Therapie beendet

Porträt Woody Allen war schon seit Jahren nicht mehr beim Psychiater. Doch beim Thema Antisemitismus hält er es mit Sigmund Freud
Catherine Shoard | Ausgabe 44/2016 2

Woody Allen ist 80, und er weiß, dass das Leben endlich ist. Jeden Tag die gleiche Fleißroutine: Aufwachen, Arbeit, Gewichtheben, Laufband, Arbeit, Klarinette, Arbeit, Abendessen, Fernsehen, Schlafen. Nur heute, morgen und übermorgen wird er etwas Unnützes tun.

„Ich habe nie geglaubt, dass Pressetermine etwas bringen“, beginnt er. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand ein Interview liest und dann sagt, hey, den Film muss ich sehen.“ Dabei lächelt er gütig, von Kopf bis Fuß in Erdnussbutterbeige gekleidet. Er selbst lese nichts mehr von dem, was über ihn geschrieben wird. Das mit der Presse sei das Langweilige am Filmemachen; das und die Gags der Geldgeber.

Allerdings nimmt er sich für das Langweilige erstaunlich viel Zeit. Sogar für die Cannes-Eröffnung im Mai stand er zur Verfügung, obwohl sein Sohn Ronan Farrow gerade im Hollywood Reporter die Vorwürfe bekräftigt hatte, Allen habe Ronans Schwester Dylan als Kind missbraucht. Auch als ich drei Monate später mit ihm telefoniere, während er schon den nächsten, seinen 48. Film vorbereitet, ist er freundlich und hat er keine Eile.

Die Mutter 95, der Vater 100

Warum? Ein Grinsen, ein Schulterzucken. „Die PR-Leute finden das wichtig. Ich sage ihnen zwar, dass ich glaube, es bringt nichts, aber dann sagen sie, mach es einfach. Und ich möchte ja keiner sein, der das Geld einsackt und dann nicht mitmacht.“

Der späte Woody Allen (wobei: seine Mutter wurde 95, sein Vater sogar 100 Jahre alt) tut das Gleiche wie der Teenager, der auf dem Schulweg in der U-Bahn so viele Gags hinkritzelte, dass er schon als 17-Jähriger mehr Geld verdiente als seine Eltern: Er betrachtet alles geschäftlich. Man muss sich an die Vereinbarung halten und den Vertrag erfüllen, Gegenleistung erbringen.

Crisis in Six Scenes, die Serie, die er gerade für Amazon gedreht hat? „Zwei Jahre lang baggerten sie an mir herum, legten immer noch eins drauf, bis ich nicht mehr absagen konnte.“ Sechs halbstündige Folgen, er konnte drehen, wo, wann und mit wem er wollte, er brauchte das Drehbuch gar nicht vorzulegen, er solle sich bloß melden, wenn er fertig sei. „Ich werfe Geld, das man mir gibt, nicht zum Fenster raus. Die wussten, worauf sie sich einließen, ich hatte ja schon ein paar Dinge gemacht.“

Ähnlich unglamourös spricht er über seinen neuen Film Café Society: „Meine Absicht war, dass die Leute Geld bezahlen und dafür irgendeine Art menschlicher Erfahrung bekommen.“ Café Society ist der beste Allen-Film, zumindest seit Blue Jasmine, pointiert, komisch, aufwühlend – vor allem da, wo er vorführt, wie Menschen in Liebesbeziehungen einander als Geiseln nehmen.

Allen hantiert an seinem Hörgerät. „Sex ist das, worum es eigentlich geht. Aller Ehrgeiz richtet sich darauf, den Sexualtrieb zu stillen. Und die Menschen wollen sich unbedingt vermehren, keiner weiß, warum. Dieselbe Frau, die sagt, das Leben sei schrecklich, traurig, hässlich, viel zu kurz und sinnlos, will trotzdem Kinder haben. Das lässt sich nicht rational erklären.“

Das ist der neue Woody-Allen-Film

Am 10. November startet Woody Allens neuer Film Café Society in den deutschen Kinos. Als Allens Alter Ego tritt diesmal Jesse Eisenberg auf, der Bobby Dorfman spielt, den jüngsten Sohn eines jüdischen New Yorker Juweliers. Statt das Geschäft zu übernehmen, verlässt Dorfman ein raues Brooklyn, um in Hollywood sein Glück zu suchen. Es sind die 1930er Jahre: die Filmstars sind Götter, die Studiobosse Könige und Bobbys Onkel ein einflussreicher Agent.

Dieser Onkel (Steve Carell)bittet seine von Kristen Stewart gespielte Sekretärin und heimliche Geliebte, den Neffen durch die Stadt zu führen. Gemeinsam spähen die beiden Hollywoods abgeschirmte Villen aus. Leute, die ein großes Haus brauchen, um sich wichtig zu fühlen, müssten einem leidtun, sagt sie. Er ist sich da nicht so sicher. Sie verlieben sich. In Café Society erstrahlt die Traumfabrik in vollem Glanz, zugleich aber heißt es, das Filmgeschäft sei „öde, hässlich, ein Hund frisst den anderen“. Woody Allens Erzähler nennt Hollywood „eine Stadt, die nur vom Ego angetrieben wird“ – ohne dass noch ein Gag zur allgemeinen Entspannung folgen würde. Allen selbst sagt: „Ich bin sicher, in jeder Branche wimmelt es von Angebern.“

Leute, die nicht zurückrufen und sich als große Nummer aufführen, gebe es an der Wall Street, in London und in Rom. „Aber Hollywood muss immer als Klischee dafür herhalten, weil es dort so deutlich zutage tritt.“ In Café Society kehrt Bobby Dorfman Hollywood den Rücken, weil seine Liebe zur Sekretärin des Onkels eine unglückliche Wendung nimmt. Bald aber gibt es ein Wiedersehen in New York, wo Bobby nunmehr einen erfolgreichen Szene-Nachtclub führt.

So wie Allens ganzes Werk ist Café Society durchdrungen von der Frage, wie wir mit unserer Sterblichkeit fertigwerden sollen. Der Regisseur selbst sprach zu dem Thema ja die berühmten Worte: „Ich möchte nicht durch meine Arbeit unsterblich werden. Ich möchte unsterblich werden, indem ich nicht sterbe.“ In seinem neuen Film konvertiert ein jüdischer Gangster in der Todeszelle auf der Suche nach Halt zum Katholizismus, so wie es Allen in Hannah und ihre Schwestern vergeblich versuchte. Ist dies nicht das dringlichste Thema der Welt, frage ich: Wenn die Menschen einsähen, dass der Tod das Ende ist, hätten IS und Konsorten große Rekrutierungsprobleme.

„Ich kann nicht für alle Attentäter sprechen“, sagt er. „Aber ohne festen Glauben an ein Leben nach dem Tod würden viele von ihnen so etwas nicht machen. Sie denken, sie würden nachher belohnt, wenn sie sich in die Luft sprengen. Wobei manche es vielleicht auch ohne diese Überzeugung täten, als Opfer für eine edle Sache. Meiner Meinung nach sind sie fehlgeleitet. Aber sie sind nicht meiner Meinung.“

Wofür würde er sterben? Nur für seine Familie, sagt er. Wäre er 15 Jahre früher geboren, hätte er trotzdem nicht im Krieg kämpfen wollen. „Ich sehe mich nicht irgendwo bei Regen im Schützengraben hocken. Ich glaube, ich würde das nicht gut verkraften, ich rege mich auf, wenn die Klimaanlage nicht funktioniert.“

Die Belästigung

Hat er erlebt, dass der Antisemitismus in letzter Zeit zunimmt? Nicht er persönlich, sagt er und setzt sich ein wenig aufrechter hin, aber Freunde von ihm schon. „Es überrascht mich nicht. Die Leute brauchen stets einen Sündenbock. Gäbe es keine Juden auf der Welt, wären es die Schwarzen. Gäbe es keine Schwarzen, dann die Katholiken. Und wenn irgendwann alle genau gleich sind, fangen die Linkshänder an, Rechtshänder zu töten. Man braucht immer einen anderen, um seine Feindseligkeit und Frustration an ihm auszulassen. Hoffentlich ebbt das wieder ab, und die Leute wenden sich den echten Problemen zu. Aber die Welt ist voller Intoleranz und Vorurteile. Freud sagte, es werde immer Antisemitismus geben, weil die Leute so viel zu bereuen haben. Und das haben sie in der Tat.“

Lange Zeit betrachtete Allen das Leben als zutiefst trostlos – der scharfsinnige Nihilist, der Witze reißt, um nicht von der Brücke zu springen. Doch während seine früheren Filme die Hauptfiguren am Ende oft auf ihren Schuldgefühlen sitzen ließen, gibt es in Café Society am Ende Gerechtigkeit. Und wenn Allen heute sagt, die Welt sei „voller verängstigter Menschen, die mit gewaltigem Leid durchs Leben gehen“, klingt es kaum nach dem alten Zyniker.

„Ich bin nicht Nietzsches Meinung, dass das, was uns nicht umbringt, uns härter macht. Sehen Sie sich die Soldaten an, die aus dem Krieg zurückkehren und sich mit posttraumatischen Störungen abquälen. Traumatische Erfahrungen schwächen uns. So geht es auch mir. Die Fallstricke und Giftpfeile des Lebens haben mich nicht stärker gemacht, sondern schwächer. Ich glaube, ich kann manche Dinge heute nicht mehr verkraften, die ich als jüngerer Mensch gut ausgehalten hätte.“

1992 war das Jahr, in dem sich für ihn alles änderte. Allen verließ Mia Farrow für deren damals 21-jährige Adoptivtochter Soon-Yi Previn, nachdem Farrow kompromittierende Fotos entdeckt hatte. Es folgten der Sorgerechtsstreit um ihre Kinder Moses, Dylan und Ronan und der Vorwurf, Allen habe die siebenjährige Dylan sexuell belästigt. Die Anklage wurde aus Mangel an Beweisen fallen gelassen, doch die Medien haben sie nicht vergessen. Dann ließ Ronan zum Cannes-Festival die Bombe platzen, warf den Veranstaltern vor, einen Täter zu hofieren, bezichtigte Filmstars der Kollaboration und die Presse der Feigheit. Allen, sogleich von Reportern bedrängt, antwortete wie immer: Er habe Ronans Text nicht gelesen, der Ausgang des Verfahrens sei eindeutig, er habe dazu schon alles gesagt.

Das bekräftigt er in unserem Gespräch: „Das ist alles bloß Boulevardgeschwätz. Die Situation, um die es geht, wurde damals sehr, sehr gründlich untersucht, 14 Monate lang, von Ermittlern des New Yorker Sozialdienstes und am Yale-Krankenhaus. Die Ergebnisse waren klar. Ich werde damit immerzu belästigt, aber das schert mich nicht, ich bin einfach nicht daran interessiert.“

Er klingt nun müde und traurig. Das Wort „belästigt“ hat er im Zusammenhang mit dem Fall zuvor nicht verwendet. Heute gebraucht er es gleich doppelt, das zweite Mal, als er mich auf eine Replik auf Ronans Artikel hinweist, die sein Biograf Robert Weide verfasst hat: „das wohl Beste, was dazu geschrieben wurde, seit die ganze Belästigung losging“. Manchmal liest er also doch Texte über sich selbst.

Während Allen mit seinem Sohn Moses wieder versöhnt ist, bleibt er mit Dylan und Ronan zerstritten. Hat dies seine Weltsicht verändert? „Nein. Sie haben mich in all meinen misanthropischen Ahnungen bestätigt.“ Seine Strategie ist es, die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen und sein Hörgerät abzuschalten. Er hat zwar ein Smartphone, aber nur für Telefonate, Jazz und die Wetter-App. Das mag erklären, warum er jetzt, da die Vorwürfe wieder hochkochen, geradezu unbekümmert über sein Privatleben redet. Auf seine Frau und die zwei adoptierten Töchter kommt er immer wieder zu sprechen, liebevoll und offensichtlich ohne jede Berechnung. Über das Kinderhaben sagt er: „Du kannst auf sie zählen bis zur Pubertät. Da bist du der König im Haus, wirst gebraucht und geliebt. Sobald sie beginnen erwachsen zu werden, ist es plötzlich ganz anders.“

Liebesbeziehungen, bekennt er, „sind nicht meine Stärke. Ich war immer auf die Großzügigkeit der Frau angewiesen. Nichts, was ich zu bieten hatte, konnte sie je verführen.“ Schon mit Diane Keaton sei es so gewesen: „Sie war zu dem Schluss gekommen, dass sie mich mochte. Es war immer die andere Person, die entschieden hat.“

Fröhlich berichtet er davon, wie gemeinsame Mahlzeiten oft im Ehezank enden, und zugleich sagt er, es sei Soon-Yi zu verdanken, dass der Mann, der sich einst über seine Psychoanalyse definierte, schon seit Jahren nicht mehr beim Psychiater war. „Ich brauche das nicht mehr. Ich funktioniere gut, ich bin glücklich verheiratet.“ Suchen andere bei ihm Rat? Er blickt mich verwundert an. „Ich habe nicht so viele Freunde. Ich lebe sehr zurückgezogen. Ich komme nach Hause und bin bei meiner Familie. Ich gehe mit ein paar Freunden essen, und ab und zu fragen sie um Rat, aber nie in wesentlichen Dingen.“

Und nach dem Essen geht er wieder nach Hause, stellt für 20 Minuten den Fernseher an – „und schon schlafe ich“. Komödien schaut er nie, sondern nur Nachrichten oder Baseball. „Grundsätzlich schaue ich mir jede Sportart an. Auch wenn ein paar Burschen um die Wette Bäume umsägen.“

Das ist eine der wenigen Disziplinen, die er nicht selbst ausprobiert hat. Der junge Woody war erstaunlich sportlich, und der Verlust seiner athletischen Fähigkeiten ist es, was ihn am meisten am Altern bekümmert. „Ich habe großes Glück, ich bin bei guter Gesundheit – glaube ich zumindest. Noch hat keine merkliche Demenz eingesetzt. Alles ist gut, und doch bin ich immer traurig, dass ich nicht raus aufs Baseballfeld gehen und spielen kann wie früher.“

Der 80-jährige Woody Allen bleibt am Ball, auch wenn das Spiel gegen ihn läuft. Mit Rückschlägen hält er sich nicht auf. „Man ist wahrscheinlich glücklicher im Leben, wenn man vergessen kann“, sagt er.

Vielleicht aber zeichnet sich doch noch ein Wende ab. „Manchmal, wenn ich alleine bin, denke ich, es wäre doch ganz schön, mit dem Filmemachen aufzuhören und eine Autobiografie zu schreiben.“ Er finde es „angenehm“, sich an seine Kindheit zurückzuerinnern, wie er es oft gemeinsam mit seiner Schwester Letty tut.

Aber dann müsste er doch auch weniger erfreuliche Kapitel wieder aufschlagen? „Ja, ich müsste die vielen Gründe zur Reue in meinen Leben durchgehen und die vielen Turbulenzen. Aber eigentlich ist das gut. Konflikt und Aufregung. Es wäre schön, das niederzuschreiben.“

Catherine Shoard ist Filmredakteurin des Guardian

Übersetzung: Michael Ebmeyer

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06:00 30.11.2016
Geschrieben von

Catherine Shoard | The Guardian

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The Guardian

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