Tödlicher Machismo

Argentinien Alle 16 Stunden stirbt eine Frau durch Männerhand. Dagegen erhebt sich die Bewegung „Ni Una Menos“ – und findet Spuren im politischen Erbe des Landes

Es muss ein grausiger Anblick gewesen sein, als Beamte im Juni in einer bergigen Gegend der Provinz Córdoba die Leiche einer 43-Jährigen bargen. Es war Ana Barrera, zerstückelt und notdürftig vergraben. Ihr Partner, Marcelo Ferraretto, hatte der Polizei den Fundort des Körpers mitgeteilt. Vier Tage waren vergangen, seit der Mann ihr Verschwinden gemeldet hatte. Er gab an, nichts von ihr zu wissen. Den Ermittlungen zufolge dürfte Ferrareto sie durch Hammerschläge auf den Kopf getötet haben. Er trennte da mutmaßlich ihre Beine ab, damit der Leichnam in den Kofferraum seines Autos passte.

Die Bestürzung über Barrera war nicht verklungen, als ein anderer Frauenmörder, Fernando Farré, 52 Jahre, wegen Tötung seiner Ehefrau Claudia Schaefer zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Das Verbrechen ereignete sich 2015 im luxuriösen Ferienhaus des Paares. Sie war in Begleitung ihres Anwalts gekommen, um vor der Scheidung einige Sachen abzuholen. Er erwartete sie zusammen mit seiner Mutter. Er schien gelassen zu sein, doch änderte sich alles binnen weniger Minuten. Der Anwalt des Opfers und die Mutter des Angreifers sahen entsetzt, wie Farré die Glastür eines Ankleideraumes verschloss und sich auf Schaefer stürzte. Er schnitt ihr die Kehle durch und stach 67-mal mit dem Messer auf sie ein.

Mord in bester Gesellschaft

Die Medien verbreiteten alle Details der Attacke. Sie betonten nicht nur die Grausamkeit des Mörders, sondern auch den wirtschaftlichen Status des Paares. Es lebte in einem wohlhabenden Viertel und pflegte einen Lebensstil, der weit über denjenigen großer Teile der Bevölkerung lag. Sobald derlei in solchen Kreisen geschieht, steigt die Aufmerksamkeit: Niemand ist davon befreit. Es passiert in allen sozialen Klassen.

Die drei Kinder des Paares wurden Waisen, wie Hunderte andere Kinder und Jugendliche, die ebenfalls durch die Ermordung ihrer Mütter durch die eigenen Väter oder durch Partner ihrer Mütter zu Opfern wurden. Aber mit diesem Fall gab es eine Neuerung: Tage vor der Verurteilung des Mörders von Claudia Schaefer, am 1. Juni, trat in Argentinien ein neues Gesetz in Kraft. Es sieht vor, dass Tätern, die für den Mord an Frauen verurteilt werden, das elterliche Sorgerecht entzogen wird. Das Gesetz gilt als eine von mehreren Veränderungen, die eine Bewegung mit dem Namen „Ni Una Menos“ erreicht hat: Nicht eine mehr!

Die Verbrechen an Ana Barrera und Claudia Schaefer waren nur zwei von zahlreichen Frauenmorden. Die Zahl geschlechtsbezogener Verbrechen ist in den vergangenen drei Jahren gestiegen. 2015 wurde alle 37 Stunden eine Frau getötet – 235 Frauen im ganzen Land. In diesem Jahr geschah es alle 16 Stunden. Die Zahl hat die Organisation kurz vor einem Protestmarsch gegen die brutalen Frauenmorde im Juni veröffentlicht.

Auch wenn man auf diesem von Machogehabe dominierten Kontinent immer wieder von weiblichen Opfern erfuhr – in fast allen Fällen Opfer ihrer Ehepartner, Freunde und anderer Männer ihres Umfeldes –, sind die Zahlen lange im Dunkeln geblieben. Statistiken wurden nicht geführt. Die argentinische Justiz, in den meisten Fällen von Männern besetzt, begann erst ab 2015, offizielle Daten zu publizieren. Dies geschah somit erst, als auf der Plaza de Mayo mehr als 200.000 Frauen den Schutz des Staates und einen Stopp der Angriffe einforderten, die seitdem femicidos genannt werden: Frauengenozide.

„Wir sind die Enkelinnen der Hexen, die du nicht verbrennen konntest“, las man auf den nackten Schultern von Mädchen und Frauen, die 2015 gegen den „Genozid“ an Frauen demonstrierten. Sie forderten das Recht, unter den gleichen Bedingungen wie Männer zu leben. Die Initiative verbreitete sich über den ganzen Kontinent. Länder wie Peru und Mexiko – die Gewaltverbrechen an Frauen in Ciudád Juarez sind in ganz Lateinamerika bekannt –, Brasilien und Kolumbien schlossen sich mit Versammlungen auf den Plätzen ihrer wichtigsten Städte und Dörfer an.

Die Machtübernahme von Präsidenten mit dem unverhüllten Stempel des Machotums verbesserte nicht gerade die Situation; mit Donald Trump in den Vereinigten Staaten, dem gleich am Tage nach seiner Amtseinführung eine Megademonstration von Frauen mit Madonna und Schauspielerinnen wie Meryl Streep in Washington gegenübertrat.

„Wenn von Seiten der Macht die Gewalt gegen Frauen befürwortet oder auch nicht geächtet wird; wenn man einen Präsidenten wie Trump oder (Mauricio) Macri hat, der öffentlich erklärt: ‚Alle Frauen mögen, dass man ihnen sagt, was sie für einen schönen Arsch haben‘, kann man nicht erwarten, dass die Angriffe weniger werden oder gar aufhören.“ Das sagte die Aktivistin Pate Palero vom Netzwerk Argentinischer Journalistinnen für eine nicht-sexistische Kommunikation. Seit Jahren schlägt Palero wegen der bei Meldungen über geschlechterspezifische Verbrechen verwendeten Terminologie Alarm. Bis vor weniger als einem Jahrzehnt sprach man in den Polizeinachrichten noch von „Verbrechen aus Leidenschaft“. Allein bereits aufgrund einer solchen Schlagzeile verstand sich die Einordnung des Geschehens von selbst: Der „typische Fall“ des eifersüchtigen Mannes, der seine Frau, die er als sein Eigentum betrachtete, „in einem Anfall von Wahnsinn“ tötete. So sehr gehörte sie ihm, dass er sich ohne Weiteres für ihre Tötung entscheiden durfte. Die männliche Folklore führte als mildernden Umstand an, dass das Opfer den von ihm erlittenen Angriff selbst verschuldete: Durch ihr ungehorsames Verhalten habe sie den „armen Mann“ zur Tat getrieben.

In den vergangenen Jahren wurde der seine Macht über die Frauen demonstrierende Macho, der allein oder in Gruppen vergewaltigt und tötet, sichtbar gemacht und das Bild des Opfertäters eingetauscht gegen das des reinen Täters. Der Fall der 16-jährigen Lucía Pérez, die im Oktober letzten Jahres unter Drogen gesetzt und von mindestens drei Männern vergewaltigt wurde, war ein Schlüsselpunkt der Entwicklung. Es geschah in der Stadt La Plata in der Provinz Buenos Aires. Lucía starb an dem kardiologischen Schock, der ihr durch die extremen Schmerzen der Folter zugefügt wurde, als sie mit Gegenständen penetriert wurde. Ihr Martyrium und ihre Ermordung führten zu einem nationalen Streik von Frauen am 19. Oktober: Es war der erste der beiden Streiks, zu denen Ni Una Menos seit ihrem gesellschaftlichen Erscheinen aufgerufen hat. Der zweite war am 8. März, dem Internationalen Frauentag, womit die Organisatorinnen sogar den wichtigsten Gewerkschaften zuvorkamen. Letztere trauten sich nicht wirklich gegenüber der neoliberalen Macri-Regierung, obwohl die Arbeitslosenzahlen ins Zweistellige kletterten.

Mütter gegen Militärs

„Dies ist eine der wichtigsten Revolutionen, die sich gerade entwickeln“, sagte vor einigen Tagen Nora Cortiñas von den Müttern vom Maiplatz. „Sie gehen, ebenso wie wir seit 40 Jahren, auf die Straße, damit andere davon erfahren, was geschieht. Uns nannte man die Verrückten vom Maiplatz, und auch sie versucht man abzustempeln. Aber es sind so viele, und so viele Junge. Man kann sie bereits nicht mehr stoppen“, erklärte sie. Nora Cortiñas ist eine der Führerinnen und Bezugspersonen der Mütter, die sich mitten in der Militärdiktatur hinauswagten, um auf dem Maiplatz vor dem Regierungsgebäude der Casa Rosada ihre Runde zu drehen. Selbst als ihnen bewusst war, dass man sie töten könnte, dass der Diktator Jorge Videla sie vom Fenster aus beobachtete, und als berittene und bewaffnete Wachleute sie mehrere Male niederschlugen. Die Mütter forderten die Militärjunta heraus, selbst als manche von ihnen verschwanden, wie Azucena Villaflor, eine der Gründerinnen, die auf einem der Todesflüge in den Rio de la Plata geworfen wurde.

Ni Una Menos fordert einen besseren Schutz durch den Staat: Es müssten Haushaltsmittel für die Aufklärung, die Betreuung sowie den Schutz der Opfer eingesetzt werden. Ni Una Menos macht jedoch auch auf Belästigungen am Arbeitsplatz aufmerksam, ebenso wie darauf, dass Frauen nach wie vor geringeren Lohn erhalten, auch wenn sie gleichwertige oder sogar höherwertige Tätigkeiten mit gleicher oder höherer Verantwortung verrichten als ihre männlichen Kollegen.

Machodenken bewusst machen

„Wie viele von uns haben sich seit Beginn unserer Aktionen im Jahr 2015 schon dabei ertappt, dass sie ihre Töchter baten, den Abwasch zu machen, während ihre Söhne vor dem Fernseher saßen?“ Diese Frage wurde zur Parole der eigenen Bewusstmachung des Machodenkens. „Wir Frauen sind es, die die Machos erzogen haben, denn wir selbst waren und sind seit Jahrhunderten frauenfeindlich.“ Dies wird auf den Demonstrationen und während der regionalen und landesweiten Versammlungen immer wieder zur Sprache gebracht und diskutiert.

Seit mittlerweile mehr als einem Jahr hält die rechtsliberale Regierung von Mauricio Macri eine Frau des Volksstammes der Colla gefangen: Milagro Sala, eine bekannte Sozialaktivistin der Gruppe Túpac Amaru und zugleich Abgeordnete von Parlasur. Die Anklagen gegen sie sind ebenso zahlreich wie diffus. Unter anderem wurde ihr Korruption vorgeworfen. In Jujuy, der argentinischen Provinz, die an Bolivien grenzt, machte man ihr den Prozess, weil sie vor zwei Jahren dazu angestiftet haben soll, Eier auf den damaligen Senator und heutigen Gouverneur Gerardo Morales zu werfen. Milagro Sala aber war bei dem escrache gar nicht zugegen. So nennt man in Argentinien diese Protestform, die niemanden verletzt, sondern nur sichtbar macht, was als Unrecht empfunden wird. Trotzdem wurde Milagro Sala wegen der drei Eier, die auf dem Anzug von Morales landeten, angeklagt. Die Regierung hält sie seitdem ohne Rechtsgrund gefangen. Die internationale Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen fordert ihre Freilassung.

„Es ist eindeutig, dass Milagro inhaftiert ist, weil sie Frau ist, arm, zur Urbevölkerung gehörig und schwarz“, schrieb Sandra Russo, Journalistin und Autorin des Buches Milagro Sala Jallalla: La Tupac Amaru, utopía en construcción. Derweil muss es Präsident Macri bei jedem öffentlichen Auftritt ertragen, dass man ihre Freiheit einfordert – auf Plakaten, durch Schreie und durch Luftballons, die mit ihrem Namen oder ihrem Indianergesicht aufsteigen. Auch bei seinem Besuch in Spanien musste sich Macri Beschwerden anhören – diejenigen der Euroabgeordneten, die T-Shirts mit dem Namen der politischen Gefangenen trugen, der ersten politischen Gefangenen Argentiniens seit der letzten Militärdiktatur.

Es erscheint als paradox – oder im Gegenteil gerade logisch –, dass die feministische Revolution ausgerechnet in dieser neuen, neoliberalen Periode des extremen Machotums der Machtapparate in ganz Lateinamerika feste Denkmuster aufbricht, was noch vor lediglich einem Jahrzehnt schwer vorstellbar gewesen wäre. An den jüngsten Demonstrationen in Argentinien nahmen zum ersten Mal Töchter und Söhne von Militärs teil, die wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt wurden. Das Rad der Geschichte hat sich weitergedreht: Die Kinder der Unterdrücker wählten diesen Protestmarsch, um sich der Öffentlichkeit zu offenbaren. „Mein Vater war zu Hause ein gewalttätiges Monster. Er zielte mit einer Schusswaffe auf meine Mutter. Wir mussten in Angst leben“, schilderte Erika Lederer, Tochter eines Folterers des Geheimgefängnisses der Mechanikerschule der Marine (ESMA).

Übersetzung: Roland Brus & Armin Walther
06:00 16.08.2017
Geschrieben von

Marta Platía | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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