Pokern mit Genuss

Afghanistan-Krieg Es bleibt unklar, ob die Festnahme des Taliban-Führers Baradar in Karatschi Indiz für einen Strategiewechsel Pakistans oder ein Bluff war, um die Amerikaner zu täuschen

Über die Verhaftung von Taliban-Kommandeur Mullah Baradar vor Wochenfrist ist viel spekuliert worden, dabei lässt sich aus ihr eigentlich nichts weiter ableiten, als dass Pakistan im strategischen Spiel, das in Zentral- und Südasien stattfindet, alle Trümpfe in Händen hält. Zwar ist auch Präsident Obama für seine Liebe zum Poker-Spiel bekannt. Wenn es freilich ans Bluffen geht, kann es niemand mit Pakistans Militär-Establishment aufnehmen.

Kaum mehr als eine Fußnote

Die pakistanische Bevölkerung hasst die Konspiration mit den Amerikanern. Die Regierung erlaubt dennoch stillschweigend, dass US-Drohnen und Einheiten von Marines oder CIA-Agenten auf ihrem Staatsgebiet operieren. Die pakistanische Armee betreibt ihre eigene Aufstandsbekämpfung gegen Teile der afghanischen Taliban, während sie mit anderen Geschäfte macht. Bekannte Terroristen sind auf freiem Fuß und treten am helllichten Tage bei Veranstaltungen auf, um für Angriffe gegen Indien zu werben, auch wenn der verhasste Rivale an einer neuen Runde von Afghanistan-Verhandlungen beteiligt sein wird. Während Delhi Milliarden an Entwicklungshilfe und für Bauprojekte in Afghanistan aufbringt, wartet Pakistan auf den richtigen Augenblick, um den Indern zu bedeuten, sie sollten ihre Siebensachen packen und verschwinden. Dies tu zu können, ist der Preis für eine willige Kooperation der Pakistani mit den USA. Wer könnte ihnen daraus einen Vorwurf machen? Sollten sie nach all dem Blutvergießen, das sie in den vergangenen neun Jahren erdulden mussten, ihrem Erzfeind erlauben, sich an ihrer westlicher Flanke festzusetzen?

Dem Westen geht es unterdessen nur noch darum, so schnell wie möglich aus Afghanistan herauszukommen, bevor der Krieg alle beteiligten Regierungen ins Verderben stürzt. Angesichts der Besessenheit, mit der man sich im Washington, London oder Paris auf jedes Detail der Operation Moshtarak, der NATO-Offensive in der Provinz Helmand, stürzt, erscheint die Verhaftung Mullah Baradars als großer taktischer Sieg. Für Pakistan dürfte der Vorgang kaum mehr als eine Fußnote sein.

Es existieren unzählige Theorien darüber, was den pakistanischen Geheimdienst ISI veranlasst haben könnte, in dieser Angelegenheit plötzlich mit den Amerikanern zu kooperieren. Wollten sie sichergehen, dass Baradar nicht seinerseits hinter ihrem Rücken einen Deal eingeht? Wollten sie ihren Einfluss auf die Amerikaner erhöhen? Oder war es eine Warnung an die afghanischen Taliban, nicht aus der Reihe zu tanzen?
Am Ende war das alles egal und Baradar verzichtbar – und man hat auf ihn verzichtet. Das pakistanische Establishment kann die Verhaftung den Amerikanern als Zeichen seiner Kooperationsbereitschaft verkaufen und gleichzeitig Mullah Omar und Kabul daran erinnern, wer wirklich die Hosen anhat. Der eigenen Bevölkerung gegenüber kann es die Sache einfach unter den Teppich kehren. Ob es sich hierbei um einen Strategiewechsel oder einfach nur um einen Bluff handelt, werden wir wahrscheinlich nie erfahren.

Ein aussichtsloser Kampf

Auch die Amerikaner wissen, dass letztlich alles eine Frage der Sichtweise ist, so jedenfalls das Mantra, das Afghanistan-Oberbefehlshaber Stanley McChrystal seit Sommer 2009 vor sich herbetet. Den Wählern zuhause muss er glaubhaft machen, ein Ende des Krieges sei in Sicht (während Präsident Karsai davon spricht, es seien weitere 10 bis 15 Jahre nötig, den Job zu Ende zu bringen). Den Zivilisten im Kriegsgebiet muss er glaubhaft machen, dass er sie beschützen kann (trotz der unvermeidlichen Opfer unter der Zivilbevölkerung), und den Taliban muss er den Eindruck vermitteln, dass er sie kräftig unter Druck setzen wird (wenn er nur erst einmal wüsste, wo sie sind).

Glaubt ihm jemand? Nein. Das ist nicht die Schuld der Soldaten vor Ort, die mittlerweile mit den Feinheiten der Aufstandsbekämpfung bestens vertraut sind. Aber diese Sichtweise zu bevorzugen, kann in einem Land sehr schwierig sein, das voll von „ethnischer Paranoia, nationalen Selbstzweifeln und Verschwörungstheorien“ geprägt ist. Und wenn man mit hohem Einsatz pokern will, ist es besser, nicht alle Karten zu zeigen, bevor man dazu gezwungen ist. Indem er die Welt wissen ließ, seine Truppen würden Mitte 2011 das Land verlassen, hat Obama genau das getan, weil er ihm nichts anders übrig blieb, um die Kriegsgegner zu beschwichtigen.

Er musste wissen, dass Pakistan sein Spiel mit Indien am Laufen hat, das für Islamabad von weit größerer Bedeutung ist als die Schlacht um Afghanistan. Wenn Sie ein deutliches Statement zur Sinnlosigkeit der gegenwärtigen amerikanischen Offensive in Afghanistan hören wollen, nehmen sie dieses Zitat aus einem aktuellen Editorial des Guardian: „Der Krieg an der westliche Front wird zu keinem Ergebnis führen, solange Pakistans Armee die Armee Indiens im Osten weiterhin als die größere Bedrohung ansieht.“ Wenn dies stimmt, könnten die westlichen Truppen ebenso gut noch heute ihre Sachen packen und nachhause gehen.

Übersetzung: Holger Hutt


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15:00 23.02.2010
Geschrieben von

Eric Randolph | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 43/2021

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