Leo Hickman
19.07.2011 | 14:00

Umtausch eingeschlossen

Teilen lernen Die Autorin Rachel Botsman fordert ­gemeinschaftlichen Konsum. Ist das nur eine schöne Theorie oder kann es funktionieren? Ein Erfahrungsbericht

Im November 2008 wurde der 34 Jahre alte Sicherheitsmann Jdimytai Damour in einer Wal-Mart-Filiale in Valley Stream im US-Bundesstaat New York von einem „außer Kontrolle geratenen Mob“ zu Tode getrampelt, wie es in der Boulevardpresse hieß. Zweitausend wild gewordene Schnäppchenjäger hatten in der Nacht vor der Eröffnung des Schlussverkaufs den Laden belagert. „Drastische Preisstürze“ waren versprochen worden. Als die Meute schrie „Drückt die Türen ein“, flüchteten sich die Angestellten im Inneren des Marktes auf Selbstbedienungsautomaten, um dem Ansturm zu entkommen. Als die Polizei den Laden nach dem Todesfall für geschlossen erklärte, weil der Wal Mart nun „Schauplatz eines Verbrechens“ war, beschwerten sich die Kunden. Einer brüllte: „Ich habe seit gestern früh angestanden.“ Zu ergattern war unter anderem ein 50-Zoll-Plasma-HD-Fernseher für 798 Dollar.

Rachel Botsman nennt diese Episode in ihrem Buch What’s Mine Is Yours: How Collaborative Consumption is Changing the Way We Live (Harper Collins, London 2011) eine „traurige und abschreckende Metapher für unsere Kultur insgesamt – eine Meute erschöpfter Konsumenten, die Türen einrennen und Menschen ummähen, bloß um mehr zu kaufen.“ Sie kritisiert die Exzesse, die Nutzlosigkeit und die Widersprüche des Massenkonsums, aber sie vermeidet es dabei, die üblichen Argumente des Anti-Konsumismus wieder aufzuwärmen. Sie fordert stattdessen, „klüger“ zu konsumieren, indem wir uns vom überholten Konzept des exklusiven Eigentums entfernen. Und von der „Begierde, zu besitzen“. Außer Konsumgütern sollten wir auch „Zeit und Raum“ teilen. Wir sollten Dinge tauschen und vermieten. Botsman hat ihre Ideen bereits dem britischen Premierminister und Führungskräften von Microsoft und Google vorgestellt.

Die Idee des gemeinschaftlichen oder kollaborativen Konsumierens existiert schon seit Jahrhunderten. Doch durch den doppelten Druck aus Finanz- und Umweltkrise sei sie nun wieder stärker in den Vordergrund gerückt, schreibt Botsman. Soziale Netzwerke im Internet, gepaart mit der Möglichkeit der lokalen Ortung von Menschen mittels ihrer Smartphones, geben ihr neuen Auftrieb. Der gemeinschaftliche Konsum soll einerseits der Ressourcenverschwendung entgegenwirken und auf der anderen Seite eine Nachfrage für Güter schaffen, die sonst „brachliegen“ würden. Aber kann das funktionieren – oder ist das nur eine schön klingende Theorie?

Carsharing

Anhand des Autofahrens zeigt Botsman, wo bereits sinnvoll kollaborativ konsumiert wird. „Autos werden von ihren Besitzern nur zu neunzig Prozent ausgenutzt“, erläutert sie. „Bei mehr als zwei Drittel der Fahrten sitzt nur eine Person im Wagen. In großen Städten sind deshalb Car-Sharing-Vereine sehr erfolgreich.“ In München hat BMW ein System eingeführt, bei dem die Mitglieder für die Benutzung eines Autos nicht stundenweise, sondern sogar nur pro Minute zahlen. Über Webseiten wie ParkatmyHouse.com kann man mit ungenutzten Flächen vor dem eigenen Haus als Parkplatz Geld verdienen. Ein anderes Beispiel ist eine Kirche im Londoner Stadtteil Islington, die sich in finanziellen Schwierigkeiten befand. Die Gemeinde begann, ihre Freifläche als Parkraum anzubieten und verdient heute so 70.000 Pfund im Jahr.

Wenn das Internet als Schmiermittel für das kollaborative Konsumieren fungiert, ist Vertrauen der Leim, der es zusammenhält. „Wir misstrauen zentralisierten Monopolen, dezentralen Systemen hingegen vertrauen wir“, schreibt Botsman. Seiten, auf denen nach einem Peer-to-Peer-System Geld verliehen wird, werden immer beliebter. Im Netz werden „Vertrauenszirkel“ gegründet, um Fähigkeiten und Wissen zu teilen und bestimmte Aufgaben zu erledigen. Ebay hat gezeigt, dass auf Vertrauen basierende Transaktionen online funktionieren. Seiten wie TaskRabbit, wo sich Menschen in ihrem Viertel miteinander verabreden, um sich gegenseitig bei der Gartenarbeit zu helfen, „definieren den Begriff des Nachbarn neu“.

Eine von Botsmans radikalsten Ideen besteht darin, in den kommenden Jahren so genannte „Reputationsbanken“ zu etablieren. „Im Internet hinterlassen wir eine Reputationsspur. Mit jedem Verkäufer, den wir beurteilen, jedem Spammer, auf den wir hinweisen, jedem Kommentar, den wir abgeben, jedem Kommentar, Video oder Foto, das wir posten, hinterlassen wir einen immer weiter wachsenden Bericht darüber, wie gut wir zusammenarbeiten und ob wir vertrauenswürdig sind“, schreibt sie. Schon bald werde daher unser Reputationsrating so wichtig sein wie unser Kreditrating – wenn nicht wichtiger. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis ein Netzwerk entsteht, „das aus verschiedenen Formen kollaborativen Konsumierens unser Reputationskapital aggregiert“. Wir werden quasi googeln können, wie ein bestimmter Mensch sich verhält und wie sehr wir ihm trauen können. Man kann das an Produkten festmachen, die getauscht und gehandelt werden, an Geld, das Leute verleihen oder leihen, oder an Autos, die sie teilen.

Der erste Schritt in diese Welt ist, laut Botsman, eine Inventarliste zu erstellen, mit allen Dingen, die wir besitzen. Die Webseite Gumtree.com etwa schätzt, dass sich in einem durchschnittlichen Haushalt unbenutzte Dinge im Wert von fast 700 Euro befinden, die wir als Gerümpel betrachten: alte Geräte, Bücher, Kleidung. Man müsse auch an den wiedergewonnenen Platz unter der Treppe denken – den Elektrogrill, den man beim Nachbarn ausleihen könnte, eigene Fähigkeiten, die man gegen die anderer tauschen könnte (mit dem Hund Gassi gehen etwa gegen Hilfe bei der Buchführung oder beim Anbringen von Regalen).

Ich selbst habe diese Schritte schon früher getestet: Was ich nicht mehr brauchte, habe ich auf Ebay vertickt, mich in einem Carsharing-Club angemeldet und mir angesehen, wie TimeBank funktioniert, wo Menschen auf freiwilliger Basis für Non-Profit-Projekte ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Um das kollaborative Konsumieren einem Stresstest zu unterziehen, habe ich weitere Beispiele ausprobiert:

Kleidertausch-Börsen

Anfang des vergangenen Jahres fasste Anna Dalziel den Entschluss, aus ihrer Leidenschaft für Flohmärkte ein Hobby zu machen, von dem auch andere etwas haben. Sie traf die Besitzer eines Cafés, das sich in einer umgebauten Grundschule befindet, und fragte sie, ob sie in einem unbenutzten Gang eine Kleidertauschbörse abhalten könnte. Heute veranstaltet sie an verschiedenen Orten in West-Cornwall einmal pro Woche eine Börse und erreicht damit fast 600 Teilnehmerinnen. „Manchmal geht es hier rau zu“, sagt Dalziel. Ich komme mit einem Rock meiner Frau an, den ich „für etwas Nettes“ eintauschen soll. Eigentlich kein Stress. „Oft muss man hier aber seine Ellbogen einsetzen, wenn man etwas unbedingt haben will“, sagt Dalziel.

Die Regeln sind von Organisator zu Organisator verschieden. Bei Dalziel erhält man für jedes Teil, das man mitbringt, einen Tauschkreditpunkt. Andere Veranstalter unterscheiden nach Zustand und Qualität: Für Designerklamotten kann es zehn Punkte geben, für Billigware nur einen Punkt. Um sich für den Aufwand zu entschädigen, den diese Sortiererei kostet, verlangen manche bis zu 20 Pfund Eintritt. Dalziel nimmt nur 3 Pfund, um die Kosten für Benzin und Raummiete zu decken. Sie hält strikt an ihrer Alle-Klamotten-sind-gleich-Regel fest.

Entlang eines Korridors sind Kleiderregale mit verschiedenen Größenangaben aufgestellt. Ungefähr 15 Leute warten nebenan im Café darauf, dass es losgeht. Gewöhnlich würden etwa doppelt so viele Leute kommen, aber heute regnet es, sagt Dalziel und kassiert den Eintritt, als die Frauen hereinströmen. Ich halte mich erst mal zurück. „Manchmal sieht man, wie ein Kleidungsstück jede Woche wiederkommt und so die Runde macht. Manche decken sich, bevor sie in Urlaub fahren, neu ein. Ich kenne Frauen, die im Laufe des vergangenen Jahres 500 Teile getauscht haben. Sie fühlen sich für die Sachen weniger verantwortlich, als wenn sie sie gekauft hätten, und bringen sie einfach in der darauffolgenden Woche wieder mit.“

Dann gehe auch ich zu den Regalen und lasse meine Finger durch die Bügel gleiten. Dalziel spürt, dass ich keine Ahnung habe, wonach ich suche. Sie hält mir einen brandneuen Bikini hin. Ich ergreife ihn, um weitere Peinlichkeiten zu vermeiden und muss später in Kauf nehmen, dass meine Frau mich vorwurfsvoll fragt, warum ich ihr „nur“ einen Bikini mitgebracht habe.

Wann das nächste Treffen stattfindet, gibt Dalziel auch über Facebook bekannt. Zu ihrer Tauschbörse kommen praktisch nur Frauen. Normalerweise zwischen 30 und 50, an besonders guten Tagen auch knapp 100. Nach jeder Veranstaltung geht sie die übriggebliebenen Kleidungsstücke durch und macht einen Stapel für soziale Einrichtungen, den Rest lagert sie zu Hause und nimmt ihn mit zur nächsten Tauschbörse. „Es gibt Leute, die behandeln uns wie Umsonstläden und versuchen, Punkte zu schinden. Aber so läuft das nicht. Unterwäsche ist tabu. Ich möchte hier keine alten Büstenhalter sortieren“, sagt Dalziel.

Kann sie sich auch eine für Männer ausgerichtete Tauschbörse vorstellen? „Ich glaube nicht, dass das funktionieren würde. Einmal haben wir es mit einer für Kindersachen versucht, weil wir dachten, Eltern würden womöglich gerne Spielzeug und Babykleidung tauschen. Es kam kaum jemand. Und es war auch schwieriger, die Sachen zu transportieren.“ Auch eine Werkzeugbörse für Männer würde kaum laufen, meint sie. „Ich frage mich, ob es den Frauen, die zu mir kommen, nicht mehr darum geht, unter Leute zu kommen als um die Kleider.“

Online-Tauschringe

Bei meiner Suche nach einem Tauschdienst, der sich nicht auf Kleidung beschränkt, gehe ich ins Internet. Der erste, den ich ausprobiere, heißt U-Exchange.

Ich gebe ein, wo ich wohne, doch die Ergebnisse sind wenig motivierend. Die Person, die mir am nächsten lebt, will einen Tischkicker gegen „Kriegsbücher über den Special Air Service“ der britischen Armee. Ich weiß nicht, was ich unattraktiver finde: diese Bücher, die ihren Besitzer wechseln sollen, oder diesen Menschen zu treffen?

Ecomodo ist eine größere Seite, die nicht nur auf Tauschgeschäfte beschränkt ist, sondern ihren Usern ermöglicht, etwas zu verschenken oder gegen eine Gebühr an diejenigen zu vermieten, die es brauchen können. Wieder gebe ich meinen Standort ein – und wieder werde ich enttäuscht.

Alles, was auf dem Bildschirm erscheint, ist das Angebot, in 15 Kilometer Entfernung für 3,34 Pfund einen Langlauftrainer zu mieten.

Diese Seiten funktionieren offenbar in dicht besiedelten Gebieten am besten, nicht aber in einer ländlichen Gegend wie meiner Heimatgemeinde in Cornwall. Das bestätigt sich, als ich meine alte Londoner Adresse eingebe und über 200 Dinge angeboten bekomme – einen kostenlosen Tennisschläger, einen Schokoladenbrunnen, Gummistiefel für 2,25 Pfund pro Tag oder einen Rasenmäher für 4,34 Pfund.

Botsman empfiehlt Bookhopper, so kann man auf dem Postweg Bücher tauschen – jedoch nur innerhalb der Landesgrenzen, um die Portokosten gering zu halten. Man muss mindestens zehn Bücher angeboten haben, bevor man selber eines bestellen kann. So sind immer genügend Bücher auf Lager.

Meine Frau warnt mich, eines ihrer Bücher auch nur anzufassen – „der Rücken könnte ja geknickt werden“. Aber ich finde zehn Bücher, von denen ich froh bin, wenn ich sie nie wieder sehen muss. Nur, auf einmal befallen mich Zweifel – ob ich sie nicht doch noch mal brauchen könnte? Vor allem die Sachbücher? Es trifft sich, dass nach einer Woche niemand auch nur ein Buch von mir haben will. Dass ich auf der Website den 167 bereits vorhandenen Dan-Brown-Romanen noch meine unerwünschte Ausgabe von Sakrileg hinzugefügt habe, verhilft mir zu dem Ergebnis, das ich verdiene. Eine frühe Lektion des gemeinschaftlichen Konsumierens lautet: Es ist dem dritten Newton’schen Gesetz nachempfunden. Man bekommt immer nur so viel heraus, wie man hineingesteckt hat.

Leo Hickman schreibt im Guardian über nachhaltigen und ethisch korrekten Konsum.

Übersetzung: Holger Hutt/Zilla Hofman