Trauer und Entsetzen

USA Amerika ist so gespalten wie selten zuvor. Der Todesschütze von Arizona handelte nicht auf direkte Anweisung, aber in einer Atmosphäre, die solche Attacken begünstigt

Jared Loughner, der in Arizona Amok lief, hat nicht allein gearbeitet. Zwar entsprang die Bluttat seinem verwirrten, instabilen und gestörten Geist, war aber auch Nebenprodukt einer polarisierten politischen Kultur, die von hasserfüllter und schmähender Rhetorik und Symbolik getragen wird. Kämpfe bei Town Hall Meetings, Gewehre vor Kundgebungen, Facebook-Seiten mit Mordaufrufen, Debatten über den günstigsten Zeitpunkt eines bewaffneten Aufstandes – alles ist an der Tagesordnung. Im Oktober fragte ich einen Mann in der malerischen Stadt Salida (Staat Colorado), ob Präsident Obama schon etwas Achtenswertes erreicht habe: „Er hat der Waffen- und Munitionsindustrie enormen Wachstum beschert“, so die Antwort. „Meine Freunde legen schon Lager an.“

Dies als die Worte von Außenseitern zu betrachten, würde an der Sache vorbei gehen und hieße, den Trend zu verkennen. Amerika ist unter Obama gespaltener als es in den zurückliegenden 40 Jahren je war: In der Woche seiner Wahl im November 2008 stiegen die Waffenverkäufe im Vergleich zum Vorjahr um 50 Prozent.

Muslim oder Sozialist

Betrachtet man den rechten Rand des politischen Spektrums, haben sich die Grenzen zwischen Außenseitertum und Mainstream mit rasanter Geschwindigkeit verwischt. Weder die Tea Party noch Obama haben die politischen Gräben geschaffen, doch haben sich diese Gräben alarmierend vertieft. Umfragen aus dem Vorjahr zufolge glaubt eine Mehrheit der Republikaner, Obama sei Muslim oder Sozialist, der „die Souveränität der Vereinigten Staaten einer Weltregierung“ opfern wolle. Zwei Drittel der Republikaner glauben oder sind sich zumindest nicht sicher, ob der Präsident nicht „ein Rassist“ ist, „der weiße Menschen hasst“. Mehr als die Hälfte sind sich nicht sicher, ob Obama „in den USA geboren“ wurde, und ob er „den Terroristen“ zum Sieg verhelfen will.

In dieser anderen Wirklichkeit wird eine bewaffnete Reaktion, wenn nicht logisch, so doch diskutabel. Wäre Obama tatsächlich ein mit Terroristen sympathisierender Weißen-Hasser, der sich der Präsidentschaft bemächtigt hat, würden drastische Maßnahmen Sinn ergeben. Bei einer der vielen Anti-Obama-Demonstrationen trug ein Teilnehmer ein Plakat mit der Aufschrift Es ist an der Zeit, den Baum der Freiheit zu bewässern – eine Referenz an Thomas Jeffersons berühmtes Zitat: „Der Baum der Freiheit muss von Zeit zu Zeit mit dem Blut von Patrioten und Tyrannen begossen werden.“ Timothy McVeigh, der Attentäter von Oklahoma, trug 1995 ein T-Shirt mit dem selben Aufdruck bei seiner Verhaftung nach dem Bombenanschlag auf das Federal Building in Oklahoma City, bei dem 168 Menschen ums Leben kamen.

Darüber hinaus werden einige dieser extremen Ansichten und ein großer Teil des antagonistischen Tonfalls von der republikanischen Hierarchie stillschweigend gebilligt und explizit fortgesetzt. Wenn ein Kongressabgeordneter Obama während dessen Rede zur Lage der Nation zuruft, er sei ein „Lügner“, kann er daraufhin einen beträchtlichen Anstieg seiner Spendeneinnahmen verzeichnen. Sharron Angle, eine republikanische Kandidatin in Nevada, der es bei den Senatswahlen 2010 beinahe gelungen wäre, den demokratischen Mehrheitsführer Harry Reid abzulösen, schlug einmal für den Fall, dass der Kongress weiter auf seinem Weg bleibe, „Maßnahmen im Sinne des zweiten Verfassungszusatzes“ vor. Der zweite Verfassungszusatz bezieht sich auf das Recht, eine Waffe zu tragen.

An kaum einem anderen Ort wurde die nationale Atmosphäre auf dramatischere Weise deutlich als in Arizona. Im April erhielt Raul Grijalva, der den an Gabrielle Giffords angrenzenden Wahlbezirk vertritt, Bombendrohungen wegen seines Widerstandes gegen ein neues Anti-Einwanderungsgesetz. Im Oktober wurde sein Büro mit Hakenkreuzen und weißer Farbe beschmiert.

Saison für Amokläufer

Im August rief Gifford die Polizei, nachdem ein Mann bei einer Veranstaltung ähnlich der, die sie am Samstag besuchte, ein Gewehr hatte fallenlassen. Vor wenigen Monaten hatte die Republikanerin Sarah Palin Giffords Wahlbezirk ins Visier genommen, auf ihrer Internetseite mit einem Fadenkreuz versehen und ihre Anhänger aufgefordert, „nachzuladen und zu zielen.“ Damals kritisierte Giffords „die Darstellungsweise – das Fadenkreuz eines Zielfernrohres über unserem Bezirk –, wenn man so etwas macht, muss man sich der Konsequenzen bewusst sein.“

Die Zusammenhänge zwischen dieser Rhetorik und dem Attentat vom 8. Januar sind nicht kausaler, sondern kontextueller Natur. Der Schütze hat wohl nicht auf direkte Anweisung, aber in einer Atmosphäre gehandelt, die solch eine Attacke begünstigt. Was auch immer die Motive dieser Tat waren – es handelte sich um einen gezielten Akt innenpolitischer Gewalt. Dieses Szenario war nicht nur vorhersehbar, sondern wurde immer wieder vorhergesehen.

Im April 2009 kam ein Heimatschutzbericht mit dem Titel Rechtsextremismus: gegenwärtiges wirtschaftliches und politisches Klima befeuert Wiederaufleben der Radikalisierung und Rekrutierung zu dem Schluss: „Der wirtschaftliche Abschwung und die Wahl des ersten afroamerikanischen Präsidenten befördern rechte Radikalisierung und Rekrutierung in einzigartiger Weise.“ Weiter hieß es, „die Frustration bei extremistischen rechten Gruppierungen über ein wahrgenommenes Handlungsdefizit seitens der Regierung bezüglich illegaler Einwanderung hat das Potential, Einzelpersonen oder kleine Gruppen zur Gewalt anzuspornen.“

Gifford kämpft um ihr Leben, und das Land betrauert seine Toten. Derweil beharren manche darauf, es sei noch zu früh, weitergehende politische Schlüsse aus der Tragödie zu ziehen. Wären sie früher gezogen worden, hätte die Bluttat möglicherweise verhindert werden können.

Übersetzung: Zilla Hofman

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16:00 10.01.2011
Geschrieben von

Gary Young | The Guardian

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