Wann platzt die Blase?

Facebook Facebook hat eine Milliarde Dollar für Instagram hingelegt. Was lehrt uns die Geschichte über Mega-Deals dieser Art?

Ein Unternehmen, das keine Gewinne macht und kaum Angestellte hat, verkauft sich für eine Milliarde Dollar? Das riecht doch wohl schwer nach Hype und Blase!? So reagierten viele, als sie hörten, dass Facebook mit seinen 850 Millionen Nutzern weltweit die Handyfotoapp Instagram erstanden hat, die seit gerade mal 551 Tagen auf dem Markt ist und mit der dreißig Millionen Nutzer pro Tag fünf Millionen Fotos hochladen. Erst vor einer Woche hatte Instagram einen Anteil von zehn Prozent gegen 50 Millionen Dollar Risikokapital an Sequoia Capital und Greylock Partners abgegeben, wodurch es effektiv eine Bewertung mit 500 Millionen Dollar erfuhr.

Nun fragen Sie sich vielleicht, wie man von 500 auf 1.000.000.000 Dollar kommt. Wie kann eine Handyapp, mit der man bloß Fotos machen und teilen kann, überhaupt etwas wert sein, wenn der ehemalige Fotogigant Kodak sich vor den Insolvenzgerichten herumschlagen muss?

Ähnliche Fragen wurden laut, als Google im Oktober 2006 für 1,6 Milliarden Dollar das Videoportal YouTube kaufte. Das warf damals ebenfalls kaum Geld ab (in Anbetracht der ständigen Probleme wegen Urheberrechtsverletzungen war eher das Gegenteil der Fall) und hatte eine winzige Belegschaft. Auch die Reaktionen der YouTube-Nutzer, die vor sechs Jahren vorbrachten, ihnen gefiele das Portal „so wie es sei“, ähneln denen der heutigen Instagram-User, die aus Protest gegen den Verkauf ihre Fotos löschten.
Aber bedeutete der YouTube-Kauf, dass sich eine Blase gebildet hatte – oder gar, dass diese platzte? Und verhält es sich heute mit Instagram eben so?

Was blubbert denn da?

Ray Valdes, Vize-Forschungsleiter des Branchenanalysten Gartner, sieht es sehr wohl blubbern: „Der vielsagendste Indikator für eine Blase ist die Milliarden-Dollar-Bewertung,“ sagt er. „Auch wenn es viele gute Gründe für Facebook gibt, Instagram haben zu wollen – es ist ein guter und bekannter Dienst mit loyalen Usern und einem Markenwert, bei dem technisch extrem talentierte Leute arbeiten.“ Für das immens profitable Facebook, das im Vorjahr 3,7 Milliarden Dollar einnahm und netto 1 Milliarde Dollar einbrachte, war wichtig, dass das schnell wachsende Instagram nicht in die Hände potentieller Rivalen gelangte. Dabei denkt Valdes vor allem an das im vergangenen Jahr gestartete Google+, das bereits hundert Millionen Nutzer vorweisen kann.

Für die beiden nunmehr zehn-, wenn nicht hunderte Millionen Dollar schweren Instagram-Gründer ( zwei Absolventen der Uni Stanford) sind die vergangenen Jahre extrem produktiv gewesen. Im Februar 2011, brachten sie in der ersten Runde gleich sieben Millionen Dollar Risikokapital auf, wobei angeblich auch Twitter-Mitbegründer Jack Dorsey und der Silicon Valley-Investor Chris Sacca einstiegen. Damals wurde der Dienst Berichten zufolge mit zwanzig Millionen Dollar bewertet.

Wenn es sich nun um eine Techblase handelt – wofür Valdes eine Reihe von Gründen anführt („Zwei-, Drei-Personen-Start-ups aus Silicon Valley kriegen innerhalb von Tagen oder Wochen Risikokapital für etwas zusammen, das eher ein Feature ist als ein tatsächliches Produkt“) – dann wäre es die dritte in der Geschichte des Internet. Die erste begann 1995 mit dem Börsengang von Netscape, das zu dem Zeitpunkt wenigstens Umsätze, wenn auch noch keine Gewinne, verzeichnen konnte. Es folgte eine irrsinnige Flut von Startups. Ihre größte Ausdehnung erreichte diese Blase mit der 164-Milliarden-Dollar-Fusion von AOL und Time Warner. Als der Markt dann im Jahr 2011 kollabierte, wurden Milliarden an Aktienwerten zerstört.

Die YouTube-Übernahme war eine bloße Zwischenstation auf dem Weg zum nächsten Aufbauschen und Zusammenfallen, dessen Höhepunkt im Februar 2008 erreicht war, als Microsoft 44,6 Milliarden Dollar für Yahoo hinlegte. Yahoo sah zwar schon damals reichlich alt aus gegen Bebo, MySpace oder ein Uninetzwerk namens „Facebook“, trotzdem war das Management der Firma überzeugt, der Wert des Unternehmens würde langfristig steigen. Ein paar Monate später brach die Kreditkrise herein. Heute ist Yahoo 18 Milliarden Dollar wert und entlässt zweitausend Mitarbeiter. Der Vorstand von 2008 wurde komplett ausgetauscht.

"Irrational exuberance" nannte das Alan Greenspan

Wenn er genügend Zeit hat, plustert der Technologiesektor sich zu „irrationalem Überschwang“ auf (wie der damalige US-Notenbank-Chef Alan Greenspan über den wuchernden Aktienmarkt um die Jahrtausendwende sagte). Vorangetrieben wird diese Entwicklung durch das Geld, mit dem die Risikokapitalgebern – vor allem an der Westküste der USA – um sich werfen, die viel besser agieren können, als die trägen Börsen (man beachte bloß, wie Sequoia und Greylock ihr Geld binnen einer Woche verdoppelt haben). „Das ist das Webmärchen, von dem alle Startups träumen“, meint Melisa Parrish, Angestellte des Analysten Forrester Research. „Sie haben eine einfache Handlung genommen – Freunden Bilder zu zeigen – und daraus ein Programm entwickelt, das jeder haben will.“

Es gibt zwei weitere Faktoren, die diese Blase von den vorhergehenden unterscheidet. Der erste besteht in der Rolle der Smartphones. Die beiden vorangegangenen Blasen drehten sich um Seiten und Produkte, die auf Desktop-Computern liefen: der Netscape-Browser, AOLs monatliche Gebühr für eine Einwahl-Internetverbindung, Yahoos Markführerschaft bei Nachrichten und E-Mails.

Jetzt ist das Smartphone dran. Wenn man von einem Computer aus auf die Seite von Instagram geht, sieht man nichts außer Links zum Download seiner Applikationen für Apples iPhone oder Smartphones mit Googles Android-Software. Die Mehrzahl der 30 Millionen Instagram-Nutzer besitzt ein Iphone und obwohl die Android-Version erst vergangene Woche auf den Markt kam, wurde sie bereits fünf Millionen Mal heruntergeladen. Instagram ermöglicht es, mit dem Handy ein Bild zu machen, wenn man will einen Filter zu verwenden und es auf Facebook, Twitter, Flickr, Tumblr, Posterous und/oder FourSquare zu posten. Das ist alles. Wie bei Twitter (und anders als bei Facebook), erfolgt die Vernetzung asymetrisch: Ich entscheide, wessen Bilder ich sehen will und folge ihm. Die betreffende Person kann dann entscheiden, ob sie mir ebenfalls folgen will oder eben nicht.

Das Smartphone wird den PC überholen

Smartphones sind die Zukunft des Computing. Gartner rechnet damit, dass sie im kommenden Jahr PCs als das am häufigsten verwendetes Mittel für den Zugang zum Internet überholen (ungefähr 1,82 Milliarden gegen 1, 78 Milliarden).

Der zweite Faktor hängt mit dem ersten zusammen: Die zunehmende Bedeutung des „sozialen“ Elements bei unserer Nutzung von Computern und ähnlichen Produkte. Twitter hat diese Idee dem eigenen Firmenprofil eingeschrieben: „Menschen umgehend mit dem zu verbinden, was ihnen am wichtigsten ist.“

Telefone haben per se eine soziale Funktion: Die meisten Menschen kaufen sie in erster Linie, um mit Freunden und Familienangehörigen sprechen zu können, und in zweiter Linie (aber dennoch von Bedeutung), weil sie sie für ihre Arbeit brauchen. Soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook hat es trotz vielfältiger Versuche, die Idee zu etablieren, in dieser Form noch nie gegeben. Yahoo versuchte es Flickr und der Bookmarking-Site Delicious, diese waren jedoch Desktop-basiert.

Gegenwärtig wird die Welt der sozialen Netzwerke von Facebook bestimmt, doch Mark Zuckerberg weiß um die Gefahren. Für Facebook besteht das Risiko darin, dass es auf dem Desktop geboren wurde, aber auf Mobilgeräte umsteigen muss, wenn es von der Welt, wie sie sich künftig gestalten wird, profitieren will – ein Umstand, den das Unternehmen im Hinblick auf seinen Börsengang selbst eingeräumt hat: Mit mobilen Geräten macht es kaum Geld, obwohl jede Menge Leute nur auf diesem Weg auf die Seite zugreifen. Mit Instagram versucht Facebook in die Zukunft der sozialen Netzwerke einzusteigen, die sich um uns herum entwickelt. Möglicherweise hat es keinen einzigen neuen Nutzer hinzugewonnen, aber die aktuellen Nutzer werden noch enger an das größte Netzwerk gebunden. Wie Zuckerberg selbst über den Erwerb sagte: „Dies ist ein wichtiger Meilenstein für Facebook, weil wir noch nie ein Produkt und ein Unternehmen mit so vielen Nutzern erworben haben. Wir haben nicht vor, noch viele weitere derartige Übernahmen zu tätigen, wenn überhaupt.“

Mit dem Sozialen hapert es

Aber in Anbetracht der erwarteten Börsendotierung der Seite von 100 Milliarden Dollar, scheint es klug, ein Prozent davon in bar und Aktien in die Zukunftsplanung zu investieren. „Nach diesem Börsengang kann Facebook jeden aufkaufen, der ihnen in die Quere kommt“, meint der Wedbush-Analyst Michael Pachter dazu.

Es gibt da noch einen anderen Konkurrenzen, der durch die Übernahme ausgeschlossen wird: Google. Auch dieses Unternehmen entstand am Desktop und bemüht sich darum, den Mobilfunkmarkt zu erobern, was ihm mithilfe seiner Android-Software auch weitgehend gelungen ist: Nahezu die Hälfte aller weltweit im Einsatz befindlichen Smartphones werden mit ihr betrieben.

Doch mit dem Sozialen hapert es. Seit dem Launch von Google+ im vergangenen Jahr hat sich das Unternehmen, das mit seiner Suchmaschine groß wurde, beeilt, sein „soziales“ Element als Bindeglied zwischen seinen anderen Produkten anzupreisen. Chief-Executive Larry Page schrieb in der vergangenen Woche, Google+ mache Sharing „super easy, indem es allen unseren Produkten eine soziale Ebene hinzufügt, damit unsere Nutzer mit den Leuten in Verbindung treten können, die ihnen wichtig sind.“

Das erhofft er sich zumindest. Bislang ist Google+ zwar bei Fotografen ein großer Erfolg, (die Bilder direkt von ihrem Android-Handy hochgeladen bekommen), stösst aber darüber hinaus auf wenig Begeisterung. Der Kauf von Instagram – das nicht über eine Google+-Sharing Option verfügt – hätte für Google eine Möglichkeit sein können, diese User für sich zu gewinnen. Nun wurde diese Tür verschlossen.

33 Dollar pro Nutzer

Aber nochmal zu der Frage: Handelt es sich um eine Blase und wenn ja, wann wird sie platzen? Wenn man vom Kaufpreis von einer Milliarde ausgeht, zahlt Facebook für jeden Instagram-Nutzer 33 Dollar. Das ist ein Bruchteil der 118 Dollar, die Investoren für einen Facebook-Nutzer zahlen werden, wenn das Unternehmen bei seiner Börsenkapitalisierung wirklich die erwarteten 100 Milliarden erzielt. „So gesehen klingt eine Milliarde nicht mehr verrückt“, sagt Pachter. Aber dennoch: Wenn alle Instagram-User bereits auf Facebook wären, hätte sie das Unternehmen soeben nochmal gekauft. Das ist das Denken, aus dem Blasen gemacht werden.

Der entscheidende Punkt ist aber, dass selbst wenn wir uns bereits in der Blase befinden, diese noch nicht notwendigerweise ihre endgültigen Ausmaße erreicht hat. Dafür gibt es noch zuviele Zweifler.

Man kann sich nur schwer vorstellen, dass ein Dienstleister, der einem lediglich ermöglicht, sein Frühstück zu fotografieren, irgendetwas wert sein sollte. Vielleicht ist Instagram nichts wert: Wenn der Strom ausfällt, bleibt nicht viel mehr als ein paar Bits auf irgendeinem Harddrive. Bis dahin: Genießen sie die Blase, solange sie noch nicht zerplatzt ist.

Übersetzung: Zilla Hofman/ Holger Hutt

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17:40 13.04.2012
Geschrieben von

Charles Arthur | The Guardian

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The Guardian

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