Süßer Rekordverlust

Guiness-Rekord Aus Heldentaten ist eine Freakshow geworden, aber noch immer wollen viele die Guiness-Rekorde brechen. Ein Guardian-Autor wollte sechs Donuts in drei Minuten essen

Robert Wadlow. Shridhar Chillal. Ethel Granger. Diese Namen waren nur drei auf der langen Liste exotischer Wesen, denen in den Achtzigern meine ganze kindliche Aufmerksamkeit galt. Sie standen für eine Welt voller Wunder und Machenschaften, die jenseits der vier Wände meines Jugendzimmers lag.

Jedes Jahr an Weihnachten packte ich heiß gespannt die neuste Ausgabe des Guinness Buch der Rekorde aus, um zu sehen, welche neuen Namen und welche unglaublichen Heldentaten hinzugekommen waren. Wadlow (der größte Mann der Welt), Chillal (der Mann mit den längsten Fingernägeln der Welt) und Granger (die Frau mit der schmalsten Taille der Welt) waren unangefochten die Guinness-Helden meiner Kindheit und wurden für mich so etwas wie sagenumwobene Legenden, nicht zuletzt, weil die Moderatoren der BBC Kindersendung Record Breakers mit echter Ehrfurcht von ihnen sprachen. Leider wurde die Sendung 2001 nach drei Jahrzehnten eingestellt.

Längste Nase, meiste Zehen, dehnbarster Mund

Wenn ich heute durch die neuste Ausgabe blättere, dann ist das eine nostalgische, aber auch verstörende Erfahrung. Viele Rekorde sind dieselben wie früher, nur dass neue Namen dahinter stehen, wenn sie wieder gebrochen wurden. Aber was mich verstört ist, dass das Buch inzwischen nicht mehr weit entfernt von einer Freakshow ist – die Fotos zeigen den Menschen mit dem behaartesten Gesicht, den mit den meisten Zehen, einen, der so viel verbrannte Haut hat wie kein anderer auf der Welt, den mit der längsten Nase und den mit dem dehnbarsten Mund.

Eine besonders unheimliche Kategorie – die von einem riesigen Foto illustriert wird – ist die der dicksten lebenden Frau der Welt, die ein Kind zur Welt gebracht hat. Das Ganze erinnert mich eher an reißerische Sendungen im Privatfernsehen als an die Informationen, die ich als Kind aufgesogen habe. Es scheint, dass die Dinge etwas extremer und expliziter geworden sind, seit den Tagen, als mich das Foto von Chillals Fingernägeln so beeindruckte, dass ich mich heute noch lebhaft daran erinnern kann. Aber Rekorde müssen naturgemäß übertroffen werden, deshalb ist dieser Fortschritt vermutlich unvermeidlich – insbesondere, da das Brechen von Rekorden heute so beliebt ist wie eh und je.

Über 200.000 Menschen auf der Welt sollen heute am alljährlichen Guinness World Records Day teilnehmen. Er wurde 2003 eingeführt, als das Guinness Buch der Rekorde selbst einen Weltrekord aufstellte: Das meistverkaufte urheberrechtlich geschützte Buch der Welt. Unter den Rekordversuchen, die in Großbritannien in diesem Jahr angemeldet wurden, sind unter anderem „Die kürzeste Zeit in der alle Stationen der Londoner U-Bahn angefahren werden“ (der aktuelle Rekord liegt bei 16 Stunden 44 Minuten 16 Sekunden) und „Das schwerste Straßenfahrzeug, das mit den Zähnen gezogen wird“ (aktueller Rekord: 9,3 Tonnen). Viele Menschen sind dabei, um für eine gemeinnützige Organisation Spenden zu sammeln, aber die meisten werden es allein um der Ehre und des Nervenkitzels willen tun, egal wie esoterisch oder – seien wir mal ehrlich – sinnlos die Kategorie auch sein mag. Auch ich bin in diesem Jahr dabei. Der Rekord, den ich brechen will: Sechs Marmeladen-Donuts in drei Minuten.

Handelsüblich und mit Zucker bestäubt

Wenn man mit einem Schullineal, das man sich von seinen Kindern geliehen hat, in einem Supermarkt marmeladengefüllte Donuts vermisst, dauert es nicht lange, bis das Sicherheitspersonal aufmerksam wird. Keiner hatte mich gewarnt, als ich Guinness World Records mitteilte, dass ich mich an einem neuen Weltrekord in der Kategorie „Die meisten Marmeladen-Donuts in drei Minuten “ versuchen will. (Manche nennen den jamaikanischen Sprinter Usain Bolt als sportliches Vorbild, andere den Leichtathleten Jesse Owens. Ich halte es lieber mit Homer Simpson.)

Alles, was ich dem Mann sagen konnte, der eindringlich in sein Walkie-Talkie sprach, war die Wahrheit: Sechs Zentimeter sind gemäß der strengen Guinness-Regeln der Mindest-Donuts-Durchmesser, der erlaubt ist. Oh, und sie müssen mit Zucker bestäubt und „handelsüblich“ sein. An diesem Punkt schien er nur allzu glücklich zu sein, mir den Weg zu Kasse zu weisen.

Wieder daheim, nahmen die zweifelnden Blicke zu. Ich legte die Donuts auf dem Küchentisch aus und verscheuchte jeden kleinen Finger, der sich den gezuckerten Hindernissen näherte, die zwischen mir und der Ehre, mich Weltrekordhalter nennen zu dürfen, standen.

„Wie viele musst du essen?“ fragte mein Ältester. Lup Fun Yau aus London ist der aktuelle Weltrekordhalter, erklärte ich. 2007 aß er sechs Marmeladen-Donuts in drei Minuten.

„Das ist alles?“

Es war nicht das erste Mal, dass ich diese Reaktion erntete. Und um ehrlich zu sein, ist es auch der Grund, weshalb ich mich für diese Kategorie entschied. Es war die einzige, in der ich mir die entferntesten Chancen ausrechnete.

Weltklasse-Tempo

im Trainingscamp

Zeit für einen Probelauf. Mit einer Stoppuhr in der Hand zählte mein Sohn rückwärts bis null: „Los!“ Ich reiße ein großes Stück aus dem Donut, versuche die Marmelade nicht über mein Kinn tropfen zu lassen. Und dann kaue ich. Und kaue weiter, während ich aufpasse, dass ich nicht meine Lippen ablecke (noch so eine Guinness-Regel). Schließlich rutscht er meinen Hals hinunter, ohne dass ich einen Würgereflex spüren würde.

„Du hast es in 30 Sekunden geschafft!“

Ich bin außer mir vor Freude und so auch mein Publikum, das aus meiner versammelten Familie besteht. Weltklasse-Tempo. Vielleicht kann ich es wirklich schaffen!

Ich versuche noch einen. Dieses Mal kriege ich ihn in 27 Sekunden runter. Das wichtigste ist eindeutig eine gute Technik. Die erste Lektion, die ich lerne: Man sollte niemals das ganze Ding auf einmal in den Mund schieben. Stattdessen muss man kleine, schnelle Bisse nehmen. Und man muss irgendwie den Kopfschmerz ausblenden, der nach einer Minute durch den Zucker ausgelöst wird, wenn man den ersten Donut mit so unnatürlicher Geschwindigkeit verschlungen hat.

Einen Tag später sitze ich an einem Tisch vor einer Donut-Pyramide und dahinter sitzt Marco Frigatti von Guinness. Er geht noch einmal die Regeln durch – Ich muss ihm nach jedem Donut, den ich hinuntergeschluckt habe einen offenen und leeren Mund „präsentieren“ – dann zählt er rückwärts bis null.

Schmerzende Kiefergelenke

Ich stoße unmittelbar auf ein Problem, als ich meine Zähne in den ersten Donut schlage. Diese Donuts sind viel zu altbacken. Innerhalb von zehn Sekunden ist mir klar, dass ich für diesen Donut länger brauchen werde, als für den frischen, den ich bei meinem Probedurchlauf gegessen habe. Es sind Details wie dieses, die entscheiden, ob Rekorde gebrochen werden oder nicht.

Aber ich kämpfe weiter, während Marco mich über meinen Zeitstand und die Anzahl der verdrückten Donuts auf dem Laufenden hält. Nach drei Donuts beginnen meine Kiefergelenke zu schmerzen. Und ich fange an Respekt für Lup Fun Yau zu empfinden, den ich mir während meines „Trainingscamps“ als bösen Erzfeind ausgemalt habe.

Die Zeit ist um und ich habe „nur“ vier geschafft. Marco sagt, dass sei eine gute Leistung: „Die meisten schaffen drei, wenn sie das erste Mal versuchen diesen Rekord zu brechen.“ Ich murmle etwas von „altbacken“ vor mich hin, aber im Endeffekt kann ich nur mir selbst die Schuld geben. Hätte ich mich nur besser vorbereitet und meine Donuts sorgfältiger ausgewählt. Wie es in der Sendung Record Breakers einst geheißen hatte: Nur mit echter Hingabe wird man ein Rekordbrecher.

Übersetzung: Christine Käppeler

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17:45 18.11.2010
Geschrieben von

Leo Hickman | The Guardian

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