Push-up zum Draufschmieren

Kosmetika ... und zum Schämen: Was in "Boob Job" die Brüste vergrößern soll, weiß niemand. Sicher ist nur, dass der Hersteller keine Kritik verträgt

Wenn Wissenschaft glaubwürdig sein will, so ist sie auf Transparenz angewiesen. Wer behauptet, dass etwas eine Wirkung hat, muss auf Experimente verweisen können, darlegen, was getan wurde, damit sie reproduzierbar sind, und im Detail erklären, was gemessen wurde und auf welche Art. Danach können die Leute darüber diskutieren, was das für die echte Welt zu bedeuten hat.

Maria Hatzistefanis zählt zu den Stars der Lifestyle-Blätter und ist Inhaberin von Rodial, einer Kosmetikfirma, die ein Produkt namens Boob Job verkauft, von dem sie behauptet, es mache einen „volleren Busen“, „vergrößere die Brust“, „polstere das Dekolleté“ mit einem „sofortigen Lifting- und Festigungs-Effekt“ auf und sorge in nur 56 Tagen für eine halbe Körbchengröße mehr. Oder anders gesagt: Es vergrößert die Brüste um „8,4 Prozent“. Alles extrem präzise.

Es bereitet mir keine schlaflosen Nächte, wenn irgendeine Frau Zaubercreme kauft, damit ihre Brüste wachsen. Was mir jedoch Sorgen macht, ist, dass Hatzistefanis Firma eine Ärztin wegen Verleumdung verklagt hat, nur weil diese es wagte, Bedenken gegen diese Versprechungen bezüglich Boob Job zu äußern.

Und das hat sie sich zu Schulden kommen lassen. Die Schönheitschirurgin Dr. Dalia Nield hatte gegenüber der Tageszeitung Daily Mail erklärt es sei „höchst unwahrscheinlich“, dass die Creme die Brüste vergrößere und sie hinterfragte die Menge der von Rodial zur Verfügung gestellten Informationen. „Die Hersteller liefern uns keinerlei Informationen über Versuche, die sie durchgeführt haben. Sie gegeben weder die genauen Inhaltsstoffe des Produkts bekannt, noch wie diese die Brust vergrößern sollen.“

Das ist nur fair. Ich vertraue Behauptungen nicht ohne Beweise, insbesondere wenn es um eine Zaubercreme geht, die Brüste vergrößern soll. Vielleicht funktioniert sie ja – was mir persönlich egal ist – aber als ich bei dem Unternehmen Belege und Informationen über Inhaltsstoffe anfragte, weigerten sie sich. Das ist insofern seltsam, als dass ich den Brief gesehen habe, den die Anwälte von Rodial an Dr. Nield geschickt haben. Darin steht: „Unser Klient hätte auf Nachfrage alle notwendigen Informationen was klinische Beurteilung und Inhaltsstoffe betrifft vorgelegt.“

Offensichtlich nicht.

Dr. Nield mutmaßte in dem Artikel außerdem, das Gel könne „womöglich schädlich sein ... es könnte sogar der Haut und den Brüsten schaden – wir benötigen eine vollständige Analyse“. Das ist vernünftig: Alles was eine Auswirkung auf den Körper hat, kann auch unbeabsichtigte Nebenwirkungen haben. Dieses Statement sollte also nicht auf Widerspruch stoßen, insbesondere, wenn wichtige Informationen zurückgehalten werden.

Doch die Geschichte wird noch seltsamer. Als die gemeinnützige Organisation Sense About Science, die in Großbritannien eine Kampagne für eine Reform der Verleumdungs- und Beleidigungsklagen in Gang gebracht habt, eine Presseerklärung veröffentlichte, um auf die Klage gegen Dr. Nield aufmerksam zu machen, wurde sie von der Anwaltskanzlei Hegarty kontaktiert, die Rodial vertritt. Allem Anschein nach ging es der Kanzlei darum, dafür zu sorgen, dass die Leute es nicht wagen, über die Existenz der Verleumdungsklage zu sprechen.

Ich werde oft gefragt, wie man Schwachsinn auf dem schnellsten Weg entlarvt. Es ist nicht einfach, das anhand einer Checkliste zu tun, denn es gibt so viele Wege Beweise zu fälschen, doch es gibt meines Erachtens einen eindeutigen Risikofaktor. Die Basis der Wissenschaft ist Transparenz, sie liefert Beweise und setzt sich mit berechtigter Kritik auseinander. Wenn Ihnen zu Ohren kommt, dass ein Unternehmen sich weigert, Beweise vorzulegen, die angeblich ihre Behauptungen stützen – egal ob Sie es mit einem Pharmaunternehmen oder einer armseligen Kosmetikfirma zu tun haben – dann wissen Sie, dass Ihnen Informationen vorenthalten werden und entscheidende Teile des Gesamtbildes fehlen. Wenn Sie hören, dass jemand versucht, seine Kritiker zu verklagen, dann wissen Sie, dass Leute davon abgehalten werden, berechtigte Zweifel anzumelden und, einmal mehr, dass Ihnen Informationen vorenthalten werden.

Indes ist Dr. Nield eine Einzelperson, die es mit einem großen Unternehmen aufnehmen muss. Ärzte und Wissenschaftler werden gemeinhin bei medizinischen Eingriffen um ihre Einschätzung gebeten und es ist in unser aller Interesse, dass sie ehrlich Auskunft geben können, ohne dass sie fürchten müssen, von einem Unternehmen mit viel Geld und einem falschen Reputationsverständnis jahrelang behelligt zu werden und viel Geld zu verlieren, selbst wenn sie den Fall schließlich gewinnen sollten. In jüngster Zeit ist das nur allzu oft geschehen. So wie die Gesetzeslage heute aussieht, wären Ärzte und Wissenschaftler oft besser beraten öffentlich überhaupt nichts über irgendwelche Medikamente oder andere Gesundheitsartikel zu sagen, die kommerziell vermarktet werden sollen – und deutlich zu verstehen geben, dass sie von nun an die Hersteller alleine über die Wirksamkeit ihrer Produkte entscheiden lassen. Viel Glück damit.

Übersetzung: Christine Käppeler

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17:55 16.11.2010
Geschrieben von

Ben Goldacre | The Guardian

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The Guardian

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preussenmichel34 | Community
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