Sie bewaffnen sich

Afghanistan Frauen in mehreren Provinzen wollen nicht mehr schutz- und tatenlos zuschauen, wie die Taliban immer mehr Gebiete erobern
Sie bewaffnen sich
Afghanische Polizistinnen bewachen eine Militärübung in Kandahar, 2011

Foto: Xinhua/IMAGO

In Nord- und Zentralafghanistan greifen die Frauen zu den Waffen. Sie marschieren zu Hunderten durch die Straßen und teilen Fotos von sich mit Sturmgewehren in den sozialen Medien. Es ist ein Akt des Trotzes gegen die Taliban, die im ganzen Land immer mehr Gebiete erobern.

Eine der größten Demonstrationen fand in der zentralafghanischen Ghor-Provinz statt, wo Hunderte Frauen vergangenes Wochenende auf die Straße gingen, ihre Waffen zeigten und Anti-Taliban-Gesänge skandierten. Es ist unwahrscheinlich, dass sie in naher Zukunft in Richtung der Frontlinien ziehen werden, sowohl wegen ihres sozialen Konservatismus als auch ihrem Mangel an Erfahrung. Aber die öffentlichen Demonstrationen – in einer Zeit der akuten Bedrohung durch die Kämpfer – erinnern daran, wie viel Angst viele Frauen vor dem haben, was eine Taliban-Regentschaft für sie und ihre Familien bedeuten könnte.

„Einige Frauen wollten nur die Sicherheitskräfte inspirieren, rein symbolisch. Aber viele andere waren bereit, in die Schlacht zu ziehen“, sagt Halima Parastish, Leiterin des Frauendirektorats in Ghor und eine der Demonstrantinnen. „Das schließt mich selbst ein. Ich und einige andere Frauen haben dem Gouverneur vor etwa einem Monat gesagt, dass wir bereit sind, loszuziehen und zu kämpfen.“

Derweil fegen die Taliban über das ländliche Afghanistan. Sie nehmen Dutzende Regionen ein, so etwa die nördliche Badachschan-Provinz, die vor 20 Jahren eine Festung gegen die Taliban war. Nun belagern sie effektiv mehrere Provinzhauptstädte.

„Keine Frau will kämpfen“

In den von den Taliban kontrollierten Regionen wurden bereits Restriktionen im Hinblick auf Bildung, Bewegungsfreiheit und Kleidung von Frauen erlassen, teilen Aktivisten und Anwohner mit. In einem Gebiet zirkulierten Flyer, die von den Frauen das Tragen von Burkas verlangten. Auch die Frauen aus den extrem konservativen ländlichen Regionen streben nach mehr Bildung, mehr Bewegungsfreiheit und einer stärkeren Rolle in ihren Familien, so eine aktuelle Umfrage. Eine Taliban-geführte Regierung würde in die andere Richtung weisen.

„Keine Frau will kämpfen, ich will nur meinen Bildungsweg weiter gehen und weit weg von der Gewalt bleiben. Aber die Verhältnisse haben mich und andere Frauen dazu bewegt, aufzustehen“, sagt eine Anfang 20-jährige Journalistin aus dem nördlichen Dschuzdschan, das auf eine lange Geschichte kämpfender Frauen zurückblicken kann. Sie nahm an einem eintägigen Waffentraining in der Provinzhauptstadt teil, die zur Zeit unter Belagerung steht. Sie bat darum, nicht namentlich genannt zu werden, falls die Stadt in die Hände der Taliban fällt.

„Ich möchte nicht, dass das Land von Leuten kontrolliert wird, die Frauen so behandeln, wie die es tun. Wir haben zu den Waffen gegriffen um zu zeigen, dass wir kämpfen werden, wenn wir es müssen.“ Sie spricht von mehreren Dutzend Frauen, die zusammen mit ihr den Umgang mit Waffen lernen. Trotz ihrer Unerfahrenheit hätten sie einen Vorteil gegenüber Männern, wenn sie der Taliban begegnen: „Die haben Angst, von uns getötet zu werden. Sie halten das für eine Schande.“ Für die konservativen Kämpfer kann es erniedrigend sein, im Krieg auf Frauen zu treffen. IS-Kämpfer in Syrien hatten Berichten zufolge mehr Angst davor, von weiblichen kurdischen Kräften getötet zu werden als vor Männern.

Als Landrätin an die Front

Es ist selten, aber nicht ganz neu, dass afghanische Frauen zu den Waffen greifen, vor allem in den weniger konservativen Regionen des Landes. Vergangenes Jahr erlangte die Teenagerin Qamar Gul landesweite Berühmtheit, nachdem sie eine Gruppe von Taliban zurückschlagen konnte, die ihre Eltern getötet hatten. Unter den Kämpfern befand sich ihr eigener Ehemann.

In der Provinz Baglan wurde eine Frau namens Bibi Aisha Habibi im Zuge der sowjetischen Invasion und dem darauffolgenden Bürgerkrieg zur einzigen Kriegsherrin des Landes. Sie war unter dem Namen „Kommandeurin Kaftar“ oder „Taube“ bekannt. Im nördlichen Balch kämpfte kürzlich die 39-jährige Salima Mazari an der Front in Charkint, wo sie auch als Landrätin fungiert. Zudem sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten viele Frauen den afghanischen Sicherheitskräften beigetreten, inklusive Helikoptertraining und trotz dessen, dass sie dort Diskriminierungen und Belästigungen von Kollegen ausgesetzt sind und sehr selten an der Front eingesetzt werden.

Diese historischen Vorbilder wurden von den Taliban abgetan. Sie behaupten, die Demonstrationen seien Propaganda, und Männer würden ihren weiblichen Angehörigen nicht erlauben, zu kämpfen. „Frauen würden niemals Waffen gegen uns ergreifen. Sie sind hilflos und werden dazu von dem besiegten Feind gezwungen“, sagte ein Sprecher der Taliban, Zabihullah Mujahid. „Sie können nicht kämpfen.“

Der Provinzgouverneur der Region Ghor, Abdulzahir Faizzada, sagte in einem Telefoninterview, dass viele der Frauen, die jetzt in der Provinzhauptstadt Firozkoh auf die Straße gegangen sind, bereits gegen die Taliban gekämpft und von ihnen Gewalt erfahren haben. „Die Mehrheit dieser Frauen waren diejenigen, die jüngst aus den von der Taliban kontrollierten Regionen geflohen sind. Die haben den Krieg schon in ihren Dörfern erlebt, haben ihre Söhne und Brüder verloren, sie sind wütend“, sagt er. Faizzada fügt hinzu, dass er Frauen an der Waffe ausbilden würde, die keine Erfahrung damit haben, wenn die Regierung in Kabul es erlauben würde.

„Warum sollten wir uns nicht wehren?“

Die konservativen Regeln der Taliban sind in Ghor besonders unwillkommen. Hier tragen die Frauen traditionell eher Kopftuch anstatt sich mit der Burka komplett zu verhüllen. Und sie arbeiteten auf den Feldern und in den Dörfern neben ihren Männern, sagt Parastish. In den Regionen in Ghor, die sie kontrollieren, verböten die Taliban den Frauen auch sich um die Tiere oder das Land zu kümmern, fügt sie hinzu. Sie hätten reine Mädchenschulen, befehlten den Frauen, ihre Wohnungen nicht ohne männlichen Schutz zu verlassen und schließen sie sogar von Hochzeitsfeierlichkeiten aus – mit der Begründung, dass diese nur von Männern besucht werden sollten.

Frauen aus dieser Region waren unter denen, die demonstriert haben. „Mehr als ein Dutzend Frauen sind vergangene Woche aus Allahyar im Shahrak-Distrikt geflohen. Sie kamen zu uns und fragten nach Waffen, um für ihr Land und ihre Freiheit zu kämpfen. Dieselbe Situation haben wir in der Charsadda-Region“, sagt Parastish.

„Die Frauen sagen: ‚Wir werden umgebracht und verletzt, ohne uns wehren können. Warum sollten wir nicht zurückschlagen?‘ Sie sagen uns, dass mindestens zwei Frauen in ihrer Region in den Wehen lagen, ohne medizinische Unterstützung in der Nähe, die nicht mitkommen konnten.“ Bis auf weiteres, berichtet sie, seien die Männer an der Macht das einzige, was sie noch zurückhält. „Der Gouverneur meinte, es gäbe aktuell keine Verwendung für uns, und dass er sich melden würde.“

Emma Graham-Harrison ist Korrespondentin für den Guardian in Kabul. Dieser Artikel entstand unter Mithilfe von Akhtar Mohammad Makoii

Übersetzung: Konstantin Nowotny

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06:00 10.07.2021
Geschrieben von

Emma Graham-Harrison | The Guardian

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The Guardian

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