Schutzlos ausgeliefert

Anschlag In London wurde wieder ein Fahrzeug zur tödlichen Waffe. Es gibt keine wirkliche Verteidigung gegen Verrückte, die mörderischer Wahn antreibt
Schutzlos ausgeliefert
Spurensicherung am Tatort
Foto: Getty Images

Die Welle des globalen Terrorismus hat mit einem todbringenden Anschlag vor dem Westminster-Palast, dem Sitz des britischen Parlaments, erneut – nach 2005 – das Herz Londons erreicht. Ein Anschlag auf die Wiege der Demokratie ruft ein besonderes Gefühl der Empörung hervor. Dass Menschen, darunter ein Polizist, bei einem solchen Angriff ihr Leben verlieren, ist tragisch. Bislang ist nichts über die Motive des Täters bekannt.

Passanten wurden getötet und verletzt, die umfänglichen Sicherheitsmaßnahmen, die für ein Institut wie das Unterhaus unverzichtbar sind, haben die Menschen in Inneren des Gebäudes allerdings wirksam schützen können. In einer lebhaften, modernen Stadt kann keine absolute Sicherheit garantiert werden. Dennoch kann die Londoner Polizei für sich in Anspruch nehmen, dass ihr System auf die Probe gestellt wurde und seine Effektivität bewiesen hat.

Das Parlament wird wegen seines Bekanntheitsgrades und seiner Symbolträchtigkeit als Ziel gewählt worden sein. Der unmittelbare Zweck solcher Taten besteht darin, Zerstörung anzurichten und zu töten. Allerdings kann dem Täter nicht nur daran gelegen gewesen sein, eine Mauer zu beschädigen oder Menschen umzubringen und zu verletzten. Wir können davon ausgehen, dass er sich von seiner Tat – und damit für seine Botschaft – eine enorme öffentliche Wirkung versprochen hat. Seine Absicht dürfte gewesen sein, Schrecken zu verbreiten, die Widerstandsfähigkeit der Demokratie auf die Probe zu stellen, und diese, wenn möglich, zu einer Verhaltensänderung zu veranlassen.

Unsere Reaktion auf derartige Ereignisse muss darin bestehen, Überreaktionen zu vermeiden.

In dieser Woche jähren sich zum ersten Mal die Gräueltaten des Islamischen Staates (IS) am Brüsseler Airport und in der U-Bahn dort, als 32 Menschen bei einem koordinierten Angriff ums Leben kamen. Vorhergegangen waren die Anschläge von Paris.

Das größte Megaphon

Damals überschlugen sich die Reaktionen. Die Medien und Politiker Europas waren der Hysterie nahe. Tagelang wiederholten BBC-Reporter die Worte Panik, Bedrohung, Gefahr. Frankeichs Präsident François Hollande erklärte „ganz Europa ist angegriffen worden“. David Cameron, damals noch britischer Premier, sah Großbritannien einer „sehr realen Terror-Bedrohung“ gegenüber. Donald Trump posaunte vor jubelnden Anhängern, „Belgien und Frankreich zerfallen buchstäblich“. Ein größeres Megaphon hätte sich der IS nicht wünschen können.

Der Terrorist ist hilflos ohne das Zutun der Medien und derer, die sie mit Worten und Taten versorgen.

In seinem klugen Handbuch Terrorism: How to Respond weist der britische Historiker Richard English darauf hin, dass die sogenannte Bedrohung für die Demokratie, die Politiker in Zeiten wie diesen gern im Munde führen, nicht in Blutvergießen und der Zerstörung besteht. Vielmehr liege sie in der realeren Gefahr der Provokation „unbedachter, überzogener und kontraproduktiver Reaktionen des Staates“. Dies versetzt jene, die sich „provozieren“ lassen, in eine eigentümliche und kompromittierende Position. Nur wenn die Medien auf eine bestimmte Weise reagieren, können die Terroristen die wie auch immer gearteten, zweifelhaften Ziele erreichen, die sie verfolgen mögen.

Wir sollten uns daran erinnern, dass Theresa May als Innenministerin die Anschläge in Paris und Belgien benutzt hat, um ihre „Schnüffler-Charta“ zu rechtfertigen. Es handelte sich um ein Überwachungsgesetz, das so schwerwiegend in die Privatsphäre der Bürger eingreift wie kein anderes weltweit. May merkte damals auch an, die „terroristische Bedrohung“ sei der Grund, warum Großbritannien in der EU verbleiben solle. „Sie“ könnten sonst »frei herumlaufen«. Sie warnte, außerhalb der EU dauere eine Abgleich der DNA eines Terroristen 143 Tage – über das System der EU nur 15 Minuten. Sagt sie das immer noch?

Zwiespältiges Verhalten

Damals preschte die britische Regierung auch mit ihrer Prevent-Strategie voran, die von jeder Bildungseinrichtung den Nachweis von Programmen forderte, mit denen sich „gegen nicht-gewalttätigen Extremismus, der eine zu Terrorismus führende Atmosphäre schaffen kann“ agieren lässt. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass die Londoner Polizei zu Wachsamkeit aufruft – und damit Angst, Argwohn und Nervosität gegenüber Fremden schürt.

Im Bemühen, Geschehnisse wie jetzt in London in Relation zu setzen, sollten wir bedenken, dass bereits enormen Summen in die Terrorabwehr fließen. Es ist gerade nicht die rechte Zeit um diese Summen als unverhältnismäßig zu bezeichnen. Es ließe sich jedoch der Vorwurf formulieren, dass sie den Zielen des Terrors dienen könnten. In Wahrheit haben alle Beteiligten – von Journalisten und Politikern bis zu Polizei und Sicherheitslobbyisten – irgendein Interesse daran.

Die geringe Zahl an terroristischen Vorfällen in totalitären Ländern, in denen die Nachrichten zensiert werden, zeigt, welche wichtige Rolle die Publicity für die Methodologie des Terrors spielt. Gleichwohl wäre die Unterdrückung solcher Nachrichten in einer freien Gesellschaft nicht zu rechtfertigen. Sogar Selbstzensur wird nicht gern zugelassen. Als die französische Zeitung Le Monde im Vorjahr entschied, die Namen derjenigen, die die terroristischen Morde begangen hatten, nicht zu veröffentlichen, da dies zu ihrem Märtyrerstatus beigetragen hätte, wurde ihr vorgeworfen, die Berichterstattung zu verweigern.

Dennoch beinhaltet jede Entscheidung für die Veröffentlichung einer Nachricht eine Wahl und ein Urteil. Das ist keine Zensur. Doch für die, die Publicity für ihre Missetaten anstreben, besteht ein bedeutender Unterschied zwischen dem ersten Platz und einem unteren Platz auf der Liste der Nachrichten.

Wenn die Absicht nicht bloß darin besteht, ein paar Menschen zu töten, sondern dadurch eine Vielzahl von ihnen in Angst und Schrecken zu versetzen, sind die Medien unentbehrliche Erfüllungsgehilfen. Es ist nicht die Tat, die den Schrecken verbreitet, sondern der Bericht, die aufbereitete Darstellung, die Entscheidung über den Stellenwert der Nachricht.

Geringfügige Siege

Alle Terroranalysten bestätigen sich darin, dass es sich beim Terrorismus nicht um eine Ideologie handelt. Schusswaffen und Bomben stellen keine „existenzielle“ Bedrohung für ein Land oder eine Gesellschaft dar. Politiker, die sich den Terror zunutze machen, um Angst zu erzeugen, sind Zyniker, die eigennützige Interessen verfolgen. Der Terrorismus ist eine Methodologie des Konflikts. Es gibt keine wirkliche Verteidigung gegen Verrückte, die töten.

Insofern war in den 70er und 80er auch die Reaktion der britischen Regierung richtig, die Anschläge der IRA nicht als quasi-politische Gesten, sondern als zufällige Verbrechen zu behandeln. Der Terrorismus der IRA war eine viel größere Bedrohung als irgendetwas, das wir gegenwärtig erleben. Einige Freiheiten wurden damals beschnitten – etwa durch Strafarrest ohne Gerichtsverfahren oder die Zensur von Sprechern der IRA. Es waren geringfügige Siege für den Terror. Größtenteils aber wurden die Freiheiten der Briten nicht eingeschränkt, das Leben ging weiter. Und die Bedrohung verschwand schließlich. Hoffen wir, dass es dieser Tage wieder so sein wird.

Übersetzung Zilla Hofman

16:02 23.03.2017
Geschrieben von

Simon Jenkins | The Guardian

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