Warum nicht Klima-Kalorien?

Nachhaltiger Konsum Laut einer britischen Studie hat Dosen-Cola eine bessere Klimabilanz als ein Frucht-Smoothie. Doch die ausschließliche Konzentration auf den CO2-Ausstoß trübt den Blick

Das eine ist das Fruchtgetränk eines hippen Unternehmens, das sich mit einer Reihe Lebensmittel-Auszeichnungen und dem Ruf, ethisch makellos zu sein, schmückt und gar mit einem Heiligenschein im Firmen-Logo prahlt: Innocent Smoothie. Das andere ist eine Brauselimo, die dafür bekannt ist, Zahnfäule zu verursachen und die von einem Unternehmensgiganten produziert wird, der fast schon synonym für die Globalisierung steht: Coca Cola.

Aber wenn es um den CO2-Bilanz der beiden Produkte geht – und damit um die Umweltfrage – schneidet ein Smoothie der Firma Innocent schlechter ab als eine Dose Cola. Zumindest auf den ersten Blick.

Als bisher größte globale Marke hat Coca Cola kürzlich öffentlich gemacht, wie viele Treibhausgase entstehen, wenn ihre beliebtesten Produkte hergestellt, verpackt, geliefert, gekühlt und abgesetzt werden. Wie eine gemeinsam mit dem von der britischen Regierung finanzierten Carbon Trust erarbeitete Studie zeigt, kommen auf eine 0,33-Liter Dose Coke 170 Gramm Kohlendioxid. Auf dieselbe Menge Cola Light oder Coke Zero entfallen 150 Gramm.


Der britische Zweig des Unternehmens folgt damit dem Vorbild der Firma Innocent, die unter den Pionieren der Klimabilanz-Messungen des Carbon Trust war. Eine 0,25-Liter Flasche Smoothie aus Mango- und Passionsfrucht weist demnach einen CO2-Wert von 209 Gramm auf – deutlich mehr als eine Dose Cola also.

Manche Dinge lassen sich nicht vergleichen

Aber – fragt Innocent-Mitgründer Richard Reed – ist es fair, eine Flasche voll zerkleinerter Früchte mit einem Getränk zu vergleichen, das weitgehend aus Wasser besteht? Reeds Einwand wirft ein Schlaglicht auf eine größere Frage: In welchem Verhältnis stehen die negativen Auswirkungen eines Produktes auf den Klimawandel zu anderen Leistungen der Herstellers – etwa Verdienste in Bereichen wie Ernährung, Hilfe für arme Bauern, behutsame Nutzung des Bodens oder dem Wohl von Tieren? Innocent beispielsweise spendet zehn Prozent seiner Profite für wohltätige Zwecke. „Die klassische ökonomische Antwort ist, diese Eigenschaften implizit auf einen gemeinsamen Nenner zu reduzieren, der sich letztendlich in einem Geldwert ausdrückt. Aber meiner Meinung nach lassen sich diese Dinge einfach nicht vergleichen,“ sagt Mike Mason, Gründer der Firma Climate Care, die Unternehmen und Einzelpersonen bei der Kompensation ihres CO2-Aussstoßes berät.

Zudem stellt sich die Frage, was überhaupt gemessen wird: Cola-Dosen liegen wohl gut im Rennen, eine kleine Glasflasche Cola hingegen hat einen Wert von 360 Gramm und liegt damit viel höher als das am schlechtesten abschneidende Innocent-Produkt, eine 230-Gramm-Flasche mit zerkleinerten Erdbeeren und Bananen.

Zur Lösung dieser Dilemmata tauchen neue Ideen auf. Bei Innocent schlägt man „CO2 -Kalorien“ vor: Berechnungen der Firma zufolge dürfte der Durchschnittsmensch in einer Welt in der Treibhausgasemissionen stark reduziert würden, täglich im Gegenwert von 2.900 Gramm CO2 verzehren – ein Smoothie würde nur ein Prozent davon verbrauchen.

Die Alternative: Klima-Kalorien

Mason wiederum plädiert für Etiketten, die angeben, wie viel CO2 in jedem für ein Produkt ausgegebenen Euro enthalten ist. Dies würde den Kunden erlauben, die Auswirkungen sämtlicher Produkte zu vergleichen.

„Der Gesamtausstoß von Chips oder Aston Martins verrät Ihnen nicht viel. Wenn wir hingegen in CO2 pro Geldeinheit rechnen würden, könnten Sie von Autos bis Cola alles auf derselben Skala einordnen“, sagt Mason.

Einstweilen kann mit der Klimabilanz-Messung schon viel erreicht werden. Sie können Firmen helfen zu verstehen, wo Energieverbrauch und Emissionen entstehen und wie man sie am besten verringern kann.

Innocent hat in den vergangenen zwei Jahren die Auswirkungen einiger Rezepturen auf das Klima um fast ein Viertel gesenkt. Dazu stiegen sie auf Flaschen aus 100-prozentig recyceltem Material um und kauften grünen Strom. Man ging so weit, mehr Flaschen auf jede Transportpalette zu stapeln. „Wir haben die Zahl der ausgehenden Paletten drastisch reduziert. Das bedeutet: weniger Lastwagen und weniger CO2 ”, sagt Reed.

Unter dem Druck von Händlern, Kosten zu senken, greifen nun auch andere Marken diesen Ansatz nun langsam auf. Coca Cola hofft durch den Einsatz dünnerer und wiederholt recycelter Verpackungen sowie durch effizientere Kühlschränke CO2 einsparen zu können. Zudem will man Kunden weltweit ermuntern, mehr Dosen zu den Wertstoffstellen zu bringen.

„Wenn ich meiner Fau sage, die Klimabilanz einer Cola liege bei 170 Gramm, dann heißt das nichts“, sagt Sanjay Guha, der Präsident von Coca-Cola Großbritannien und Irland. „Aber wenn ich ihr erkläre, dass sie die Bilanz um bis zu 60 Prozent verbessern kann, wenn sie eine Aluminium-Dose recycelt, dann habe ich einen Weg gefunden, die Kunden zu erreichen und sie zum Recyceln zu ermuntern“.

Übersetzung: Steffen Vogel

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Geschrieben von

Juliette Jowit, The Guardian | The Guardian

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