Ryan Gilbey, The Observer
19.05.2009 | 17:00

Tarantino, Meister der Trashklasse

Film Von Quentin Tarantino zu erwarten, dass er erwachsen wird, ist so absurd, wie von Wim Wenders die Komödie zu fordern. Eine Würdigung des Machers von "Inglorious Basterds"

Wenn Quentin Tarantino anlässlich der Weltpremiere seines neuen Filmes in Cannes die Stufen des Grand Palais erklimmt, dürfte er ein bisschen das Gefühl gehabt haben, nachhause zu kommen. Hier erhielt er vor 15 Jahren die Goldene Palme für Pulp Fiction. Selbst diejenigen unter uns, die diesen Film nicht für monumental, sondern lediglich für ganz gelungen halten, werden einräumen, dass er einen seismischen Effekt auf alles ausübte, was danach kam. Seine pikant-profanen Dialoge haben die Ohren der Kinogänger neu justiert, und dieser sah, wie seit Godard nicht mehr, dass Gewalt auch eher beiläufig und, nun ja, lustig dargestellt werden kann. Dadurch veränderte Tarantino für immer unser Verständnis von Independent- und Mainstream-Kino.

Nun kehrt Tarantino also mit Inglorious Basterds nach Cannes zurück – einem Spagetti-Western, der in einem Soldatenmantel aus dem Zweiten Weltkrieg daherkommt und aufgrund der unkorrekten, dialektalen Schreibweise danach schreit, mit einem [sic!] versehen zu werden. Brad Pitt spielt Leutnant Aldo Raine, den Anführer einer skrupellosen Truppe jüdisch-amerikanischer Soldaten, die sich zum Ziel gesetzt hat, so viele Nazis zu töten, zu verstümmeln und zu foltern wie nur irgend möglich. Der vor Blut triefende Trailer liefert die ganze Bandbreite des Grauens, von einem Menschen, dem ein Hakenkreuz in die Stirn geritzt wird bis hin zu einem, dem mit einem Baseball-Schläger der Kopf eingeschlagen wird.

Seit Pulp Fiction hat sich vieles verändert. Das frühere Enfant Terrible ist gerade 46 geworden, die Filme, auf denen seine Reputation beruht, liegen schon eine ganze Weile zurück. Wer die Dreistigkeit und Selbstsicherheit von Tarantinos 1992er Debüt Reservoir Dogs oder die unerwartete Wärme und Weisheit von Jackie Brown aus dem Jahr 1997 bewunderte, der wird Inglorious Basterds aufgrund der frühen B-Movie-Symptome , wie man sie aus den jüngeren Arbeiten des Regisseurs kennt, wohl mit Skepsis erwarten. Andererseits gab es von Anbeginn seiner Karriere die zwei Gesichter des Quentin Tarantino.

Der verrückte Cineast

Auf der einen Seite ist da der überdrehte Cineast, der Drehbücher schreibt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und der manisch alle möglichen Einflüsse aufgreift. Dies ist der Tarantino, der uns über weite Strecken des zweiteiligen Kampfkunst-Rache-Thrillers Kill Bill und in der trashigen B-Movie-Hommage Death Proof - Todsicher begegnet. Dies sind Filme ohne jeglichen Bezugspunkt außerhalb der Filmwelt, sie existieren lediglich in einem cineastischen Spiegelsaal, in dem nichts, was an emotionale Authentizität erinnern könnte hoffen darf, Verwendung zu finden.

Und doch ist es genau diese filmverrückte Seite, die Tarantino zu einer einmalig demokratischen Berühmtheit gemacht hat. Bis auf wenige Ausnahmen wie Spielberg, Scorsese und Lucas eignen sich Regisseure eigentlich nicht für popkulturellen Ruhm. Tarantino war dieser quasi von Anfang an beschieden. Derweil vermittelte er immer den Eindruck, mit seinem Publikum auf Augenhöhe zu stehen. Er hat sich die jugendliche Begeisterung für Filme bewahrt; der Umstand, dass er irgendwann selbst welche machte, konnte ihr nichts anhaben. Man kann sich gut vorstellen, wie diese kalifornische Plaudertasche im Video Archive Shop von Manhattan Beach an der Kasse saß und jedem, der es hören wollteihm Gehör schenkte, irgendwelche obskuren Titel empfahl. Es verwundert nicht, dass seine Fans immer noch das Gefühl haben, sie könnten ihm zufällig bei einer Kampfsport-Film-Convention oder in der Schlange zu einer mitternächtlichen Filmvorführung begegnen.

Vom Elvis-Imitator zum Superstar

Aber einige von uns möchten nun gerne wissen, was aus dem anderen Tarantino geworden ist: Dem Tarantino, der dem US-Kino eine Dosis Adrenalin ins Herz verpasste, wie Uma Thurman sie in Pulp Fiction erhielt, und der zu Beginn seiner Karriere so umtriebig war wie kaum ein anderer.

Trotz eines nachgewiesenen IQs von 160 ging der an Legasthenie leidende Tarantino nach der neunten Klasse von der Junior High School in Harbor City, Los Angeles ab. Seine Mutter musste sich allein um die Erziehung des Jungen kümmern, weshalb sich dieser auch nicht sonderlich beeindruckt zeigte, als sein biologischer Vater Jahre später versuchte, Kontakt mit ihm aufzunehmen. „Das einzige, was ich ihm zu sagen habe, ist: 'Danke für den Samen.' Er hat dreißig Jahre lang Zeit nach mir zu sehen, versucht es aber erst, als ich berühmt bin? Das ist schon traurig.“

Anfangs verdingte sich Tarantino als Aushilfsschauspieler in kleinen Rollen. Zu seinen größten Erfolgen zählte ein Gastauftritt als Elvis-Imitator in einer Folge der Sitcom Golden Girls. Seine Einkünfte aus diesen Jobs waren allerdings recht mager. Oft konnte er die Strafgebühren nicht bezahlen, die er für zu schnelles Fahren erhielt. Gemeinsam mit Roger Avary, seinem Kollegen aus dem Video-Archive-Shop, begann er Drehbücher zu schreiben. Aus Avarys Drehbuch The Open Road machte er die mit Anspielungen auf andere Filme vollgepackte Liebende-auf-der-Flucht-Geschichte True Romance, eine Mischung aus Thriller und Komödie. Avary bereinigte im Gegenzug die Rechtschreibung seines Freundes und half ihm mit der Strukturierung des Textes. Auch kam er Tarantino zu Hilfe, als dieser Schwierigkeiten mit einer Szene in Natural Born Killers hatte und schrieb Nebendialoge für Reservoir Dogs.

Das Skript fand seinen Weg zu Harvey Keitel, der als Hauptdarsteller und Produzent einstieg und entscheidend zum Zustandekommen des Filmes beitrug. Reservoir Dogs brachte Tarantino den Ruf ein, zur Darstellung extremer Gewalt zu neigen, obwohl er sich mit dem, was er seinem Publikum darbot, eigentlich auf bewundernswerte Weise zurückhielt. Wir bekommen zumeist lediglich die Erwartung sowie die Folgen von Gewalt und Brutalität zu sehen, einmal wendet sich die Kamera bei der Folterung eines Polizisten sogar ab.

Unglaublicher Erwartungsdruck

Tarantinos Aktien schossen in die Höhe wie das Blut aus den Nasen seiner Figuren. Seine alten Drehbücher True Romance und Natural Born Killers wurden noch einmal aus der Kiste geholt und von erfahreneren Regisseuren verfilmt. Tarantino selbst schien eher lustlos dabei zu sein (bei einer Vorführung der NBK-Verfilmung von Oliver Stone stand er einfach auf und ging aus dem Raum). Insgesamt schienen diese Projekten die Zeit zu überbrücken, bis wieder etwas wirklich Neues von ihm selbst kommen sollte.

Auf Pulp Fiction lastete schließlich ein unglaublicher Erwartungsdruck. Nicht einmal an der Leichtigkeit, mit der er alle Hoffnungen übertraf – er spielte weltweit 250 Millionen Dollar ein und räumte alle nur möglichen Preise ab – war abzulesen, was auf Tarantino zukommen sollte. Es ist keine Übertreibung zu behaupten, dass zum ersten Mal seit Scorsese ein Regisseur so etwas wie Rockstar-Status erlangte. „Als ich anfing, auf Filmfestivals zu gehen, wurde ich permanent abgeschleppt. Ich war zuvor noch nie im Ausland gewesen und nun wurde ich nicht nur ständig flachgelegt, es waren auch noch ausländische Mädels, die mich flachlegten … Ich kam mir vor wie Elvis … .“

Dann aber bekam er Ärger. Spike Lee kritisierte ihn wegen des inflationären Gebrauchs des Wortes Nigger in Pulp Fiction. „Ich habe nichts gegen das Wort, auch ich gebrauche es, aber nicht derart exzessiv … Aber Tarantino ist ganz vernarrt in dieses Wort.“

Zerstörerischer wirkten sich aber die Entscheidungen aus, die er nach Pulp Fiction traf. Sein Beitrag zu Four Rooms war zwar nicht der schlechteste zu diesem Film, zu dem vier Regisseure jeweils eine Episode beisteuerten – einem Filmemacher seines Kalibers wurde er allerdings auch nicht gerecht. Seine Rollen als Schauspieler wählte er nicht weniger unglücklich. Ein angeblich improvisierter Monolog in Sleep with Me, in dem er sich über den homoerotischen Subtext von Top Gun auslässt, kostete ihn beinahe die Freundschaft zu Avary, von dem der Text stammte und der vorhatte, diesen bei einem eigenen Projekt zu verwenden.

Subtile Melancholie

1997 kehrte Tarantino mit Jackie Brown, einer Adaption von Elmore Leonards Rum Punch, aus dem filmemacherischen Jenseits zurück. Dieser Tribut an die Blaxploitation-Ära stellt bis heute sein einfühlsamstes Werk dar. Gleichzeitig bricht es frohgemut das ungeschriebene Hollywood-Gesetz in Bezug auf Liebesdinge: „Du sollst niemals sexuelle Anziehung jenseits der Altersspanne von 16-35 Jahren zeigen, es sei denn, du machst dich über sie lustig!“ Tarantino selbst sagt, er fühle sich diesem Film weniger verbunden als allen anderen. „Für Reservoir Dogs wäre ich gestorben, für den Dreh einer Szene von Pulp Fiction hätte ich mein Leben gegeben. Ich weiß nicht, ob ich das für Jackie Brown getan hätte, und das machte mir ein wenig Angst.“ In der Tat ist es eigenartig, dass er sich von all seinen Filmen diesem emotional nachvollziehbarsten Film voller subtiler Melancholie am wenigsten verbunden fühlt.

Kill Bill und Death Proof mit ihrer ungestümen und unkontrollierten Maßlosigkeit schrien doch hingegen geradezu nach einer urteilsfähigen Bearbeitung. Als klar wurde, dass Kill Bill in zwei Teilen erscheinen muss, erklärte Produzent Harvey Weinstein, der sich Tarantino aufgrund des Ruhmes, den seine Firma Miramax durch die Produktion von Pulp Fiction erlangte, zu ewigem Dank verpflichtet glaubt, jedoch: „Miramax ist das Haus, welches Quentin Tarantino gebaut hat. Er kann daher bei uns machen, was er will.“

Vielleicht ist es genauso abwegig, von Tarantino zu erwarten, er müsse „erwachsen werden“, sich weiterentwickeln oder zum Ton seiner frühen Arbeiten zurückkehren, wie darauf zu warten, dass Wim Wenders eine Komödie dreht. Vielleicht wollte er immer, dass seine Karriere eine Hommage an die Meister des Trash ist. Wird sich die Kluft zwischen der Qualität, die Tarantinos erste drei Filme auszeichnet und den unverschämten, manchmal pubertären Leidenschaften, die ihn antreiben, weiter verbreitern? Oder werden diejenigen von uns, die in ihm einen Revolutionär des Kinos sehen, in Cannes einen weiteren Beleg für ihre These erhalten?


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Barbara Schweizerhof über Tarantinos letzten Film "Death Proof"

Übersetzung: Holger Hutt