Springt der Funke über?

People Power Afrika wäre reif für Umbrüche nach dem Muster der arabischen Aufstände. Das Hindernis? Die ethnischen Zersplitterung, meint Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai

Seit dem Beginn der Aufstände gegen die autokratischen Machthaber Nordafrikas und des Nahen Ostens bin ich immer wieder gefragt worden, ob so etwas auch in den Ländern südlich der Sahara möglich sei. Auf den ersten Blick scheint die Situation dafür reif – auch viele Länder südlich der Sahara haben tagtäglich mit den Folgen schlechter Regierungsführung, wirtschaftlicher Stagnation, entmenschlichender Armut und ungezügelter Menschenrechtsverletzungen zu kämpfen.
Für Außenstehende ist es schwierig zu ergründen, was für die Menschen vor Ort letzten Endes den Ausschlag gibt, was das Fass zum Überlaufen bringt und dafür sorgt, dass sie sich gegen ihre Regierung erheben. Man darf auch nicht dem gefährlichen Trugschluss verfallen, dass Revolutionen, die zur gleichen Zeit stattfinden, die gleichen Ursachen haben müssen. Anhand einiger Faktoren können kann aber teilweise erklärt werden, warum sich im Norden so viel regt, und es verglichen damit im Rest des Kontinents bislang so ruhig geblieben ist.

Ethnische und sprachliche Differenzen

Der erste Faktor besteht in der Vorstellung der Nation selbst – zusammen mit einer regionalen Identität. Da die überwiegende Mehrheit der nordafrikanischen und nahöstlichen Bevölkerung Araber sind, führen die ethnischen, sprachlichen, religiösen und kulturellen Beziehungen zu einem gewissen Grad an Solidarität über die Grenzen des Nationalstaats hinweg. Dennoch ist das Denken der meisten Menschen nicht entlang ethnischer, sondern nationaler Orientierungspunkte ausgerichtet. Der Fernsehsender al Jazeera stellt eine Fülle von Informationen bereit und macht die Nachrichten aus einem Land quasi unmittelbar in der ganzen Region bekannt.

Viele junge Leute sind gut ausgebildet und begierig darauf, sich Gehör zu verschaffen. Auf dem Tahrir-Platz waren Sprechchöre zu hören: „Wir sind alle Ägypter“, unabhängig davon, woher die Leute im einzelnen kamen, unabhängig von ihrem sozialen Status und ihrer Religionszugehörigkeit. Dieses Gefühl der nationalen Identität war ein wesentlicher Grund für ihren Erfolg.

In vielen Ländern südlich der Sahara mangelt es an dieser Identifikation mit der Nation. Während der Kolonialzeit und auch danach wurden die ethnischen und sprachlichen Unterschiede in der Bevölkerung von den Regierenden ausgenutzt, um diese zu spalten und der eigenen Gruppe den Machterhalt zu sichern. Daher ist in vielen Ländern auch heute noch die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe ein stärkeres Band als die nationale Identität.

Ein zweiter wichtiger Faktor besteht in der Rolle des Militärs. Die Entscheidung der ägyptischen Armee, nicht auf die Demonstranten zu schießen, war entscheidend für den Erfolg der Februar-Revolution. Leider können wir ein solches Verhalten in vielen afrikanischen Ländern südlich der Sahara nicht erwarten, wo Armee und Polizei zumeist verhasst sind und eher destabilisierend wirken. Häufig werden Soldaten von den Machthabern direkt angeheuert, bezahlt und befördert, so dass deren oberste Loyalität nicht der Nation gilt, sondern ihrem Geldgeber.

Der Informationsfluss fehlt

Hinzu kommt, dass die Mehrheit der Armeeangehörigen aus der ethnischen Gruppe rekrutiert sein dürfte, der auch der Präsident angehört, besonders wenn dieser schon viele Jahre im Amt ist. Da es unwahrscheinlich ist, dass der Stamm des Soldaten geschlossen auf die Straße geht, um zu demonstrieren, dürfte es ihm entsprechend leichter fallen, auf Demonstranten zu schießen. Ein tragischer Nachweis dieses Umstandes wurde vor Wochenfrist in der Elfenbeinküste erbracht, als unbewaffnete Frauen, die ihre Meinung zu den umstrittenen Wahlen zum Ausdruck brachten, von Soldaten niedergemäht wurden, die dem noch amtierenden, aber abgewählten Präsidenten die Treue halten. Dies war nicht nur eine klare Menschenrechtsverletzung, sondern auch ein weiterer Beleg dafür, wozu Staatschefs fähig sind, wenn es darum geht, ihre Macht zu erhalten.

Ein dritter Faktor ist der Informationsfluss. Die geographische Nähe Nordafrikas zu Europa und der Umstand, dass viele seiner Bewohner ins Ausland reisen oder dort studieren können, hat sie anderen Einflüssen ausgesetzt und ihren Horizont erweitert. Viele haben Zugang zu der neuesten Technologie und können sich über das Internet organisieren. Für die Menschen südlich der Sahara trifft das kaum zu. Entweder werden die Medien vom Staat kontrolliert oder die unabhängigen Stimmen haben so große Angst davor, Ärger zu bekommen, dass sie sich selbst zensieren. Entsprechend schwer ist es für gewöhnliche Bürger, das Handeln ihre Regierung zu beurteilen und abzuschätzen, welche Macht sie hätten, wollten sie sich entschlossen zusammentun.


Schließlich neigen unsere Leute zur Toleranz gegenüber schlechter Regierungsführung und fürchten ihre Führer, weil sie sich selbst für machtlos halten. In Nordafrika haben in diesem Jahr genügend Leute diese Angst abgelegt – die Angst, ihre Arbeit und ihr Eigentum zu verlieren, drangsaliert und eingesperrt, gefoltert oder sogar getötet zu werden. Solange diese kritische Masse nicht auch in den Ländern südlich der Sahara erreicht wird, ist es unwahrscheinlich, dass sich auch hier die Art von "people power" entwickelt, die wir gegenwärtig im Norden erleben.

Dennoch dürften viele Machthaber südlich der Sahara die Ereignisse mit großer Aufmerksamkeit verfolgen und sich fragen, ob sich nicht auch ihre Bevölkerung gegen sie erheben könnte. Einige werden präventiv einige (möglicherweise kosmetische) Reformen durchführen, um die Bevölkerung zu besänftigen, andere sind vielleicht zu weitreichenderen Schritten bereit. Eine Lektion, von der ich hoffe, dass sie von allen verstanden wird, besteht in der Einsicht, dass es besser ist, sein Amt als respektierte Persönlichkeit zu verlassen, als zu riskieren, dass man von den eigenen Leuten aus dem Amt gejagt und beleidigt wird.

Auch wenn die übers Internet organisierten Demonstrationen für mehr Demokratie, die diese Woche in der angolanischen Kapitale Luanda stattgefunden haben, von den Sicherheitskräften aufgelöst wurden und den Demonstranten von einem führenden Vertreter der Regierungspartei mit scharfen Repressalien gedroht wurde – eine Taktik, die man seit Jahren in afrikanischen Ländern beobachten kann –, ändert dies nichts an der Tatsache, dass die Leute einen Grund haben, unzufrieden zu sein. Sie sind unzufrieden damit, wie sie regiert werden, und haben bereits auf andere Art und Weise versucht, einen Wandel herbeizuführen, damit aber nichts bewirkt.

Der Mut der ivorischen Frauen

Es weht ein frischer Wind der Veränderung. Er weht auch in Richtung Süden und wird nicht für immer unterdrückt werden können. In der Elfenbeinküste marschierten am Internationalen Frauentag trotz der brutalen Übergriffe in der Vorwoche Hunderte von Frauen zu dem Ort, an dem ihre Mitstreiterinnen getötet wurden – eine eindeutige Demonstration dafür, dass langsam, aber sicher auch der Süden seine Angst ablegen und die Macht seiner Diktatoren infrage stellen wird. Der Mut der ivorischen Frauen wird anderen ein Beispiel sein und diese inspirieren.

Schließlich wird auch die Informationslücke geschlossen werden: weltweit zu empfangende Sender wie Al Jazeera und CNN sowie Mobiltelefone, die in ganz Afrika zu haben sind, ermöglichen eine umgehende Weitergabe von Informationen. Es besteht kein Zweifel daran, dass die im Süden mitverfolgen, was im Norden vor sich geht.
Durch Konflikte und Kriege können Afrika und alle seine Völker nur verlieren. Es wäre um so vieles besser, wenn der Kontinent erwachen und die Revolutionen sich in freien und fairen Wahlen an der Wahlurne vollziehen würden – anstatt mit Panzern und Gewehrkugeln.

Wangari Maathai erhielt 2004 als erste afrikanische Frau den Friedensnobelpreis

Übersetzung: Holger Hutt
16:50 10.03.2011
Geschrieben von

Wangari Maathai | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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