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Porträt Susan Sarandons Plan ist alt, aber sehr erfolgreich: Sie hat keinen. Weder in der Politik noch beim Tischtennis oder in Hollywood
Emma Brockes | Ausgabe 43/2014 2

Wenn sie alte Bilder von sich sieht, wundert sich die Schauspielerin, wie sie vor 30 Jahren mit ihrer damaligen Aufmachung durchkommen konnte. 1978 in Cannes, als sie für Pretty Baby warb, lief sie mit Secondhandklamotten über den roten Teppich, ungeschminkt und ungekämmt. „Das ist inzwischen einfach anders. Meine Tochter bringt mir bei, wie man sich als Star zu verhalten hat. Man ist damals anders mit diesen Dingen umgegangen.“

Heute ist Susan Sarandon 67, hat viele gute Filme gemacht (Thelma und Louise, Die Hexen von Eastwick, Annies Männer), 1996 für ihre Rolle in Dead Man Walking einen Oscar bekommen und arbeitet in einem für Schauspielerinnen noch immer schwierigen Alter weiter. Ein wenig überdrüssig ist sie des Berufs dabei aber geworden, ihr politisches Engagement scheint ihr heute wichtiger zu sein. Lieber würde sie darüber sprechen als über den aktuellen Film, The Calling – Ruf des Bösen mit Donald Sutherland und Ellen Burstyn (der in Deutschland nur auf DVD erscheint).

Sarandons Engagement reicht zurück bis in die frühen 70er; sie ging gegen den Vietnamkrieg auf die Straße. Als sie langsam berühmt wurde, bat man sie immer öfter, sich für verschiedene Anliegen und Projekte einzusetzen und im Fernsehen und bei Veranstaltungen aufzutreten. „Ich fühle mich noch immer nicht wohl, wenn ich vor einer größeren Menschenmenge reden muss. Ich versuche dann, mich kurz zu fassen.“ Die Resonanz war nicht immer schmeichelhaft. „Als ich 1984 nach Nicaragua ging, brachte das People Magazine mich in bedrohlicher Aufmachung und mit der Schlagzeile ‚Hanoi Susan‘.“

Karrierekiller Kopfsalat

Mittlerweile ist politischer Aktivismus Teil ihres Images geworden. Vor Beginn des zweiten Irakkriegs sprach Sarandon mit anderen liberalen Hollywoodschauspielern wie George Clooney und Sean Penn, ihrem Partner aus Dead Man Walking, und mit Leuten wie Michael Moore. „Wir versuchten, füreinander da zu sein. Das Schlimmste ist nicht die Sorge, nie wieder gebucht zu werden. Was einem am meisten Angst macht, ist etwas anderes: Wenn Bekannte und Kolleginnen einen auf einmal meiden.“ Gegen Kritik ist sie mittlerweile ziemlich immun. „Erst vor kurzem habe ich eine UN-Statistik über die Bombardierungen im jüngsten Gaza-Krieg wiederholt. Es ging darum, wie viele Kinder auf palästinensischer Seite getötet wurden.“ Ein paar Leute hätten sich daraufhin gemeldet und gefragt, was mit den Raketenangriffen der Hamas auf Israel sei, ob sie damit kein Problem habe und Juden hasse. „Mein Hund hat zurückgetwittert, er glaube nicht, dass man Probleme mit Gewalt lösen kann.“ (Ihr Hund Penny hat einen eigenen Account.)

„Die Leute in Hollywood sind nicht politisch. Das hat gewisse Vorteile. Wahrscheinlich finden sie es schlimmer, wenn jemand zu dick wird oder altert.“ Das ist der Grund, weshalb sie in New York lebt. „In L.A. kannst du einen Job verlieren, wenn du ganz normal im Supermarkt einen Kopfsalat kaufst. Da heißt es dann: Ich hab sie gesehen, die sieht aber gar nicht gut aus.“

Sarandon war in Afrika, um auf die Aids-Krise aufmerksam zu machen, und trat in der Phil Donahue Show auf, um über Haiti zu sprechen. „Ich stelle Fragen. Ich sage den Leuten nie, was sie denken sollen.“ Sie weist nur auf Unstimmigkeiten und Widersprüche hin. „Einmal wurde ich gefragt, aus welchen Gründen man mir denn zuhören solle. Ich habe geantwortet, ich könne keinen nennen, genauso wenig wie dafür, warum es jemand interessieren sollte, mit wem ich ins Bett gehe. Mein Standpunkt ist schlicht: Viele Menschen haben nicht die Möglichkeit, im Fernsehen aufzutreten. Ich bin UN-Botschafterin. Deshalb bin ich vor Jahren zum ersten Mal nach Afrika gegangen und habe über den Beginn der Aids-Epidemie berichtet. Als mich dann ein Journalist – ich glaube, er war von der BBC – fragte, warum er mir zuhören sollte, schließlich sei ich keine Expertin beim Thema Aids, fragte ich ihn zurück, warum er denn dann nicht schon vor mir da gewesen sei.“

Die Erbsünde

Gegen Widerstände und Uneinsichtigkeit ihrer Vorgesetzten handelt Sarandons Figur im aktuellen Film The Calling – Ruf des Bösen: eine Kleinstadtpolizistin, die einen Serienkiller jagt. Der Film spielt in Kanada, und es gibt eine Menge Szenen, die an Fargo von den Coen-Brüdern erinnern, mit Polizisten, die im Schnee herumlaufen und Kaffee trinken. Interessant ist auch der katholische Hintergrund. Donald Sutherland, mit dem Sarandon schon 1989 in Weiße Zeit der Dürre gearbeitet hat, spielt einen Priester, der sich durch pseudotheologische Fragen im Da-Vinci-Code-Stil kämpfen muss, um das Ritual zu erklären, dem der Mörder folgt. „Ich musste es ein paarmal durchlesen, um zu verstehen, worum es geht“, sagt Sarandon. „Das war eine Lehrstunde in der Kunst, trockenen Dialog lebendig rüberzubringen.“

Sie ist selbst Katholikin, praktiziert ihren Glauben aber schon lange nicht mehr. Sarandon stammt aus einer Arbeiterfamilie in New Jersey. Als ältestes von neun Kindern ging sie auf ein katholisches Gymnasium, wo ihr erklärt wurde, sie sei mit einem „Übermaß an Erbsünde“ belastet. Sarandon war keine geborene Rebellin, als Kind glaubte sie alles, was die Eltern und ihre Umgebung ihr sagten. Sie hatte große Angst, die Kommunisten würden die USA überfallen. „Also betete ich in jeder Pause, während die anderen sich in den Beichtstühlen herumdrückten und knutschten. Ich hatte den ernsthaften Wunsch, ein guter Mensch zu sein und meinem Glauben gemäß zu leben.“

Emma Brockes schreibt Features für den Guardian und rezensiert Bücher in der New York Times

Heute heißt eine ihrer Passionen: Tischtennis. Der Film Ping Pong Summer ist beim Sundance Filmfestival und in den US-amerikanischen Kinos gelaufen (und hierzulande nur als Original-DVD oder Stream erhältlich). Vor allem aber macht sich ihr 2009 gegründeter Tischtennisclub SPiN ziemlich gut. Neue Filialen eröffnen an der Westküste und in Dubai; ihr Know-how beschreibt sie eher bescheiden: „Gestern hatten wir ein Meeting. Ich bin mit Absicht eine Stunde zu spät gekommen. Es ging um Finanzen, und das interessiert mich überhaupt nicht. Mich interessiert, wie man dafür sorgt, dass die Menschen sich wohlfühlen. Mich interessieren gute Ideen. Ich weiß, dass Goldie Hawn ziemlich geschickt mit ihrem Geld umgeht. Schütze Benjamin war 1980 einer der ersten richtig erfolgreichen Filme, bei denen sie eine Beteiligung hatte. Und sie besitzt Häuser überall. Diane Keaton auch. Smarte Girls. Mich würde keiner verdächtigen, eine clevere Geschäftsfrau zu sein.“

Was Filmrollen angeht, ist sie froh, nicht mehr ständig nur Angebote zu bekommen, in denen sie eine Sterbende spielen soll oder Alkoholikerinnen („hatte ich schon dreimal in Folge“). Sie würde gern mehr Dokumentationen drehen, habe aber keinen Plan, den sie verfolge. Das ist nun mal nicht Susan Sarandons Stil. „Ich sehe mich nicht als Expertin für irgendetwas. Ich will nur überleben.“

Übersetzung: Holger Hutt

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06:00 05.11.2014
Geschrieben von

Emma Brockes | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 37/2021

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