Was essen wir in 40 Jahren?

Hunger Immer mehr Menschen verschwenden Lebensmittel. Wenn das so weitergehen soll, muss die Nahrungsmittelproduktion bis 2050 verdoppelt werden

Im Jahr 2050 wird die voraussichtlich um ein Drittel angewachsene Weltbevölkerung der doppelten Menge an Lebensmitteln bedürfen wie heute. Wie können wir diesen Anforderungen nur gerecht werden?

Der Hunger auf der Welt wird in diesem Jahrhundert in einem Maße zunehmen, das dies die Hungerkatastrophen der 1980er Jahre belanglos erscheinen lassen wird. Die Zahlen sind einfach und verheerend: In 40 Jahren wird die Weltbevölkerung auf 9,2 Milliarden angewachsen sein – ein Drittel mehr als heute. Um uns aber alle zu ernähren, müssen wir der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen zufolge doppelt so viele Nahrungsmittel produzieren wie heute.

Dies hängt damit zusammen, dass der Reichtum in den meisten Entwicklungsländern trotz der Bedrohungen des Jahrhunderts anwachsen wird. Gegenwärtig leben 350 Millionen Haushalte weltweit von 8.600 Euro oder mehr im Jahr. Mann geht davon aus, dass diese Zahl im Jahr 2030 auf 2,1 Milliarden angestiegen sein wird. Und je reicher sie sind, desto verschwenderischer essen die Leute. Die Armen essen in der Regel Gemüse – viel Gemüse. Um ein Kilo Rindfleisch herzustellen, braucht man 10 Kilo Gras oder Futter auf Soja-Basis. An Zuchtfische wird die dreifache Menge des Körpergewichts an wild gefangenem Fisch verfüttert. Die Mengen, die wir Reichsten konsumieren, sind erstaunlich: Jeder US-Amerikaner verbraucht pro Jahr 120 kg Fleisch, in den Entwicklungsländern sind es gerade einmal 28 Kilo.

Wenn die Welt sich so entwickelt, wie die Ökonomen dies vorhersagen, ist es schwer vorstellbar, wie wir den wachsenden Bedarf befriedigen wollen. Umweltschützer verwenden gerne das Bild, dass wir für die Versorgung der Bevölkerung des Jahres 2050 eigentlich der Ressourcen zweier Erdbälle bedürften. Da verwundert es nicht, wenn der oberste Umweltberater der britischen Regierung, John Beddington, sagt: „Die Sicherheit der Lebensmittelversorgung stellt für die Menschheit eine größere Bedrohung dar als der Klimawandel selbst.“

Hier liegt denn auch das andere große Problem. Während wir nach Wegen suchen, den Mehrbedarf an Lebensmittel decken zu können, macht der rapide fortschreitende Klimawandel die Erde zu einem immer unergiebigeren Anbaugebiet. In den Tropen und der Äquatorregion wird es in weiten Landstrichen heißer und trockener werden. Das bedeutet zwar nicht, dass hier nichts mehr angebaut werden kann. Aber das, was angebaut werden kann, wird sich radikal verändern. Der durchschnittliche Anstieg um zwei Grad Celsius, der allgemein als Minimalwert für dieses Jahrhundert angenommen wird, verändert bereits die Bedingungen dafür, welche Kulturpflanzen wann wo wachsen und gedeihen können.

Die große Ironie dieser Entwicklung besteht darin, dass, zumindest zu Beginn, die meisten der reicheren Regionen der Erde von ihr profitieren werden. In den Tropen hingegen, wo der Großteil der Armen dieser Welt lebt, hat der Klimawandel bereits heute den negativsten Einfluss auf die Landwirtschaft. Dies wird sich fortsetzen. Grundsätzlich wird der Gürtel um den Erdmittelpunkt trockener und heißer werden, während diejenigen von uns, die im Norden der nördlichen Hemisphäre leben, mehr Wärme und mehr Regen erleben werden. Dies wird unsere Wachstumsperioden verlängern und das Gebiet vergrößern, auf dem Getreide angebaut werden kann. Man geht davon aus, dass Kanada und Russland profitieren werden, ebenso wie das nördliche China und das nördliche Europa. Für die Mittelmeeranrainerstaaten und die Länder Südamerikas inklusive Kaliforniens wird es hingegen ungemütlich. Spanien ist auf allen Karten, die die Wasserknappheit im Jahr 2050 anzeigen, in ein bedrohliches Dunkelrot getaucht.

Und Großbritannien? „Die Winter werden wärmer und nasser – die Sommer sehr viel wärmer und trockener“, sagt Robert Watson, Wissenschaftler im britischen Umwelt- und Landwirtschaftsministerium. Dies bedeutet mit Sicherheit, dass wir mehr anbauen können, besonders Dinge wie Salat, Gemüse und Obst, die wir gegenwärtig noch in großen Mengen importieren. Bereits heute experimentieren britische Bauern mit Aprikosen, Pfirsichen, Mandeln und Oliven. In Zukunft könnten auch Hartweizen, Soja und Mais hier gedeihen.“

Wir sollten uns aber nicht zu sehr von der Aussicht auf ein Britannien mit all dem Überfluss der Mittelmeerländer blenden lassen: Mit Sicherheit werden wir auch vom globalen Rückgang betroffen werden, der durch den landwirtschaftlichen Zusammenbruch in den Tropen verursacht wird. Britannien importiert die Hälfte seiner Lebensmittel und man geht davon aus, dass unsere Bevölkerung um 10 Millionen anwachsen wird. Das diesjährige Ausbleiben des indischen Monsuns sorgt bereits jetzt für einen Anstieg der Preise für Weizen, Zucker und Reis. Und es ist wahrscheinlich, dass auch wir in Großbritannien weitere weniger erfreuliche Effekte zu spüren bekommen werden: Überflutungen, Stürme, und Hitzewellen werden sich häufen. Das britische Umweltministerium sagt voraus, dass die Durchschnittstemperatur im Süden Englands um acht Grad höher liegen wird als heute.

Aus diesem Grunde äußert die britische Regierung sich auf einmal auch besorgt über die „Ernährungssicherheit“ . Obwohl es schwer vorstellbar ist, dass die Briten hungern werden, so werden wir doch einen Anstieg der Lebensmittelpreise erleben – Fleisch dürfte in Zukunft nicht mehr so billig bleiben, wie wir das gegenwärtig noch gewohnt sind und wieder zu dem Luxus werden, der es einst war. Wenn wir unsere Lebensmittel vollständig selbst anbauen müssten – so heißt es – wären wir hierzu zwar in der Lage, müssten aber einen hohen Preis dafür bezahlen. Wir könnten es uns nicht länger leisten, unbebautes, wildes oder bewaldetes Land brach liegen zu lassen, wenn es landwirtschaftlich genutzt werden könnte.

Aber all dies ist nichts im Vergleich zu den Veränderungen, die in den Tropen vor sich gehen oder dort drohen. Der Anbau von Reis, der dem Großteil der asiatischen Welt als Grundnahrungsmittel dient, wandert bereits heute Richtung Norden und zwingt Millionen von Menschen, Lebensgewohnheiten zu ändern, die seit Jahrhunderten deren Auskommen sicherten. Entlang der asiatischen Küsten verändert sich das Leben der Menschen dramatisch. Vermehrte Stürme und ein Ansteigen des Meeresspiegels (für dieses Jahrhundert wird gegenwärtig ein Meter vorhergesagt) bringen Salzwasser auf die Felder und machen den Reisanbau unmöglich.

Die Hälfte der ärmsten Milliarde Menschen lebt in Südasien, ebenso wie viele der fünf Millionen Kinder, die jedes Jahr an Krankheiten sterben, die durch Unterernährung verursacht oder verschlimmert werden. Nach einem Bericht der Asiatischen Entwicklungsbank wird die Ernährungssicherheit von 1,6 Milliarden Menschen durch den Klimawandel gefährdet. Für Afrika und Teile Lateinamerikas sind die Prognosen ebenso erschreckend. Mais ist eine der vier wichtigsten Nahrungspflanzen und Grundnahrungsmittel von mehr als einer Viertelmilliarde Ostafrikaner. Auch für Tiere ist er eine immens wichtige Pflanze. Er ist allerdings anfällig für Wasserprobleme und Temperaturveränderungen. Der auf Getreideanbau spezialisierte, preisgekrönte Wissenschaftler Andy Jardis, meint hierzu: „Wenn man sich die Grafiken ansieht, dann geht die Maiskurve schon bei geringen Temperaturanstiegen steil nach unten.“ Schätzungen gehen davon aus, dass die Maisproduktion in der Region südlich der Sahara und großen Teilen Indiens allein in den kommenden zehn Jahren um 15 Prozent zurückgehen wird. Nach Meinung von Wissenschaftlern der südafrikanischen Regierung muss die Region damit rechnen, dass im Jahr 2080 die Erträge alle Getreidearten um 50 Prozent zurückgegangen sein werden.


Zu dem Luxus, den es bedeutet, in unserer bequemen Ecke der Welt zu leben, gehört die Tatsache, dass der Klimawandel immer noch als ein Problem der Zukunft erscheint – etwas, worüber weniger wir als vielmehr unsere Enkelkinder sich Sorgen machen müssten. Aber für viele Millionen Menschen stellt die Veränderung der Jahreszyklen und die Unvorhersehbarkeit des Wetters schon heute eine deutliche Gefahr dar. Von Oxfam gesammelte persönliche Berichte von Landwirten rund um den Globus lauten alle gleich. Egal, ob sie in der ost-afrikanischen Savanne, der peruanischen Hochebene oder den fruchtbaren Küstenregionen Indonesiens leben, alle beklagen, dass die Jahreszeiten ungewisser geworden sind, man nicht mehr sagen kann, wann und ob es regnet und dass ihr Getreide und ihre Tiere gelitten haben. Es gibt neue Seuchen und Krankheiten.

Auch wenn sich immer noch nicht mit Gewissheit sagen lässt, dass all dies durch die Verbrennung fossiler Rohstoffe verursacht wird, so ist doch unbestreitbar, dass katastrophale Veränderungen vor sich gehen. Man braucht nur ein paar Monate lang die Nachrichten auf Meldungen über Klimaveränderungen hin zu lesen , um eine nicht abreißende Kette schlechter Nachrichten zu Gesicht zu bekommen. Der südindische Bundesstaat Karnataka meldet einen Rückgang der Niederschlagsmenge von sechs bis acht Prozent seit 1990. Tansania und andere ostafrikanische Länder meldeten bereits einen durchschnittlichen Temperaturanstieg von 1,5 Grad Celsius seit 1990. Chinesische Meteorologen berichten aus Teilen des Landes ähnliches. Diese Zahlen mögen unbedeutend erscheinen, sind in ihren Auswirkungen aber dramatisch. Den Forschungsergebnissen des Weltklimarates (Intergovernmental Panel on Climate Change) zufolge führt schon ein Anstieg der Durchschnittstemperatur um ein halbes Grad zu einem Ertragsrückgang der indischen Weizenernte um 20 Prozent - Indien ist der zweitgrößte Weizenproduzent weltweit.

Gibt es denn gar keine guten Nachrichten? Insgesamt sind weniger als 60 Prozent des landwirtschaftlich nutzbaren Potentials der Erde ausgeschöpft. Wenn wir heute anfangen zu handeln und den einzelnen Ländern helfen, sich anzupassen und sich auf die kommenden Veränderungen vorzubereiten, ist es möglich, einige der schlimmsten Auswirkungen – massenhafte Landflucht/Migration, Konflikte, große Hungersnöte – zu verringern. Es gibt sogar ein Modell/ Vorbild. Die Weltbevölkerung vervierfachte sich im Laufe des 20. Jahrhunderts und die Landwirtschaft zeigte sich dieser Herausforderung gewachsen: Während der sogenannten Grünen Revolution zwischen 1950 und 1980 verdoppelte sich die weltweite Produktion von Lebensmitteln.

Diese Steigerung wurde in erster Linie dadurch ermöglicht, dass Länder wie Indien oder China Kunstdünger einsetzten. Die Technologie birgt viele Hoffnungen. Selbst heute noch setzen afrikanische Bauern immer noch weniger als ein Prozent der Menge an Kunstdünger ein, die wir verwenden. Erst vor kurzem konnte durch ein Regierungsprogramm in Malawi der Ertrag der Maisernte in diesem für Hungerkatastrophen anfälligen Land von durchschnittlich 1,2 Tonnen pro Hektar auf vier Tonnen gesteigert werden. (Im US-amerikanischen Iowa bringt der durchschnittliche nicht-bewässerte Mais 10 Tonnen pro Hektar ein). Auch genetisch veränderte Früchte könnten Antworten liefern. Es gibt bereits Bemühungen, neue Pflanzen zu züchten, die mit den neuen Bedingungen besser zurecht kommen: Mais, der mit weniger Wasser und größerer Hitze auskommt, Reis, der salzhaltigeren Boden verträgt.

Vielversprechender allerdings könnten weniger technisch orientierte Lösungsansätze sein . Denn es ist kein Stück nachhaltiger, Massen von Bauern in den armen Ländern dazu anzuhalten, auf fossilen Brennstoffen basierende Düngemittel zu verwenden als das ganze Öl einfach zu verbrennen. Es gibt viele Stimmen, die sagen, der einzig vernünftige Weg zur Erhöhung der Nahrungsprodutkion führe über ökologische und nachhaltige Maßnahmen. Während man sich grundsätzlich darüber einig ist, dass Wasser mit das gewaltigste Konfliktpotential unseres Jahrhunderts birgt, nutzen wir es immer noch sehr uneffizient. Lediglich 17 Prozent der weltweiten Anbauflächen werden bewässert.

Nach einer Studie der Weltbank verlieren die Farmen, die allein mit Regenwasser bewässern, mit jedem Grad Temperaturanstieg 27 Dollar, während Höfe mit Bewässerungsanlagen 35 Dollar gewinnen. „Micro-Harvesting“ von Regenwasser und andere Ideen, die wenig technischen Aufwand erfordern, können große Wirkung erzielen. Aber hierfür bedarf es der Anleitung und Investitionen. „Wir müssen unsere Landwirtschaft neu erfinden,“ sagt Ahaik Anwar von Oxfam India. „Wir müssen die Waldgebiete wieder aufforsten, das Wasser halten aufsparen, weniger Chemie einsetzen und nachhaltiger werden. Gegenwärtig verlieren wir unser Grundwasser und im Boden enthaltene Nährstoffe sehr schnell. Die Bauern verschulden sich, weil sie auf Kunstdünger und andere Zusätze angewiesen sind.“

Egal ob technisch anspruchvoll oder einfach – diese Projekte müssen vom Westen finanziert werden. Schätzungen gehen davon aus, dass wir den armen Ländern jedes Jahr 50 Milliarden an Hilfsgeldern zukommen lassen müssen, damit sie sich dem Klimawandel anpassen können – Oxfam und andere werden beim Weltklimagipfel, der im Dezember in Kopenhagen stattfindet, bei der UN um eben diese Summe ersuchen. (...) Wir haben sowohl moralische als auch praktische Gründe zu helfen. Der praktische Grund wurde bereits ausführlich erörtert: Wenn die Ernte in Indien ausfällt, werden auch wir dies zu spüren bekommen. Der enorme Anstieg der Lebensmittelpreise im Frühjahr 2008 hatte seinen Ursprung auf den großen Getreidefeldern Brasiliens und Indiens sowie den Reisfeldern Südostasiens.

Die moralische Verpflichtung rührt daher, dass wir fossile Brennstoffe verfeuert haben, um unsere eigene wirtschaftliche Entwicklung zu ermöglichen. Damit haben wir den Planeten erst in die missliche Lage gebracht, in der er sich heute befindet. Und wir machen ja immer noch munter weiter. Obwohl Indiens Industrialisierung rasch voranschreitet, verursachen wir in den reichen Ländern immer noch zehnmal so viel CO2 wie die Inder.

Übersetzung: Holger Hutt

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Ihre Freitag-Redaktion

17:35 24.10.2009
Geschrieben von

Alex Renton, The Observer | The Guardian

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The Guardian

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