Störung im Betriebsablauf

IWF Auf der Suche nach einem Nachfolger für Strauss-Kahn sollte der IWF nach China oder Indien schauen und so der Veränderung der weltwirtschaftlichen Balance Rechnung tragen

Die Anschuldigungen gegen Dominique Strauss-Kahn haben ein Schlaglicht auf einige der schlimmsten Facetten des britischen Journalismus geworfen. Einige Zeitungen haben die Geschichte einfach ignoriert, vermutlich weil der Internationale Währungsfonds eine weit entfernte Institution ist, über die wir wenig wissen. Die früheren Qualitätszeitungen neigten indessen dazu, in diesem Potpourri aus Hochfinanz und „Halligalli“ zu schwelgen, obwohl der Vorfall eine Anklage wegen eines schweren Sexualverbrechens mit sich bringt.

Ebenso unerfreulich ist die Hintergrundberichterstattung über die Rolle des IWF – als wäre die im Fernsehen übertragene Inhaftierung des IWF-Chefs nichts weiter als eine Unterbrechung der Verhandlungen über ein weiteres Rettungspaket für Griechenland. Am jüngsten halbjährlichen Treffen des IWF nahmen Vertreter von 187 Ländern teil, die im Schneckentempo der Erkenntnis etwas näher kamen, dass sich die ökonomischen Kräfteverhältnisse in der Weltwirtschaft verschieben.
Der Fonds war zuvor übereingekommen, sein Kapital auf 756 Milliarden US-Dollar zu verdoppeln, und eine Reihe schnell wachsender Länder unter der Führung Chinas und Indiens erhöht nun ihren Kapitalanteil, um ihr wachsendes Gewicht in der Weltwirtschaft zumindest eilweise widerzuspiegeln. Dies geht auf Kosten der wesentlich langsameren Ökonomien der alten G7-Gruppe, darunter die USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Kanada, die ihren Kapitalanteil und ihr Stimmrecht vermindert sehen.

Der Washington Consensus ist gescheitert

Zudem ist der vom IWF, der Weltbank und dem US-Finanzministerium unterstützte “Washington Consensus“ nach und nach gescheitert. Er steht für eine missionarische Ideologie, die für ein Ende der Kapitalkontrollen eintrat und sich für niedrigere Staatsausgaben, Privatisierungen sowie verminderte Löhne und Lebensstandards stark machte, um den Wettbewerb anzukurbeln.

Das wiederholte und verheerende Versagen dieser Politik in Afrika, Asien und Lateinamerika focht diese Ideologie wenig an, bis es 2002 zum kostspieligen Ausfall Argentiniens kam. Da der gesamte vorangegangene Zeitraum davon bestimmt war, die Wirtschaftslehren des Washington Consensus zu implementieren, konnte die Schuld nicht auf irgendeine andere Ursache abgeschoben werden: Sie waren spektakulär gescheitert und hatten Argentinien in den Bankrott geführt.

Dies fand während der jüngsten Krise in allen westlichen Ökonomien seinen Nachhall. Der IWF versagte nicht nur darin, die größte Wirtschaftskrise seit der Depression der Dreißigerjahre vorherzusehen. Seine eigenen Parolen der Deregulierung, des freien Kapitalverkehrs sowie der reduzierten Steuern und Regierungsausgaben trugen vielmehr zu ihr bei.

Zumindest zeitweise gaben die meisten westlichen Regierungen diese gescheiterten Allheilmittel auf, einfach um die wirtschaftliche Katastrophe zu verhindern. Der IWF hat seine Position nervös verändert, um sich an die neue Situation anzupassen. In einer aktuellen Publikation rühmt er sich gar, er habe „eng mit Regierungen zusammengearbeitet, um die Sozialausgaben zu schützen und sogar auszudehnen.“

An anderer Stelle haben maßgebliche Untersuchungen des IWF sowohl gezeigt, wie kontraproduktiv Ausgabenkürzungen sein werden, als auch, wie gesteigerte Staatsinvestitionen die Antwort auf die Wirtschaftskrise sein können.

Gescheitert und rückwärts gewandt

Jetzt, da die Stimmung in den G7 wieder niedrigeren Staatsausgaben, Privatisierungen und reduzierten Löhnen zuneigt, könnte dieses neue Denken nicht von Dauer sein. Auf jeden Fall haben die IWF-Auflagen in Westeuropa (mit dem Fonds als Juniorpartner der EU) zu vorhersehbaren Ergebnissen geführt. Wir sehen drastisch gesunkene Wachstumsprognosen für Portugal, Griechenland und Irland und auch für Großbritannien – man braucht keinen IWF, wenn man eine Tory-Regierung hat.

Aber diese Politik ist gescheitert und rückwärts gewandt. Wir haben in Ausnahmezeiten gelebt. Von Anbeginn der Geschichtsschreibung bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren China und Indien meist weit größere Volkswirtschaften als irgendein Land in West-Europa oder die USA. Ihr rapides Wachstum in den vergangenen Jahrzehnten bedeutet, dass sich die Weltwirtschaft auf ihre gewohnte Achse zurück verlagert. Die Zusammensetzung, die Stimmrechte und die Führung des IWF sollten das widerspiegeln. Angesichts des funkelnden Wachstums der chinesischen und indischen Wirtschaft stünde es uns gut an, von einem neuen indischen oder chinesischen IWF-Direktor zu lernen.

Übersetzung: Steffen Vogel

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16:45 17.05.2011
Geschrieben von

Michael Burke | The Guardian

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The Guardian

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