Schäumen vor Wut

Al-Jazeera Viele Palästinenser betrachten die Veröffentlichung geheimer Protokolle über Verhandlungen mit Israel durch den in Qatar ansässigen Fernsehkanal als schweren Affront

Der Nachrichtensender al-Jazeerahat wahrlich einen guten Monat erwischt. Seine Sternstunden erlebt er mit der Berichterstattung über die Unruhen in Tunesien. Während sich die BBC auf das Ungemach britischer Touristen konzentrierte, wurde al-Jazeera zu der Adresse für alle, die sich über die historischen Ereignisse in der Region auf dem Laufenden halten wollten. Mit der Veröffentlichung der so genannten Palestine Papers geriet der Sender erneut ins Rampenlicht. Vertreter der Palästinenser, die von Al-Jazeera-Reportern dazu interviewt werden, schäumten vor Wut über diese – wie sie meinten – Unverschämtheit des Senders.

Hauptstadt von Qatar?

Umstritten war al-Jazeera schon immer. Der arabischsprachige Fernsehkanal wurde nach seinem Start 1996 schnell zur wichtigen Informationsquelle für die Region. Der Westen bezichtigte ihn einer islamistischen Agenda, weil al-Jazeera Videobotschaften Osama bin Ladens ausstrahlte. Arabische Diktatoren und autokratische Staatschefs nahmen der Anstalt übel, über Unruhen in der arabischsprachigen Welt zu berichten und Gäste einzuladen, die zuvor noch nie gehörte Ansichten über die Machtdekadenz in der Region äußern durften. Manche gehen inzwischen sogar so weit, al-Jazeera für die Ereignisse in Tunesien verantwortlich zu machen.

Angesichts der staatlichen Medienkontrolle in den arabischen Ländern erstaunt es nicht, dass der Kanal vielen ein Dorn im Auge ist. Auch fällt es vielen Arabern schwer zu glauben, dass die königliche Familie von Qatar dem Sender nicht die Inhalte diktiert. „Ist Qatar die Hauptstadt von al-Jazeera oder ist al-Jazeera vielleicht die Hauptstadt von Qatar? Ich bin mir da nicht sicher", so das Mitglied des PLO-Exekutivkomitess Yasser Abed Rabbo zu Beginn der Woche, als der nach den via al-Jazeera an die Öffentlichkeit gelangten Palästina-Papieren gefragt wird. An anderer Stellte bedankt er sich sogar beim Emir von Qatar dafür, dass dieser für die Weitergabe der mutmaßlichen Geheimdokumente grünes Licht gegeben habe.

Sicher ist der arabische Kanal manchmal auf amateurhafte Weise sensationslüstern und emotional, fällt ein Hang zur überladenen, verschnörkelten Bildern auf, zu mitreißender Musik und poetischen Titeln für die Nachrichtenformate (Enthüllung des Verborgenen heißt eines davon).

Ein Armutszeugnis

Werden sie zu al-Jazeera befragt, weigern sich arabische Machthaber beständig anzuerkennen, dass der Sender keine geheimen politischen Ziele verfolgt. Als wollten sie kein Hehl aus ihrer Überzeugung machen, die Berichterstattung sei nichts als der reine Selbstzweck. Hinter dieser Haltung steckt mehr als nur das Unvermögen, mit der Neuheit einer ausschließlich journalistisch ausgerichteten Agenda zurechtzukommen. Die Indifferenz gegenüber al- Jazeera hat auch etwas mit dem Glauben zu tun, dass die Bewohner der arabischen Länder von den Geschäften der Machthaber abgeschirmt werden sollten wie Kinder – sie könnten mit diesem Wissen schließlich etwas Unvorsichtiges anstellten.

Gemäß dieser paternalistischen Sicht wurde die Internetseite al-Jazeeras in den Palästinensergebieten auch sofort gesperrt, als die Veröffentlichung der Berichte begann. Am unteren Ende des Bildschirms konnte man allerdings auf dem eingeblendeten Nachrichtenticker sehen, dass die palästinensische Bevölkerung den Ärger ihrer Regierung nicht teilte. Zuschauer brachten dem Sender gegenüber in Mails und SMS ihre Freude zum Ausdruck: „Ihr befreit uns“, lautete eine der Botschaften. Es ist ein Armutszeugnis für die Stellung unabhängiger Medien in der arabischen Welt, dass die Vertreter der Autonomiebehörde in dieser Episode nichts als das öffentliche Waschen schmutziger Wäsche durch einen arabischen Bruderstaat erkennen können, der doch wohl ihre Interessen mehr respektieren sollte. So wetterte der palästinensische Chefunterhändler Saeb Erekat, al-Jazeera habe den Palästinensern den „Krieg erklärt“ und diene den Interessen ihrer Feinde. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es dem Sender allein darum geht, Informationen zu verbreiten.

Die arabischen Regierungen können von Agenden und Strippenziehern reden, so lange sie wollen, aber nach dem Sturz Ben Alis in Tunesien misstrauen die Menschen den offiziellen Quellen noch mehr als zuvor. Sie informieren sich nach Möglichkeit über unabhängige Medien, im Netz und via Satellit. Al-Jazeera – ein Sender mit gesunder Respektlosigkeit gegenüber den Herrschenden – ist quasi zum natürlichen Vehikel des Bruchs des staatlichen Nachrichtenmonopols geworden.

Übersetzung: Holger Hutt

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16:15 26.01.2011
Geschrieben von

Nesrine Malik | The Guardian

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The Guardian

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