Steigen Sie mal ab, Sir!

William & Kate Ganz Großbritannien ist im royalen Taumel. Beste Gelegenheit, um die Probleme der Klassengesellschaft unter den königlichen Teppich zu kehren. Aber nicht mit Tanya Gold!

England sitzt im Morast einer feudalen Nostalgie fest. Egal, welchen Kopfschmuck Catherine Middleton auch immer tragen wird – mir tun die beiden jetzt schon leid. Auch wenn ein Großteil des Unfugs auf das Konto der Medien und der Industrie geht, können nicht einmal die Kate-and-William-Sex-Toys darüber hinwegtäuschen, dass das ganze Spektakel zutiefst undemokratisch und inhuman ist. Kate und William sind Menschenopfer, und sie wissen das auch. Er sieht mit jeder Minute härter aus, sie dagegen sinkt buchstäblich in sich zusammen.

Natürlich wird die Chose vorübergehen, aber es fällt schwer, den Schluss zu vermeiden, dass mit dieser Hochzeit etwas anderes manifestiert wird, das weiterexistieren wird, auch wenn die Kameras wieder aus sind. Es war in der Rede gegenwärtig, die der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, vergangene Woche gehalten hat. Dass er in die Gruppe der Strickpuppen von Knit Your Own Royal Wedding (Ivy Press, £9.99) mit aufgenommen wurde, hat ihm ganz offensichtlich den Kopf verdreht.

Menschliches Schlamassel

Er schlug vor – als Ersatz für jegliche ernsthafte Debatte über soziale Gerechtigkeit –, die Eliten sollten sich im sozialen Bereich engagieren. Genau dasselbe erzählt unser Premier Cameron schon seit er im Amt ist, nichts anderes meint sein Big-Society-Gedöns. (Gegenwärtig quält Cameron allerdings die viel wesentlichere Frage, ob er zur Hochzeit einen Cutaway tragen soll – die Geschichte ist so voll mit nuancierten Merkmalen einer Klassengesellschaft, dass sie eigentlich eine eigene Serie verdient hätte ...)

Aber Williams ist in seiner Rede noch viel weiter in das Terrain der abgedroschenen Stammtischweisheiten vorgedrungen. Forderungen, wie er sie in der Sendung Thought For the Day auf Radio 4 der BBC stellte, gibt man normalerweise zwischen dem Genuss einer Flasche Gin und dem Verzehr eines Döner Kebabs von sich. Entsprechend gering war das Medienecho. Genau deswegen sind sie es aber wert, an dieser Stelle zitiert zu werden: „Wie wäre es mit einem neuen Gesetz, das alle Kabinettsmitglieder, Vorsitzenden politischer Parteien, Zeitungsredakteure und die hundert erfolgreichsten Geschäftsleute des Landes dazu verpflichten würde, jedes Jahr ein paar Stunden bei der Essensausgabe einer Grundschule mitzuarbeiten“, fragte er. „Oder wenn sie Bäder in einer Wohnsiedlung putzen müssten?“ (Idealerweise sollten hierauf ein Schluckauf, ein Furz und das Geräusch eines aus dem Bett fallenden alten Manne folgen).

All dies, so Williams, würde die Elite an ihre eigentliche Aufgabe erinnern, nämlich „die einfachen Leute zu achten und sich um diese zu kümmern.“ Sie sollten etwas von dem „Chaos und dem menschlichen Schlamassel“ erfahren und in sich aufnehmen, so der Würdenträger weiter.

Sehen wir einmal für einen Augenblick darüber hinweg, dass der Erzbischof seine Herde – vermutlich lässt er die königliche Familie hierbei außen vor – als „menschliches Schlamassel“ betrachtet. Auch auf die Vorstellung, wie sich unsere Regierungsvertreter in der Schulkantine und beim Putzen machen würden, will ich hier nicht näher eingehen – wahrscheinlich würde man sie wieder nachhause schicken.

Williams Bemerkungen bestätigen, dass die sozialen Rechte der Bevölkerung vor unser aller Augen immer weiter ausgehöhlt werden. Er bietet uns eine strunzdumme Lösung an, ohne wirklich ein Problem mit dem Problem zu haben. Auf heuchlerische Weise offenbart er die Existenz einer unverrückbaren Elite in einer Gesellschaft, in der die soziale Mobilität und Durchlässigkeit zum Stillstand gekommen sind – real ebenso wie im kulturellen, also ideologischen Diskurs.

Im Fernsehen laufen Klassenpornos

Wir wissen ja, dass es sich bei unserer Regierung um einen Haufen alter Eton-Absolventen handelt – eine Beobachtung, die ihre Verbündeten in den Medien immer prompt die Schlagzeile „Klassenhass!“ in die Tastatur tippen lässt – jemandem, der noch nie Mangel erfahren hat, fällt es schwer, diesen bei jemand anderem zu erkennen. Auf unseren Fernsehkanälen laufen Klassenpornos wie Downton Abbey und Upstairs Downstairs – internationale Erfolge, die die Klassengesellschaft nicht kritisieren, sondern vielmehr rechtfertigen, indem sie den Anschein erwecken, diese diente den Besitzlosen und nicht denen an der Spitze.

Und was fällt unserem Erzbischof dazu ein? Schickt die Elite für einen Tag in die Niederungen der Armut hinab, damit sie sehen, wozu sie ihre Macht eigentlich inne haben, damit sie mit vor Erstaunen weit aufgerissenen Augen in die Kameras blicken und den König Lear geben können – eine beschissenere Osterbotschaft könnte man sich kaum ausdenken. Die soziale Frage ist eine Frage von Rechten und nicht von Almosen, zu denen sich der Vorstandvorsitzende irgendeiner Bank herablässt, nachdem man ihn für ein paar Stunden in irgendein Loch gesteckt hat, um sein soziales Gewissen zu aktivieren.

Und was für eine Beleidigung für Pflege- und Reinigungskräfte, sie zu Heiligen zu verklären, die den Mächtigen bebringen, wie man Gnade walten lässt, anstatt sie als Berufsgruppe zu sehen, die bessere Löhne und Arbeitsbedingungen verdient? Wie abstoßend, Wohnsiedlungen als Themenparks in Sachen Armut zu Nachhilfezwecken für die Oberschicht zu behandeln. Die Verherrlichung der Armut in Zeiten wieder stärker um sich greifenden Elends ist nur eines: reaktionär. Adel verpflichtet heißt es nun wieder – wie sind wir nur so lange ohne das ausgekommen?

Übersetzung: Holger Hutt

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18:10 28.04.2011
Geschrieben von

Tanya Gold | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

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