Verblasste Erinnerung

Einwanderung Abdelkader Benali, einer der erfolgreichsten niederländischen Schriftsteller über die Veränderungen in einem Land, an das er einmal all seine Hoffnungen geknüpft hatte

Als ich in den späten 1970er Jahren mit meiner Mutter in Rotterdam ankam, dachten wir, wir hätten einen sicheren Hafen gefunden. Aus den zerklüfteten Bergen Nordmarokkos kommend, muteten uns die Straßen der Niederlande an wie ein Ort, an dem alles besser gemacht werden kann. Damals schien es uns unmöglich, dass 30 Jahre später Leute wie Geert Wilders derart an Einfluss gewinnen und ein Burkaverbot durchsetzen könnten – aber damals waren auf den Straßen auch noch keine Burkas zu sehen.

Ich hatte das Gefühl, die Niederlande würden mich nie im Stich lassen. Im Kindergarten wurde ich mit Begeisterung aufgenommen. Ich hatte von allen Kindern den längsten Namen und die anderen waren der Ansicht, ich könne darauf mächtig stolz sein. Die niederländische Kultur brannte sich in meine braune Haut wie eine Tätowierung. Ich lernte die Sprache und hatte große Freude daran, dies meinen Lehrern vorzuführen. Ich verkörperte ihren Traum einer multikulturellen Gesellschaft: einen Ausländer, der unter Beweis stellte, dass er sich durch den Erwerb der Sprache auch ihre Kultur zu eigen machen konnte. Die Mütter meiner Klassenkameraden ließen mich wissen, wie sehr sie die marokkanische Küche, insbesondere Kuskus liebten. Sie sprachen voller Begeisterung über fremde Kulturen wie die meine, und ich fühlte mich stolz. Dass ich anders war, machte mich zu etwas Besonderem. Und ich staunte über die Niederländer. Sie ließen ihre Hunde auf dem Sofa schlafen und spendeten großzügig an Menschen in fernen Ländern, die von Katastrophen und Epidemien heimgesucht worden waren. Ich las nicht nur Märchen, ich lebte eins.

Dann kam der Fall der Mauer, die 1990er Jahre und die Dinge begannen sich zu verändern. Die erste Veränderung konnte ich bei mir zuhause bemerken. Mit dem Älterwerden gaben meine Eltern allmählich die Hoffnung auf, eines Tages wieder nach Marokko zurückzukehren. Langsam machte sich das Gefühl breit, dass wir gekommen waren, um zu bleiben, mit all den Privilegien und Möglichkeiten, die ein Leben in Europa bietet. Damit einher ging die Angst, ihre Kinder könnten ihre Identität verlieren. Wir sprachen zuhause bereits Niederländisch und nicht die Berbersprache.

Unsichtbarer Bruch

Mittlerweile wurde auch den Niederländern klar, dass die meisten Einwanderer im Land bleiben würden. Am Freitagnachmittag konnte man in Rotterdam viele Einwandererkinder auf den Straßen beobachten, die ihren Wurzeln entfremdet waren und versuchten, Trost im Konsumismus und der städtischen Kultur zu finden, sich aber gleichzeit in den niederländischen fremd fühlten. Türken hingen mit Türken zusammen, Marokkaner mit Marokkanern. Der Melting Pot wollte nicht recht heiß werden, die einzelnen Elemente vermischten sich nicht. In meinem Viertel hielten mich frühere Häftlinge an, um mit mir über den Islam zu sprechen. Sie waren der Ansicht, mein westlicher Lebensstil werde nicht nur mich ins Verderben stürzen, sondern auch die spirituelle Gemeinschaft des Islam. Ein junger Freund stellte mich seinen Onkel vor, der gerade erst aus Afghanistan zurückgekommen war. Er war ein Mudschaheddin.

Ich bemerkte den Bruch nicht. Für die meisten Niederländer waren Einwanderer immer eine bunte Randgruppe gewesen, in deren Geschäften man sein Fleisch und Gemüse zu Spottpreisen einkaufen konnte. Ich wusste das, da mein Vater einen Fleischerladen führte, in dem ich oft hinter der Theke stand und Lammkeulen verkaufte. Im Laufe der neunziger Jahre begann man, den Unterschied zu betonen zwischen Allochthonen, die ihre Wurzeln in einem anderen Land haben, und Autochthonen, die aus den Niederlanden stammen. Allochthon begann zum Synonym für Kriminalität, Großfamilien, schlechte Lebensbedingungen und Islam zu werden. Das beschränkte sich nicht auf Holland. In Deutschland wurden Fragen bezüglich türkischstämmiger Einwanderer aufgeworfen, die einem fundamentalistischen Islam anhingen. Tausende junge Franko-Algerier stürmten das Spielfeld, als Frankreich gegen Algerien spielte. Das war ihre Art zu sagen: „Wir haben nicht das Gefühl, in diesem Land zuhause zu sein.“

Was also hatte sich verändert? Ich glaube, es waren die Erinnerungen an den Krieg. Die massenhafte Zerstörung hatte dazu geführt, dass Europa sich selbst als intoleranten und grausamen Kontinent wahrnahm. Dem tiefen Schuldgefühl gegenüber den Opfern musste begegnet werden. Dies geschah in der Haltung gegenüber den Einwanderern. Der Einwanderer wurde zum Totem der linken Elite, das nicht kritisiert werden durfte. Multikulturalismus wurde zum Schlagwort. Wenn junge Mädchen aus Einwandererfamilien in den Banlieues von Paris abends nicht ausgehen konnten, ohne Angst zu haben, von ihren Brüdern verprügelt zu werden, wurde dies kritiklos hingenommen. Einwanderer aus Westafrika konnten im selben Viertel vier Frauen gleichzeitig haben, ohne dass die Elite sich einmischte: Das war deren Kultur. Die Spitzen der Gesellschaft glaubten, im Laufe der Zeit würden die Einwanderer sich schon assimilieren. Ein Marokkaner würde zum Niederländer werden, ein Algerier Franzose, ein Türke Schwede.

Politik der Angst

Dem war nicht so. Das Gegenteil war der Fall. Zu diesem Zeitpunkt kam die Angst ins Spiel. Man sah die Vorstellung in Gefahr, Europa könne seine Einwanderer zu Bürgern machen. Wenn diese Einwanderer an ihren Praktiken und Ritualen festhielten, weiterhin ihre Schafe auf dem Balkon schlachteten und ihren Töchtern verboten, zur Schule zu gehen, würde Europa von innen her ausgehöhlt.

In diesem Kontext ist es einem Geert Wilders möglich, zu behaupten, es gebe keinen gemäßigten Islam – jeder, der sich Moslem nennt, werde sich eines Tages radikalisieren. Und das ist nicht nur ein rhetorischer Trick. Als die Leute, die Wilders ihre Stimme gaben, vor der Wahl zum Fenster hinaussahen, hatten sie wirklich den Eindruck, dass ihre muslimischen Nachbarn nicht weniger muslimisch wurden, sondern mehr. Sie sahen Mädchen in Burkas, die behaupteten, es handele sich dabei um ihre ganz persönliche Entscheidung, die ihre spirituelle Beziehung zu Allah stärke. Die Niederländer aber begannen sich zu fragen, ob jemand, der sich mit einem Tuch bedeckt, in ihrer offenen Gesellschaft ein Individuum sein kann. Auch mir machte die Burka Sorgen. In Wilders Schritt erkannte ich einen gefährlichen Weg, populistische Gefühle in kaltblütige Politik umzusetzen und eine neue Angst in die Welt zu setzen.

Die Rolle des Zweiten Weltkrieges wurde vor diesem Hintergrund komplizierter. Populistische Parteien in den Niederlanden, Dänemark und Frankreich bringen die islamistische Ideologie mit dem Faschismus in Verbindung. Der Islam ist ihnen der neue Nazismus und Mohammed ihr neuer Hitler. Die Geschichte dient ihnen als Vorlage für eine neue Geschichte: die vom Weltkrieg gegen den Islam. Noch in den achtziger Jahren hätten die Leute über so etwas gelacht, heute hat sich das geändert. Sehen Sie sich nur einmal um. In Schweden gewinnt die Debatte um den Islam und Einwanderung immer mehr an Bedeutung. Der Islam ist ein ganz besonders toxisches Element in der Anti-Einwanderungsbewegung. Nicolas Sarkozy, dessen Großvater jüdisch war, schmeißt die Roma aus Frankreich raus. In Deutschland, dem Land des Holocaust, erhebt ein Mitglied des Vorstands der Bundesbank die Forderung, weniger Migranten aus der Arbeiterklasse ins Land zu lassen, weil diese einen zu geringen Intelligenzquotienten hätten. Die Vorstellung, Europa werde von einer immer größer werdenden Zahl von nicht-westlichen Einwanderern in Geiselhaft genommen, sorgt für Angst, die populistische Parteien für sich zu nutzen wissen. Dabei ist es unmöglich, die Migration zu stoppen. Die europäischen Gesellschaften werden immer älter, das Arbeitskräftepotenzial geht zurück. Es grenzt aber heute bereits an Blasphemie, sich für die Einwanderung auszusprechen. Ich tue dies besonders leidenschaftlich, weil ich einer Einwandererfamilie entstamme und über all die schmerzhaften und komischen Widersprüchen, die die Migration mit sich bringt, Bücher schreibe.

Jahre der Dunkelheit

Mit Sicherheit läuft etwas falsch mit dem Multikulturalismus. Aber das stereotypische Opfer zum sterotypischen Sündenbock zu machen, ist billig und wird der Realität nicht gerecht. Ich weiß, dass die Niederlande meiner Kindheit nicht mehr zurückkommen werden. Wir treten in eine dunkle Phase ein. Eine ganze Generation wächst mit Fremdenangst auf, die Angst vor dem Islam hat die Mitte der Gesellschaft erreicht.

Es wird Zeit für eine neue Vorstellung von Europa, die sich an den humanistischen Beschreibungen Thomas Mann oder Bertolt Brecht orientieren sollte. Ein Europa, das Neuankömmlinge als Ort der Zuflucht betrachten und nicht als Hölle. Wenn dies nicht geschieht, wird Europa nicht aus Mangel an Einwanderern zugrunde gehen, sondern aus Mangel an Licht.

Von Abdelkader Benali liegt auf Deutsch bislang nur der Roman Hochzeit am Meer vor.

Übersetzung: Holger Hutt

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15:45 04.10.2010
Geschrieben von

Abdelkader Benali | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 23/2021

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