Psychogramm der Vielfalt

Naturschutz Zahllose Arten sind vom Aussterben bedroht. Was sagt das über die Befindlichkeit der Erde? Ein Barometer soll Antworten liefern

Es ist ein ehrgeiziges Projekt: Im gerade angebrochenen Jahr der Biodiversität haben sich führende Ökologen zum Ziel gesetzt, ein „Barometer des Lebens“ zu entwickeln. Es soll das Schicksal der natürlichen Welt anhand der Artenvielfalt verfolgen, heißt es in dem Vorschlag, der gerade in der Zeitschrift Science veröffentlicht wurde. Mehrere tausend Forscher werden im Rahmen dieses Projekts Informationen über 160.000 repräsentative Vertreter der knapp zwei Millionen bekannten Spezies auf der Erde zusammentragen – angefangen bei den großen Säugetieren, über Fische und Vögel, bis hin zu weniger bekannten Insekten und Pilzen.

Die Art als Indikator

Hauptautor Simon Stuart, Edward O. Wilson und drei weitere Wissenschaftler bemängeln in ihrem Science-Artikel, dass das bislang größte Verzeichnis bedrohter Spezies, die sogenannte Rote Liste der bedrohten Arten, die jährlich von der Weltnaturschutzunion IUCN herausgegeben wird, zwar mehr als 47.000 Arten erfasst und beurteilt, sich aber zu stark auf wenige Tiergruppen – nämlich Säugetiere, Vögel und Amphibien – konzentriert, und die Gesamtheit des Lebens auf der Erde deshalb nicht angemessen abbildet. Stuart ist Chef der Artenschutzkommission der IUCN. Nach seiner Aussage sind bislang nur die Hälfte der Wirbeltiere und „ein extrem kleiner Anteil“ der Pflanzen, wirbellosen Lebewesen, Pilze und anderer Gruppen, wie etwa der Algen, erfasst worden. Auch andere Spezies aus Meeres-, Süßwasser- und Trockengebieten seinen bislang nur „schlecht abgedeckt“. „Wir haben allen Grund anzunehmen, dass wir in den unterschiedlichen Gruppen zu abweichenden Ergebnissen gelangen werden. Deshalb müssen wir unseren Datenbestand erweitern“, sagt Stuart weiter.

Der neue Index soll etwa den dreifachen Umfang der Roten Liste der IUCN erreichen. Die Kosten für den Aufbau der Datenbank werden sich dabei auf eine Summe von 60 Millionen US-Dollar belaufen, aber „sie wird eine der besten Investitionen zum Wohle der Menschheit sein“, glauben die Forscher. Einer von Stuarts Co-Autoren ist der große amerikanische Ökologe und Harvard-Professor Edward O. Wilson. „Je mehr wir über Indikator-Arten erfahren, die uns Informationen über die Qualität ihres Lebensraums liefern können, desto mehr erfahren wir auch über den Zustand des Lebensraums, der uns alle erhält“, meint Wilson. „Als Zielgruppe müssen insbesondere bedrohte Arten ausgewählt werden, damit wir sie besser schützen und strategischere Entscheidungen treffen können.“

Laut Simon Stuart können die Daten unter anderem dazu genutzt werden, Firmen bei der Durchführung von Umweltverträglichkeitsprüfungen zu helfen. Nationale und internationale Organisationen wären in der Lage, den entsprechenden Ausgaben Prioritäten zuzuordnen und die Öffentlichkeit für diese Probleme zu sensibilisieren, um breitere Unterstützung für eine ausgedehnte Artenschutzpolitik zu gewinnen.

Eine Ziffer für das Leben

„Man bedenke, was mit 60 Millionen Dollar sonst so alles auf der Welt angestellt wird. An die Summen, die für Kriege, Banken oder Werbung ausgeben werden“, erklärte Stuart gegenüber dem Guardian. „Wir können getrost die Hand aufs Herz legen und sagen, dass diese Investition mit Sicherheit zum Wohle der Menschheit beiträgt.“ Zuallererst könne das Barometer des Lebens ein Indikator für die Gesundheit unseres Planeten sein. Zweitens seien die Menschen in vielen Teilen der Welt von der Artenvielfalt direkt abhängig, denn sie garantiere Nahrung, Trinkwasser oder diene als Erwerbsgrundlage. „Und drittens haben ein gutes Ökosystem und eine intakte Artenvielfalt auch einen ideellen Wert.“ Das Vorhaben, für das „Barometer des Lebens“ eigentlich nur der Arbeitstitel ist, wird von der IUCN und neun Partnerorganisationen unterstützt, darunter die botanischen Gärten von Kew und die Zoologische Gesellschaft von London. Stuart geht davon aus, dass das erste Barometer mit Hilfe mehrerer hundert Experten der Partnerorganisationen, gemäß der Richtlinien der IUCN innerhalb von fünf Jahren veröffentlicht werden könnte, sobald die Finanzierung steht. Das Geld wird vermutlich von privaten Spendern kommen. Danach könnte das Barometer alle fünf Jahre auf den neusten Stand gebracht werden, jährlich würden dafür – „grob geschätzt“ – fünf Millionen Dollar benötigt. Das sei nur geringfügig mehr, als Regierungen aus aller Welt im Augenblick noch für die weniger aussagekräftige rote Liste ausgeben.


Die Kennzahl für das gesamte Leben auf der Erde soll sich allerdings an der Gefährdungseinstufung der IUCN von 0 bis 1 orientieren. 0 bedeutet, dass alle Arten einer Gruppe ausgestorben sind, 1 bedeutet, dass eine Gruppe keiner Bedrohung ausgesetzt ist. Der Index ließe sich dann zusätzlich nach einzelnen Regionen, Artengruppen und Formen der Bedrohung differenzieren, sagt Stuart. Die Zahl von 160.000 Arten, die für das Barometer vorgeschlagen wird, sei aber „vorläufig“. Darunter fänden sich fast alle der beinahe 65.000 Wirbeltier-Arten und repräsentative Stichproben aus anderen Gruppen. Insgesamt hat die Wissenschaft bislang 1,9 Millionen der geschätzten 10 Millionen Arten von Wirbeltieren, Wirbellosen, Pflanzen und Pilzen erfasst. Dazu kommen die Bakterien und Archaeen, deren Zahl vermutlich mehrere zig Millionen beträgt.

Zehn Arten, die unserem Planeten künftig fehlen könnten

Kakapo oder Eulenpapagei: 2008 gab es nur noch 93 Exemplare dieses großen, flugunfähigen nachtaktiven Papageis (Strigops habroptila) aus Neuseeland, darunter die sieben, die in jenem Jahr geschlüpft waren.

Bulldoggfledermaus: Man war davon ausgegangen, dass die Eumops floridanus ausgestorben sei, bis 2002 in einem Vorort von North Ford Myers in Florida eine kleine Kolonie entdeckt wurde.

Chinesischer Riesensalamander: Die größte Amphibienart kann länger als einen Meter werden. In Südchina ist der Andrias davidianus noch weit verbreitet, doch sein Lebensraum ist sehr zersplittert

Vietnamesisches Wildrind: Das kuh-ähnliche Pseudoryx nghetinhensis lebt nur im Troung-Son-Gebirge, das sich über Vietnam und Laos erstreckt. Die Zahl der Rinder sinkt seit Jahren.

Jamaika-Leguan: Man geht davon aus, dass weltweit nur noch hundert ausgewachsene Cyclura collei in freier Wildbahn leben und es gibt kaum Nachwuchs.

Sumatra Orang-Utan: Die Mehrheit der überlebenden Pongo abelii lebt in der Provinz Aceh im Norden der indonesischen Insel Sumatra.

Nebrodentanne: Die Abies nebrodensis wächst ausschließlich noch auf den steilen, trockenen Hängen des Monte Scalone in der Madonie auf Sizilien.

Panama Stummelfußfrosch: Seit sich die Chytridiomykose-Epidemie aus dem Westen nach Osten über Panama ausgeweitet hat, sind die Bestände des Atelopus zeteki stark gefährdet.

Weißer Kräuterseitling: Die Italiener nennen Pleurotus nebrodensis auch Funcia di basilicu. Er wächst nur auf dem Gebirgskalk Siziliens. Jährlich reifen noch 250 Exemplare

Schwertstör: Seit 2002 konnten nur zwei erwachsene Exemplare des Psephurus gladius (beide weiblich) verzeichnet werden. In freier Wildbahn leben vermutlich weniger als 50 ausgewachsene Exemplare.

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12:15 19.04.2010
Geschrieben von

Juliette Jowit | The Guardian

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The Guardian

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