Von allen guten Träumen verlassen

Dubai Das finanziell angeschlagene Emirat erholt sich von der Fastpleite des Konglomerats Dubai World. Der Millionärsspielplatz, der es einmal war, wird es jedoch nie mehr sein

Tourismus wird weiter die goldenen Strände von Jumeirah beglücken, der Verkehr weiter gefährlich schnell über die Sheikh Zayed Road rasen, das Leben in den hedonistischen Nachtclubs und Bars auch künftig bis in die frühen Morgenstunden pulsieren – trotzdem haben die letzten beiden Jahre Charisma und Charakter des einst glanzvollen Golfemirates ganz und gar verändert. Die Finanzkrise, wie sie die Weltökonomie ab Ende 2008 heimsuchte, hat dem grandiosen Plan eines Gemeinwesens am Golf, Finanzhauptstadt des Nahen Ostens zu werden, einen schweren Schlag versetzt.

Verwegene Ambitionen

Was sich nach dem 25. November 2009 – dem Tag, den Dubai heute als 25/11 erinnert – ereignete, als das tief verschuldete Konglomerat Dubai World seinen Kreditgebern mitteilte, es könne 25 Milliarden Dollar Schulden nicht zurückzahlen, wird der finanziellen und politischen Konstitution des Emirats noch lange zusetzen. Gewiss, Dubai wird sich erholen und mit der Zeit vielleicht sogar zu altem Glanz zurückkehren, aber nie mehr der Millionärsspielplatz sein, der es einmal war.

Im Februar 2009 stand Dubai im Zenit seiner Hybris. Herrscher Scheich Mohammed bin Raschid Al Maktum prophezeite, dass seine Domäne spätestens bis 2015 eine „arabische Stadt von globaler Bedeutung“ sein werde, die es mit „Cordoba und Bagdad aufnehmen“ könne. Dass er bei seinen Vorbildern auf zwei urbane Juwelen der muslimischen Kultur auf der Höhe eines mittelalterlichen islamischen Imperiums zurückgriff, zeigte an, wie verwegen seine Ambitionen ausfielen. Die Finanzkrise ließ davon nicht sehr viel übrig.

Der Ehrgeiz des Scheichs gründete auf ein jährliches Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von 13,5 Prozent. 2007 schon ein kühnes Ziel, inzwischen ist eine derartige Rate in einer Welt der Fantasie anzusiedeln.

Die Last der Exzesse

Simon Williams, Chefökonom für den Nahen Osten beim internationalen Finanzdienstleister HSBC, gab im Vorjahr bekannt: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der sieben Staaten der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE, bestehend aus: Abu Dhabi, Adschman, Dubai, Fudschaira, Ra’s al-Chaima, Schardscha, Umm al-Qaiwain.) sei 2009 zusammengenommen um etwa 2,9 Prozent gesunken, dann wuchs es 2010 wieder um bescheidene zwei Prozent. In diesem Jahr, so Williams, dürfe man mit einem Plus von vier Prozent kalkulieren. Da das ölreiche Abu Dhabi den Löwenanteil dazu beitragen werde, sei es nicht unwahrscheinlich, dass Dubais Wachstumskurve 2011 ganz flach verlaufe. Nicht gerade der Stoff, aus dem die islamisch-imperialistischen Träume sind.

„Auch wenn Dubais Rezession wahrscheinlich überstanden ist“, meinte Simon Williams, „wird das Emirat weiter unter der Last von Exzessen aus den Vorjahren leiden“. Andere sind noch viel pessimistischer. Christopher Davidson etwa, der an der Universität von Durham Politik des Nahen Ostens lehrt und eine Studie über Dubai verfasst hat: „Die unglückseligen Ausflüge des Emirats in die Immobilienbranche werden noch ein paar Jahre lang spürbare Folgen zeitigen, da noch weitere Schulden zurückgezahlt werden müssen.“

Eine verlorene Zeit

Dubais Immobilienboom wurde vom Entschluss der Regierung aus dem Jahr 2002 befeuert, Ausländern den Erwerb von Eigentum zu ermöglichen. Die folgende Explosion der Immobilienpreise sorgte Anfang 2008 dafür, dass Verlaufserlöse für Häuser und Villen in einer Woche um bis zu zehn Prozent anziehen konnten. Für ein Land ohne Ölreserven in einer an Bodenschätzen reichen Region wurden Grundstücke und Immobilien zur Kompensation für das entbehrte Schwarze Gold – aus heutiger Sicht eine verlorene Zeit.

Die US-Investmentbank JP Morgan prophezeite kürzlich, Dubais Immobilienpreise würden weiter sinken, bis sie ein Niveau erreicht hätten, das etwa bei 80 Prozent des Wertes von 2008 liege – derzeit sind es 50 bis 60 Prozent. Und es werden noch weitere schmerzhafte Schläge folgen.

Über die Hälfte der fast tausend Bauprojekte im Emirat sind unterbrochen, gestoppt, aufgegeben. Prestigeträchtige Gigantomanien wie das Burj Khalifa, das höchste Gebäude der Welt, sind zwar abgeschlossen, aber die meisten Vorhaben, mit denen in der Baubranche das tägliche Brot verdient wird, wurden aufgegeben. Allein die Bestellungen für Kräne, die einst die Skyline der Stadt dominierten, gingen seit 2008 um 40 Prozent zurück.

Angesichts der Flaute überdenkt Scheich Raschid Al Maktum seinen Kurs. Die Konzentration soll wieder Branchen gelten, die Dubai vor dem von günstigsten Krediten gespeisten Bauboom florieren ließen: Transport und Logistik, Rückexporte, Einzelhandel, Freizeit- und Tourismusindustrie. Welchen Part Finanzdienstleister künftig übernehmen, bleibt ungewiss. Nach dem 25. November 2009 sackte die Liquidität von Banken und Unternehmen ins Bodenlose, und es war beinahe unmöglich, Kredite zu bekommen. Preise für Kreditausfallversicherungen erreichten isländisches Niveau. Finanzinstitute, die Dubai-Firmen in guten Zeiten verschwenderische Darlehen einräumten, machten sich auf den unvermeidlichen Einbruch bei ihren Bilanzen gefasst.

Verkauf des Tafelsilbers

Die Entscheidung von Bankrotteur Dubai World, mit dem britischen Wirtschaftsprüfer Aidan Birkett einen Restrukturierungs-Beauftragten zu ernennen, machte schnell deutlich, wie sehr Dubais Immobilien- und Finanzsektor verschränkt sind. Viele Verbindlichkeiten von Dubai World gehen auf die Tochterfirma Nakheel zurück. Dieses Unternehmen betrieb Vorhaben wie die von Menschenhand gebaute Insel Palm Jumeiraah und andere Lifestyle-Küsten-Projekte, die zum Symbol für die unbesonnene Klotzerei des Emirats wurden. Aidan Birkett, ein Nordengländer, der kein Blatt vor den Mund nimmt und über Erfahrung mit einigen der größten Firmenzusammenbrüche in der jüngsten Geschichte Großbritanniens verfügt, erkannte frühzeitig, wie sehr sich Bau- und Finanzbranche gegenseitig in den Abgrund rissen. Er gab zu verstehen: „Bringt man Nakheel in Ordnung, hat man viel dafür getan, den Bausektor in Ordnung zu bringen. Bringt man die Baubranche in Ordnung, bringt man Dubai in Ordnung.“

Mit seiner Strategie gelang es Birkett, die Banken von Dubai World auf Kooperation einzustimmen. Er wurde noch am 25. November 2009 ernannt und hatte im Mai 2010 eine Mehrheit der Gläubiger hinter sich. Im Oktober des gleichen Jahres schon gab er den Job wieder ab. Seine Mission war erfüllt – alle Gläubiger hatten den Rückzahlplan für Schulden von 25 Milliarden Dollar unterzeichnet.

Deshalb landet Dubai noch lange nicht auf dem grünen Zweig. Die Schulden von Dubai World sind in fünf bis acht Jahren bei niedrigen Zinssätzen zu begleichen. Aber auch diese Transfers müssen erst einmal geleistet werden. Der IWF schätzt die Gesamtverschuldung des Emirats auf 110 Milliarden Dollar und damit 140 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes (BIP), womit in der internationalen Schuldenliga ein Platz über Irland und Griechenland beansprucht werden darf. Hinzu kommt, dass ein Großteil dieser Verbindlichkeiten kurz- bis mittelfristig fällig wird. Rund 24 Milliarden müssen bereits bis zum III. Quartal 2012 zurückfließen, was vermuten lässt, dass eine Flut von Restrukturierungen ansteht. Kleiner als die von Dubai World, aber nicht weniger belastend.

Drohender Staatsbankrott

Das sich im persönlichen Eigentum von Scheich Mohammed befindliche Konglomerat Dubai Holding, das wiederum die Jumeirah-Hotels und die einst übereifrige private Eigenkapitalgruppe Dubai International Capital besitzt, erschütterte die Vereinigten Arabischen Emirate im November 2009 mit der Auskunft, man befände sich in Gesprächen mit Bankern, um Schulden von zwölf Milliarden Dollar umzustrukturieren. Zwei Zahltermine verstrichen, ohne dass etwas passierte. Konsequenz – ein drohender Staatsbankrott.

So bleibt gar nichts anderes übrig, als durch den Verkauf von Vermögenswerten Schulden zu tilgen und Spielereien abzustoßen, die sich das Emirat in den Boomjahren zu gönnen wusste wie die New Yorker Einzelhandelskette Barneys, die kanadische Zirkusgruppe Cirque du Soleil und das Luxusschiff Queen Elisabeth II. Andere Kostbarkeiten, denen das gleiche Schicksal widerfahren könnte, obwohl sie einst als Teil der wirtschaftlichen Kernstrategie galten, sind die Jumeirah Hotels, die Emirates Airlines und der Hafenbetreiber DP World. Dubai muss ans Tafelsilber, um für seine Verschwendungssucht aufzukommen. „Ein herber Schlag für seinen Stolz“, ist ein ortsansässiger Banker überzeugt.

Gegen diese Verkäufe könnte besonders ein Mitglied der VAE-Familie etwas einzuwenden haben: Abu Dhabi, das größte Emirat, das gegenüber dem „New York“ Dubai die Rolle „Washingtons“ spielt. Es dürfte wohl ein Wörtchen bei Entscheidungen mitreden, die den Kern der globalen Strategie der Vereinigten Emirate berühren. Es gibt bereits Pläne, die Börsen von Dubai und Abu Dhabi zu fusionieren, und es wird offen darüber spekuliert, dass Abu Dhabi den riesigen Airport von Dubai übernimmt, der den bescheidenen Namen Dubai World Central trägt.

Wir-können-es-schaffen-Ethos

Im Verhältnis zwischen dem reichen, konservativen Abu Dhabi und dem weltläufigen Dubai gab es eine Zäsur, weil der Eine den Anderen kurz nach Ausbruch der Weltfinanzkrise mit einem 20-Milliarden-Kredit vor der Zahlungsunfähigkeit rettete. Noch einmal der eingangs zitierte Christopher Davidson: „Seit 170 Jahren hat Dubai zum ersten Mal seine De-Facto-Autonomie verloren. Das ölreiche Abu Dhabi reicht ihm die Rettungsleine und macht kein Hehl aus seinen Ambitionen, den VAE-Verbund zu zentralisieren und jede autonome makroökonomische oder politische Aktivität innerhalb seiner Grenzen zu unterbinden.“

Neben der Möglichkeit, dass Abu Dhabi Unternehmen und Anlagen Dubais übernimmt, könnte sich die neue Unterordnung auch auf zwei anderen Domänen zeigen: Dubai müsste sein Budget den finanziellen Strukturen der Föderation Vereinigte Arabische Emirate unterordnen und bei den Beziehungen zu Iran Grenzen anerkennen.

Sollte allerdings Abu Dhabi die Möglichkeiten Dubais deckeln, Geld zu leihen, wäre dies wirtschaftlicher Erholung abträglich. Kämen dann auch noch die USA, um das Emirat zu drängen, den Handel mit Teheran einzustellen, hätte dies ernsthafte Konsequenzen für den Status als „Handelsclub“ der Region.

Noch verfügt Dubai über große Vorteile gegenüber anderen Möchtegern-Finanzmetropolen am Golf: Es brilliert mit der besten Infrastruktur, hat im Unterschied zu allen anderen Golfstaaten einen kosmopolitischen Leumund und pflegt ein dynamisches „Wir-können-es-schaffen-Ethos“. Ein gefährliches Jahr 2008/09 hat alles anders werden lassen. Dubai kehrt jetzt wieder zum Wesentlichen zurück, freilich unsicher und wenig selbstbewusst.

Jack Hughes ist Wirtschaftskolumnist des Guardian Übersetzung: Zilla Hofman, Holger Hutt

Übersetzung: Zilla Hofman, Holger Hutt

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16:00 19.02.2011
Geschrieben von

Jack Hughes | The Guardian

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