Rückkehr der Poshness

Grusel-Look Plötzlich ist es in Großbritannien wieder salonfähig, wie die Oberschicht auszusehen: Schnurrbärte, Fliegen und Monokel sind die neuen alten Must Haves. Igitt!

Vor drei Monaten eröffnete im Londoner Stadtteil Soho ein neues Modegeschäft. In einer Seitenstraße der Carnaby Street, gegenüber einer Designer-Boutique, in deren Schaufenster ein T-Shirt liegt, auf dem in sorgfältig gestickten Buchstaben „Fuck Off“ steht, wirkt die neue Barbour-Filiale auf den ersten Blick etwas fehl am Platz.

Der Türrahmen ist mit einer ausgebleichten britischen Flagge ausgekleidet, gerade so, als würde man eine Regimentskapelle betreten. An den Stangen hängen reihenweise die typischen Barbourjacken, zeltförmig, steif, schlammfarben. Sie tragen altmodische, gehobene Namen wie Bedale und Beaufort.

Schwer vorstellbar, dass dieser Laden sich hier hält. Und doch, an einem gewöhnlichen Werktag, zu einer Uhrzeit, zu der einige der Läden in der Nachbarschaft noch nicht einmal geöffnet haben, ebbt der Kundenfluss bei Barbour nicht ab. Einige gehören eindeutig zu der Sorte Mensch, die man hier erwarten würde: mittleren Alters, teuer gekleidet, mit dem rötlichen Teint der Pferde- und Jagdhundbesitzer. Doch es gibt durchaus auch andere Kunden.

Queen-Style

Ein Mann um die 30, der seine Jeans auf die angesagte Art nach oben gekrempelt, einen asymmetrischen Haarschnitt und eine Herrenhandtasche trägt, betritt den Laden. Er arbeitet sich durch die Jacken an den Kleiderständern vor und bleibt an einer Reihe Steppjacken hängen, die sich auch in der Garderobe der Queen gut machen würden.

„Ich glaube, er sucht eine dieser eckigen Jacken im alten Stil“, murmelt eine Verkäuferin der anderen zu. Der Mann bleibt noch eine Weile, aber er wird nicht so recht fündig. Doch er wird die Enttäuschung verschmerzen können – als er auf dem Weg nach draußen an mir vorbeischlendert, stelle ich fest, dass er bereits eine Barbour-Jacke trägt.

„Wir haben im September eröffnet und mussten seither bereits eine Woche schließen, um unser Sortiment wieder aufzufüllen“, erzählt mir eine der Verkäuferinnen. „Die jungen Leute stehen auf den Heritage-Stil. Sie tragen ihn figurbetont, in kleinen Größen.“ Sie schaut leicht ungläubig: „Es ist seltsam zu sehen, dass Barbour jetzt ein Modeartikel wird. Ich habe die Jacken immer mit der Jagd und dem Fischen in Verbindung gebracht.“

Lust auf vornehme Konnotation

Das wird vermutlich bald anders sein. In den vergangenen Jahren war die Barbour-Jacke in den Londoner Szene-Vierteln, auf Musik-Festivals und an modebesessenen Promis so omnipräsent, dass mit Referenz an den Londoner Stadtteil, in dem dieser Look am häufigsten zu sehen ist, der Spitzname „Hackney Farmer“ entstand.

Die Barbour-Mode ist Teil einer weitreichenden Lust auf Produkte mit vornehmer Konnotation. Wer jung, männlich und cool ist, trägt Brogues oder Oxfords an den Füßen. Gummistiefel, die einst nur etwas für Jagdrennen im Matsch waren, werden heute von Kate Moss und ihren Modejüngerinnen in Glastonbury getragen und von der Modekette Jigsaw verkauft. Tweed ist wieder in. Dasselbe gilt für Schnurrbärte im Caddie-Look und sogar für Monokel.

„Vor kurzem gab es einen Trend zu Westen, vor allem unter sehr jungen Männer“, erzählt die Modejournalistin Charlie Porter. „Gerade sind Fliegen im Kommen. Eine Fliege kann gar nicht anders, sie sieht immer elegant aus.“

Vor über einem Vierteljahrhundert, als der Stil der Upper-Class zum ersten Mal in Mode kam, erschien die erste Ausgabe des „Official Sloane Ranger Handbook“. „Sloane Ranger“ lautete der Spitzname für die Jugendlichen, die den Stil der Oberschicht imitierten. Das Handbuch gab unter anderem Auskunft über die wichtigsten Teile in ihrem Kleiderschrank: „Ein dicker, wollener Pulli, wie ihn die Macher tragen; ein Blazer; Hosen, die ein wenig zu kurz getragen werden; eine Strickjacke.“ In den vergangenen Jahren war in den britischen Modemagazinen kaum etwas anderes zu sehen.

Elite ist wieder in

Und es gab weitere Vorzeichen: Feine Pinkel wie Sir William Robert Ferdinand Mount veröffentlichten mit Erfolg ihre Autobiografien („Cold Cream“), ehemalige Teufelskerle wie Damien Hirst und Alex James erfanden sich als Gutsbesitzer neu, eine ganze Reihe von Models mit adligem Hintergrund wie Honor Fraser, Jasemine Guinness und Jodie Kidd hatten Erfolg.

Die Zahl der Mitglieder der „British Association for Shooting and Conservation“ stieg in den vergangenen zehn Jahren um rund 15 Prozent. Trotz der Rezession sind auch die Schülerzahlen der bedeutendsten Privatschulen in diesem Schuljahr zum wiederholten Male gestiegen, das sagt zumindest ihr Sprachrohr, die „Headmaster and Headmisstresses Conference“.

Die Signale, die uns aus der Politik erreichen, sind weniger subtil. Ohne weitere Schwierigkeiten steigt da eine Generation von jungen Aristokraten in die erste Liga auf, wie wir es in den letzten 50 Jahren nicht erlebt haben: David Cameron, George Osborne, Boris Johnson und Zac Goldsmith. Auch wenn sie von alteingesessenen Labour-Politikern wie Gordon Brown immer offener zum Klassenkampf herausgefordert werden und obwohl die Rezession eine anti-elitäre Atmosphäre erzeugt, gibt es keine Hinweise darauf, dass der Hintergrund dieser vornehmen Tories ihnen schaden könnte.


Man sollte vorsichtig sein, wenn man Parallelen zwischen kulturell-konsumistischen auf der einen und politischen Trends auf der anderen Seite zieht, doch die Rückkehr der „Poshness“ hat in all ihren Ausprägungen vermutlich die gleiche Wurzel.
Die meisten Briten halten die Oberschicht mittlerweile für ziemlich harmlos.

„Die vornehmen Leute verbindet man heute oft mit Umweltschutz, mit Essen und Kochen“, erläutert der Kulturwissenschaftler Joe Moran. „Die einfachen Leute haben ein neues Feindbild: Die Banker und die Globalisierungstreiber.“ Porter ist der Ansicht, dass die traditionelle Kleidung der Oberschicht als Statussymbol längst abgelöst wurde: „Schlammfarbene Jeans und mega-langweilige Jacketts – der Look den man heute bei EU- und G20-Treffen trägt – , das ist es, was die neue Elite trägt.“ Deshalb, so Porter, werde elegante Kleidung immer weniger mit der herrschenden Klasse in Verbindung gebracht. Sie tauge nicht mehr als Feindbild und werde deshalb nun von allen getragen.

Im Ausland wird der typische Look der britischen Oberschicht schon lange als reine Mode begriffen: In Italien tragen selbst Fußball-Hooligans Barbour-Jacken. In Großbritannien hingegen wird die britische „Poshness“ von den unterschiedlichen Klassen eher periodisch und in bestimmten politischen Situationen aufgegriffen.

Jagd- und Angel-Look

Mitte der Siebziger, als das britische Modelabel Mulberry erfolgreich mit der Vermarktung des „englischen Jagd- und Angel-Looks“ begann, rückte die britische Gesellschaft nach Jahren des Egalitarismus nach rechts. Nur wenige Wochen, nachdem Margaret Thatcher 1979 zur Premierministerin gewählt worden war, wurde Evelyn Waughs nostalgischer Landhausroman Brideshead mit großem Erfolg fürs Fernsehen verfilmt.

Es dürfte kein Zufall sein, dass nun im vergangenen Jahr eine Kinoversion folgte. Moran erinnert sich daran, wie in den Achtzigern, als Thatchers Einfluss stärker wurde, der Stil der Oberschicht mit voller Macht zurückkam: Plötzlich sah man überall junge Menschen, die sich bewusst altmodisch gaben und Landrover fuhren, der Landhausstil war angesagt. Modedesignerinnen wie Vivienne Westwood, die in den Jahren zuvor schrille Punk-Outfits entworfen hatten, entwickelten plötzlich ein Interesse für Tweed. Barbourjacken galten als cool, so erinnert sich die Verkäuferin in Soho mit wissender Miene „etwa 18 Monate lang.“

Die Begeisterung für den Style der Oberschicht war in den Siebzigern und Achtzigern zumindest zum Teil eine explizite Reaktion auf den proletarischen Stil der Labour-Jahre, der von Gewerkschaftsführern mit Schiebermützen geprägt wurde. Das aktuelle Comeback der Eleganz für alle ist das Ergebnis eines ganz ähnlichen Prozesses. Mag sein, dass Großbritannien unter New Labour eher von der Mittelklasse als von der Arbeiterklasse regiert wurde, trotzdem gab man sich proletarisch und hetzte gegen die feinen Pinkel.

Barbour versus Britpop

Von Tony Blairs unfeinem Dialekt über das Jagdverbot bis hin zu den gigantischen, rüpelhaften Hits von Oasis bot New Labour ausreichend Stoff, um eine Konterrevolution zu provozieren. Der Versandhandelsmagnat und ehemalige Eton-Schüler Johnnie Boden ist dafür bekannt, dass er David Cameron, den aktuellen Parteichef der Konservativen, leger im Stil der Oberschicht ausstattet. 2003 beschrieb er den typischen Johnnie-Boden-Stil in einem Interview mit der Sunday Times wie folgt: „Er ist das Gegenteil von Blair und Britpop ... Wir verkaufen an Leute, die mit dieser Kultur nichts anfangen können.“

Es gab andere aktuelle Trends, die dem Revival der Oberschicht zugearbeitet haben. Die neue Umweltschutzbewegung und die steigende Nachfrage nach regionalen und handgearbeiteten Produkten passen besser zu jener Ausprägung des Kapitalismus, in der einige Gentlemen große Ländereien besitzen als zu der städtischen, durch Firmen geprägten Version.

Das neue Interesse der Konsumenten an allem Britischen, von herzhaftem Essen über aristokratische und traditionelle Markenprodukte bis hin zu Ferien an der stürmischen See – das alles nimmt bei der Mittelschicht überraschende Ausmaße an. Bewusst oder unbewusst werden Vorlieben wiederentdeckt, welche die Oberschicht selbst bereits vor langer Zeit abgelegt hat. Selbst die Bestsellerlisten haben einen vornehmen Einschlag: „The Dangerous Book for Boys“ plaudert fröhlich über Rugby und Rosskastanien, das Herzstück der Harry-Potter-Romane ist ein gehobenes Internat für Zauberer.


Im Alltag der Briten und in der Politik ist die Klassenfrage schon immer eine Bombe, die jederzeit hochgehen kann. Der Niedergang des Adels war nicht umfassend genug, um sie auf Dauer zu entschärfen. Im Vergleich mit anderen Ländern ist die gesellschaftliche Mobilität in Großbritannien niedrig, es herrscht ein hohes Maß an Ungleichheit, das Bildungssystem hebt diejenigen, die sich eine private Ausbildung leisten können, vom Rest der Bevölkerung ab.

Unter diesen Umständen bergen die Privilegien einer bestimmten Klasse und ihre Merkmale ganz besonders das Potential, Missgunst zu erzeugen. Selbst im Barbour-Shop fällt auf, dass die Ausstattung, die sich so sehr um einen ländlichen Eindruck bemüht, auf Bilder von Menschen verzichtet, die diese Kleidung zur Jagd tragen.

Überhaupt hat die Modeerscheinung ihre Grenzen: Moran, der an der John-Moores-Universität in Liverpool unterrichtet, weiß, dass sich die Begeisterung für David Cameron im Norden Englands doch eher gemäßgt ausfällt (selbst wenn sich die Barbour-Begeisterung auch in Manchester etabliert hat). In der britischen Arbeiterklasse ist nach Porters Beobachtung von dem Barbour-Trend nichts zu sehen, hier trägt man auch keine Brogues.

Thatcher sells

Die konservative Partei, die eigentlich ihr Image in diesen Tagen sehr selbstsicher vermarktet, zeigt sich nervös und unbeholfen, wenn es um den großbürgerlichen oder adligen Hintergrund ihres Führungspersonals geht. Auf ihrer Homepage lässt sie in den Biografien ihrer Politiker gerne aus, welche der großen Privatschulen sie besucht haben. Einigen Anwärtern auf Sitze im Unterhaus wurde nahegelegt, ihre doppelten Familiennamen zu kürzen und die Partei zeigt offen ihr Unbehagen über das inzwischen berühmt-berüchtigte Foto, auf dem Cameron und Johnson mit ihren Kumpels aus der exklusiven Studentenverbindung Bullingdon Club in Oxford zu sehen sind.

Curtice allerdings ist der Ansicht, dass die Klassenkämpfer sich nicht zu früh die Lippen lecken sollten. „Labour ist heute nicht mehr in einer bestimmten Klasse verwurzelt, deshalb fällt die Rückkehr zur Hetze gegen die feinen Pinkel schwer.“ Blair selbst, so betont Curtice, „genoss eine privilegierte Ausbildung“ in Fettes, einer der führenden schottischen Privatschulen. Man könnte sogar behaupten, dass Blairs Gentrifizierung der Partei der Auslöser der aktuellen aristokratischen Phase in der britischen Politik war.

Fürs erste wird uns der Tory-Schick noch eine Weile erhalten bleiben. Gleich um die Ecke des Barbour-Shops in Soho gibt es einen neueren, modischeren Laden, der Anzüge aus Tweed und T-Shirts mit den Köpfen führender Politiker verkauft. Der Thatcher-Druck sieht besonders gebieterisch aus. Nach Auskunft des Geschäftsleiters verkauft sich dieses T-Shirt besser als alle anderen.


Übersetzung der gekürzten Fassung: Christine Käppeler

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18:05 27.12.2009
Geschrieben von

Andy Beckett, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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