Paul Mason
12.01.2017 | 16:43 10

Warum wir die Sozialen Medien retten müssen

Wiederbelebung Wie soll man mit dem Tsunami an Fake-News bei Facebook umgehen? Ein Plädoyer für die Rückkehr zu Alternativen

Warum wir die Sozialen Medien retten müssen

Ein bisschen Kampfgeist ist angesagt

Foto: Sajjad Hussain/AFP/Getty Images

Man muss keine Rockband und kein DJ sein, um irgendwann in seinem digitalen Leben auf das Soundcloud-Logo mit der kleinen orangefarbenen Wolke gestoßen zu sein. Der in Berlin ansässige Online-Musikdienst ist eine ziemlich coole Plattform für Leute, die Musik machen und diese teilen wollen. Vor kurzem räumten die Eigentümer des Unternehmens ein, dass sie pro Woche eine Million Dollar Verlust machen und ihnen bis zum Ende des Jahres das Geld ausgehen könnte.

Soundcloud steckt in Schwierigkeiten, obwohl es Verträge mit großen Plattenfirmen abgeschlossen hat, die großen Labels alle umfangreiche Anteile an dem Unternehmen erworben haben und es weltweit 175 Millionen Nutzer gewinnen konnte. Die gesamte Zukunft der kleinen orangenen Wolke hängt nun davon ab, ob es Soundcloud gelingt, genügend Abonnenten für seinen Streamingdienst Soundcloud Go zu gewinnen.

Zur gleichen Zeit wie Soundcloud ist mit der Blogging-Plattform Medium ein weiteres unheimlich cooles Online-Projekt in Schwierigkeiten geraten, musste 50 Leute entlassen, die Büros in Washington und New York schließen und einräumen, dass sein ursprünglicher Plan – mit Werbung Geld zu verdienen – nicht funktioniert. Schlimmer noch: Der Chef des Unternehmers, Twitter-Mitgründer Ev Williams, musste zugeben, er habe keine Idee, welches Modell das Unternehmen als nächstes verfolgen wird. Als Medium 2012 an den Start ging, warnte Williams in einem heute prophetischen Post davor, dass die Kommerzialisierung des Contents im Internet zu immer mehr Fehlinformationen führen werde.

Vier Jahre später ist seine Suche nach einem kommerziellen Modell, das Tiefe, Originalität und Wahrhaftigkeit belohnt, gescheitert. Werbefinanzierte Geschäftsmodelle fördern das Falsche, das Krasse und Dumme. Und weil alle Geschäftsmodelle in der digitalen Welt die Bildung von Monopolen anstatt die Vielfalt anstreben, ist diese Tendenz heute weitaus schlimmer als in der Ära der gedruckten Schundliteratur oder musikalischer Seichtigkeiten auf Vinyl.

Sowohl Soundcloud als auch Medium werden von talentierten Leuten geleitet, denen jede Menge Venture-Kapital zur Verfügung gestellt wurde. Beide haben es mit demselben Problem zu tun, das Williams mit schonungsloser Offenheit benannte. Die Kapazitäten, die das Internet bietet, um Inhalte zu teilen, werden von den Profitmodellen der Großunternehmen erdrückt. Die Sozialen Medien gehen an der Flut aus Schrott, Fake-News, Promi-Gerüchten und Plastikmusik zugrunde – zumindest verlieren sie durch sie den Spirit und die Atmosphäre, in der die Sozialen Medien sechs oder sieben Jahre aufgeblüht sind.

Wenn man verstehen will, was Autorinnen und Autoren auf öffentliche Plattformen lockt, sollte man sich ansehen, was ein Sender wie der britische Channel 4 zuwege gebracht hat. Der Sender hat Text und statische Bilder im Internet durch reine Videobeiträgen ersetzt und seine Beiträge dann bei Facebook eingestellt. In nur 18 Monaten hat sich sein Publikum dort von fünf auf 200 Millionen pro Monat erhöht. Musste der Sender die Inhalte verändern, um das zu ermöglichen? Und ob! Ein Viertel aller Videos werden „quadratisch“ gepostet, damit Smartphone-Nutzer ihre Geräte nicht immer drehen müssen; dann hat Channel 4 angefangen, die Beiträge mit Untertiteln auszustatten, damit die Nutzer den Ton nicht einschalten müssen.

Aber diese Mühe hat sich offenbar gelohnt: Zwei Drittel derjenigen, die sich diese Videos ansehen, sind jünger als 35 Jahre – genau das Publikum, welches das Fernsehen nicht erreicht. Und die Geschichten mit den höchsten Klickzahlen waren aus Aleppo. Aber jeder, der Content produziert, der in erster Linie für Facebook oder YouTube gemacht ist, wird wissen, was das Wort „didaktisch“ bedeutet. Egal, ob es sich um einen journalistischen Bericht oder um einen Spielfilm handelt: Es herrscht ein gewaltiger Druck, alles so zu erklären, als hätte man es nur mit Idioten zu tun, alle Informationen in die ersten 15 Sekunden zu packen und Beiträge so kurz wie möglich zu halten.

Überall, wo Autoren sich dem Ansturm auf die großen Online-Plattformen angeschlossen haben, existiert der gleiche Druck. Aber mit der Ausnahme von Facebook sind die meisten der monopolistischen Plattformen nicht profitabel. YouTube holt gerade einmal das rein, was Google für die Plattform ausgibt, Spotify machte seinen letzten Berichten zufolge bei zwei Milliarden Verkäufen 164 Millionen Dollar Verlust und Twitter ist so weit davon entfernt, Gewinne zu erzielen, dass Facebook oder Google es möglicherweise bald ebenfalls schlucken.

Die Geschichte des Kapitalismus macht deutlich, was als nächstes geschehen müsste. Die Monopole müssten zerschlagen werden. Wäre Facebook eine Bank, wäre das Unternehmen nicht lebensfähig; das Gleiche gilt für Google, wäre es ein Supermarkt. Doch die Struktur des hedgefondgetriebenen modernen Kapitalismus (der zur Monopolbildung strebt) und die Abhängigkeit der Politik machen dies unwahrscheinlich. Venture-Kapital fließt deshalb in Startups wie Medium oder Soundcloud, weil die Geldgeber davon ausgehen, sie würden das nächste Newscorp, das nächste Spotify – oder von einem großen Rivalen geschluckt.

Die Regierung der USA oder die Europäische Kommission können – theoretisch – die Zerschlagung der Tech-Monopole anordnen und verfügen, dass es künftig, sagen wir mal, vier Facebooks geben soll, die Informationen miteinander austauschen und ihren Nutzer ermöglichen müssen, deren Konto nahtlos vom einen zum anderen zu verlegen, wie das bei Banken möglich ist. Aber davon kann natürlich keine Rede sein. Regierungen auf der ganzen Welt sind in der Praxis völlig in der vor-rooseveltschen Ideologie von PayPal-Gründer Peter Thiel befangen: Wettbewerb ist etwas für Verlierer, Monopole für Gewinner.

Also liegt es an uns, eine Lösung zu finden – insbesondere an denjenigen von uns, die davon überzeugt sind, dass der Sinn von Inhalten in erster Linie darin besteht, zu kommunizieren. Und erst in zweiter Linie darin, Geld zu verdienen. Wir müssen von der ursprünglichen Idee der Sozialen Medien retten, so viel wir können.

Wenn man die darbenden Internet-Plattformen besucht – nicht nur Soundcloud und Medium, sondern auch Ello, das Facebook gerne Konkurrenz machen würde, und Tumblr – wo man noch immer einen flüchtigen Eindruck von der Schönheit erheischen kann, die aus Zusammenarbeit entsteht. Ello ist nach einem vielversprechenden Start zu einer funktionalen Online-Community für Künstler, Architekten und Fotografen geworden. Tumblr bleibt, selbst nachdem es von Yahoo aufgekauft und von Pornos überflutet wurde, einer der bestdesignten Räume für montagegestützte Kommunikation. Wenn man sich nach Erholung von dem Antisemitismus und der Frauenfeindlichkeit auf Twitter oder dem Dauerfeuer an Unternehmenspropaganda auf Facebook sehnt, lohnt es sich, wieder einmal bei einer dieser ums Überleben kämpfenden Plattformen vorbeizusehen, seine alten Zugangsdaten zu reaktivieren und im Chaos zu schwelgen.

Es wird sich anfühlen wie eine Zeitreise in die Vergangenheit zwischen 2010 und 2012, als man Soziale Medien noch mit Postmodernität, selbstproduzierter Musik und Revolte assoziierte, anstatt mit Fake-News, Rassismus und der Herrschaft alter Männer. Sie nur einmal wieder aufzusuchen und ihre Dienste zu nutzen, wird diese kollaborativen Tools allerdings nicht retten können. Wir brauchen neue, kooperative Eigentumsmodelle. Wenn Textverarbeitungsprogramme heute quasi kostenlos mit jedem Gerät mitgeliefert werden, könnte man dasselbe doch mit einem nicht gewinnorientierten Musik-Sharingdienst, einer freien Blogging-Plattform und einem Ort, an dem man Kontakt zu seinen Freunden hält, machen, ohne dass dabei sämtliche Daten gespeichert werden und man in Werbung ertrinkt.

Medium, Soundcloud und letztlich auch Twitter sind – wie die Eisenbahn – erhaltenswert, selbst wenn sie nicht mit Gewinn betrieben werden können. 2017 kann und sollte das Jahr sein, in dem die Nutzer von Plattformen diese Freiheiten zurückfordern – nicht als Privilegien, sondern als Rechte.

Paul Mason ist Autor und Fernsehmoderator und arbeitet zu den Theman Wirtschaft und soziale Gerechtigkeit

Kommentare (10)

na64 12.01.2017 | 17:17

Grenzgänger, oder jeder hat eine death mask für seine persönliche Indifferenz

Man kann die Wand, die Grenze, das Gefängnis der Ignoranz durchbrechen in dem man sich ganz klein und unbedeutend macht. So sich als Gestalt präsentieren, die andere für unwichtig erscheinen lässt, obwohl man seiner Linie im Bewusstsein treu geblieben ist.
Eigentlich ist nur das Wesen der Grenze, der Wand, dem Gefängnis interessant, da in diesem Gebilde Ideen, Ängste, Inspirationen stecken die für dieZukunft wichtig sind und die für die Zeit in zukünftiger Erscheinung Ihren Inhalt darstellen werden. Auf der anderen Seite der Grenze befindet sich ungelebte Zeit. Zeit ohne Inhalt. Unser Abstraktes Denken füllt die Zeit mit Inhalt.
Alle Bücher sind voll mit Geschichte und Geschichten über das ausgrenzen und ignorieren als Verhalten menschlicher Größe. Doch kaum ein Buch betrachtet das Wesen dieses Verhaltens. Ich war in der Bücherei und es sind 5 Stück. Ein Comic mit dem Titel: Was du nicht siehst, von Luke Pearson und ein Buch aus dem Jahre 1926 über das Wesen der Indifferenz. Dann noch ein Schulbuch über Indifferenz und ein Jugendroman mit dazugehörigen Hörspiel. Das Thema Indifferenz deswegen, weil es zu dem Kinderspiel passt: Ich sehe was, was du nicht siehst.
Was ich jetzt wissen will ist:
Betrachten diese Bücher das Wesen und die Gestalt der oben beschriebenen Grenze als Zeit und Raum für Inhalte, die damit mit Absicht nicht zugelassen werden sollen, da Sie den Glauben an die jetzigen Inspirationen, Motivationen und Gruppendynamiken verändern werden!?.Ist dann diese Grenze und Ihr Inhalt ein verweigern mit Absicht und Ansage aus Angst vor einem neuen bewusst werden an Inspirationen, die dann gegebene Umstände zu Veränderungen bewegen und so auch eine neue Zeit mit Ihrer Kultur als Epoche kreieren könnten!?.
Populär sind Meinungen aber nicht die Gedanken und das spielen mit gedanklichen Inspirationen, die das kritische hinterfragen der Umstände zulässt, da man Meinungen einfach an die Wand der Ignoranz fahren kann und Sie dann, diese Meinungen wegen Ihres Starrsinns an Ihrer inhaltlichen Grenze aus Mangel an Inspirationen, wie Seifenblasen zerplatzen werden.
Der Inhalt der Grenzen, dass was wir versuchen auszugrenzen, hat schon immer alles verändert.

Und eigentlich habe ich mich hier mit Abgase bei Automobilen beschäftigt, doch das passt hier genauso mit hinein.

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Ehemaliger Nutzer 13.01.2017 | 07:54

Diese Rückschau in die Frühgeschichte der "sozialen Medien" greift fast 4 Jahrzehnte zu kurz. Lange vor dem World Wide Web gab es eine lebendige, die (westliche) Welt umspannende Szene der computergestützten Kommunikation, aus Mailboxnetzen, dem Usenet, IRC. Das funktionierte mit Einwahl, Modem und Akustikkoppler und ein paar universitären und industriellen Backbones, war unzensiert, mit niedrigschwelligem Zugang und weitgehend werbefrei. Das noise/signal-Verhältnis lag Grössenordnungen über dem, was das heutige Internet an Information im Verhältnis zu Rauschen und Kommerz bietet.

Leider wurde auch das Usenet kommerziell gekapert und ist fast nur noch als "Google Groups" im weltumspannenden Ausspähsystem des Datenräubers und -hehlers Google bekannt und damit weitgehend unbenutzbar. Das ist keine technische Erfordernis, nntp-Server kann jeder betreiben.

Wieviel Kommerz hinter den beschriebenen "sozialen Medien" steht, kann ich nicht recht einschätzen. Aber nach wie vor ist Kommunikation ausserhalb der "sozialen" Schnüffelsphäre der Monopolisten nicht unmöglich und jede Alternative zu Facebook, Google oder der Twitterverblödung begrüssenswert. Wichtig ist, die Techniken der Verschlüsselung und Anonymisierung zu verbreiten, um der Ausspähung Grenzen zu setzen.

Heinz Lambarth 13.01.2017 | 09:23

So, so "Wir müssen von der ursprünglichen Idee der Sozialen Medien retten, so viel wir können."

Und wieso "müssen" wir? Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass sich die "Inhalte" in so erstaunlich kurzer zeit derart vermehrt haben, dass es jetzt viel mehr "Medien" bräuchte. Das Vakuum der vielen neuen "Medien" muss folglich gefüllt werden - und es wird gefüllt: mit belanglosigkeiten, lügen und hass. That's it!

Für alle, die in ihrem leben keine anderen probleme mehr haben und auch sonst nichts mit sich anzufangen wissen - sind diese "Medien" schlicht zeitkiller, um die zeit zwischen geburt und tod irgendwie umzukriegen. So what?

Prinz 13.01.2017 | 15:09

Soziale Medien haben wie Eisenbahnen oder Stromnetze immer gewisse Monopolisierungstendenzen.

Die logische Schlussfolgerung wäre sie wie Eisenbahnen oder Straßen in öffentliches Eigentum zu überführen.
Natürlich würde das voraussetzen, dass sehr genau darauf geachtet wird, dass sie damit nicht schlicht zur Staatspropaganda werden, ist aber machbar.

Am einfachsten indem sie tatsächlich als leerer Rahmen fungieren, der von den Usern mit Inhalt gefüllt wird.

Richard Zietz 13.01.2017 | 18:43

Ich denke, es wäre nicht verkehrt, die Frage aufzuwerfen, inwiefern uns das »Netz« und die darin enthalten sogenannten »Sozialen Netzwerke« gut tun.

Die Nachteile sind doch so immanent, dass sie hier nicht gesondert beschrieben werden müssen. Rechnet man das Ausmaß an Isolation und Vereinsamung hinzu, welches diese Netze bei vielen Menschen in der Realwelt verursachen, wäre eher die Forderung richtig, diese Medien sowie die dazugehörigen Betreiber-Unternehmen schleunigst zu regulieren und die von ihnen angebotenen Portale zwangsweise auf wenige sinnvolle Grundfunktionen einzudampfen.

Lethe 15.01.2017 | 00:50

Es gibt verschiedene, auf den verschiedenen Seiten, die in diesem Spiel Einfluss haben.

Die User der sozialen Netzwerke, weil sie Tür und Tor für Beliebigkeit geöffnet haben und es nicht mehr schaffen, in sozialen Kontakten Bedeutung zu generieren.

Die Hersteller der Technologien, weil ihre Technologien entweder über die Absichten hinaus gewachsen sind, oder - was ich vermute - von Anfang an geheimdienstverseucht waren, so dass sie einen Teufelspakt eingegangen sind.

Und diejenigen, die versuchen, noch auf den fahrenden Zug zu springen, um ihr Geschäft zu machen, aber weder das Geld noch das Knowhow haben, um in diesem Spiel mehr als Randfiguren zu sein. Printmedien, TV, Pay-TV.

Wenn ich nachdenke, fallen mir sicher noch mehr ein, aber als Beispiele sollte das genügen.