Was für Babys

Stillen & Lachen In Großbritannien treten einige Stand-up-Comedians jetzt auch mittags im Pub auf. Vor Müttern und ihren Babys – ein schwieriges, aber auch dankbares Publikum

Mittagszeit. Im Hinterzimmer eines Pubs in Sheffield hat sich eine Gruppe Mütter mit ihren Babys versammelt. Einige Frauen stillen gerade, andere ringen mit Molton-Tüchern oder schwenken Fläschchen. Erschöpft sehen sie aus, aber auch froh, unter ihresgleichen zu sein. Das hier ist kein Stilltreffen, es ist eine Comedy-Veranstaltung.

Vor ein paar Jahren habe ich zum ersten Mal von Comedy-Shows für Mütter und Babys gehört, die nicht abends stattfinden, sondern mitten am Tag. Lange konnte ich keine ausfindig machen und kam zu dem Schluss, dass es sich um einen urbanen Mythos handeln müsse. Wer sollte sich schon am helllichten Tage vor stillenden Müttern und quengelnden Kindern auf eine Bühne stellen? Dann erzählte mir eine befreundete Komikerin, sie habe ebenfalls schon davon gehört. Und diese Shows seien angeblich gar nicht schlecht.

Tatsächlich gibt es in Großbritannien einige Komikerinnen, die ein Programm für Mütter und Babys haben. Am erfolgreichsten ist wohl Helen Rutter mit ihrer Show Gas and Air. Rutter hat einen dreijährigen Sohn und ist gerade im achten Monat schwanger. Sie bringt irrsinnig witzige Charaktere auf die Bühne, die Müttern nur allzu schmerzlich bekannt sein dürften: die Kindergesangslehrerin, die einen zwingt, simpelste Kinderreime zu singen; die verrückte Dame vom Jugendamt, mit der man endlos diskutieren muss; die andere junge Mutter, mit der man sich angefreundet hat und die nun aus allem einen Wettstreit macht. Und dann gibt es bei Rutter noch den Drogenhändler, der kiefergerecht geformte Schnuller im Angebot hat.

Sozialer Dienst

„Mütter sehnen sich verzweifelt nach Abwechslung jenseits von Krabbelgruppenliedern“, sagt Rutter. „Viel Konkurrenz gibt es da für mich nicht.“ Sie tritt oft vor fünfzig oder mehr Frauen auf, plus Kinder. „Babys, die jünger als ein Jahr sind, sind herzlich willkommen, solange sie sich noch nicht allzu viel bewegen können – und nichts gegen ein bisschen deftige Sprache einzuwenden haben.“ Einfach sei ein solches Publikum aber nicht: „Wenn sie ruhig sind, sind sie alle ruhig. Aber wenn eines loslegt, legen sie alle los. Für eine Komikerin, die an Samstagabenden auch vor alkoholgetränkten Junggesellenabschiedsgruppen auftritt, macht das allerdings keinen großen Unterschied.“

An diesem Mittag schreien viele Babys, machen Bäuerchen, spucken. Die meisten Mütter sind irgendwo am Körper mit irgendeiner Flüssigkeit bedeckt. Ab und zu ist es aber auch, wie es sein sollte: gespannte, erwartungsvolle Stille, durchbrochen von einer Hammerpointe und erlösendem Lachen. Fast alle Frauen im Publikum sahen fahrig und nach Schlafentzug aus, als sie ankamen. Beim Verlassen des Saals kichern sie entspannt.

Rutter geht es aber nicht nur um die Lacher. Sie hat das Gefühl, einen sozialen Dienst zu leisten. Einmal hat eine Frau, die in ihrer Show gewesen war, ihr eine E-Mail geschrieben. Da stand: „Das hab ich wirklich gebraucht, ich war so fertig.“

Die Idee zu der Show, die sie ursprünglich mit einer befreundeten Schauspielerin zusammen in London aufführte, kam ihr, nachdem sie kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes davon geträumt hatte, vor einem aus Babys bestehendem Publikum aufzutreten. Sie wollte eine Show auf die Beine stellen, die Müttern, die gerade ein Kind geboren haben, „in einer Zeit, in der alles sehr emotional ist und man sich mitunter sehr verletzlich fühlt“, ein wenig Kraft gibt und sie beruhigt.


Keine Elternwitze abends

Elternsein wird gerade in der gesamten britischen Comedy-Szene zum Thema. Da dreht sich etwas. Früher erwähnten Comedians ihre Kinder nur selten. Die Komikerin Lucy Porter, die gerade mit ihrem zweiten Kind schwanger ist, erklärt das so: „Bei normalen Auftritten versuche ich nicht allzu viele Elterngeschichten zu bringen, weil das Publikum in der Regel eher jung und kinderlos ist. Viele kommen, um etwas zu trinken und zu lachen. Sie hätten wohl nichts dagegen, am Ende des Abends noch jemanden abzuschleppen. Und dann stehe ich da auf der Bühne und erinnere sie daran, welche Folgen der Spaß haben kann.“

Nun aber wird Porter einmal im Monat zu vergleichsweise früher Stunde mit ihrer Show Screaming with Laughter auftreten, die sich an Eltern mit Babys richtet. Vorbild sind die erfolgreichen Kinovorführungen, zu denen Eltern ihre Neugeborenen mitnehmen können. Porter freut sich auf die Shows, „immerhin hat sich mein Leben in den vergangenen Jahren hauptsächlich ums Schwanger- und Elternsein gedreht“.

Auch Comedy-Männer wie Michael McIntyre und Steward Lee kommen inzwischen auf der Bühne auf ihre Kinder zu sprechen. In Deutschland tourt hingegen Michael Mittermaier mit seinem Brachial-Humor-Programm Achtung Baby! bisher ziemlich konkurrenzlos über die Bühnen.

Die Stand-up-Künstlerin Ria Lina, auch bekannt als „philippinische Sarah Silverman“, ist Mutter von vier Kindern. Sie ist sich sicher, dass das Publikum sehr wohl Appetit auf Witze übers Muttersein habe, wenn diese wirklich lustig seien: „Man kann nicht einfach erzählen, was für süße Sachen das eigene Kind so sagt. Bei mir geht es um meine Reaktion auf meine Kinder. Ich bin Philippina und erzähle gern, dass ich nicht neun Monate lang ein Kind ausgetragen habe, damit dann jeder denkt, ich sei seine Nanny.“

Lina thematisiert ihr Muttersein oft: „Als Frau hat man den Vorteil, dass man mehr Spielräume für Komik hat. Man kann einfacher provozieren. Es ist gesellschaftlich akzeptiert, dass Väter eine größere Distanz zu ihren Kindern haben. Wenn ein Vater seinen Teenager-Spross als Arschloch bezeichnet, widerspricht das nicht unbedingt unseren Erwartungen. Wenn eine Mutter das sagt, ist es witziger.“

Doch auch sonst sei sie durchs Elternsein zu einer besseren Komikerin geworden: „Ich hatte früher nicht soviel zu sagen. Wenn man Kinder kriegt, will man nicht mehr um jeden Preis gefallen. Es befreit einen. Letztlich nimmt man alles nicht mehr so wichtig.“

Viv Groskop schreibt für den Guardian über Gesellschafts- und Medienthemen.Übersetzung: Zilla Hofman

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15:00 23.10.2011
Geschrieben von

Viv Groskop | The Guardian

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The Guardian

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