Wer hat hier nur Regie geführt?

Gerichtsdrama Der Fritzl-Prozess in Österreich und der Fall des für 27 Jahre zu unrecht inhaftierten Sean Hodgson zeigen: Die Wirklichkeit muss noch viel von Gerichtsdramen lernen

Unter Film- und Theatermachern herrscht Einigkeit darüber, dass es unmöglich ist, ein langweiliges Gerichtsdrama zu schreiben. Wenngleich diese Theorie durch Jeffrey Archers Stück The Accused arg auf die Probe gestellt wurde, ist es wahr, dass der Suche nach Gerechtigkeit des inquisitorischen Rechtssystems sowohl in der Fiktion als auch in der Realität etwas elementar Fesselndes zueigen ist.

Millionen Menschen auf der ganzen Welt, die zuvor nie einen Gedanken an Österreich verschwendet haben, verfolgten die dramatische Verhandlung des Falls Josef Fritzl, genau wie sich vor zehn Jahren Unmengen von Zuschauern, die sich nie zuvor für American Football interessiert hatten, den OJ-Simpson-Prozess verfolgten.

Die Überprüfung eines Vorwurfs mittels Beweisführung und Verhören spricht sowohl unsere höchsten als auch unsere niedrigsten Instinkte an. Es ist ein ehrenwertes Konzept, dass selbst den abscheulichsten menschlichen Wesen eine Anhörung zugestanden wird.

Doch besonders in Fällen, in denen es um Mord oder Missbrauch geht, bedienen Gerichtsverhandlungen auch niedere Gelüste: In den Zeitungen können wir von Einzelheiten lesen, bei denen die meisten Leute sich schämen würden, sie in Büchern zu lesen oder sich Filme mit derartigem Inhalt anzuschauen.

Das Justizwesen wird oft durch eine Waage versinnbildlicht. Denen, die versuchen, die Verdienste des Justizsystems selbst abzuwägen, wurden in diese Woche gleich schwere Gewichte in jede Waagschale geworfen.

Eine triumphale Feier der Idee der Gerichtsverhandlung

Der Fritzl-Prozess scheint wie eine triumphale Feier der Idee der Gerichtsverhandlung an sich: Ein Beschuldigter auf der Anklagebank, der offenbar von den Aussagen seiner Tochter so überwältigt war, dass er sich plötzlich aller Anklagepunkte – des Mordes, des Missbrauchs und der Sklaverei – schuldig bekannte, obschon das Gericht erwartet hatte, dass er diese vehement abstreiten werde.

Man ist leicht verführt, diesen Moment als dramatisch oder theatralisch zu bezeichnen – dabei trifft tatsächlich das genaue Gegenteil zu. Kein anständiger Dramatiker oder Romanautor wäre so dumm gewesen, den Verlauf des Verfahrens so früh zum Ende kommen zu lassen. Diesen Streich konnte es nur auf der Bühne der realen Rechtsprechung geben. Doch auch dort ist er beinahe beispiellos. Der Tradition entspricht eher, dass Angeklagte, die mit einer Axt in der einen und einem abgetrennten Kopf in der anderen Hand vorgefunden wurden, es noch darauf anlegen, dass die Jury nicht so genau hinschaut.

An diesem Tag, an dem die europäische Rechtsprechung sich auf der einen Seite Champagner einschenken durfte, musste sie sich auf der anderen Seite ein Glas Arsen reichen lassen: In Großbritannien reckte gestern mit Sean Hodgson ein weiterer Häftling auf den Stufen des Berufungsgerichtes die Hände in die Höhe, nachdem dieses bestätigt hatte, dass er das Verbrechen nicht begangen haben konnte, für das die Hälfte seines Leben im Gefängnis gesessen hatte. Hodgson war im Jahr 1982 wegen Mord und Vergewaltigung an einer Barfrau zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

Vielleicht hatte der verstorbene britische Schriftsteller und Anwalt Sir John Mortimer, der in Wirklichkeit und auf Papier so viele Prozesse mitgestaltete, recht, als er sagte, das Jury-System sei den Alternativen überlegen. Richter allein sind zu anfällig für die Tatsache oder Annahme, dass sie auf der Seite von Polizei oder Staat stehen.

Der Ausgang hängt von der Darbietung der einzelnen Akteure ab

Die zufällige Gleichzeitigkeit der Höhepunkte der Fritzl- und Hodgson-Prozesse erinnert uns daran, welch empfindlicher Mechanismus so ein Verfahren sein kann. Es passt nur zu gut, dass Beobachter so häufig zu Metaphern aus der Theaterwelt greifen, denn beiden Formen ist gemeinsam, dass der Ausgang von der Darbietung der einzelnen Akteure abhängt.

Die Geschichte zeigt – oder vielmehr hat gerade Hodgson dies gezeigt – wie eine einzige schlechte Darbietung eine Produktion zu Grunde richten kann. Irrtümer auf Seiten von Polizei und forensischen Wissenschaftlern hatten seine Haft verlängert, wie Angeklagte vor ihm von korrupten Polizeibeamten oder exzentrischen Richtern vernichtet wurden. Zwar hatte Hudgson durch ein Geständnis zu seinem Fall beigetragen, doch psychiatrische Gutachten zeigen heute, dass seine Worte – sein Text, um in der Theatersprache zu bleiben – kein Vertrauen verdienten. Beunruhigenderweise trifft dies auch auf Fritzl zu – der ebenfalls im Laufe des Prozesses gestand. In seinem Fall ist allerdings Sicherheit durch beträchtliche Beweise und das Existenz von Zeugen gegeben.

Voraussagen, denen zufolge verbesserte Möglichkeiten bei der nachträglichen Untersuchung von DNA dazu führen werden, dass eine Reihe fälschlicherweise verurteilter Sträflinge vor den Berufungsgerichten ihre Freiheit bestätigt bekommen, sind insofern alarmierend, als dass sie zeigen, dass nicht nur im Bankensystem – dem ja in letzter Zeit zugeschrieben wurde, es beruhe auf Vertrauen – sondern auch vor Gericht oft genug Vertrauen und Glauben eine Rolle spielt.

Justizirrtümer sind die Trumpfkarte der Todesstrafen-Gegner

Doch diese historischen Schwächen der Gerichtbarkeit haben paradoxerweise auch ihr Gutes: Sie haben in Großbritannien (und immer mehr Staaten der USA) die Verhängung der Todesstrafe verhindert. Denn während religiöse und moralische Argumente Geschmackssache sind, ist die Trumpfkarte der Galgengegner immer gewesen, dass Justizirrtümer sich in Gefängnissen leichter wieder gut machen lassen als auf Friedhöfen.

Advokaten der Todesstrafe argumentieren nun, durch die Fortschritte der Forensik kämen Fehlurteile aufgrund irreführender Indizien seltener vor. Zudem seien moderne Richter viel weniger verdächtig, Angeklagte voreingenommen zu verurteilen. Doch andere Elemente des Rechtssystems – Jurys, Zeugen und Medien etwa – könnten heute weniger verlässlich sein. Nicht nur aufgrund der
Medienöffentlichkeit, sondern auch, weil es sich in Zeiten unsicherer Arbeitsplätze als zunehmend schwieriger erweist, Menschen verschiedener sozialer Herkunft für Prozesse als Geschworene zu gewinnen.

Die Selbst-Überführung Josef Fritzls war zweifelsohne ein Drama erster Güte. Aber das Schattenspiel Sean Hodgsons mahnt uns, Gerichtssäle als Theater zu betrachten: In ihnen kann Täuschung am Werk sein und sie bedürfen des scharfen Auges der Kritiker.



Übersetzung (der gekürzten Version): Zilla Hofman

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Geschrieben von

Mark Lawson, The Guardian | The Guardian

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