Ashley Clark
Ausgabe 5215 | 06.01.2016 | 06:00

Sun Ras Raum

Afrofuturismus Eine kurze Klärung des Begriffs und fünf Tipps für Filmklassiker über die schwarze Zukunft

Mark Dery prägte den Begriff Afrofuturismus in seinem Essay Black to the Future von 1994 – als ein Wort für Kunstwerke, die „schwarze“ Themen durch die Linsen von Science-Fiction oder Technokultur bearbeiteten. Der Begriff ist seither auf unterschiedliche Weise gefüllt worden. Die Schriftstellerin Ytasha Womack zählt als Bestandteile des Afrofuturismus „Science-Fiction, historische Fiktion, spekulative Fiktion, Fantasy, Afrozentrismus und magischen Realismus auf Basis nichtwestlicher Religionen“ auf, der Hip-Hop-DJ Afrika Bambaataa sagt: „Afrofuturismus ist dunkle Materie, die sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt.“ Und die Konzeptkünstlerin Martine Syms fordert in ihrem Mundane Afrofuturist Manifesto: „Keine interstellaren Reisen – das Reisen beschränkt sich auf unser Sonnensystem, und es ist schwierig, zeitraubend und teuer.“

Gerade in den letzten Jahren erlebt die afrofuturistische Ästhetik einen frischen Schub, mit Leitfiguren wie der Sängerin Janelle Monáe, die ihren Durchbruch 2010 mit dem Album The ArchAndroid hatte. Es gibt aber auch eine starke Tradition des Afrofuturismus, die Derys Begriff vorausging. Dazu zählen die Science-Fiction-Bücher von Octavia Butler und Samuel R. Delany; die Musik von Sun Ra, Parliament Funkadelic, Derrick May und Flying Lotus; die Bilder und Skulpturen von Wangechi Mutu; die subversiven Gemälde von Jean-Michel Basquiat und Chris Ofili; die visionären Graffiti von Rammellzee und die Performances des Chicagoer Künstlers Nick Cave.

Die fünf Meilensteine des afrofuturistischen Films, die ich hier kurz vorstellen möchte, sind so verschieden wie der Begriff offen ist. Ein gemeinsames Thema jedoch verbindet sie: die Übertragung eines schwarzen Lebensgefühls auf alternative und imaginäre Wirklichkeiten – sei es mit fiktiven oder dokumentarischen Mitteln.

Space Is the Place (1974)
Regie: John Coney

Wenn es einen Hauptakteur des Afrofuturismus gibt, dann Sun Ra. 1914 als Herman Poole Blount im von der Rassentrennung geprägten Alabama geboren, wurde er nicht nur als Musiker mit seinem legendären „Arkestra“ berühmt, das Jazz, Big Band, Blues und Proto-Elektronika kombinierte, sondern ebenso als schillernde Kunstfigur, die kosmologische Fantasien mit altägyptischer Mystik verknüpfte. 1971 hatte Ra eine Gastdozentur an der Universität Berkeley inne und bot einen Kurs unter dem Titel African-American Studies 198 an. Diese Vorlesungen, auch als Sun Ra 171, The Black Man in the Universe oder The Black Man in the Cosmos bekannt, bildeten die Grundlage zu Ras einzigem Spielfilm Space Is the Place, veröffentlicht 1974. Darin tritt er in einem kosmischen Kartenspiel gegen einen mächtigen Zuhälter-Gangsterboss in blendend weißem Anzug an (umwerfend ölig verkörpert von Ray Johnson). Und bei diesem Spiel geht es um nicht weniger als das Schicksal der Schwarzen. Es entfaltet sich eine brillant-bizarre Mischung aus Komödie, Konzertfilm und stellenweise haarsträubender Blaxploitation-Ästhetik. Space Is the Place entwirft eine utopische Zuflucht für die Afroamerikaner, enthält aber zugleich eine Reihe ernsthafter und scharfer Kommentare zur Misere junger Schwarzer in der US-Gesellschaft nach dem Abflauen der Bürgerrechtsbewegung.

Blade (1998)
Regie: Stephen Norrington

„Afrofuturismus schafft einen Raum, in dem das Schwarzsein gleichgesetzt ist mit Futurismus, Kybernetik und Superwissenschaft. Das Konzept subvertiert die Stereotype des Unterwürfigen und des Kriminellen.“ So schreibt der Comicforscher Adilifu Nama, und aus dieser Perspektive wird klar, welch immense Bedeutung Wesley Snipes’ Auftritt als Blade im gleichnamigen Film zukommt. Als Mischung aus Mensch und Vampir wird er zum Beschützer der Sterblichen, indem er böse Vampire in zunehmend spektakulärer Weise umbringt. Der packende Science-Fiction-Horror zog bereits zwei Fortsetzungen nach sich und Snipes soll Interesse an einem vierten Teil bekundet haben. Doch das Original bleibt an Kraft und Unterhaltsamkeit bisher unerreicht.

An Oversimplification of Her Beauty (2012)
Regie: Terence Nance

Das Filmdebüt des in New York ansässigen Texaners Terence Nance ist auf den ersten Blick die Geschichte einer unerwiderten Liebe. Aber eigentlich lässt sich diese Montage aus fiktiven und dokumentarischen Kurzfilmen, Heimvideo- und Archivmaterial sowie einer Erzählerstimme aus dem Off gar nicht kategorisieren. Die Inspirationen, die sie zu einer unverwechselbaren neuen Einheit vermengt, kommen aus allen Richtungen: am offensichtlichsten sind Spike Lees She’s Gotta Have It, Jonathan Caouettes Tarnation und Woody Allens Stadtneurotiker. Was aus Nances Film ein Werk des Afrofuturismus macht, sind die psychedelischen Animationen: Auf kühn-komische Weise greifen sie die farbenprächtigen Collage-Arbeiten von Malern wie Romare Bearden, Jacob Lawrence und Barkley L. Hendricks auf, ebenso wie die Plattencover-Kunst von Parliament Funkadelic und Sun Ra oder Zeichentrickfilme wie Fat Albert. Zwar hat Nance nach An Oversimplification of Her Beauty keinen weiteren langen Spielfilm vorgelegt, dafür aber ein brillant verrätseltes, durch und durch afrofuturistisches Musikvideo für die Indie-Band The Dig.

The Last Angel of History (1996)
Regie: John Akomfrah

Geschaffen vom Black Audio Film Collective, das sich mittlerweile Smoking Dogs nennt und immer noch großartige Filme macht, ist The Last Angel of History ein betörender Hybrid aus Sci-Fi-Parabel und Kino-Essay. Als Wegbereiter in Sachen Ästhetik und Dynamik des heutigen Afrofuturismus ist es auch der erste Film, in dem der Begriff selbst erwähnt wird. Fesselnde Interviews mit Musikern, Autoren und Kulturwissenschaftlern – plus Archivaufnahmen – sind verwoben mit der Geschichte eines „Datendiebes“, der auf der Suche nach dem Programm, das den Schlüssel zu seiner Zukunft enthält, durch Zeit und Raum reisen muss. All das summiert sich zu einer seltsamen und mitreißenden Beschwörung an die weltweite schwarze Diaspora, ihre eigenen Geschichten zu entdecken, die aus der offiziellen Erinnerungskultur so lange ausgeschlossen blieben.

Welcome II the Terrordome (1995)
Regie: Ngozi Onwurah

Der Titel ist bei Public Enemy entliehen, der Film ein vergessenes Juwel. Ngozi Onwurah war die erste schwarze Regisseurin aus Großbritannien, die einen Film ins Kino brachte. Der beginnt mit einem Prolog, 1652 in North Carolina: Eine aus Nigeria verschleppte Familie ertränkt sich lieber im Meer, als versklavt zu werden. Dann springt die Handlung in die nahe Zukunft, in einen verrottenden Innenstadt-Slum, wo Drogen, Rassismus und Kriminalität an der Tagesordnung sind und die Polizei brutal gegen die überwiegend schwarzen Bewohner vorgeht. Der schlimmste Quälgeist unter den Cops ist selbst schwarz und hat die Mentalität eines Plantagenaufsehers. Der visuell einfallsreiche und verstörende Film wirft in der Verbindung von quasi-mythischer Vergangenheit und Zukunftshorrorvision Fragen zu dem heutigen Zusammenleben und der Idee von „Fortschritt“ auf.

Info

Auf DVD erhältlich sind Space Is the Place, Blade und An Oversimplification of Her Beauty

Ashley Clark ist Filmjournalist und Kurator

Übersetzung: Michael Ebmeyer

Illustrationen zu dieser Ausgabe

Die Bilder der Ausgabe sind illustrierte Zukunftsvisionen von Klaus Bürgle aus dem letzten Jahrhundert: „90 Prozent waren Forscherwissen, das andere Fantasie und Konstruktion.“ Mehr über den extraterrestrischen Grafiker erfahren Sie im Beitrag von Christine Käppeler

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 52/15.