Tim Adams
15.02.2012 | 17:29 48

Revolution mit Haustier

Forscher Was einem abtrünnigen Wissenschaftler blüht, weiß Rupert Sheldrake nur zu gut. Nun aber sieht er die Zeit für seine Thesen gekommen

Es kommt selten vor, dass man im linksliberalen Norden Londons einem Häretiker begegnet. Rupert Sheldrake füllt diese Rolle seit 30 Jahren aus und ist dabei bestens gelaunt. Wie er so in seinem mit Büchern vollgestopften Arbeitszimmer sitzt und über die Landschaft blickt, wirkt er nicht wie einer, der einst vom Glauben abfiel. Er wirkt eher wie jener Biochemiedozent, als der er galt – der klügste Darwinianer seiner Generation, ein Mitglied der Royal Society, Harvard-Stipendiat und Fellow am Clare College, dem zweitältesten College der University of Cambridge.

Das alles war Sheldrake, bevor man ihn 1981, wenige Monate nach dem Erscheinen seines ersten Buchs Das schöpferische Universum, zum Aussätzigen erklärte. Das Editorial von Nature verkündete damals allen Rechtschaffenen, Sheldrakes Werk gehöre „verbrannt“, der Autor selbst sei „in derselben Sprache zu verdammen, in der der Papst Galileo verdammt“ habe, und zwar „aus demselben Grund: Ketzerei.“

Es habe sich „genau wie eine päpstliche Exkommunikation“ angefühlt, erinnert sich Sheldrake. „Für Wissenschaftler wurde es sehr gefährlich, mich zu kennen.“ Diese Haltung hat sich über die Jahre noch verfestigt, denn Sheldrake arbeitet weiter an den Rändern seiner Disziplin. Er erforscht Phänome, die die „konventionelle, materialistische Wissenschaft“ nicht erklären kann – und tritt für offenere Ansätze im wissenschaftlichen Arbeiten ein.

Telepathie zwischen Tieren

Sein neues Buch The Science Delusion betrachtet nun die Grenzen und die Hybris des heutigen wissenschaftlichen Denkens – insbesondere den „wissenschaftlichen Dogmatismus“, der sich Sheldrake zufolge selbst als Evangelium präsentiert. Dabei greift der Forscher einige der verhärtetsten Gebote der zeitgenössischen Wissenschaft auf und formuliert sie als Fragen: „Sind die Naturgesetze unveränderlich?“, „Hat die Materie kein Bewusstsein?“, „Verfolgt die Natur keine Absicht?“, „Ist der Verstand auf das Gehirn beschränkt?“. Nicht zuletzt ist Sheldrake ein brillanter Polemiker. Geschickt bringt er alles in Position, was dazu gereicht, die überkommenen Lehren zu untergraben – von augenfälliger Telepathie zwischen Tieren über Kristalle, die zu wachsen „lernen“, bis hin zu den fantastischeren Auffassungen der Theoretischen Physik.

Ein Phänomen, für das Sheldrake sich unter anderem interessiert, ist die Polarität. Und falls er selbst einen natürlichen Gegenpol hat, so ist das Richard Dawkins, ein Erzmaterialist und emeritierter Professor für Public Understanding of Science in Oxford. Spielt Sheldrake mit dem Titel seines aktuellen Buches nicht auch auf Dawkins’ Bestseller The God Delusion an? Es gehe ihm um sehr viel mehr, antwortet Sheldrake. „Aber Dawkins ist ein ,Symptom des wissenschaftlichen Dogmatismus‘. Er zementiert diesen Ansatz im öffentlichen Versändnis. Insofern ist der Titel schon ein wenig spitz.“

Sheldrake ist so alt wie Dawkins – beide werden in diesem Jahr 70 –, und obschon ihre Karrieren beinahe im selben Umfeld in der Biochemie begannen, könnten sie heute kaum weiter entfernt voneinander sein. Sollte man Sheldrakes Anschauungen in einem Satz zusammenfassen, so könnte man diesen aus Hamlet entleihen: „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, Richard, als Eure Schulweisheit sich erträumen lässt.“

Gemein sei ihm und Dawkins die Gewissheit, sagt Sheldrake, „dass die Evolution das zentrale Merkmal der Natur ist. Ich würde aber sagen, dass seine Evolutionstheorie bei der Biologie stehen bleibt. Wenn es etwa um Kosmologie geht, hat er wenig zu sagen. Ich würde das Evolutionsprinzip auch dorthin übertragen. Ich denke, dass auch die Naturgesetze Entwicklungen unterliegen. Ich halte sie eher für Gewohnheiten als für Gesetze. Wir beginnen gerade zu verstehen, dass sie sich in unterschiedlichen Teilen des Universums eindeutig unterschiedlich entwickelt haben.“ Sheldrake spricht oft darüber, dass 83 Prozent der Masse im Universum aus dunkler Materie bestehen und von dunkler Energie bewegt werden, was „durch nichts in unserer Wissenschaft auch nur annähernd“ erklärt werden könne. Dessen ungeachtet lieben es Naturwissenschaftler, sich eine allmächtige Wissenschaft auszumalen. Die „Science Delusion“, der „Wissenschaftswahn“, manifestiert sich in der Überzeugung, dass das Wesen der Realität prinzipiell verstanden sei und nur noch um seine Einzelheiten ergänzt werden müsse. „Mit meinem Buch möchte ich vor dieser Einstellung warnen, da sie der Wissenschaft meiner Meinung nach schadet.“ Den US-Titel des Buchs, Science Set Free, findet er deshalb passender. Dem dortigen Verlag sei klar gewesen, dass man das Buch mit dem Titel The Science Delusion als rechtes Traktat missverstanden hätte, das Evolution und Klimawandel leugnet. „Und damit will ich nichts zu tun haben.“

Niedergang alter Gewissheiten

Ob er geahnt habe, dass sein erstes Buch so heftige Reaktionen hervorrufen würde? „Ich habe es geschrieben, um einen größeren Rahmen für die Biologie zu finden. Einen holistischen, der voraussetzt, dass auch die Naturgesetze eine Evolution durchmachen.“ Während der ersten drei Monate nach seinem Erscheinen wurde das spekulative Werk noch positiv rezipiert. Dann schrieb Sir John Maddox sein „Verbrennt das Buch“-Editorial in Nature – und Sheldrakes neues Leben begann: als diskreditierter Forscher und Bestsellerautor.

Sheldrake ging in die Offensive und hat seine Arbeit seither auf jene Art Phänomene konzentriert, die die Wissenschaft von sich weist, „von denen die Menschen aber ja fasziniert sind, weshalb sie sich dumm dabei vorkommen“. Ein Langzeitexperiment von Sheldrake untersucht etwa, wie Hunde wissen können, wann ihre Besitzer nach Hause kommen. Ein anderes befasst sich mit dem nicht mit dem Begriff Zufall erklärbaren Phänomen, dass viele Menschen merken, wenn sie von hinten angestarrt werden. Sheldrake interessiert sich auch für die Wirksamkeit der chinesischen Medizin, für die Kräfte, die Vögel und andere Tiere über weite Entfernungen hinweg führen, und für das Wesen des Bewusstseins.

Obschon nichts davon sein Ansehen in der Wissenschaftscommunity wiederhergestellt hat, bleibt Sheldrake stur. Gegenwärtig befindet sich sein Buch auf Amazons Wissenschaftsbestseller-Liste weit oben, es ist im Gegensatz zu den meisten seiner früheren Bücher recht respektvoll besprochen worden. Der Geächtete sieht Anzeichen dafür, dass der Widerstand abnimmt und dass Zweifel und Erstaunen wieder in die Wissenschaft zurückkehren. „Ich denke, mein Buch wird auch deshalb so positiv aufgenommen, weil die Zeiten sich ändern. Viele der alten Gewissheiten – nicht zuletzt die über den neoliberalen Kapitalismus – sind hinfällig. Die atheistische Erweckungsbewegung von Dawkins, Hitchens und Dennett ist vielen Leuten einfach zu beschränkt und dogmatisch. Ich denke, wir erleben gerade den Beginn einer nie dagewesenen Offenheit.“

Tim Adams schreibt für den Observer über Menschen und Kulturthemen. Übersetzung der gekürzten Fassung: Holger Hutt und Zilla Hofman

Kommentare (48)

Avatar
Ehemaliger Nutzer 16.02.2012 | 14:16

Es ist schon ca. 30 Jahre her, dass mir Sheldrakes Buch Morphogenetische Felder in die Hände fiel. Ich habe es mit großem Interesse gelesen, fand seine Geschichte mit dem Dackel, der seinen Herrn 10 Meilen von dessen Wohnort entfernt irgendwie kommen spürt und unruhig wird, bemerkenswert. Oder die Geschichte mit den Affen, die lernen, den Sand von essbaren Knollen mit Meerwasser abzuwaschen um sie erst danach zu essen. 5.000 Meilen weiter sollen auf einer anderen Insel dann ebenfalls Affen begonnen haben, ihre Nahrung zu zu zu bereiten.

Dahinter allerdings Phänomene zu vermuten, die außerhalb unserer Wissenschaft anzusiedeln sind halte ich für eine gewagte These; ich werde später darauf zurückkommen.

Das er der Materie allerdings die Fähigkeit einer wie auch immer gearteten Intelligenz zuspricht, ist nicht von der Hand zu weisen, auch wenn man annehmen kann, das diese sich nicht an oder in einem einzelnen Atom zu erkennen gibt.

Jedoch haben Forscher wie Ilja Prigogine, Isabelle Stengers, Manfred Eigen, Erich Jantsch et. al. schon zur gleichen Zeit wie Sheldrake an Phänomenen der Selbstorganisation von Materie geforscht und die Ergebnisse in beachtlichen Theorien (Eigen: Hyperzyklus) aufgearbeitet. Die numerischen Implikationen sind geradezu ungeheuerlich; leider habe ich die entsprechende Zeitschrift (Spektrum der Wissenschaft ~1995) irgendwo vergraben. So ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Genom eines einfachen Bakteriums spontan entsteht: 1 : 10^2773 (eins zu zehn hoch zweitausendsiebenhundertdreiundsiebzig). Die Wahrscheinlichkeit, dass das Genom des Menschen entsteht beträgt: 1 : 10^2774 (eins zu zehn hoch zweitausendsiebenhundertvierundsiebzig), richtig gelesen!

Diesen Zahlen wohnt eine unglaubliche Erkenntnis inne:

Wenn die Schwelle zu der ungeheuerlichen Unwahrscheinlichkeit zur Existenz eines Bakteriums überwunden ist, wird sich, so genügend Zeit vorhanden, Intelligenz entwickeln.

Die Problematik Sheldrakes liegt darin, dass die Energieformen, die zu den beobachteten Erscheinungen führen, der Detektionssensorik physikalischer Laboratorien entgeht. Das heißt: ich als Skeptiker schließe die Existenz solcher Felder nicht aus; aber ich verorte sie auch nicht in einem semimythischen Bereich, der sie dem Zugriff der Wissenschaft für immer entzieht. Wenn wir überlegen, dass Tauben in ihren Nasen Nanometer kleine Eisenkristalle haben, die auf molekularer (proteinischer) Ebene Neigung und Stärke des Erdmagnetfeldes messen sind auch andere Mechanismen denkbar.

Für den telepathischen Hund kann ich mir einen durch Anpassung trainierten Bereich hochselektiver Wellenanalyse vorstellen, der aus einem messtechnisch nicht zu erfassenden Hintergrundrauschen seine Signale filtern kann … warum nicht?

Aber das Problem liegt darin, dass die Erkenntnisse Anekdoten behaftet sind und sich fatalerweise nicht quantitativ darstellen lassen. Für eine Wissenschaft, welche die Geschwindigkeit von Neutrinos als einige Zentimeter von der Lichtgeschwindigkeit abweichend vermessen kann, sind Geschichten über unruhige Hunde wohl nicht von Belang, auch wenn eine signifikante Wahrscheinlichkeit für die Existenz eines Phänomens spricht, dessen Nachweis sich jedoch jeglicher Messanordnung entzieht.

Man sollte allerdings bedenken, dass eine Wissenschaft, die sich der Bewertung anekdotischer Schilderungen widmet, nicht allzu sehr von der unterscheidet, die im Mittelalter an Diskussionen ihren Geist schärfte, in denen entschieden werden sollte, wie viele Engel auf einer Nadelspitze tanzen können.

Es treffen eben Weltanschauungen aufeinander:
Die eine schließt aus, was nicht zu messen, also nicht zu quantifizieren ist und damit keine gesicherte Aussage zulässt.
Die andere verzichtet auf die Quantifizierung und legt im statistischen Auftreten definierter Ereignisse ihren Ordnungsbegriff an.

Kuni

Meyko 16.02.2012 | 14:45

Dazu passt der Kommentar im Zusammenhang mit dem sogenannten „Semmelweis-Reflex“.

Ignaz Semmelweis versuchte seinerzeit gefährliche Irrtümer über das Kindbettfieber aufzuklären. Die behandelnden Ärzte sollten sich die Hände reinigen. Er scheiterte und verzweifelte an seinen Kollegen und dem vorherrschendem „Mainstream“. Jahrzehnte nach seinem Tode wurde er dann „Retter der Mütter“ genannt.

Ein Beispiel, wie uns auch heute noch, einmal aufgenommenes und vertieftes "Wissen" davon abhält, etwas genauer hinzusehen.
meykosoft.jimdo.co...
Kommentar als bedenklich melden
Antwort schreiben

gweberbv 16.02.2012 | 16:54

Wissenschaft ist auf objektivierbare Gegenstände angewiesen. Wo diese nicht vorliegen, kann man keinen Erkenntnisgewinn abseits der Ebene subjektiver "Erleuchtung" erlangen.

Wenn Sheldrake Studien zu telepathischen Hunden durchführt, dann scheint er das ja selbst anzuerkennen. Warten wir, was dabei herauskommt.

Er kann aber kaum verlangen, dass sich die Wissenschaft mit "Wundern" befasst. Dazu hat sie einfach nicht das passende Handwerkszeug.

kenua 16.02.2012 | 22:22

Es gibt ein gewichtiges Gegenargument: wenn Telepathie möglich ist, dann müßte es doch blinde und taube Tiere geben, die einfach die anderen anzapfen ? Diese Effekte müßten viel häufiger vorkommen. Man stelle sich den Überlebensvorteil im Dschungel vor, wenn man seine Freßfeinde so erkennen kann.
Die Wellenempfangstheorie ist so eine Sache: da die neuronalen Verbindungen durch die Erfahrung gebildet werden, ist das Muster der elektrischen Wellen bei gleichen Wahrnehmungen oder inneren Aktivitäten bestimmt verschieden, beim Menschen auf jeden Fall.
Die Neuroscanner bemerken doch nur, welche Neuronen am arbeiten sind, aber diese Information ist zu unbestimmt und als Welle welcher Art auch immer nicht genau genug zu kodifizieren. Außerdem laufen sehr viele Prozesse gleichzeitig ab, die auch Gehirnwellen erzeugen.
Wenn es Energien gibt, die sich so auswirken, dann muß irgendwo die Kopplung zur Physik sein: und wenn diese Kopplung wirkt, dann wirkt sie auch bei anderen Gelegenheiten, und das müßte man nachweisen können.

Ich habe für Herrn Sheldrake mein eigenes Theorem: das mit-viel-weniger-Aufwand-viel-mehr-Geld-verdien-Feld, das befällt manche Hirne.

Gruss kenua

Avatar
Ehemaliger Nutzer 17.02.2012 | 11:09

kenua schrieb am 16.02.2012 um 21:22

Es gibt ein gewichtiges Gegenargument: wenn Telepathie möglich ist, dann müßte es doch blinde und taube Tiere geben, die einfach die anderen anzapfen ? Diese Effekte müßten viel häufiger vorkommen. Man stelle sich den Überlebensvorteil im Dschungel vor, wenn man seine Freßfeinde so erkennen kann.

Der Gedanke ist bestechend, die Fähigkeit jedoch sehr wahrscheinlich deshalb nicht ausgebildet, weil es am Anfang mehr Licht- als Gedankenwellen gab und ein solcher Detektionskomplex wohl erst spät in der evolutionären Entwicklung auftreten würde.

Auch Ihre anderen Einwände sind nachvollziehbar und das mit dem weniger-Aufwand-viel-mehr-Geld-verdien-Feld drängt sich ebenfalls auf. Allerdings, siehe den ersten Kommentar oben, werden weitreichende Vermutungen über das Wesen des Seienden kolportiert und die Annahme einer telepathischen Fähigkeit beim Canis lupus familiaris als von einem breiten Auditorium diskutierbar. Nicht umsonst bezeichnen manche Zeitgenossen den Hund als einen besseren Menschen, weil treu und untertan.
Das ist wohl die Basis seiner Einkünfte. Die Frage die ich an ihn hätte ist: Ist das reproduzierbar (auf statistischer Basis) und kann man die Datenbasis einmal an- bzw. einsehen?

Gruß

kenua 17.02.2012 | 23:32

Ein Organ entwickelt sich, wenn es für etwas gut ist.
Die Neuentwicklungsphasen sind meist kurz: deshalb gibt es so wenige Zwischengliegerfunde: wenn eine neue Struktur Vorteile bringt, wird sie recht schnell optimiert.
Als Beispiel der elektrische Sinn der Delphine: den haben Säugetier sonst gar nicht, und der funktioniert nicht ab und zu, sonder immer.
In den 60 Millionen Jahren Entwicklungszeit der Säugetiere gäbe es das schon längst, und auch andere Tiere hätten das schon: wieso keine Fische, etwa.
Auch wäre das eine nachweisbare Struktur, ein richiges Organ. Als mysteriöse Zusatzfunktion ohne eigene Struktur ist es sehr mau.

Und, wie beschrieben, das Codierungproblem: mit einiger Sicherheit sehen gleiche Gedanken, bei genauerer Sicht, in verschiedenen Hirnen verschieden aus, vor allem, wenn sie komplexer sind.
Ansonsten müßten Sie eine bisher physikalisch noch nicht gefundene Wechselwirkung postulieren, das ist fast schon Homöopathie.

Gruss

merdeister 20.02.2012 | 09:29

Die Lücken in Sheldrakes Theorien sind nicht unerheblich, wenn man diese kritisch hinterfragt. Morphogenetische Felder erklären nicht mehr, sondern weniger als Theorien der "materialistischen" Wissenschaft, Naturwissenschaft müsste man eigentlich sagen, denn es gibt doch durchaus Disziplinen, die sich mit Metaphänomenen beschäftigen.
Hier eine Buchkritik, die kritischer ist.

mklingma 20.02.2012 | 20:24

In seinem Buch "Das Gedächtnis der Natur" bescheibt Sheldrake in den ersten Kapiteln, wie der naturwissenschaftliche Glaube an unwandelbare physikalisch-mathematische Gesetze in seinen Ursprüngen bei Deskartes und anderen von einer tiefen Gottesgläubigkeit getragen war. Gott als den großen unbewegten Beweger hat die materialistische Naturwissenschaft entsorgt, der pythagoräisch-platonische Glaube an die ewigen Naturgesetze bleibt aber bestehen.

Es ist natürlich eine Binsenweisheit, dass Herätiker nicht nur in der Kirche bekämpft werden. Die Naturwissenschaft sollte aus ihrer eigenen Logik und Geschichte heraus, dagegen gewappnet sein, ist es aber, wie die in dem Artikel beschriebene Reaktion der Zeitschrift Nature zeigt, in keiner Weise.

Natürlich folgt daraus nicht die Stichhaltigkeit von Sheldrakes Theorien, aber sie mit dem Argument abzutun, dass die Naturwissenschaft sich nicht mit Übersinnlichem beschäftigen dürfe, greift auch ein wenig kurz, wenn man bedenkt dass die "ewigen" Naturgesetze genau das sind: übersinnliche, auf mathematischer Logik gründende, aber damit keineswegs unwiederlegliche bzw. nicht erweiterbare Hypothesen.

merdeister 20.02.2012 | 21:47

Ein bisschen ärgerlich, dass sich dieser Artikel ins "Wissen-Ressort" geschlichen hat, ist es schon. Dabei geht es weniger um den Sinn oder Unsinn hinter Sheldrakes Theorien, sondern vor allem um die unkritische Art wie diese dargestellt werden und das komplette ignorieren von Ergebnissen, die an Sheldrake Theorien zweifeln lassen. So wurde seine Telepathiestudie von verschiedenen Wissenschaftlern wiederholt, ohne dass seine Ergebnisse reproduzierbar gewesen wären.

In dem, was Sheldrake beschreibt, sehe ich vielmehr die Grenzen unserer Wahrnehmung, als deren Erweiterung. Dieselben Grenzen nutzen Zauberkünstler, wenn Sie uns auf der Bühne die Illusion geben, Magie beiwohnen zu können.
Es scheint, Sheldrake verwandelt das Leben der Anhänger seiner Theorien in eine nie enden wollende Zaubershow. Und wer mag keine Zaubershow?

Ein Beitrag zu einem Vortrag Sheldrakes.

mklingma 20.02.2012 | 21:57

Ich finde es ganz erfreulich, denn es hat mich nach ca. 20 Jahren dazu gebracht, mich mal wieder mit Sheldrake zu beschäftigen.

Auch finde ich, dass der Artikel im Wissen-Ressort gerade an der richtigen Stelle gelandet ist. Selbst wenn Sheldrake ein verkleideter Shamane sein sollte, finde ich, dass er bei seiner Thematik genau dort hin gehört.

Auch ich schätze das Internet als bequeme Informationsquelle, aber was Sheldrake betrifft, orientiere ich mich an seinen Buchveröffetlichungen, und die weisen keine Ähnlichkeit zu einer Zaubershow auf.

kenua 21.02.2012 | 09:31

@mklingma
Sheldrake stellt nur seine Theorien auf:
sonst müßte er die Hirne der Tiere mit diesen Apparaten scannen, oder sezieren und Hirnstrukturen untersuchen, die diese Leistung erbringen. Und das kostet Geld, das ihm keiner vorstreckt. Und ich glaube auch nicht, daß er diese Arbeit tun würde, wenn er das Geld dafür bekäme.

taub, blind: ich habe schlecht formuliert: wenn das Gehirn ein telepathisches Organ hat, oder als Gesamtorgan Telepathie kann, dann benutzt es diese Fähigkeit die ganz Zeit, oder ziemlich oft: dann müßten solche sonst unerklärlichen Verhaltensweisen viel öfter vorkommen, die Regel sein. Dann hätten es die Menschen schon längst bemerkt.
Aber Danke für den Einwand, so lernt man denken.

Und vor allem müßte es viel weiter verbreitet sein, so wie ja alle sehen hören.

Ein Beispiel für die heutigen Möglichkeiten:
wie immer bei mir ein Artikel in der SZ:
die Sprachfähigkeit des Menschen liegt an Nervenverbindungen von den bewußten Strukturen zu den Muskeln, mit denen beliebige Bewegungsmuster aufgebaut werden können.
Tier verständigen sich auch mit Lauten Gesten, können recht differenzierte Botschaften austauschen. Dieser Apparat ist aber stark vererbt, die Bedeutung der Laute vorgegeben, nicht 100%ig, aber stark.
Konkretes Beispiel: nur der Mensch kann Klavier spielen: ein Affe kann nur über einen begrenzten Satz Bewegungsmuster verfügen, den er mal gelernt hat, und dieses Lernen kann er nicht bewußt steuern.
Deshalb haben wir die verschiedenen Sprachen.
Der Forscher, der das gerade erarbeitet, sieht darin den wirklich wesentlichen Unterschied zwischen Mensch und Tier.
Ein Affe kann nicht lernen, mit dem Hammer einen Nagel einzuschlagen, zu solch bewußter Bewegungssteuerung fehlen ihm die Nerven.

Für Telepathie müßte es auch Hirnareale geben, die dann arbeiten, aktiv sind, wenn die Tiere Gedanken lesen, was sie dann viel öfters tun würden.

Ich bin mir sehr sicher, daß es das Geldverdien-Feld ist.
Wenn an Telepathie was dran wäre, würden Industrie Militärs das sofort erforschen, da kann man doch geld verdienen, wenn es das gäbe.
Und die ernsthaften Forscher genau so.

Nil 21.02.2012 | 10:40

mklingma schrieb am 20.02.2012 um 20:57

Ganz genauso sehe ich das auch. Das Gedächtnis der Natur ist ein Tolles Buch, die vorgestellten Thesen sensationell. Ferner wird er gern von dem integralen Theoretiker, Wilber zitiert. Er hat längst einen Platz am integralen Institut bekommen. Seine Morphischen Felder, Morphogenetischen Felder und das zusammen Spiel zwischen der Morphischen Resonanz erscheint mir sehr plausibel. Auf jeden Fall wahrscheinlicher als die konventionellen Theorien. Denn wissen tut über die Formbildungsursachen in Wirklichkeit Niemand etwas.

kenua 21.02.2012 | 11:15

@mkling
Es ist ganz nett, sich mit solchen Ansichten auseinanderzusetzen. Einerseits.
Andererseits: vielleicht sollte man ein paar Prinzipien dazu studieren, denn wie sagte schon der alte Goethe: es ist stets der alte Quark zu neuer Form geschlagen.
Unter der Rubrik "Wissen" finde ich das sehr problematisch.
Man sollte Nils Vorschlag aufgreifen:
"Denn wissen tut über die Formbildungsursachen in Wirklichkeit Niemand etwas."
Also auch der Sheldrake und Wilber Co nicht.

Wie wäre es mit einer platonischen Ressort "weiß daß ich nichts weiß": Morphogenetik Esoterik Homöopathie Däniken und so weiter: da können sich dann alle austoben.

kenua 21.02.2012 | 11:30

Ich habe seit langem dunkle Ahnungen: seit ich Wilber und Sheldrake studierte, in langen und harten Übungen die Gesetze und Wirkungsweise der morphogenetische Felder untersuchte, stehen mir neue Einsichten zu Gebote, die über die niederen Schwingungen der gewöhnlichen Wissenschaft weit hinausgehen.

Das Universum gründet sich auf die elastischen, auto-reflexiven Axiome, aus denen sich als Nebeneffek die 12-dimensionale Stringtheorie ergibt, die entspricht der von den Physikern erarbeiteten Multiversumsstringtheorie mit zehn Dimensionen, erweiter um die geistig-morphologischen Dimensionen, die die geankenwelt erst möglich machen: einerseits flüssiger, beweglicher als Materie und Energie, aber doch so weit verzögert, daß sich Denkzeiten größer Null ergeben: sonst würde jeder alles sofort wissen und durch diese Überlastung gar nichts mehr tun könne.

Ich habe die resultierenden Formeln in langen Studien auf die derzeitige Entwicklung der Menschheit angewandt, und erkannte schlimme Bedrohung: im geistig-kosmisch-morphogenen Wirbelfeld bildet sich gerade eine große Brimborium-Wolke, die unser geistig-energetisches Feld in den höheren Dimensionen flutet undsür große Verwirrung sorgt.
Diese Verwirrung verdunkelt den Horizont der Menschheit, und da kann es noch ganz schön schlimm werden.

Fortsetzung folgt.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 21.02.2012 | 12:12

kenua schrieb am 21.02.2012 um 10:30

Die morphogenetische Resonanz axiomatischer Wirbelfelder hat der synaptischen Immanentrückkopplung in jüngerer Zeit (diese war einfach reif) eine explizite Variante neuronaler Verklumpungen hinzugefügt. Diese werden graphisch in diesem Link

www.skytopia.com/project/fractal/mandelbulb.html

visualisiert. Allerdings sehe ich für Ihre 12. Dimension keine Spule; sie wird für den Rest der Ewigkeit als vielbeachtetes jedoch mathematisch nicht zu klassifizierendes Migräneanhängsel am Sheldrakeschen Multiversum unkon-troll-iert an ihrer Inkontinenz leiden.
SCHADE

PS: die Graphiken sind sehr interessant; vor allen der 8 - dim Rückkopplungsfaktor auf die 3 - dim Grundstruktur ist mir aufgefallen.
Gruß

kenua 21.02.2012 | 12:25

Zuerst Danke für die Mandelbrotbrösel.
Sie reichern den Wortbrei sehr gut an.

Zu deiner Kritik an der 12. Dimension: ob Spule oder nicht Spule, tut da nichts zur Sache.
Oder hatte jeder der 12 Apostel eine Spule nötig ?

Deine Teilergebnisse sind recht gut, aber du hast etwas sehr wichtiges übersehen: die Immanenzrückkpplung beruht auf Sätzen, die aufgrund des Gödel'schen Unvollständigkeitssatzes unentscheidbar sind: in niedrigen Schwingungen ausgedrückt: kann sein, kann aber auch nicht sein.

Das Wilber'sche Theorem also.
Letztendlich landet man immer bei den basalen Dingen.

Schöne Wirbel noch
kenuauauauauauau

Nil 21.02.2012 | 16:27

Nein. Rupert Sheldrake ist ja Wissenschaftler, er hat Biologie und Philosophie studiert und seine Forschungsbereiche überschneiden sich, aber er hat schon zu meist an verschiedene Planzen und Tieren an den Formbildungsursachen geforscht und seine Ergebnisse finde ich weitaus plausibler als konventionelle Ideen zum Thema Formbildungsursachen. Deshalb ist er in der Rubrik Wissen natürlich schon richtig eingeordnet worden von der Redaktion.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 21.02.2012 | 16:41

kenua schrieb am 21.02.2012 um 11:25

... die Immanenzrückkpplung beruht auf Sätzen, die aufgrund des Gödel'schen Unvollständigkeitssatzes unentscheidbar sind: in niedrigen Schwingungen ausgedrückt

sach ich doch schon imma ... entweder die Katze ist tot oder nich ... 12 Apostel und der Zeitlose, also -1 ... die Bibel ist eine verschlüsselte Aufschlüsselung der ... aber halt, kann ja auch +1 sein, ich werde da noch mal drüber nachdenken
Wilbert weiter

gweberbv 21.02.2012 | 16:44

@mklingma

"In seinem Buch "Das Gedächtnis der Natur" bescheibt Sheldrake in den ersten Kapiteln, wie der naturwissenschaftliche Glaube an unwandelbare physikalisch-mathematische Gesetze in seinen Ursprüngen bei Deskartes und anderen von einer tiefen Gottesgläubigkeit getragen war."

Naturwissenschaft SETZT VORAUS, dass beobachtbare Phänomene gewissen Regeln folgen, die mittels des Einsatzes von Hirnschmalz durch Modelle angenähert werden können. Es kann sich natürlich herausstellen, dass Elemente dieser Modelle (z. B. "Naturkonstanten") selbst als zeit- oder raumabhängig anzusehen sind. Aber diese Veränderlichkeit wäre selbst wieder ein Naturphänomen, für das wiederum irgendein zugrundeliegendes Regelwerk vorausgesetzt werden muss, wollte man es zum Gegentand naturwissenschaftler Untersuchung machen.

Mit Descartes, Gott und Morphogentischem Schlagmichtot hat das nix zu tun.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 21.02.2012 | 18:00

@kenua schrieb am 21.02.2012 um 10:30

Das ist nicht die Aufgabe des menschlichen Horizontes, die Verwirrung als diapoletische Konstante zu halten... spätesten nach dem siebten String wird die Katze sich mit empörten Miauen melden und an diesem Punkt extrapoliert sich die Vermessung der Unschärferelation in die neue Phase, die bei dem 90°-Winkel selbst die erfahrene Labormäuse und Versuchskaninchen ins Staunen bringt.

JETZT!

kenua 21.02.2012 | 18:15

Ganz im Ernst: vor Jahren las ich einen Artikel im Spektrum über die Zahl der Linien, die die Samen bilden: die kreuzen sich doch.
http://t1.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcQjDbrHtiBte51nQ2ibwZhG_lTHMoGxl4p-aBpa4Ba6NfvCQs_r">

Damit die Packung optimal dicht ist, sind die Anzahlen der Linien entweder Fibonacci-Zahlen oder Zweierpotenzen. Die sind teilerfremd, und irgendein Satz besagt, daß dann am meisten Samen auf der Fläche Platz haben.

Tja, wenn das der Sheldrake erfährt, dann gibt es ganz neue Felder, oder Schwingugen oder Sonnengötter, oder Westgoten...

Avatar
Ehemaliger Nutzer 21.02.2012 | 20:27

merdeister schrieb am 20.02.2012 um 20:47

Die Grundproblematik liegt in seinem Feld selber: es speichert Information in einem selbstorganisierenden Prozess, dessen auch nur ansatzweise theoretische Beschreibung er umgeht, in dem er auf das Wirken dieses Feldes verweist, ohne das seine Experimente nicht erklärbar seien.
Nun gibt es jedoch ein allen Prozessen innewohnende grundlegende Eigenschaft: Je höher der Ordnungsgrad eines beliebigen Zustandes ist, umso größer war die Energie, dieser Ordnungszustand zu erreichen. Die Aufrechterhaltung dieses Zustandes wiederum erfordert Energie, also einen Energieerzeugungs- oder -umwandlungsprozess der selber Energie dissipiert, also z.B. aus einem Temperaturgefälle Wärme abstrahlt. Das ist die entropische Grundlage unserer Existenz.
Carl Friederich von Weizsäcker hat diese Prozesse als Phänomene höherer Information nachgewiesen. Somit müsste also Sheldrake für seine morphogenetischen Felder einen Prozess definieren, der den Ordnungsfluss ohne Energietransport – auf welcher Ebene auch immer – durchführen kann.
Die Nicht-Reproduzierbarkeit seiner Experimente sind von untergeordneter Bedeutung, solange er den o.g Rahmen nicht definiert und damit als Bühne für den oder die Beweise bereitet.
Gruß

Avatar
Ehemaliger Nutzer 21.02.2012 | 22:04

"Somit müsste also Sheldrake für seine morphogenetischen Felder einen Prozess definieren, der den Ordnungsfluss ohne Energietransport – auf welcher Ebene auch immer – durchführen kann."

Ähm... an dieser Stelle kann ich nicht nachvollziehen. Woraus folgt das? Das mit "ohne Energietransport"? Es ist mir klar, dass ich irgendwas verpasst habe, aber ich verstehe nicht, was...

Avatar
Ehemaliger Nutzer 22.02.2012 | 02:23

DandelionWine schrieb am 21.02.2012 um 21:04

Sheldrake postuliert für seine MGF einen Ordnungszustand, indem diese Informationen aufnehmen. D.h. dass der vorherige Zustand in einen höherer Informationsform transformiert wurde. Hierfür ist jedoch eine Potentialänderung, ein Potentialfluss (Energiefluss) erforderlich, ebenso, wie für die Aufrechterhaltung des Informationspotentials eine gegenüber der Umgebung unterschiedliche Feldstärke aufrechterhalten werden muss usw. usf.
Was Sheldrake in seinem ganzen Kalkül jedoch nicht berücksichtigt, ist das Quantenrauschen, denn auch dieses muss auf Grund der Zustandsänderungen seinen Niederschlag in den MGF hinterlassen.
In wie weit die Unschärfe der Quantenwelt für ein MFG Gültigkeit hat, kann nur Sheldrake beantworten. Wird sie wahrgenommen, verrauscht das Feld; nimmt das Feld diskrete Werte wahr, so kann dies nur über eine Wechselwirkung geschehen; für Materie bedeutet das jedoch Energieaustausch. Sie wird also durch den ständigen Abzug von Information immer kälter, aber nicht ad infinitum.
Bei 0 Kelvin ist die Grenze erreicht; dann kann das MGF nur noch die Materie an sich absorbieren, sprich, sie würde nach einem endlichen Zeitraum verschwinden. Wir beobachten beides nicht. Weder beobachten wir eine Abkühlung observabler Anordnungen noch verschwindet bei ~0 Kelvin Materie.