Sexarbeit für Studium

Belle de Jour Unter dem Pseudonym Belle de Jour verdiente sie als Escort-Dame Geld. Von 2003 an schrieb sie darüber in ihrem Blog. Nun hat sich die Autorin geoutet: eine Kinderärztin

Sechs Jahre lang hatte die Autorin eines der meistgelesenen Blogs im Internet, „Diary of a London Call Girl“, ihre Identität geheim gehalten und damit Millionen von Lesern und einem Heer von Literaturexperten getrotzt. Das Rätsel wurde nun aufgelöst: Eine Wissenschaftlerin aus Bristol outete sich als die ehemalige Eskort-Dame hinter dem Pseudonym Belle de Jour. Dr. Brooke Magnanti hatte stets stillgehalten, auch als einer ganzen Reihe von anderen Autoren die Urheberschaft an ihrer Arbeit zugesprochen worden war. Erst als die 34 Jahre alte Spezialistin für Kinderkrebs erfuhr, dass die Zeitung Daily Mail an einer Enthüllungsgeschichte arbeitete, entschloss sie sich, das Geheimnis zu lüften, dass sie die echte Belle sei, die sich ihr Medizinstudium als Prostituierte finanziert hatte.

Sie posierte für die Sunday Times in einem kaffeefarbenen, seidenen Morgenmantel und erzählte, sie habe in ihrer Zeit als Prostituierte mit „dutzenden, vielleicht sogar hunderten von Männern“ gegen Bezahlung geschlafen und sie habe „großes Glück“ gehabt, dass ihr nie etwas Schlimmes widerfahren sei. Für ihre Dienste verlangte sie 300 Pfund pro Stunde, 200 gingen in ihre eigene Kasse. Die Einnahmen sorgten dafür, dass sie während ihrer Studien der Informatik, der Epidemiologie und der Kriminaltechnik liquide blieb.

Nachdem sie 2004 ein Buch veröffentlicht hatte, das als Fernsehserie mit der britischen Nachwuchsschauspielerin Billie Piper in der Hauptrolle verfilmt worden war, konnte sie die Prostitution aufgeben. Inzwischen arbeitet Magnanti in einer Forschungsgruppe für Kinderkrankheiten am St. Michael's Krankenhaus in Bristol.

Magnanti schreibt ihren Blog „Diary of a London Call Girl“ seit 2003. Und seither grassierten Spekulationen über die wahre Identität der Autorin. Verdächtigt wurden unter anderem die Journalisten Toby Young und Andrew Anthony, die Autorin Isabel Wolff, die für seichte Frauenliteratur bekannt ist, und Rowan Pelling, der ehemalige Chefredakteur der Zeitschrift Erotic Review.

Magnanti erklärte gegenüber der Sunday Times, sie habe sich jetzt der Öffentlichkeit gestellt, um die Last dieses „gewaltigen Geheimnisses“ endlich loszuwerden. In dem Interview sprach die Journalistin sie auch auf einen „Ex-Freund mit einem großen Mundwerk, der im Hintergrund lauere“ an. Am Sonntag kam nun allerdings der wahre Grund für Magnantis Enthüllung ans Licht: Sie hatte Wind davon bekommen, dass die Daily Mail drauf und dran war, eine schonungslose Enthüllungsgeschichte zu veröffentlichen.

Sie war auf das bevorstehende Outing aufmerksam geworden, als die Polizei eine Journalistin der Zeitung – vermutlich handelte es sich um die Feuilletonistin Laura Topham – vom Gelände ihres Krankenhauses geleitete; ein Zwischenfall, über den Magnanti am Sonntag auf ihrer Twitter-Seite schrieb. Aus Angst vor dem, was die Recherche der Zeitung ans Licht bringen könnte, beschloss Magnanti ihr zuvorzukommen. Ihr Agent Patrick Walsh bot der Times-Autorin India Knight daraufhin ein exklusives Interview an.

Laut Finn Mackay von der Frauenrechtsorganisation Feminist Coalition against Prostitution entsprechen Magnantis positive Erfahrungen keineswegs der Norm: "An die Öffentlichkeit zu treten und zu sagen 'das ist so wunderbar', ist ein Schlag ins Gesicht all jener Frauen, die in der Sexindustrie abscheuliche Dinge erlebt haben. Es freut mich zu hören, dass sie persönlich nicht verbrannt, geschlagen, in den Arsch gefickt, vergewaltigt und bespuckt worden ist. Aber sie sollte diejenigen, die ganz andere Erfahrungen gemacht haben, nicht im Regen stehen lassen, indem sie die Prostitution glorifiziert und für normal erklärt."

Helen Ward, Professorin für Gesundheitswesen am Imperial College in London, ist anderer Ansicht: "Belle de Jours Fall ist zwar nicht die Norm, aber er ist auch nicht ganz ungewöhnlich. Für politische Aktivisten sind Sexarbeiterinnen entweder drogenabhängige junge Frauen, wie jene, die 2006 in Ipswich ermordet wurden, oder Frauen, die illegal eingeschleust wurden und ihr Leben nicht selbst bestimmen können. Ich arbeite jedoch seit 20 Jahren als Forscherin und Ärztin mit Sexarbeiterinnen und weiß, dass die Bandbreite derer, die mit Prostitution zu tun haben, wesentlich größer ist. Der größte Streitpunkt ist die Frage, ob Menschen sich freiwillig dazu entscheiden, sich zu prostituieren. Aus Magnantis Beschreibung, wie sie zur Prostitution kam, wird ersichtlich, dass es sicherlich nicht ihr Lebenstraum war. Aber es war eine Möglichkeit, um ohne weitere Qualifikationen Geld zu verdienen. Eine 20-Jährige, die keine Ausbildung hat und vielleicht auch noch ein Kind versorgen muss, kann bei einer Begleitagentur in wenigen Stunden so viel Geld verdienen, wie in einer ganzen Woche in einem Fastfoodrestaurant."

Für die Sexarbeiterinnen selbst ist es keine große Überraschung, dass eine gut-ausgebildete Frau wie Magnanti zur Prostituierten wurde. "Es gibt eine Menge Akademikerinnen, die in der Sexindustrie arbeiten. Eine Hochschulausbildung ist eine teure Angelegenheit," erklärt Catherine Stephens von der Hurengewerkschaft „International Union of Sex Workers“, die selbst zehn Jahre lang als Prostituierte gearbeitet hat. "In dem Bordell, in dem ich gearbeitet habe war ich die einzige, die nicht studiert hat."

Übersetzung: Christine Käppeler

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08:00 17.11.2009
Geschrieben von

Helen Pidd, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 38/2020

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