Saddams General

Irak/USA Beim Abzug der US-Armee sind die Iraker hin und her gerissen zwischen Stolz und Unsicherheit, Angst und Hoffnung. Der Einfluss Irans wird sich stärker bemerkbar machen

Nicht nur die US-Armee verlässt Bagdad. Auch Scheich Mustafa Kamal packt seine Koffer. Sein Abgang wird allerdings nicht so pompös ausfallen und so viel Medienaufmerksamkeit erregen wie der Abzug des US-Militärs, das ihn einst als Retter der Stadt gefeiert hatte. Mustafa Kamal wird in den kurdischen Norden gehen, weit weg von den Al-Qaida-Gruppen, die nicht aufgehört haben, ihn zu jagen. Er hat einsehen müssen, dass man nicht leben kann, solange sie einen im Visier haben.

Die US-Streitkräfte halten noch eine Militärparade ab. Nach acht zermürbenden Jahren sei die Ordnung wieder hergestellt, heißt es. Ein Augenblick von großer symbolischer Bedeutung. Aber wie so oft in diesem Krieg und der darauf folgenden Besatzung mangelt es auch diesem Symbol an der nötigen Substanz.

Scheich Mustafa war General unter Saddam Hussein. Während der Besatzungszeit half er dann aber den Amerikanern, al-Qaida aus dem Südteil Bagdads zu vertreiben. Heute fühlt er sich wie Tausende von seinesgleichen von den US-Militärs im Stich gelassen. Als prominenter Führer des Erweckungsrates – einer Gruppe, die von Anfang 2007 an von den USA finanziell und militärisch unterstützt wurde, um sich der Destabilisierung durch Anschläge und Übergriffe zu erwehren – unterstanden ihm 2.000 Mann einer landesweit 130.000 Mann umfassenden Miliz, die entscheidenden Anteil daran hatte, dass sich das Blatt im Bürgerkrieg schließlich wendete. Ohne sie, so räumen US-Armee und Weißes Haus unumwunden ein, wäre der Irak noch tiefer in Gewalt und Chaos versunken.

Sechs Bombenanschläge

„Die Mitglieder der Sahawa haben nicht bekommen, was sie verdienen“, sagt Mustafa und verwendet den arabischen Namen der Gruppe, die auch als Söhne des Irak bekannt wurde. „Sie sollten bekommen, was man ihnen versprochen hat. Die Amerikaner haben ihr Versprechen nicht eingehalten. Sie verweisen uns an die irakische Regierung, und wir verstehen das. Aber manche der Sahawa-Mitglieder sind nicht in der Lage, sich selbst zu schützen.“

In vier Jahren ist Mustafa sechs Bombenanschlägen entkommen. 2011 wurde seine Leibwache bei fünf Angriffen von zwölf auf sieben Mann dezimiert, sein Sohn später vergiftet, ebenso jeder einzelne Karpfen auf seiner Fischfarm. Mustafas Frau und seine Töchter können das Haus nicht mehr verlassen. Im ganzen Land erzählen Sahawa-Generäle diese oder ähnliche Geschichten. Wer von den einst gepriesenen Helden übrig geblieben ist, wird von einem skrupellosen Feind ermordet, der Mustafa zufolge bis heute nicht besiegt ist.

"Ich würde mir wünschen, ich könnte mich hinlegen und ruhig schlafen. Ist es besser als vorher? Natürlich ist es das nicht“, sagt er in Bezug auf das Leben vor der US-Invasion 2003. „Saddam Hussein wollte von niemandem etwas, man durfte ihm nur nicht zu nahe kommen.“ Wie Mustafa sehnen sich viele Iraker nach mehr Sicherheit und sind der Führer überdrüssig, die immer wieder behaupten, die Ordnung im Land sei wieder hergestellt: Im November gab es 350 gewaltsame Zwischenfälle, und seit 2003 sind 100.000 Zivilisten ums Leben gekommen. Während der vergangenen zwei Wochen wurden 70 Menschen getötet, die meisten von ihnen Schiiten. „Ich fürchte die iranischen Milizen mehr als al-Qaida“, sagt Mustafa – eine Aussage, die man in Bagdad häufig zu hören bekommt. „Der Osten (damit ist Iran gemeint – M.C.) wird nicht zulassen, dass sich dieses Land wieder aufrichtet.“

Flucht vor dem Feind

Mitte 2009 wurde zwischen Washington und Bagdad vereinbart, dass US-Soldaten ihre Basen nicht mehr ohne Absprache verlassen sollten. Seitdem konzentrieren sich die Bemühungen der Amerikaner auf Ausbildung und Beratung irakischen Militärs. Sie sollen darauf vorbereitet werden, allein zurecht zu kommen. Parallel dazu haben US-Diplomaten große Anstrengungen unternommen, dass die irakischen Parteien eine stabile Regierung bilden, die sich müht, das Grundlegende auf den Weg zu bringen: Institutionen aufzubauen, die Rechtsprechung zu gewährleisten und den Eindruck zu vermitteln, es handle sich beim Irak auch wirklich um einen souveränen Staat. Wie heikel diese Aufgabe sein kann, zeigt sich daran, dass die US-Botschaft in der so genannten Grünen Zone – dem am besten geschützten Viertel der Stadt – die ganze Woche über geschlossen bleibt, weil man befürchtet, die vom Iran unterstützte Asa'ab al-Haq-Miliz könnte versuchen, einen US-Staatsbürger zu entführen, um ihn gegen den letzten Gefangenen, der von den USA im Irak festgehalten wird – das führende Hisbollah-Mitglied Ali Musa al-Daqduq – auszutauschen.

„Wenn ein Herr geht, wird ein anderer an seine Stelle treten. Das ist, was in den vergangenen Jahren hier passiert ist“, sagt Ahmed Shatura, der im Bagdader Shuwala-Viertel einen Laden betreibt. Aber ich sage ihnen mit Bestimmtheit und wahrheitsgetreu: Die Iraner haben nur übernommen, was die Amerikaner aufgegeben haben.“

In der Grünen Zone, deren Bewohnern von vielen Irakern vorgeworfen wird, sie seien seit April 2003 von der wirklichen Welt abgeschnitten gewesen, herrscht weniger Angst, der Iran könnte die Oberhand gewonnen haben. „Wir glauben sicher nicht, dass wir in einem Land leben, das sich zu einem demokratischen und westlich orientierten Staat entwickelt“, sagt ein ranghoher westlicher Diplomat. „Aber wir leben auch nicht in einem iranischen Vasallenstaat, und der Irak wird auch kein solcher werden. Was jetzt geschieht, liegt mehr oder weniger in der Hand der Iraker. Und das ist gut so.“
Zurück in Dora redet Scheich Mustafa nur ungern über seine bevorstehende Abreise. Er möchte sie nicht als Flucht vor dem Feind verstanden wissen. Gern spricht er hingegen über den kontinuierlichen Niedergang des Projekts, die Mitglieder des Erweckungsrates in die Armee zu integrieren oder ihnen Arbeitsplätze in regierungseigenen Unternehmen zu besorgen, seit die Amerikaner Anfang 2009 die Kontrolle an die Regierung Bagdad aufgaben. Seither hat Premier Nouri al-Maliki freundlich ausgedrückt Schwierigkeiten, dem Projekt näher zu treten. „Maliki denkt, die Sahawa sei von Al-Qaida-Leuten infiltriert“, sagt einer der Berater des Premiers. „Und er hat Recht. Sie haben bewiesen, dass vielen von ihnen nicht zu trauen ist.“

Seit die irakische Regierung die Kontrolle übernommen hat, wurden die Löhne für die Mitglieder des Erweckungsrates oft monatelang nicht ausgezahlt und die Hinterbliebenen der im Dienst Getöteten erhalten kaum mehr eine Rente. „Ich habe 100 Männer verloren“, sagt Scheich Mustafa, „die meinem Kommando unterstanden hatten, und keine ihrer Familien hat etwas bekommen.“

Übersetzung: Holger Hutt

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15:04 16.12.2011
Geschrieben von

Martin Chulov | The Guardian

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