Trügerische Sicherheit

Lebenslügen Corona ist der Weckruf für eine selbstgefällige Gesellschaft, die glaubte, ihr könne nichts mehr passieren
Trügerische Sicherheit
Wo wollen wir hin?

Foto: Thomas Kronsteiner/Getty Images

Wir haben in einer Blase gelebt, einer Blase aus vermeintlicher Sicherheit, Bequemlichkeit und Realitätsverweigerung. In den reichen Ländern haben wir damit angefangen zu glauben, wir hätten die materielle Welt hinter uns gelassen. Der Wohlstand, den wir angehäuft haben – oft auf Kosten anderer – hat uns gegen die Realität abgeschirmt. Wir haben hinter Monitoren gelebt, haben uns von einer Kapsel zur nächsten bewegt – unsere Häuser, Autos, Büros und Einkaufszentren – und uns eingeredet, die Kontingenz habe den Rückzug angetreten und wir hätten den Punkt erreicht, den alle Zivilisationen anstreben: die völlige Abschirmung gegenüber Naturkatastrophen.

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Nun ist die Membran zerrissen und wir finden uns nackt und aufgebracht wieder, da die Natur, die wir gebannt glaubten, in unser Leben einbricht. Wenn die Pandemie vorbei ist, wird die Versuchung darin bestehen, eine neue Blase zu suchen. Doch wir dürfen ihr nicht erliegen. Von nun an sollten wir uns den schmerzhaften Realitäten aussetzen, die wir zu lange ignoriert haben.

Der Planet hält mehrere Gefahren für uns bereit, von denen einige das Corona-Virus vergleichsweise harmlos erscheinen lassen. In den letzten Jahren hat mich vor allem die Frage beschäftigt, wovon wir uns in Zukunft ernähren werden. Streit um Klopapier ist schon schlimm genug. Ich hoffe, wir werden nie erleben, dass Menschen sich um Nahrungsmittel prügeln. Es fällt mir aber immer schwerer zu sehen, wie wir das verhindern wollen.

Die Hinweise mehren sich, dass der Zusammenbruch des Klimas sich auf unser Nahrungsmittelversorgung auswirken wird. Bereits heute hat die Landwirtschaft in manchen Regionen der Welt mit Dürren, Überschwemmungen, Bränden und Heuschreckenplagen zu kämpfen (deren Wiederauftreten in den vergangenen Wochen die Folge anormaler tropischer Zyklone zu sein scheint). Wenn wir solche Katastrophen „biblisch“ nennen, meinen wir damit, dass es sich um Dinge handelt, die vor langer Zeit geschahen und Menschen widerfuhren, deren Leben wir uns heute kaum noch vorstellen können. Nun widerfahren sie immer häufiger uns.

In seinem in Kürze erscheinenden Buch Our Final Warning erklärt Mark Lynas, wie sich jedes weitere Grad an Erderwärmung auf unsere Nahrungsmittelversorgung auswirken dürfte. Er kommt zu dem Schluss, dass die Lage irgendwo zwischen drei und vier Grad über dem vorindustriellen Niveau extrem gefährlich wird. An diesem Punkt droht eine Reihe miteinander verbundener Auswirkungen, die Landwirtschaft in eine tödliche Abwärtsspirale zu versetzen. Die Außentemperaturen steigen so stark an, dass sie für Menschen nicht mehr auszuhalten sind, was die Subsistenzwirtschaft in Afrika und Südasien quasi unmöglich macht. Nutztiere sterben an Hitzestress. In weiten Teilen der Welt beginnen die Temperaturen die tödlichen Grenzwerte für Getreide zu übersteigen und die wichtigsten Regionen der Lebensmittelproduktion verwandeln sich in staubige Wüsteneien. Gleichzeitige Ernteausfälle weltweit – etwas, das in der Moderne bislang noch nie vorgekommen ist – werden äußerst wahrscheinlich.

Die nächste Krise ist sicher

In Kombination mit einer wachsenden Bevölkerung und dem Verlust von Regen- bzw. Gießwasser, Boden und Bestäubern könnte dies die Welt in eine strukturelle Hungersnot stürzen. Selbst heute, wo weltweit insgesamt eine Überproduktion an Lebensmitteln herrscht, leiden Hunderte von Millionen an Mangelernährung, weil Reichtum und Macht so ungleich verteilt sind. Ein echter Mangel an Nahrungsmitteln könnte zur Folge haben, dass Milliarden verhungern. Er wird dazu führen, dass auf globalem Niveau gehortet wird und die Reichen den Armen das Essen vor der Nase wegschnappen. Doch selbst wenn alle Länder das Versprechen einhalten, das sie im Rahmen des Pariser Klimaabkommens gegeben haben – was gegenwärtig recht unwahrscheinlich ist –, wird die Erderwärmung um drei bis vier Grad steigen.

Da wir uns in Sicherheit wähnen, tun wir fast nichts, um diese Katastrophe zu antizipieren, geschweige denn sie zu verhindern. Diese existenzielle Gefahr scheint kaum in unser Bewusstsein zu dringen. Jeder Sektor der Lebensmittelindustrie behauptet, seine gegenwärtigen Praktiken seien bereits nachhaltig und müssten nicht weiter verändert werden. Wenn ich sie infrage stelle, begegnet man mir mit einem Sperrfeuer aus Wut, Beschimpfungen und Drohungen, wie ich sie nicht mehr erlebt habe, seit ich gegen den Irakkrieg eingetreten bin. Heilige Kühe und Lämmer an jeder Ecke. Das Denken, das erforderlich ist, um die neuen Lebensmittelsysteme zu entwickeln, die wir brauchen – wie etwa im Labor erzeugte Lebensmittel –, ist kaum irgendwo zu finden.

Aber das ist nur eine der Krisen, die uns bevorstehen. Antibiotika-Resistenz ist potenziell so tödlich wie jede neue Krankheit. Eine ihrer Ursachen liegt darin, dass in vielen landwirtschaftlichen Betrieben so unglaublich verschwenderisch mit diesen kostbaren Medikamenten umgegangen wird. Wo große Mengen an Nutztieren zusammengepfercht werden, wendet man einfach Antibiotika an, um prophylaktisch den ansonsten unvermeidlichen Ausbruch von Krankheiten zu verhindern. In manchen Teilen der Welt werden sie nicht nur zur Verhinderung von Krankheiten eingesetzt, sondern auch als Wachstumsförderer. Geringe Dosen werden regemäßig dem Futter beigemischt: Man könnte sich nichts Besseres ausdenken, um bakterielle Resistenzen herbeizuführen.

In den USA, in denen 27 Millionen Menschen ohne Krankenversicherung auskommen müssen, behandeln sich manche mittlerweile mit Antibiotika vom Tierarzt, einschließlich solcher, die für die Behandlung von Zierfischen vorgesehen und ohne Rezept erhältlich sind. Pharmaunternehmen forschen nicht in ausreichendem Maße an neuen Medikamenten. Wenn Antibiotika nicht mehr anschlagen, werden chirurgische Eingriffe nahezu unmöglich. Geburten werden wieder zur tödlichen Gefahr. Chemotherapien können nicht mehr sicher durchgeführt werden. Ansteckende Krankheiten, die wir bereits vergessen haben, werden wieder zu tödlichen Bedrohungen. Eigentlich sollten wir über diese Dinge so oft reden wie über Fußball – doch wir nehmen sie kaum wahr.

Geld ist wichtiger als Leben

All unsere verschiedenen Krisen, von denen hier nur zwei angesprochen wurden, haben eine gemeinsame Wurzel. Das Problem wird von der Reaktion der Organisator*innen des Bath-Halbmarathons verdeutlicht, einer große Veranstaltung, die am 15. März stattfand. Als viele darum baten, man möge den Lauf aufgrund der Corona-Pandemie absagen, hieß es von Seite der Organisator*innen: „Es ist jetzt zu spät für uns, die Veranstaltung abzusagen oder zu verschieben. Alles ist aufgebaut, die Infrastruktur steht, die Strecke und unsere Vertragspartner sind bereit.“ Mit anderen Worten: Die bereits getätigten Ausgaben wurden als schwerwiegender beurteilt als die künftigen Auswirkungen – die mögliche Übertragung von Krankheiten oder der Verlust von Menschenleben.

Die Zeit, die das Internationale Olympische Komitee brauchte, um die Spiele ins kommende Jahr zu verschieben, könnte ebenfalls als Beispiel herhalten – aber immerhin hat man hier am Ende doch noch die Kurve gekriegt. Die Kosten für Fossilindustrie, Landwirtschaft, die Banken, die private Gesundheitsversorgung und andere Sektoren verhindern die schnelle Transformation, die wir brauchen. Geld ist wichtiger als Leben.

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie die Sache ausgehen könnte. Wir können unsere Bemühungen, das Offensichtliche zu leugnen, verdoppeln – wie einige es bereits tun. Einige derjenigen, die andere Gefahren abtun, wie etwa den Zusammenbruch des Klimas, versuchen auch die Gefahr herunterzuspielen, die von Covid-19 ausgeht. Man braucht sich nur Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro anzusehen, der behauptet, beim Coronavirus handle es sich um nichts weiter als um eine „leichte Erkältung“. Die Medien und die Oppositionspolitiker, die einen Lockdown fordern, sind für ihn offenbar Teil einer Verschwörung.

Dies könnte aber auch der Augenblick sein, in dem wir erkennen, dass wir Teil der Natur sind, von den Gesetzen der Biologie und der Physik bestimmt werden und auf einen bewohnbaren Planeten angewiesen sind. Wir sollten nie wieder auf die Leugner und Blender hören. Wir sollten nie wieder zulassen, dass eine bequeme Lüge die Oberhand über eine schmerzliche Wahrheit gewinnt. Wir können es uns nicht länger leisten, von denjenigen bestimmt zu werden, denen Geld wichtiger ist als das Leben. Das Coronavirus erinnert uns daran, dass wir Teil einer materiellen Welt sind.

George Monbiot ist ein britischer Journalist, Autor, Universitätsdozent, Umweltschützer und Aktivist

Übersetzung: Holger Hutt
17:03 27.03.2020
Geschrieben von

George Monbiot | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

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