Das richtige Gericht

Woody Allen Keinem Opfer ist damit geholfen, wenn Meinungen als Tatsachen getwittert werden. Die Justiz muss den Opfern Gehör schenken und Missbrauchsfälle aufarbeiten
Das richtige Gericht
Wer ist Woody Allen? Vermutlich werden wir es nie herausfinden
Foto: Pascal Le Segretain/Getty Images

Zunächst einmal: Ich weiß nicht, ob Woody Allen seine Adoptivtochter Dylan Farrow missbraucht hat oder nicht. Ich weiß nur, zu was ich tendiere und aus welchen Gründen. Die Gründe sind in Wahrheit Meinungen. Einige haben mit diesem konkreten Fall zu tun, einige mit der Art, in der häufig mit Missbrauchsopfern umgegangen wird, einige mit der Art, wie Hollywood funktioniert. Manche haben mit den Filmen zu tun, die Allen macht, und manche mit dem Kontext: Der Kontext, dass so viele Täter frei herumlaufen. Dieser Kontext ändert sich. 

Als Farrow und Allen sich 1992 um das Sorgerecht stritten, gab es noch keine sozialen Medien. Heute sind sich die Leute im Netz, insbesondere auf Twitter, absolut sicher, dass Allen schuldig ist. Sie sind sich auch sicher, dass Amanda Knox schuldig ist. Das Hashtag Gerechtigkeit lässt nicht viel Raum für Differenzierungen. Es gibt ein Hashtag #IBelieveDylanFarrow.

Das schadet Allens Ansehen ebensosehr wie der brisante Sorgerechtsstreit vor zwanzig Jahren. Es lohnt sich, die Worte des Richters, Elliott Wilk, in Erinnerung zu rufen, der zu dem Urteil kam, dass die Indizien für den Missbrauch an der sieben Jahre alten Dylan „nicht beweiskräftig“ waren. Gleichzeitig äußerte er Zweifel daran, dass Allen jemals „das Verständnis und das Urteilsvermögen aufbringen“ könnte, „um eine angemessene Beziehung zu Dylan aufzubauen“. Seine elterliche Befähigung reiche nicht aus, um das Sorgerecht für Moses, Dylan oder Satchel auszuüben. Der Richter sprach auch über die Art und Weise, wie Allen Soon-Yi Previn vom Rest der Familie isolierte. Ob Allen das tat, um den Missbrauch an Dylan zu bemänteln, vermag ich nicht zu sagen. Fest steht nur, dass er mit seinem Verhältnis zu Soon-Yi für einige Menschen augenscheinlich eine Grenze überschritten hat.

Derartige Grenzüberschreitungen sind – wie wir wissen – für die Reichen und Mächtigen nicht ungewöhnlich, und Hollywood ist nicht die einzige Institution, die sie gelassen und achselzuckend zur Kenntnis nimmt. Den Golden Globe, den Allen vor kurzem für sein Lebenswerk erhalten hat, scheint die Farrow-Familie auf den Plan gerufen zu haben. Dylans offener Brief ist erschütternd.

Dass er von dem Schriftsteller Nicholas Kristof übermittelt wurde, verstärkt seine Wirkung noch zusätzlich. Er ist nicht nur ein Freund der Familie, sondern setzt sich auch in vorbildlicher Weise für die Rechte von Frauen und Mädchen ein. Wir wissen, dass es enormen Mut braucht, um über so etwas zu sprechen. Wir wissen, dass es manchmal auch zu falschen Anschuldigungen kommt. Das ist aber selten. Wir wissen, dass die Opfer nur allzu oft ignoriert werden.

In Großbritannien konnte man nach den Enthüllungen um den Moderator Jimmy Savile beobachten, wie die Opfer erneut „zum Verschwinden gebracht wurden“. Die Diskussion ging weiter und befasste sich mit den Institutionen, in denen der Missbrauch geschehen war und konzentrierte sich dann auf die Leitung der BBC. Es laufen gerade Verfahren gegen alte Männer, denen Vergewaltigung und Missbrauch vorgeworfen wird. Sie sind notwendig, auch wenn sie unangenehm sein mögen. Denn die Alternative besteht in dem, was wir online zu sehen bekommen: Die Verurteilung durch Menschen, die wenig Konkretes über den Fall wissen, tut den Opfern keinen Gefallen. Einer twittert z.B.: „#IBelieveDylanFarrow because it wouldn't be the first time a film-maker guy rapes little girls.“ Nein, das wäre es nicht. Ich nehme an, damit soll auf Roman Polanski angespielt werden.

Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass Polanski verhaftet und angeklagt wurde, einen Deal aushandelte und aus den USA floh, als es so aussah, als würde er doch im Gefängnis landen. Der Mann ist ein Genie, weshalb ich vor zwanzig Jahren ein Interview mit ihm führen wollte. Seitdem haben viele ihre Haltung in der Sache geändert, mich eingeschlossen. Heute denke ich, dass ich ihm keine Publicity hätte geben sollen. Heute denke ich, dass ich falsch lag. Aber bei Polanski besteht auch kein Zweifel an seiner Schuld.

Was Allen angeht, so bestehen Zweifel, die wahrscheinlich nie ganz ausgeräumt werden können. Seine Kritiker nehmen seine Filme als Argument. Seine Fans wollen auf sie nicht verzichten. Was die großartige Joan Didion über seine Charaktere geschrieben hat – sie alle stecken in einem Stadium egozentrischer, privilegierter Pubertät –, trifft den Nagel noch immer auf den Kopf. Die alten Fragen werden wieder aufgeworfen, obwohl wir die Antworten bereits kennen: Kann große Kunst von unmoralischen Menschen gemacht werden? Natürlich kann sie das, die Geschichte hat es immer wieder unter Beweis gestellt.

Wie gesagt, neige ich dazu, Dylan zu glauben. Aber keinem Opfer ist damit geholfen, wenn Meinungen als Tatsachen getwittert werden. Die juristische Aufarbeitung ist langsam und kompliziert. Dennoch reift langsam das Bewusstsein dafür, dass wir den Opfern Gehör schenken müssen. Die entscheidende Rolle kommt dabei der Justiz zu. Weil das System so vielen Opfern so lange nicht gerecht wurde, ist eine Lücke entstanden, die der Online-Mob mit seinen vermeintlichen Gewissheiten zu füllen versucht. 

Es ist leichter zu sehen, dass Hollywood sich an Kindesmissbrauch mitschuldig gemacht hat, als zu thematiseren, was in den Familien mit den Opfern geschieht. Dort kommt es nämlich zu den meisten Missbrauchsfällen. Und dort wollen wir am allerwenigsten hinsehen. 

Der offene Brief von Dylan Farrow

17:38 05.02.2014
Geschrieben von

Suzanne Moore | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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