Tilda im Glück

Porträt Tilda Swinton spielt mit Leidenschaft Alkoholikerinnen und eiskalte Karrierefrauen. Zuhause wohnt eine andere Schauspielerin: die Familienfrau mit Ehemann und Geliebtem

Tilda Swinton nimmt Rosy, den jungen Springerspaniel, auf ihren Arm und schäkert mit ihm wie mit einem Baby. Ihr Haus ist geräumig und auf anheimelnde Weise chaotisch. Überall liegt und steht etwas herum: Bilder von ihrem Ehemann, Spielsachen, Wörterbücher, kleine Snacks.

Anfang vergangenen Jahres wurde Tilda Swinton in einer Kolumne im Observer zur beneidenswertesten Frau der Welt ernannt. Sie habe einfach alles: Schönheit, Talent, Erfolg, Kinder, ein glückliches Familienleben mit dem Künstler und Schriftsteller John Byrne, dem Vater der Kinder. Und einen Liebhaber. Und Byrne ist mit diesem Arrangement auch noch einverstanden. So viel Glück muss man erst mal haben.

Die Boulevardzeitungen stellten es so dar, als hätten sie Swintons großes Geheimnis gelüftet. Dabei hat sich Tilda Swinton ganz entspannt selbst geoutet, als sie zur Verleihung der Bafta-Awards, die die Britische Akademie für Film- und Fernsehkunst jährlich vergibt, in Begleitung ihres Freundes Sandro Kopp erschienen ist. Streng genommen kommt sie schon seit Jahren mit Kopp zu solchen Veranstaltungen – kein Mensch aber interessierte sich für Tilda Swinton.

Liebling der Kunstfilmer

Dann erhielt sie einen Preis von der Akademie, ein paar Wochen später bekam sie einen Oscar und die Klatschpresse mit ihren Phantasien vom flotten Dreier stürzte sich nur so auf Tilda Swinton, den Star zahlloser Independent-Filme und Liebling der Kunstfilm-Connaisseure. Sie hingegen ließ sich nicht weiter aus der Ruhe bringen. Das eigentlich Bemerkenswerte ist, dass Swinton nach 30 Jahren leidenschaftlicher Arbeit für wenig publikumswirksame Independent-Filme wie die von Derek Jarman, überhaupt einen Oscar gewonnen hat – noch dazu in einem Alter, in dem die meisten anderen Schauspielerinnen darüber jammern, wie wenige gute Frauenrollen es doch gebe.

Vor dreizehn Jahren wirkte die heute 48-Jährige bei der Installation The Maybe in der Londoner Serpentine Gallery mit. Ihre erste Arbeit nach dem Aids-Tod ihres guten Freundes Derek Jarman. Eine Woche lang lag sie schlafend oder scheinbar schlafend in einem gläsernen Sarg. Die Galeriebesucher betrachteten sie wie ein Kunstwerk. Ab und zu drehte Swinton sich um, ihre Augenlider flatterten, sie streckte sich: Performancekunst, Starrummel und Voyeurismus in einem. Tilda Swinton war perfekt für diesen Part. Reglosigkeit und Projektion spielen in ihrer Arbeit seit jeher eine große Rolle, und doch verändert sich ihr Gesicht ständig: Im einen Moment ist sie die klassische Schönheit, im nächsten die rätselhafte, um sich gleich darauf in eine Außerirdische zu verwandeln. Inzwischen trägt sie das rotblonde Haar kurz und sieht damit aus wie David Bowie auf dem Cover seines Albums Low Ende der Siebziger.

In der Installation The Maybe kommt ihr grundsätzliches künstlerisches Credo zum Ausdruck: Alles kann auch anders sein, nichts ist klar oder eindeutig, es ist alles eine Sache der Auslegung. Swinton spricht lupenreines britisches Englisch, obwohl ihre Mutter Australierin ist und ihr Vater ein Schotte mit unwahrscheinlich langem Stammbaum. Früher befehligte der Major-General Sir John Swinton die Leibgarde der Queen und war Vertreter der Krone in Berwickshire. Tilda Swinton brachte den Großteil ihrer Kindheit auf englischen Internaten zu. Ihre Mutter erzählte oft, sie habe zusammen mit der Silberhochzeit auch ihren einundzwanzigsten Umzug feiern dürfen. Tilda Swinton empfand das nicht unbedingt als Grund zum Feiern.

Sie war ein hochintelligentes Kind – und litt darunter. Sie besuchte die Mädchenschule West Heath, wo sie mit Prinzessin Diana in eine Klasse ging und befreundet war; später das Fettes College in Schottland, dessen berühmtester Absolvent Tony Blair heißt. Tilda Swinton hasste beide Schulen und deren streng hierarchisches System. „Wenn man ein Mädchen ansprach, das ein Jahr älter oder in der nächsthöheren Klasse war, galt man als Wichtigtuerin und wurde von allen gemieden. Ich war von Anfang an als Intellektuelle abgestempelt, weil ich die Jüngste in meiner Klasse war.“

Nach der Schule begann sie ihr Studium in Cambridge mit dem Ziel, Dichterin zu werden, wechselte aber bald von Politik- und Sozialwissenschaft zu Anglistik und schrieb danach keine Zeile mehr. Kaum hatte sie mit dem Schreiben aufgehört, begann sie mit dem Schauspielen. Und trat in die Kommunistische Partei ein. Wie sich herausstellte allerdings zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt, denn die KP strich kurz darauf die Segel und wurde als Demokratische Linke wiedergeboren. Wie ist sie Kommunistin geworden? „Durch die großartige Margot Heinemann und ihren Zirkel. Ich hatte das unglaubliche Glück, sie und Raymond Williams als Lehrer zu haben, die gesamte Generation von Linksintellektuellen.“ Die Parteiversammlungen wurden Swintons Gottesdienste. „Dafür bin ich sehr dankbar, denn dabei habe ich gelernt, was man mit vereinten Kräften erreichen kann. Das spricht mich bis heute sehr an.“

Obwohl sie ihren Eltern sehr nahe stand, hätten ihre politischen Ansichten kaum weiter auseinander klaffen können. Mit ihrem Vater war sie zum ersten Mal einer Meinung, als es um Margaret Thatcher ging. „Das war ein toller Moment. Mit ihrer Behauptung, es gebe keine Gesellschaft, hat sie meinen Vater auf die Palme gebracht. Leute wie er sind zwar altmodisch und in mancher Hinsicht auch patriarchalisch, aber sie sind sich ihrer eigenen Verantwortung voll und ganz bewusst. Thatcher war ihnen ein Gräuel.“

Tilda Swinton hält inne und betrachtet Rosy, die inzwischen auf meinem Schoß sitzt. „Da hast du ja eine Eroberung gemacht. Riechen Sie mal an ihren Vorderpfoten“, befiehlt sie. „Die riechen wie frischer Toast. Am liebsten würde ich ihren Duft in Flakons füllen. Rosy, komm her, Rosy, lass uns mal an deinen Füßchen schnuppern ... Ist das nicht unglaublich?“.

Auf dem Herd köchelt eine Suppe, und Tilda Swinton hat Kuchen gebacken. Backen hält sie für eine sinnvolle Tätigkeit. Sie bietet mir einen Teller Suppe an und ruft dann nach Byrne, der oben ist: „John Byrne? Wie wär’s mit Mittagessen, Schatz?“ Ihre Stimme klingt so scharf und präzise wie eine Ohrfeige.

Androgyne Minimalistin

Byrne, zwanzig Jahre älter als sie, trägt einen gewaltigen weißen Backenbart. Er beklagt sich darüber, dass es seine beiden Fernsehklassiker, Tutti Frutti und Your Cheatin’ Heart, nicht auf DVD gibt. Die Serie Your Cheatin’ Heart, lange vor ihrer Beziehung produziert, brachte Tilda Swinton 1990 erstmals ins Bewusstsein einer größeren Öffentlichkeit. Die Rolle der schottischen Country-Sängerin Cissie Crouch ist bis heute ihr größter Publikumserfolg.
Unter Kunstfilmkennern wird sie nach wie vor in einem Atemzug mit Derek Jarman genannt. Zum ersten Mal hat sie 1986 in Caravaggio mit ihm gearbeitet, spielte später in sieben weiteren seiner Filme mit und wurde zu seiner Muse. Sie hatten vieles gemeinsam: Beide waren Kinder hochdekorierter Soldaten, Upperclass-Rebellen und Außenseiter. Jarman liebte Tilda Swinton, er war fasziniert von ihrer androgynen Erscheinung und steckte sie im Film Edward II in betont maskuline Anzüge.

In den letzten Jahren hat sich Tilda Swinton konventionelleren Rollen zugewandt. In Michael Clayton, der ihr den Oscar einbrachte, setzt sie ihr eindrucksvolles Gesicht und ihre schmalen Lippen ein, um mit minimalem Aufwand eine Anwältin darzustellen, die sowohl knallharte Karrierefrau als auch ein zitterndes, psychisches Wrack ist. Auch in Burn After Reading, dem jüngsten Film der Coen-Brüder, spielt sie eine eiskalte Karrieristin. Die Gefühllosigkeit ist dabei Programm: eine Karikatur des Herzlosen in einem völlig herzlosen Film. In -Julia dagegen zeigt sie die größte schauspielerische Leistung ihres Lebens. Der unge-stüme französische Autorenfilmer Erick Zonca ließ sich von John Cassavetes‘Gloria inspirieren und zeigt eine Frau in einer Extremsituation. Die früher berühmte und begehrte Julia ist zur Alkoholikerin geworden und rast unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu.

Dass ihre Rollen ein Eigenleben führen, davon war Tilda Swinton schon immer überzeugt. Und sie hat noch eine weitere interessante Theorie: Jede Rolle, die sie spielt, ist mehr oder weniger autobiografisch – das genaue Gegenteil von dem, was man normalerweise von Schauspielern hört. Um die Rolle der Julia zu spielen, musste sie etwas in sich finden, etwas heraufbeschwören.

Weshalb besetzen die Regisseure Tilda Swinton immer in diesen verhärteten, kaputten Frauenrollen? „Naja, daran bin ich sicher nicht ganz unschuldig, ich suche ja auch diese Rollen. Sie berühren mich einfach. In gewisser Weise ist es auch ein Luxus, Menschen zu spielen, die weniger gefestigt sind als man selbst.“

Schock in der Oscar-Nacht

Beim Mittagessen erinnern sich Tilda Swinton und Byrne an die Nacht der Oscar-Verleihung. Byrne war in Schottland, Swinton zusammen mit Sandro Kopp in L.A. Für sie war es ein Schock. „Ich bin eigentlich nur als Touristin hingefahren. Stell dir vor, du hast Karten für das Finale in Wimbledon, sitzt da und denkst nichts Böses, und plötzlich drückt dir jemand einen Schläger in die Hand ... Da denkst du nur noch: Wie bitte?!“ Zum ersten Mal scheinen ihr die Worte zu fehlen.

Ich erzähle ihr, dass ich ihre Rede sehr gut fand, und sie erwidert, sie wisse gar nicht mehr, was sie da gesagt habe. „Und nein, vielen Dank, ich will es auch gar nicht hören, ich habe bisher nämlich alles getan, um das zu verhindern. Bis heute habe ich mir kein einziges Bild von dieser Oscar-Nacht angeschaut. Ich liebe You Tube, aber das tue ich mir ganz sicher nicht an.“ Byrne geht wieder an seine Arbeit zurück, und Tilda Swinton, Rosy und ich brechen auf, um die Kinder abzuholen. Wir fahren in ihrem klapprigen, miefigen Landrover zu der Waldorfschule, die die Zwillinge besuchen. Swinton sitzt am Steuer, mit Rosy auf dem Schoß. Ich erwähne den Artikel, der sie als die Frau mit dem unverschämtesten Glück der Welt bezeichnet. „Ach. Tatsächlich?“
Hat sie denn nicht auch das Gefühl, Glück zu haben?
„Doch. Riesenglück sogar.“

An der Schule sammeln wir die elfjährigen Zwillinge ein, Xavier und Honor. Sie sind freundlich, warmherzig und so androgyn, wie man das von Tilda Swintons Kindern nur erwarten kann: Beide haben langes, blondes Rapunzelhaar. Wir marschieren die Hauptstraße entlang, Swinton mit Rosy vorneweg. Sie hat eine weitere Wandlung durchgemacht und erinnert mich in ihrer emsigen Geschäftigkeit plötzlich an Helen Mirren in ihrer Rolle als Queen im gleichnamigen Film. Dem Fish’n’Chips-Laden, bei dem wir vorbeischauen, ist gerade der Fisch ausgegangen; wir nehmen stattdessen Würstchen mit Fritten.

Tilda Swinton genießt ihre Freiheiten. Sie liebt ihr Leben in Schottland und findet es wunderbar, ihre Kinder um sich zu haben. Und natürlich genießt sie den Erfolg. Eigentlich unglaublich, dass Swinton, die jahrzehntelang selbst vielen Independent-Regisseuren noch zu independent war, jetzt das kommerzielle Hollywood erobert. Wie konnte das passieren? Wie zu allem anderen hat Tilda Swinton auch dazu eine Theorie: „Soll ich Ihnen was sagen? Ich glaube, das ist der Berg, der zum Propheten kommt. Es entspricht ja auch unserer Zeit. Sehen Sie sich doch einmal um. Alle amerikanischen Filme, die zuletzt bei Kritikern sowie beim Publikum Aufsehen erregt haben, stammen von Leuten wie den Coen-Brüdern, Paul Thomas Anderson und Tony Gilroy.“

Tilda Swinton auf der Berlinale

Als diesjährige Präsidentin der Berlinale-Jury beginnt für Tilda Swinton an diesem Freitag, den 6. Februar, ein Marathon: Sie wird mit ihren prominenten Jury-Kollegen alle 26 Filme der Festival-Kategorie Wettbewerb ansehen und mit ihnen acht Tage später über die Gewinner der Goldenen und Silbernen Bären entscheiden. Die Berlinale gilt als wichtigstes deutschsprachiges Filmfestival und setzt seit einigen Jahren auf Starrummel und importierten Glamour: Kurzauftritte von Hollywood-Stars gehören mittlerweile zu den PR-Höhepunkten der Berlinale. Tilda Swinton dürfte dieser Trubel am Potsdamer Platz bestens bekannt sein: Im vergangenen Jahr war sie mit Julia im Wettbewerb vertreten. In der Reihe Panorama lief außerdem das filmische Porträt über Derek Jarman, an dem sie als Drehbuchautorin sowie Co-Produzentin mitgewirkt hatte. Ihr Debüt auf der Berlinale hatte Swinton mit der Jarman-Produktion Caravaggio. Seither war sie mit 14 weiteren Filmen in Berlin zu Gast, 2005 etwa mit Thumbsucker von Mike Mills und 2003 mit Adaptation von Spike Jonze. In ihrer schottischen Heimatstadt Nairn hat Swinton 2008 ein eigenes Filmfestival gegründet: The Ballerina Ballroom Cinema of Dreams.

18:30 04.02.2009
Geschrieben von

Simon Hattenstone, The Guardian | The Guardian

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