Tief im Dispo

Libra Facebooks neue Währung ist das Letzte, was die Welt braucht: einen weiteren Bereich unseres Lebens, in dem Big Tech versucht, die Zügel an sich zu reißen
Tief im Dispo
Hallo Freunde, ich bin der Beobachter

Foto: Joel Saget/AFP/Getty Images

Dystopische Fiktionen – von Anthony Burgess’ „A Clockwork Orange“ bis hin zu Russell T Davies’ spektakulärer BBC1-Serie „Years and Years“ – nehmen häufig Elemente der Gegenwart und imaginieren dann eine Zukunft, in der diese Elemente unausweichlich werden, um uns davor zu warnen, dass sie bereits jetzt in unserer Mitte sein könnten.

Aber im 21. Jahrhundert hat dieses Konzept ein Problem, nämlich das Tempo, mit der die Welt heute über die wildesten Möglichkeiten unserer kollektiven Imagination hinausrast – und zwar bevor wir auch nur anfangen können, darüber nachzudenken, was als nächstes kommen könnte. Nehmen wir die neuesten Nachrichten über Facebook. Drei Jahre beschämende Kritik und lauter werdende Ankündigungen der Gesetzgeber, den Tech-Giganten in Schach halten zu wollen, haben bisher nicht dazu geführt, dass das Unternehmen in seinem bedrohlichen Streben nachgelassen hätte, in jeden Bereich unseres Lebens vorzudringen. Jetzt will es in einem Schritt, der aus einem Science Fiction-Roman stammen könnte, nichts weniger als eine neue globale Währung schaffen.

„Libra“ soll mit einem Wert von rund einem US-Dollar an eine Gruppe Mainstream-Währungen angegliedert werden und in dem Modell sicherer Online-Transaktionen verwurzelt sein, die wir als Blockchain kennen. Seine Arbeit soll von einer neuen Organisation mit Sitz in Genf überwacht werden, die für jedes Unternehmen offen sein soll, das mindestens eine Milliarde US-Dollar wert ist und ein Minimum von 10 Millionen Dollar investiert. Derzeit gibt es 28 solcher Teilhaber, die von Uber und Spotify bis Mastercard reichen. Um die Skeptiker seiner angekündigten Nichteinmischungsabsichten zu beruhigen, besteht Facebook darauf, dass das eigene Stimmrecht auf 1% beschränkt wird. Aber Libra ist ein Projekt, das von Mark Zuckerbergs Firma konzipiert und entwickelt wurde. Und die Währung wird nur dann die notwendige Leistung und Verbreitung erreichen, wenn sie zu einem zentralen Bestandteil des Lebens von Milliarden von Menschen wird, die die Plattformen von Facebook nutzen. Das soll über eine verlinkte App namens Calibra geschehen, die zunächst in Facebook Messenger und WhatsApp eingebaut sein soll. Facebook wird damit die Leute und Unternehmen kennen, mit denen seine Userinnen und User finanziell interagieren.

Keine neue, aber eine smarte Idee

Natürlich wird diese Idee nicht als Profitmaximierung präsentiert, sondern im Rahmen einer philanthropischen Wohltätigkeitskultur, die den Eindruck entstehen lässt, die nordamerikanischen, kalifornischen Milliardäre seien das nur zufällig. Ein Element der Initiative ist es, Überweisungen zwischen Einzelpersonen zu einem sehr kleinen Preis bzw. kostenlos zu ermöglichen, so dass beispielsweise Arbeitsmigranten Geld nach Hause zu ihrer Familie schicken können und sicher wären, dass niemand davon große Gebühren abzweigt. Zudem müssten dank der Leichtigkeit von Gehalts- und Rechnungszahlungen Menschen, die bisher von Finanzdienstleistungen ausgeschlossen waren, nicht weiter „ohne Bank“ sein, was persönliche Freiheit erhöhen würde. Das ist keineswegs eine neue Idee, aber – wie die meisten Facebook-Initiativen oberflächlich gesehen – eine sehr gute.

Aber da Kapitalismus Kapitalismus ist, sind wahrscheinlich auch finanzielle Beweggründe am Werk. Die Entwicklungsländer, in denen Facebook und seine Subunternehmen Millionen von Nutzern haben, sind riesige Märkte. Der einfache Grund, der sie davon abhält, dort Einkommen aus Werbung abzuschöpfen, ist die Armut. Libra bietet neue Einkommensmöglichkeiten. Unter anderem indem es die Menschen dazu einlädt, die nationale Währung gegen das neue Medium einzutauschen und damit Facebook und seinen Partner einen riesigen Pool an Geldern zur Verfügung zu stellen. In diesen Ländern, aber auch an reicheren Orten bietet die neue Währung Facebook die Chance, das zu beschleunigen, was Kern all seiner Aktivitäten ist: endlos viele Daten zu sammeln, die dann zu Geld gemacht werden können.

Warum sollte man Facebook trauen?

Facebook ist bemüht, solche Befürchtungen auszuräumen. Aber seine erste Skizze zur Verwendungsweise der neuen Währung in Messenger und WhatsApp via Calibra ist nicht gerade beruhigend. Das Mindeste wird sein, dass Facebook die Leute und Unternehmen kennt, mit denen ihre Nutzer finanziell interagieren. Aber das ist vermutlich erst der Anfang. „Calibra wird keine Account-Informationen oder Finanzdaten mit Facebook oder einer dritten Partei ohne Zustimmung des Kunden teilen“, kündigt Facebook an (Hervorhebung des Autors). Aber gerade in dieser Frage hat das Unternehmen eine Vergangenheit: die Art von Zwangszustimmung, die bedeutet, dass man Facebook entweder erlaubt, Daten zu sammeln oder keinen Zugang zu vielen seiner Dienste erhält. Wie auch immer die Garantien aussehen, der entscheidende Punkt ist offensichtlich: Warum sollte man einem Unternehmen mit einer so erschreckenden Bilanz bei den personenbezogenen Daten vertrauen und erlauben, seinen Zugriff so massiv auszuweiten?

Das Projekt wirft aber noch viele weitere Fragen auf. Was passiert, wenn Libra die nationale Währung aus bereits schwachen Ökonomien abzieht? Welche Beziehung wird die digitale Währung in Bezug auf Inflation haben? Was ist mit der Gefahr internationaler Geldwäsche? Warum spricht man in Facebooks Führungsetage bereits darüber, Libra auf den Kreditbereich auszuweiten?

Diese Befürchtungen wurden vor kurzem durch Hinweise darauf verstärkt, dass Indiens gegenüber Kryptowährungen feindlich eingestellte Verfassung bedeutet, dass Libra dort – zumindest vorerst – nicht an den Start gehen soll. Ebenso alarmierend ist, wie Facebooks Einstieg in die Geldproduktion das Unternehmen in einen weiteren Bereich hineinführt, der derzeit vom Staat überwacht wird: Über den täglichen Konsum hinaus stellen sich wesentliche Fragen, etwa wie wir öffentliche Dienstleistungen nutzen und mit der Regierung interagieren, beispielsweise in den Bereichen Bildung, Gesundheit, soziales Netz, Verbrechen und Bestrafungssystem.

Der Überwachungskapitalismus kolonisiert unser Leben

Google ist dort bereits angekommen, wie seine starke Präsenz im US-Bildungssystem bis hin zur Nutzung von Daten des staatlichen Gesundheitssystems durch seinen Künstliche-Intelligenz-Ableger DeepMind beweist. Aber denken wir an alltägliche Zahlungen: Wie wird das im Jahr 2050 aussehen? Welche Währungen werden wir auf dem ganzen Planeten wohl für Steuern, Sozialleistungen, Strafen, Kaution, Studienkreditraten und all diese Dinge benutzen – und was wird mit den enormen Datenspuren passieren, die diese Vorgänge hinterlassen? In China können alle Mitglieder des allumfassenden Sozialen Netzwerks WeChat – das Zuckerberg eindeutig emulieren will – dieses benutzen, um Steuern und Strafgebühren zu bezahlen. Selbst im verstaubten Großbritannien überlegt die Regierung, Facebook-Logins zu nutzen, um Bürgern zu ermöglichen, Sozialleistungen abzurufen, kommunale Steuern zu bezahlen oder eine Fahrerlaubnis zu bekommen. Warum sollte sie dann nicht auch darüber nachdenken, was wir dann vielleicht als Librafizierung kennen werden?

An diesem Punkt würde der Überwachungskapitalismus die schrumpfenden Teile unseres Lebens kolonisieren, die er bisher weitgehend unberührt gelassen hat. Er würde massenhaft lukrative Informationen über alles anhäufen, von unseren Freunden bis hin zum Datum, an dem wir das letzte Mal eine Strafe wegen zu schnellen Fahrens bezahlt haben, und in diesem Zuge unbeschränkte Unternehmensmacht in Bereiche bringen, die wir jetzt noch als Gegenstand der Gewaltenteilung der Demokratie betrachten. Der Staat könnte ebenfalls auf seine Kosten kommen: Man kann sich die Freude im für Arbeit und Renten verantwortlichen Ministerium vorstellen, wenn es nicht nur in der Lage wäre, die Ratenzahlungen für allgemeine Kredite zu verfolgen, sondern auch wofür wir sie ausgeben?

Aber die größte Frage ist komplett offensichtlich und es wert, auch zum tausendsten Mal gestellt zu werden: Wie können wir Facebook – und Google – ernsthaft zur Rechenschaft ziehen und ihre Macht drastisch begrenzen? Die Antwort auf diese Frage beginnt auf jeden Fall mit einem massiven internationalen Nein zu Big-Techs bisher anmaßendstem Projekt. Andernfalls können die Produzenten fiktionaler Dystopien gleich einpacken: wie surreal oder abgefahren ihre Fantasien auch sein mögen, die Realität der Welt wird sie übertreffen.

John Harris ist Kolumnist des Guardian

Übersetzung: Carola Torti
11:59 28.06.2019
Geschrieben von

John Harris | The Guardian

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