. Während eine Reinigungskraft herumhuscht, frage ich ihn, ob es ihn überrascht, dass er so populär ist, insbesondere bei der jungen Generation. „Mein Gott, ich bin die letzte Person, die eine Antwort auf diese Fragen weiß“, sagt er und schaut wirklich betroffen drein.

„Aber ernsthaft, ich fühle mich unter Druck, aufzutreten. Es beginnt, mich zu langweilen. Ich bin ein Denker, aber die Leute wollen andauernd diese beschissenen politischen Interventionen: Bücher, Lesungen, Diskussionen.“ Er seufzt, schließt die Augen, scheint vollkommen in sich zusammenzufallen. „Ich wurde vom Weg abgebracht.“ Weshalb gebietet er der Žižek-Show nicht einfach Einhalt? „Das mache ich, gerade jetzt“, brüllt er. „Ich schreibe ein Mammut-Buch über Hegel in Bezug zu ­Platon, Kant und vielleicht auch Heidegger. Dieses Hegel-Buch hat bereits 700 Seiten. Es ist eine echte Herzensangelegenheit. Mein wahres Lebenswerk. Aber die Leute wollen nur das beschissene politologische Zeug“, sagt er und seufzt erneut.

Slavoj Žižek, geboren 1949 in Ljubljana, studierte Philosophie und Soziologie. In ersten Aufsätzen in slowenischen Dissidenten-Zeitschriften verbindet er das Denken von Hegel und Marx mit der Psychoanalyse Jacques Lacans. Anfang der achtziger Jahre zog er nach Paris. 1989 erscheint sein erstes englisches Buch: The Sublime Object of Ideology heute eines der einflussreichsten Werke der neuen Ideologiekritik. International bekannt wurde er 1992 mit seinem Buch Was Sie immer schon über Lacan wissen wollten und Hitchcock nie zu fragen wagten. Seine Theorie verbindet Hegel, Lacan, Popkultur und Lenin weshalb er von vielen als Advokat des Teufels bezeichnet wird. So auch in den Vorberichten zum Kongress Idee des Kommunismus, den er vergangene Woche zusammen mit dem französischen Philosophen Alain Badiou an der Berliner Volksbühne initiierte. Leitfrage: Wie kann Kommunismus heute noch gedacht werden? Žižek kommentierte jeden Vortrag und provozierte da, wo sich die Menschen im Saal gerne einig gewesen wären. In den Pausen ging es weiter im kleinen Kreis. In ähnlichem Tempo schreibt er seine Bücher. Von denen, so Žižek, seien eigentlich nur The Sublime Object, Die Tücke des Subjekts und vielleicht noch Parallaxe gelungen. Trotzdem, so seine These, müsse die Welt noch lange weiter interpretiert werden, am besten noch einmal ganz von vorne. Und zwar im Sinne von Samuel Beckett: Try again. Fail again. Fail better. SD

Übersetzung der gekürzten Fassung: Christine Käppeler
11:50 01.07.2010
Geschrieben von

Sean O’Hagan | The Guardian

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