Stillen bis die Glocken läuten

Kindeswohl Die WHO empfiehlt "zwei Jahre oder länger" – manche wollen nie damit aufhören: Wer legt eigentlich fest, wie lange Kinder gestillt werden dürfen? Eine Streitschrift schlägt Wellen

Es gibt wohl kaum einen Akt mütterlicher Fürsorge, der auf die Öffentlichkeit so provokant wirkt wie das Stillen eines Kindes jenseits des Babyalters. Als ich in meinem Bekanntenkreis erzähle, dass ich Ann Sinnott treffen werde – eine Mutter, die ihre Tochter sechs Jahre lang gestillt und nun ein Buch darüber geschrieben hat – reichen die Reaktionen von leicht angewiderten Grimassen bis zu offen ausgesprochenem Ekel. Hätte ich gesagt, ich träfe eine Frau, die davon überzeugt sei, man müsse Kinder anschreien und ihnen den Hintern versohlen, hätte die Ablehnung kaum größer sein können.

„Da geht es doch ganz offensichtlich um ihre eigenen Bedürfnisse und nicht um die des Kindes“, erklären einige Mütter. Andere führen die sexuelle Komponente ins Feld: „Wahrscheinlich turnt sie das an.“ Mein siebenjähriger Sohn (der bis zum Alter von sieben Monaten leidenschaftlich gern gestillt wurde) hat ebenfalls eine klare Meinung: „Igitt. Stell dir mal vor, ich würde von der Schule nach Hause kommen und sagen „OK, Mama, kann ich jetzt an deiner Brust nuckeln?“ Das ist echt abartig.“

Abartig oder nur ungewohnt?

Wenn uns das abartig vorkommt, so argumentiert Sinnott, dann nur, weil es für uns ungewohnt ist. Wann haben Sie zuletzt eine Mutter gesehen, die im Park einem Achtjährigen die Brust gibt? Zumindest in der Öffentlichkeit macht das niemand. „Kinder haben aber noch keine kulturelle Prägung“, meint Sinnott. „Ihr biologischer Instinkt ist noch intakt.“ Diesem Instinkt entspreche, dass wir so oft und so lange wie möglich von der Brust der Mutter trinken wollen – sei es nun zwei oder acht Jahre lang. In anderen Kulturen, so Sinnott, gelte es als vollkommen normal, diesem Bedürfnis nachzugeben. In Grönland würden Drei- und Vierjährige noch gestillt, auf Hawaii stille man Kinder bis zum fünften Lebensjahr, bei den Inuit sei es normal, den Kindern noch mit sieben die Brust zu geben.

Es gibt eine ganze Reihe von Forschungsberichten, die zu dem Ergebnis gelangt sind, dass langes Stillen von Vorteil ist. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, „mit angemessener ergänzender Nahrung“ zwei Jahre oder länger zu stillen. Wie aber ist das Schlüsselwort „länger“ gemeint? Bislang gibt es keine medizinischen Studien, die besagen, dass es gesünder ist, länger als zwei Jahre gestillt zu werden. Die WHO sagt dazu: „Wir wissen es nicht. Es gibt weder Beweise dafür, noch dagegen.“

Sinnott ist eher der Typ nette Tante, keine Kampf-Stillerin

Ich frage mich, was für eine Frau Sinnott wohl ist. Ihr Buch beruht auf ausgiebiger Recherche und sie argumentiert sehr durchdacht, wenn auch etwas missionarisch. Teilweise geht sie ganz schön in die Defensive, etwa wenn es um die skeptische Meinung zweier Kinderpsychologinnen geht. Es klingt, als sei sie fanatisch und verstünde keinen Spaß, wenn es um das Thema Stillen geht. Doch dem ist nicht so. Sie ist älter, als ich erwartet hätte. Ende Fünfzig, mit rotbraunem, graumeliertem Haar, spricht mit einem leichten irischen Einschlag und arbeitet Teilzeit als Verwalterin an der Uni. In ihrem schwarzen Samtoberteil und einer Perlenkette um den Hals sieht sie eher wie eine nette Tante, denn wie eine Kampf-Stillerin aus.

Wir schlürfen heiße Schokolade, während sie sehr warmherzig über ihre einzige Tochter plaudert, die inzwischen 18 ist und in Oxford Geschichte studieren will. „Als Maeve zwei Jahre alt war, fand ich die Vorstellung, eine Fünf- oder Sechsjährige zu stillen grauenhaft“, erzählt sie mir. „Aber dann sprach ich mit einem ehemaligen Kollegen darüber, der mir erzählte, er sei gestillt worden, bis er etwa acht Jahre alt war. Das öffnete mir die Augen.“ Sinnott schloss sich einer Selbsthilfegruppe für Langzeitstillende an. Sie suchte Unterstützung, denn ihr war bewusst, dass ihr Verhalten nicht der Norm entsprach.

Sie war von Anfang an eine alleinerziehende Mutter, die sich voll und ganz den Bedürfnissen ihrer Tochter widmete. „In den ersten drei Jahren gingen die Tage und Nächte einfach so ineinander über. Es war herrlich. Sie trank, wann immer sie das Bedürfnis dazu hatte. Als sie älter wurde, etwa mit drei Jahren, war sie körperlich äußerst kräftig. Ich erinnere mich daran, wie Verwandte sich wunderten, dass sie wie ein Vögelchen aß und trotzdem so kräftig aussah.“ In ihrer Stimme schwingt Stolz mit.

Hinter verschlossenen Türen

Je länger sie stillte, desto mehr Frauen jeglichen Alters und aus allen Schichten begegneten ihr, die sehr diskret ältere Kinder noch jenseits des Grundschulalters stillten. Auch wenn sie überzeugt ist, dass die Anzahl der Langzeitstillenden wächst, so sagt sie auch, dass die Frauen es nur hinter verschlossenen Türen tun, da sie Angst haben, ihr Verhalten würde falsch ausgelegt werden.

Was auch immer der Grund dafür sein mag, den meisten ist der Gedanke an eine Mutter, die ein älteres Kind stillt, peinlich und er erfüllt sie mit Unbehagen. Ich frage mich, ob Sinnott der Ansicht ist, dass es eine Obergrenze geben sollte. Angenommen, Maeve käme von der Universität nach Hause und hätte ab und zu Lust auf die Brust, was dann? Wie es sich so traf, entschied Maeve jedoch im Alter von secheinhalb Jahren, dass sie nicht mehr gestillt werden will. Hätte Maeve weiter gerne die Brust bekommen, so Sinnott, dann hätte sie ihr diesen Wunsch liebend gern erfüllt. „Ich würde kein vorschnelles Urteil fällen“, sagt sie und verweist auf das Beispiel einer Frau, auf die sie im Zuge ihrer Recherche stieß, die ihre Tochter noch mit Anfang zwanzig „säugte“ um ihr „Geborgenheit“ zu geben, als sie unter einem schmerzlichen Verlust litt.

Verwirrende Intimität

Was aber, wenn die Kinder ab einem gewissen Alter verwirrt sind durch die körperliche Intimität des Stillens? „Nein, nein“, beharrt Sinnott. „Ich bin mir sicher, dass das Stillen kein sexueller Akt ist. Ich betrachte es sowieso nicht als „intim“. Wenn ich Sie jetzt umarmen würde, dann wäre das doch nicht weniger intim.“ Ich äußere meine Zweifel, dass es dasselbe sei, ob man eine Frau in den Arm nimmt, oder ihre Brustwarze in den Mund, aber sie will den Unterschied nicht anerkennen.

Sie sei erstaunt gewesen, dass 18 der 181 Frauen, die sie für ihre Studie befragte, angaben, „dass ihre Empfindungen beim Stillen möglicherweise sexuellen Gefühlen gleichkämen“. Vielleicht, so überlegt sie, sei das Teil eines „Belohnungssystems“. Oder, um es anders zu sagen, die Art der Natur sicherzustellen, dass die Frauen stillen, weil es ihnen körperliche Freude bereitet.

Die Krankenpflegerin Stephanie Heard stillte ihre Zwillinge bis sie sechs Jahre alt waren. „Sie waren sehr stolz und haben es genossen“, sagt Heard. „Das war bei uns nie ein Tabuthema und als sie beschlossen aufzuhören, haben sie das unter sich ausgemacht. Kizzy sagte eines Tages, sie wolle kein Dee-Dee mehr, so nannten wir das Stillen. Jenna sagte dann „Kann ich dann deine Seite haben?“ Aber kurz darauf entschieden sie beide „Wir wollen kein Dee-Dee mehr“ und das war es dann. Es war nichts anderes, als wenn ein Kind aufhört, am Daumen zu lutschen oder ein bestimmtes Stofftier nicht mehr braucht.“

Wer bestimmt, wann Schluss ist?

Die moderne Erziehungslehre würde hingegen argumentieren, dass die Eltern und nicht die Kinder die Grenzen setzen sollten und dass eine Mutter weniger körperliche Wege finden muss, um den Bedürfnissen ihres Kindes zu begegnen.

„Langzeitstillen ist nicht unbedingt ergiebig“, meint die Kindertherapeutin Louise Emanuel, die in der Tavistock-Klinik in London die Abteilung für unter Fünfjährige leitet. Ich glaube, dass sowohl Eltern, die besonders kurz stillen als auch Eltern, die sehr lange stillen, die gleichen Schwierigkeiten haben.“ Kurz gesagt: Beide wissen nicht so richtig, was ihr Kind von ihnen braucht. „Es ist die Aufgabe der Eltern, ihren Kindern beizubringen, wie sie ohne die dauernde physische Präsenz der Eltern klarkommen. Sie müssen das Gefühl bekommen, dass ihre Eltern für sie da sind, auch wenn sie physisch gerade nicht greifbar sind.“

Langzeitstillende sind vom Gegenteil überzeugt. Sie glauben, dass Kinder, die sich nicht zu früh von der Mutter abnabeln müssen, später ein stärkeres Unabhängigkeitsgefühl entwickeln. Eine 50-jährige zum Beispiel erzählt von ihrem Sohn, der sagte, er würde gerne für immer weitermachen. „Ich erinnere mich daran, wie ich ihn fragte „Was meinst du, wann möchtest du wohl aufhören?“ worauf er antwortete „Wenn ich heirate.“ Einmal sagte er sogar „Wenn du tot bist, dann werde ich aufhören.“ Doch mit acht hörte er dann von alleine auf.

Stillen für den Weltfrieden

Solange Sinnott von ihren eigenen Erfahrungen erzählt, klingt sie durchaus überzeugend. Wenn sie davon auf die Allgemeinheit schließt, sieht es anders aus: „Sehen Sie doch nur, was wir der Welt für Schäden zufügen, all die Katastrophen. Natürlich ist es zu vereinfachend, wenn man sagt, das Stillen sei die Antwort auf alle gesellschaftlichen Missstände. Aber ich bin mir sicher, dass wir es schon bald in dieser Hinsicht als eine wichtige Komponente anerkennen werden.“

Da bin ich dann doch eher von dem Argument einer Mutter überzeugt, die ihr Baby mit vierzehn Monaten abstillte, schlicht und einfach weil sie fand, „wenn ein Kind alt genug ist, um dir durch das Zimmer entgegenzulaufen und darum zu bitten, dann ist es an der Zeit aufzuhören“.

Breastfeeding older children. Ann Sinnott. 350 Seiten. Free Association Books 2009

Übersetzung der gekürzten Fassung: Christine Käppeler

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Ihre Freitag-Redaktion

16:53 11.01.2010
Geschrieben von

Emma Cook, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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