Stehendes Wasser, ­stinkende Tiere

Pakistan Zurückkehrende Pakistani wollen den verlorenen Faden des Lebens wieder aufnehmen, aber oft müssen sie feststellen, dass von ihren Häusern nur Schlammhügel blieben

Sirajuddin starrt auf das seichte, schmutzige Wasser zu seinen Füßen. Er ist zurück in seinem Dorf, um zu retten, was noch zu retten ist. Aber da ist nichts, rein gar nichts. „Hier stand unser Haus“, sagt der 30Jährige und deutet aufs Wasser. Bevor die große Flut kam, standen im Dorf Drab Korona im Nordwest-Distrikt Charasadda 120 Häuser. Übrig geblieben sind die Moschee, zwei Schulen, die eine oder andere Steinwand. Drab Korona sieht aus wie ein verschlammter Müllplatz: ein Stillleben der Überreste einstigen Lebens. Mit einer krustigen Schlammschicht überzogene Möbel und Dachsparren, die andeuten, wo Häuser standen.

Sirajuddin hat mit seiner Frau, vier Kindern und zwei Brüdern in einem Haus mit drei Zimmern gewohnt. Lediglich ein paar verdorbene Ähren erinnern dort noch an sein Getreidelager. Sie kauften das Haus vor sechs Jahren für 140.000 Rupien (etwa 1.317 Euro). Das Geld war von Verwandten geliehen, die sich nun gedulden müssen.

„Jetzt haben wir nicht einmal etwas zu essen. Wie sollen wir da das Haus wieder aufbauen?“, fragt er. Man wohne bis auf weiteres im Zelt. „Unsere Verwandten geben uns zu essen. Aber wie lange noch?“

In brütend schwüler Hitze ist die Luft angefüllt mit dem stechenden Geruch verfaulenden Fleischs, der einem den Magen umdreht. Die meisten Rinder sind ertrunken, ihre verwesenden Kadaver irgendwo unter Schutt und Schlamm begraben. Stehendes Wasser und tote Tiere haben Drab Korona in eine Brutstätte für Keime und Erreger verwandelt.

Geld und Gold

Ein paar Meter weiter sucht der 18 Jahre alte Aman Gul den verlorenen Faden des Lebens wieder aufzunehmen. Er trägt ein langärmliges Unterhemd und die traditionellen weiten Hosen. Das Haus seiner Eltern hatte vier Zimmer und war aus Schlamm gebaut. 17 Menschen, auch der Großvater, hätten darin gelebt. Beim Versuch, in aller Eile dem bereits bis zur Schulter stehenden Wasser zu entkommen, ertranken die Schwestern seiner Mutter. Guls Vater gelang es, die Kinder zu retten. Eine der umgekommenen Tanten trug die Ersparnisse der Familie bei sich, etwa 350 Pfund und etwas Gold. Sechs Tage später fanden sie ihren Leichnam. Von Geld und Gold keine Spur.

Auch Guls Familie lebt nun in einem Camp auf der nahegelegenen Nowshera Hauptstraße neben der stillgelegten Flying Craft Papierfabrik, in der einst viele Dorfbewohner Arbeit fanden. Sie bleiben vorerst auf Spenden von Leuten aus der Stadt angewiesen, die mit ihren Autos kommen, um Hilfsgüter zu verteilen – dieser Tage erst spät abends, kurz vor dem Fastenbrechen. Trotz der großen Not befolgen alle Erwachsenen die Regeln des Ramadan.

Ein paar Engel

Das an Drab Korona angrenzende Dorf Fakirabad Majoki war vor der Flut ein wenig wohlhabender. Etwa 100 auf einer Anhöhe gelegene Häuser, viele davon aus Ziegeln erbaut. Um Geld zu sparen, hatten die Bewohner für den Mörtel Schlamm statt Zement verwendet, um die Steine zu binden. Als die Flut kam, lösten sich die Gebäude förmlich auf. Und Erdhügel blieben übrig. Im Gegensatz zu Drab Korona, das heute ein Ödland ist, leben in Fakirabad Majoki wieder einige Bewohner. Alte Männer knien betend und Tabak kauend in der Moschee, der das Wasser nichts anhaben konnte. Auch Farman Alis Haus hat den Ansturm überstanden, aber die Einfriedung ist beschädigt. Er hat ein Zelt auf seinem Grundstück aufgeschlagen, in dem er mit sieben Kinder schläft. Vor Jahren tauschte Ali die ursprünglichen Schlamm- gegen Ziegelwände. Da war er noch bei den staatlichen Elektrizitätswerken beschäftigt. Doch dann ging er Anfang des Jahres vorzeitig in Pension, zunächst ohne Rente. Jetzt ist sein Haus leergefegt.

„Ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Wir vertrauen auf Allah. Er wird etwas tun. Vielleicht schickt er ein paar Engel.“

Inmitten des Fatalismus, der manche befallen hat, hegen die Menschen eine große Wut auf die Behörden, besonders auf die Provinzregierung, die von der säkularen Awami National Party (ANP) gestellt wird. Obwohl Charasadda eigentlich das Stammland der Partei ist, entwickeln die Menschen in Fakirabad Majoki plötzlich Sympathien für die moderate Islamist Party des früheren Premiers Nawaz Sharif und die Taliban freundliche Jamiat Ulema-e-Islam, die ihnen zu Hilfe gekommen sei oder zumindest Anteilnahme gezeigt habe. „Die ANP ist nicht hier, sie existiert für uns nicht“, sagt der 55-jährige Hameedullah. „Asfandyar (Wali Khan, der ANP-Führer – die Red.) hat nicht her gefunden, nicht einmal in seinen eigenen Bezirk. Sollte ich ihn treffen, werde ich zum Selbstmordattentäter, um ihn zu töten.“

Saeed Shah berichtet als Sonderkorrespondent des Guardian aus Pakistan

Übersetzung: Holger Hutt

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10:51 06.09.2010
Geschrieben von

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