Voller Datendrang

Selbstvermessung Lifelogger zeichnen auf, wann sie schlafen und träumen, wie viele Stufen sie steigen und was sie den Tag über lesen. Was soll das alles? Ein Selbstversuch
Voller Datendrang

Illustration: der Freitag

Sich bei jedem Zubettgehen eine kleine Plastikbox voller Elektronik an der Stirn zu befestigen, ist kein wohltuendes Ritual. Außerdem kann man das Ding nur als Liebestöter bezeichnen. Es ermöglicht aber etwas, woran immer mehr Leute – „Lifelogger“ – brennendes Interesse haben.

Die Box zeichnet die Hirnaktivität während des Schlafs auf. Dann synchronisiert sie sich über Bluetooth mit einem Smartphone und erstellt ein Diagramm, das man studieren kann. Ich weiß nun, dass es, sobald ich den Kopf aufs Kissen gelegt habe, durchschnittlich 15 Minuten dauert, bis ich eingeschlafen bin. Dass ich es durchschnittlich auf sieben Stunden Schlaf bringe. Dass drei davon Traumphasen sind.

Ich bin zwar neugierig auf diese Informationen, weiß aber eigentlich nicht genau, was ich damit anstellen soll. Kann ich sie vielleicht nutzen, um die Schlafqualität zu verbessern? Für echte Lifelogger fängt die Selbsterkundung hier erst an. Sie wollen so viele Daten wie möglich über ihre eigene Person aufzeichnen, um sie abzugleichen und zu analysieren, um so neue Erkenntnisse über ihr Leben zu gewinnen.

http://img585.imageshack.us/img585/592/datenerhebunggrafik445.jpgEin (Alb-)Traum der Datenerhebung: fiktive Chronik eines Lifeloggers (Infografik: der Freitag)

Lifelogging ist nicht neu. Wir zeichnen seit Generationen unser Leben auf, in Tagebüchern, mit Schrittzählern oder wenn wir uns wiegen. In den vergangenen zehn Jahren aber, in denen digitale Technologien immer stärker mit dem Internet verzahnt wurden, hat das Lifelogging an Beliebtheit und Bedeutung gewonnen: Der bekannteste Lifelogger ist Gordon Bell von Microsoft Research, der im Rahmen seines Projekts MyLifeBits seit zehn Jahren versucht, „sein ganzes Leben“ – E-Mails, Telefonanrufe oder Fotos – zu dokumentieren und zu speichern. Darauf gebracht hat ihn sein Chef Bill Gates, der in seinem 1996 erschienenen Buch The Road Ahead prophezeite, dass wir bald über Computer alles nachvollziehen könnten, was wir je gelesen, angesehen oder angehört haben.

Wie viele Stufen heute?

Derzeit betreiben Lifelogging vor allem noch jene, die sich für ihre Gesundheit oder ihre Fitness interessieren. Mit kleinen Geräten wie FitBit oder Motoactv von Motorola kann man messen, wie viele Schritte man täglich geht, wie viele Stufen man steigt, wie viele Kalorien man verbrennt oder wo man sich aufgehalten hat. So kann man mit bisher unerreichbarer Genauigkeit die eigenen Aktivitäten protokollieren. Ich habe beide Geräte ausprobiert und nun eine Übersicht darüber, zu welchen Zeiten ich in einer typischen Woche am aktivsten bin: Es sind nicht die Tagesstunden, die ich größtenteils am Computer verbringe. Ich lerne: Ich muss mich mehr bewegen!

Das wusste ich aber bereits. Viel mehr Potenzial – und Risiken – bietet die Zusammenführung mehrerer Datenströme. Indem man etwa Daten über die physischen Aktivitäten eines Menschen mit denen über seine Geldautomaten-Nutzung oder seine Internet-Aktivitäten abgleicht, erfährt man etwas über Gewohnheiten und Entscheidungen. Nutzt man diese Informationen, um etwas zu verbessern, nennt man das unter Lifeloggern „Selfhacking“.

Frank Bentley, der am Motorola Mobility Applied Research Centre nahe Chicago dazu forscht, glaubt, die Zusammenlegung dieser Datensammlungen könne etwa für die Gesundheitspolitik nützlich sein: „Regierungen könnten informierte Entscheidungen treffen, wenn sich bestimmte Muster ausmachen ließen. Sollten sich irgendwo Krankheitssymptome häufen, könnten ausgefeilte und gezielte Behandlungsmaßnahmen getroffen werden.“ Auch für Versicherungen könne das von Nutzen sein.

An dieser Stelle kommen Datenschutzbedenken ins Spiel. Wer kontrolliert oder verfügt über die Daten? Wer hat alles Zugang dazu? Hat man Mitspracherecht über die Nutzung? Adriana Lukas, Gründerin und Vertreterin der London Quantified Self Meetup Group, die das Potenzial und die Konsequenzen des Lifeloggings diskutiert hat, warnt vor Missbrauch, auch wenn sie technologische Fortschritte wie diesen spannend findet. Die meisten Smartphone-Nutzer seien im Umgang mit ihren Daten unbedarft, sagt sie: „Die Geräte sind so voreingestellt, dass die Daten geteilt werden. Das ist falsch. So wird einem vorgeschlagen, sich mit Facebook zu synchronisieren. Wer diese Apps nutzt, hat dabei seine Gesundheit im Sinn, nicht die Sicherheit seiner Daten.“ Die meisten von ihnen würden aber auf Servern der Anbieter gespeichert, nicht im eigenen Gerät. „Da entwickelt sich gerade ein Riesengeschäft.“

Erhebung wider Willen

Als 2011 etwa herauskam, dass das iPhone Daten über die Bewegungen seiner Besitzer speichert, war die Empörung groß. Die Nutzer sahen ihre Rechte verletzt, und Apple beseitigte den „Fehler“ rasch. Lukas sagt, die Speicherung und Nutzung von wirklich persönlichen Daten müsse zustimmungspflichtig werden, während es derzeit so ist, dass man sie als Nutzer explizit ablehnen muss. Sie fürchtet gar eine „Datendystopie“: „Wir schwimmen inzwischen in Datenströmen. Aber versuchen Sie mal, diese Daten zurückzuverlangen, indem Sie etwa rückwärts in ihrer Twitter-Timeline suchen. Das ist fast unmöglich, auch wenn man selbst Urheber dieser Daten und Inhalte ist.“

Non-Profit-Organisationen wie die in London ansässige Open Rights Group setzen sich für „digitale Bürgerrechte“ ein, zu denen auch das Recht auf Datenschutz und -besitz zählt. Zwar berge das digitale Zeitalter die Möglichkeit, mehr Demokratie und Transparenz zu schaffen, zugleich aber seien „unsere Freiheiten gefährdet: durch Regierungen und Geschäftsinteressen.“

Denn ob wir sie nun sammeln und mit anderen teilen wollen oder nicht: Es werden persönliche Daten über uns erhoben. Wenn man das ignoriert, hinkt man denen, die sie für ihre Zwecke nutzen, hinterher.

Übersetzung (gekürzte Fassung): Zilla Hofman

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12:00 29.08.2012
Geschrieben von

Leo Hickman | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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