Verscherzt

Vergewaltigung 2.0 Frauenfeindliche Sprüche und verharmlosende Kommentare zu gewaltsamen Handlungen empören die Nutzer von Facebook. Doch das Netzwerk weigert sich, solche Seiten zu sperren

Egal wie genau ich die Facebook Nutzungsbedingungen studiere, kann ich einfach nicht den Abschnitt finden, in dem steht: "Wie Humpty Dumpty hat Facebook die absolute Freiheit, den Wortlaut dieses Dokuments so zu interpretieren, wie es uns passt." Dabei ist das doch offensichtlich genau das, was man bei Facebook macht: Worten die Bedeutung geben, die man gerne hätte. Sonst wären die Facebook-Seiten, auf denen Vergewaltigung oder Formen der Gewalt gegen Frauen befürwortet werden, schon vor Monaten entfernt worden.

In der Klausel, in der der Facebook-Nutzer über seine Rechte und Pflichten aufgeklärt wird und die eigentlich vor Gewalt und verbalem Hass schützen soll, heißt es: "Du wirst keine Inhalte posten, die: verabscheuungswürdig, bedrohlich oder pornografisch sind, zu Gewalt auffordern oder Nacktheit sowie Gewalt enthalten." Die Vielzahl an Seiten, die eindeutig hiergegen verstoßen, hat Facebook nun jedoch mit der Behauptung verteidigt: "Gruppen, die eine Meinung zu einem Staat, einer Institution oder Glaubenssätzen äußern, verstoßen nicht an sich gegen unsere Nutzungsbedingungen, selbst wenn diese Meinungen abscheulich sind und einige Menschen beleidigen.“

Das ist schon seltsam: Wenn eine Seite namens "Roses are red, violets are blue, I've got a knife, get in the van" [„Rosen sind rot, Veilchen sind blau, Ich hab' ein Messer, also rein in den Bulli“ – eine sexistisch-gewaltverherrlichende Abwandlung des Valentinstags-Gedichts „Roses are red/ violets are blue/sugar is sweet/ I love you“, dessen letzte zwei Zeilen traditionell zum Valentinstag persönlich abgewandelt werden können] nicht verabscheuungswürdig oder bedrohlich ist oder zu Gewalt auffordert beziehungsweise diese beinhaltet, fällt mir beim besten Willen nichts mehr ein, auf das diese Beschreibung sonst zutreffen könnte.

"Wie ein derber Witz

Im August bemerkten Feministinnen erstmals, dass sich Seiten ausbreiteten, die sich positiv zu Vergewaltigungen äußern. Zwei Monate später haben mehr als 176.000 Leute eine in den USA gestartete Petition unterzeichnet, in der Facebook aufgefordert wird, solche Seiten zu schließen – eine Petition mit der gleichen Forderung aus Großbritannien erhielt beinahe 4.000 Unterschriften. Doch Facebook-Seiten wie die bereits genannte oder andere mit Namen wie „Du weißt, dass sie tut, als sei sie schwer zu kriegen, wenn du ihr durch eine Gasse hinterherjagst“ existieren weiter.

Facebook reagierte auf die öffentliche Empörung zunächst mit dem Vergleich, zu Gewalt gegen Frauen aufzurufen, sei wie in einer Kneipe einen derben Witz vom Stapel zu lassen. „Es ist sehr wichtig, darauf hinzuweisen, dass etwas, das jemand als anstößig betrachtet, von jemand anderem lustig gefunden werden kann.“ Weiter hieß es in dieser bizarren Vergewaltigungsanalogie: „So wie man nicht aus einer Kneipe fliegt, weil man einen derben Witz erzählt, fliegt man deswegen auch bei Facebook nicht raus.“

Irgendwie stimmt das ja auch: Man fliegt wegen einem unflätigen Gag wahrscheinlich nicht aus der Kneipe. Ich würde aber schon meinen, dass man, wenn man in seiner Stammkneipe die anderen Gäste anstiftet, die Freundin eines Freundes zu vergewaltigen, „um zu gucken, ob sie sich wehren kann“, nicht nur rausfliegt, sondern höchstwahrscheinlich auch verhaftet wird. Wenn man wieder zuhause ist, kann man sich dann ja immer noch bei Facebook einloggen und dort in dem sicheren Wissen, dass nichts dagegen unternommen wird, seine widerlichen Kommentare posten.

Was Facebook und andere, die solch gefährliche Hetze verteidigen, anscheinend nicht begreifen, ist, dass Vergewaltiger nicht vergewaltigen, weil sie irgendwie böse oder pervers sind oder sich auf irgendeine andere Weise von jedem anderen Mann auf der Straße unterscheiden. Sie haben keine zwei Köpfe oder Hörner oder entsprechen Sextäter-Klischees: Vergewaltiger vergewaltigen, weil sie es können. Vergewaltiger vergewaltigen, weil sie wissen, dass sie wahrscheinlich damit durchkommen.

Facebook duldet es

Und Vergewaltiger kommen unter anderem deshalb immer wieder mit ihrer Tat davon, weil wir in einer Gesellschaft leben, die Vergewaltigung fast schon duldet. Weil wir in einer Gesellschaft leben, in der Vergewaltigung nicht ernst genommen wird, und in der abscheuliche Kommentare im Internet nicht als Hetze oder Bedrohung für die Sicherheit von Frauen betrachtet werden, sondern als Witz, der einem durchgelassen wird.

Durch die Weigerung, diese Seiten zu sperren und durch die Rechtfertigung dieser Entscheidung mit der lächerlichen und einfach beleidigenden Analogie zu dem „derben Witz“ haben die Facebook-Verantwortlichen sich beim Thema Gender-Hassverbrechen eindeutig positioniert. Es ist in Ordnung, bei Facebook Inhalte zu posten, aus denen Hass spricht oder die eine Bedrohung für andere Menschen darstellen, genauso wie es in Ordnung ist, Sachen zu posten, die zu Gewalt aufrufen. Zumindest, solange sie sich vor allem gegen Frauen richtet.

Übersetzung: Zilla Hofman

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09:00 08.10.2011
Geschrieben von

Cath Elliot | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

Ausgabe 43/2021

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