Psychologische Kriegsführung

Iran Wie zu erwarten, fallen die politischen Reaktionen auf Veröffentlichungen von Wikileaks in den verschiedenen Ländern des Nahen Ostens äußerst unterschiedlich aus

Aus dem Iran kam gestern scharfe Kritik an den Wikileaks-Enthüllungen. Präsident Ahmadinedschad bezeichnete die kontroversen Veröffentlichungen als „unwürdige“ Kampagne psychologischer Kriegführung gegen sein Land. Aus Israel hingegen war zu hören, man fühle sich durch die jetzt offenbar gewordenen Bedenken der arabischen Nachbarn gegenüber dem iranischen Atomprogramm bestätigt.

„Wir glauben nicht, dass diese Information durchgestochen wurde“, erklärte Ahmadinedschad während einer Pressekonferenz in Teheran. „Wir sind vielmehr der Ansicht, dass die Veröffentlichung auf regulärem Weg veranlasst wurde und politischen Zwecken dient.“ Die Dokumente, die Feindseligkeiten arabischer Staaten gegenüber der Islamischen Republik und deren mutmaßlichen Nuklearambitionen veranschaulichen, hätten aber keine Konsequenzen, so der Präsident weiter. „Wir sind mit den Staaten aus der Region befreundet und unsere Beziehungen werden von boshaften Streichen nicht beeinflusst.“

Die iranischen Medien kommentierten, die USA würden ihren „Agenten“ innerhalb der Islamischen Republik nicht trauen und behaupteten, es gebe amerikanische Verbindungen zu den Massenprotesten und Unruhen nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl im vergangenen Jahr.

Spitzelnest in Teheran

Auch der englischsprachige iranische Fernsehsender Press TV wies auf in den veröffentlichten Depeschen enthaltene Beweise hin, wonach das State Department offenbar an Spionageaktionen beteiligt ist. Eine Anschuldigung, die in einem Land besondere Resonanz finden dürfte, in dem die seit langem leerstehende US-Botschaft immer noch gewohnheitsmäßig als „Spitzelnest“ bezeichnet wird.

Während die arabischen Führer sich diskret zurückhielten, wurden die Guardian-Berichte, wonach vor allem Saudi-Arabien und Bahrain sich für militärische Schritte gegen das iranische Atomprogramm ausgesprochen haben sollen, in den arabischsprachigen Medien thematisiert. „Die Araber hetzten gegen den Iran“ überschrieb der in Qatar ansässige Fernsehsender al-Dschasira seine Titelgeschichte. Der in saudischem Besitz befindliche Konkurrent al-Arabya erwähnte König Abdullahs Forderung nach einem Angriff auf den Iran, um den „Kopf der Schlange abzuhacken“ oder die ähnlich scharfen Äußerungen von König Hamad von Bahrain zunächst nicht, nahm sie später dann aber in die Geschichte mit auf.

Die Berichterstattung in anderen arabischen Medien konzentrierte sich auf Israels Fähigkeit, Iran anzugreifen und Teherans Erwerb von Langstreckenraketen. Die Saudi-Gazette berichtete über den Wikileaks-Coup, verzichtete aber darauf, das Königreich zu erwähnen. In Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, deren Kronprinz Mohammed bin Zayed al-Nahyan ebenfalls kriegerische anti-iranische Bemerkungen gemacht haben soll, vermied die englischsprachige Zeitung The National ebenfalls den Hinweis auf die Erwähnung der eigenen Führung in die Wikileaks-Story.

Die eigentliche Gefahr

In Israel sah sich Premier Netanjahu in seiner Sicht bestätigt, dass der Iran die größte Bedrohung in der Region darstellt und dessen Atomprogramm Einhalt geboten werden muss. Entgegen der Befürchtungen im Vorfeld der Veröffentlichungen, Israel könne in einem schlechten Licht erscheinen, sagte er: „Israel ist von den Veröffentlichungen von Wikileaks in keiner Weise beschädigt worden. Im Gegenteil bestätigen die Dokumente viele der israelischen Analysen, besonders in Bezug auf Iran. Unsere Region wird von einer Erzählung gefangen gehalten, die das Ergebnis einer 60-jährigen Propaganda ist und Israel als die größte Bedrohung darstellt. In Wahrheit verstehen die Staatschefs aber, dass diese Sicht der Dinge abgewirtschaftet hat. Zum ersten Mal in der Geschichte gibt es Übereinstimmung darüber, dass Iran die eigentliche Gefahr darstellt.“ Viele Führer und Regierungen im Nahen Osten würden diese Bedrohung sehen. Die veröffentlichten Dokumente offenbarten „eine ein Gefälle zwischen dem, was öffentlich und was hinter verschlossenen Türen gesagt wird.“ Mehrere israelische Kommentatoren äußerten die Ansicht, dass die Amerikaner ihre Bemühungen, die Friedensgespräche zwischen Israel und den Palästinensern wieder in Gang zu bringen, erst einmal auf Eis legen werden, da sich die Regierung zunächst um Schadensbegrenzung kümmern müsse.

In den iranischen Medien war kaum etwas darüber zu lesen, dass in einer Depesche von 2009 erwähnt wird, der Oberste Führer Ajatollah Ali Chamenei leide an Krebs im Endstadium. Die mit den Revolutionsgarden in Verbindung stehende Internetseite alef.ir konzentrierte sich auf Hinweise auf Verbindungen der USA zu den Protesten nach den Präsidentschaftswahlen 2009: „Die interessanten Passagen dieses Dokuments sind diejenigen, die zeigen, dass die Aufrührer mit dem diplomatischen Dienst der Amerikaner in Verbindung stehen und von diesem konsultiert wurden“, so die Seite.

Übersetzung: Holger Hutt

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17:15 30.11.2010
Geschrieben von

Ian Black, Harriet Sherwood, Saeed Kamali Dehghan | The Guardian

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The Guardian

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