Spaßige Umerziehung

Hundecamp Besitzer von Boxern haben öfters Probleme mit ihren Hunden. Wenn die Vierbeiner ganz und gar nicht so wollen wie die Halter, muß ihnen jemand gutes Benehmen beibringen

Hier bin ich also, im Hundetrainingslager. Es regnet. In unserem Zelt ist es ziemlich eng. Wir befinden uns auf einem großen Feld im Capstone Country Landschaftspark in Kent, wo jetzt die Zelte und Wohnwagen von circa fünfzig Menschen und ungefähr vierzig Hunden stehen. Fast alle Zelte sind größer als unseres. Ich bin mit meinem Bekannten John Clayden und meinen zwei Boxer-Hündinnen Lily und Violet hier. John und ich sind seit fünfzig Jahren Freunde. Wir glauben, einander zu kennen. Er liebt Zelten, ich hasse es. John hält das Zelt mit den zwei Schlafräumen, das meine Töchter mir geliehen haben, für unzeitgemäß und hat stattdessen ein Tipi für mich und die Hündinnen und ein Minizelt für sich selbst mitgebracht.

Lily und Violet, meine zwei Boxer-Hündinnen, haben dieses Zeltlager dringend nötig. Ihr Betragen ist ziemlich grauenhaft. Sie gehen auf ihre Artgenossen los, packen sie am Nacken und drücken sie zu Boden. Kein besonders feiner Zug. Die beiden wiegen je 25 Kilogramm, und ich bin es leid, ständig zu Boden gerissen oder in Teiche gezerrt zu werden. Aber das ist nicht ihre Schuld. Es ist meine, denn ich habe sie schlecht erzogen. Ich bin es, die geschult werden muss.

Ein strenges Ausbildungslager ist dieses Camp allerdings nicht. „Die Leute stellen sich Hundetrainer oft humorlos vor“, sagt Dima Jeremenko, der das Lager seit neun Jahren leitet. „In Wahrheit geht es darum, Spaß zu haben und gleichzeitig eine Menge zu lernen.“ Schon als Kind in der Ukraine wusste Jeremenko, dass er im Freien arbeiten wollte – und zwar lieber als Bauer denn als Astronaut. Mit zwölf Jahren begann er eine Hundetrainerausbildung. Er bildete die Tiere aus, die beim Erdbeben 1988 in Armenien viele Verschüttete gerettet haben, und gibt heute Kurse für schwer erziehbare Hunde bei der britischen Tierschutzorganisation Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals. Einmal habe ich ihn dabei beobachtet, wie er, gerade mit meinem Hund beschäftigt, nebenbei noch Krähen trainierte, die zufällig in der Nähe waren. Er hat seinen eigenen Vierbeiner, der wegen schlechten Betragens eingeschläfert werden sollte, vor dem Tod bewahrt und zu einem Musterhund erzogen. Er scheint in der Lage zu sein, jedem Hund alles beizubringen – nein, jedem Hund beizubringen, alles beigebracht bekommen zu wollen. Nur in seiner Gegenwart haben meine Hunde sich bislang tadellos verhalten.

Das Gute am dog camp ist, dass sich hier niemand über die schlechten Manieren der Hunde aufregt. Bei mir zu Hause ernte ich oft böse Blicke, werde angeschrien und von anderen Gassigängern gemieden. Hier aber erfahre ich Anerkennung und Unterstützung. Ich erhalte Ratschläge statt Anfeindungen oder Tierarztrechnungen. Selbst als Violet in ein fremdes Zelt eindringt und dabei – trotz Maulkorb – die Tür zerfetzt, vergeht dem Herrchen des anderen Hundes nicht das Lächeln. So sind sie eben, unsere Vierbeiner. Auch Pam bleibt gelassen, als sich zwei Hunde ihrem Bailey nähern und Baileys Rute wild hin und her wedelt. Meint er das freundlich? Nein. „Das heißt, gleich geht’s los“, erklärt Pam ganz entspannt. Und siehe da – nichts geht los.

Vielleicht ist es hier doch gar nicht so schlecht. Überall, wo wir hingehen, gehen auch die Hunde hin: Zum Frühstücken und zum Grillen, zu den Vorträgen und Hunde-Tanz-Vorführungen, und zum täglichen Hand-Fütter-Training, auf das hier großen Wert gelegt wird. Da machen sich meine beiden anfangs nicht besonders gut. Sie haben den Appetit verloren. Vielleicht sind sie reizüberflutet oder überdreht. Alle anderen Hunde machen Platz und Sitz, gehen bei Fuß und drehen sich im Kreis. Obwohl es regnet und wir alle eng gedrängt unter einer Plane stehen, sind die Hunde ganz friedlich. Sogar meine.

Fiese Experimente

Auch Hunde brauchen ihren Schlaf, erklärt Amber Batson in ihrem Vortrag über Stress bei Hunden. Bei einem fiesen Experiment vor vielen Jahren habe man Hunden eine Woche lang den Schlaf entzogen, worauf sie gestorben seien. Dann erklärt Amber, wie Hunde kommunizieren. Bevor sie irgendetwas machen, wovor man Angst haben müsste, geben sie ein Reihe kleiner Warnsignale von sich: Sie lecken sich die Lippen, blinzeln, drehen den Kopf weg, senken die Ohren und runzeln die Stirn. Also die mit den langen, spitzen Nasen machen das so. Meine natürlich nicht. Ihre eingedrückten Gesichter, Schlappohren und Falten machen normale Hundekommunikation beinahe unmöglich. Das ist die Tragik ihrer Existenz. Ich muss also ihre Warnsignale besonders schnell auffangen und meine Hunde dann blitzschnell ablenken, ihnen einen Hundekuchen oder Klaps geben, sie streicheln oder ein wenig loben – alles, was verhindert, dass es losgeht.

Am nächsten Morgen passiert etwas, das mir einen ganz schönen Schock versetzt. Beim Spaziergang hält Lily an, um einen Haufen zu machen. Doch was kommt da raus? Etwas Weiches, Bleiches. Ein Stück ihres Enddarms? Nein, es ist ein Finger eines Latexhandschuhs, den wohl die Inneneinrichter letzte Woche bei uns liegengelassen haben. Ich ziehe ihn langsam raus (als Hundebesitzer darf man nicht zimperlich sein). Kaum ist Lily den Gummihandschuh los, hellt sich ihre Stimmung enorm auf. Rasch kehrt ihr Hunger zurück, und die morgendliche Hand-Fütter-Lektion wird ein voller Erfolg. Schon bald machen meine Hunde Sitz und Platz, legen sich auf Befehl hin, gehen rückwärts und vorwärts und holen Stöckchen. Schlaf und ein verdauter Handschuh haben Wunder bewirkt.

Allerdings gibt es nun eine neue Schwierigkeit. Violet hat sich mit John verbündet. Bei ihm führt sie sich tadellos auf. Bei mir ist es dagegen hoffnungslos. Kaum ist er außer Sichtweite, ist sie untröstlich. Sie starrt ihm mit sehnsuchtsvollem Blick nach und hat keine Augen für irgendwas anderes. Für einen Mann würde diese Verräterin alles tun.

Wie anfänglich befürchtet, ist meine Unterkunft eine einzige Slumbehausung. Jedenfalls müssen die anderen nicht auf dem Boden herumkriechen, wenn sie sich mal eine Tasse Tee machen wollen. Und die braucht man ab und an, bei dem was hier alles los ist. Eine Veranstaltung jagt die nächste: Prüfungen, Preisverleihungen, Laufen ohne Leine, Wendigkeits- und Gehorsamkeitstraining, Hundeyoga – und was es an Kursen, Aktivitäten und Demonstrationen sonst noch so gibt.

Nächstes Mal mit Luxuszelt

Wir halten drei Nächte und vier ganze Tage durch, dann müssen wir leider nach Hause zurück. Leider, weil wir kurz vor Ende des Aufenthalts an der Sache Gefallen gefunden haben. Mit einem Luxuszelt im Versailles-Stil hätte ich noch Wochen lang bleiben können. John schwebte sowieso im siebten Himmel. Was also hat das Trainigslager mir und meinen beiden Hunden gebracht? Um es in Dima Jeremenkos Worten zu sagen: „Man kann das Verhalten eines Hundes, nicht aber seinen Charakter ändern. Das will man doch aber eigentlich auch gar nicht, oder? Man korrigiert einfach ein Problem und ersetzt es durch eine gute Angewohnheit.“

Bloß nun, da wir wieder zu Hause sind, muss es ohne Jerememko gehen. Und es scheint auch zu funktionieren. Meine Hunde sind ruhiger geworden. Sie stürzen nicht mehr plötzlich auf andere los, zerren nicht mehr an der Leine und knurren nicht mehr. Als ich sie zusammen mit meiner Freundin Rosemary Gassi führe, sagt sie hinterher doch glatt: „Das war ja richtig nett“. Na, wenn das nichts ist. Ich sollte mir wohl ein gutes Zelt kaufen. Für nächstes Jahr.

Übersetzung der gekürzten Fassung: Zilla Hofman

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05:00 24.09.2009
Geschrieben von

Michele Hanson, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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