Wie eine Riesenschildkröte

Finanzkrise Das Misstrauen der Finanzinvestoren gilt längst auch den Kernstaaten der Eurozone. Ihnen läuft die Zeit davon, denn die Zinsen schießen in die Höhe

Angela Merkel muss sich entscheiden. Nicht nächstes Jahr, nicht nächsten Monat, sondern jetzt. Die Finanzmärkte haben übereinstimmend und unmissverständlich die Botschaft verkündet, dass die Krise sich nicht mehr länger auf den schwachen Club Med (die Mittelmeer-Staaten Griechenland, Italien, Spanien und Portugal) beschränkt, sondern ins Zentrum der Währungsunion vordringt. Deutschland muss sich entscheiden, ob es seine Verweigerungshaltung aufgibt und der Europäischen Zentralbank (EZB) erlaubt, wie eine echte Zentralbank zu handeln, oder ob es die Gefahr in Kauf nimmt, für den Kollaps der Einheitswährung verantwortlich gemacht zu werden.

Die neue Entwicklung besteht darin, dass die Investoren nun auch jenen Ländern mit Misstrauen begegnen, die – sollte der bisherige Euroraum auseinanderbrechen – zusammen mit Deutschland den Kern eines harten Euro bilden würden. Die Zinsen für belgische, österreichische und französische Staatsanleihen schießen in die Höhe. Selbst der Druck auf niederländische Rentenpapiere, die traditionell als die zweitsichersten nach den deutschen gelten, erhöht sich. Im Gegensatz dazu gingen die Zinsen für Schweizer Aktien (derzeit ein sicherer Hafen für nervöse Anleger) um 0,3 Prozent zurück. Damit bezahlten die Investoren die schweizerische Regierung quasi für das Privileg, einem Land etwas leihen zu dürfen, das als grundsolide gilt – eine vornehme Art, sein Geld unter der Matratze zu verstecken.

Die Finanzmärkte verstehen den Ernst der Lage, selbst wenn in Berlin der Groschen noch nicht gefallen zu sein scheint. Der Wirtschaftsanalyst Dhaval Joshi unternahm einen Exkurs in die Welt der Physik, um die Zwangslage zu beschreiben, der Europa entgegendriftet: „Wenn man sich einem Schwarzen Loch nähert, sprechen Kosmologen vom Ereignishorizont dieses Loches als einem Punkt, den niemand erreicht, ohne sicherer Auslöschung zu entgehen. Das Faszinierende ist – man überschreitet diesen Punkt wie eine rote Linie, ohne zu merken: Das eigene Schicksal ist besiegelt. Die Frage lautet also: Hat die Eurozone, ohne es zu merken, ihren Ereignishorizont überschritten? Ich glaube nicht, aber sie ist nahe dran.“

Ein neuer Euroraum?

Dhaval Joshi veröffentlichte seine Expertise am 14. November. 24 Stunden später war das Raumschiff Europa noch weiter an den Rand des Abgrundes geraten. Inzwischen sieht es sich mit drei Havarien konfrontiert, die seinen Weiterflug bedrohen: Erstens trauen die Finanzmärkte den Regierungen nicht mehr zu, ihre öffentlichen Finanzen sanieren zu können. Zweitens fehlt es Europa an Führungspersonal, um für eine Wende zu sorgen. Merkel ist kein Bismarck, Sarkozy kein de Gaulle. Drittens gibt es ein Zeitproblem. Das Marktgeschehen spielt sich in Überlichtgeschwindigkeit ab, die EU-Politiker bewegen sich hingegen im behäbigen Tempo der Diplomatie des 19. Jahrhunderts. Dadurch laufen sie den Händlern für festverzinsliche Wertpapiere stets hinterher.

Notenpresse anwerfen

Was passiert nun? Ein völliges Zerbersten der Eurozone ist heute zwar wahrscheinlicher als im Frühherbst, aber noch nicht greifbar. Wenn es etwas gibt, das die politische Klasse Europas dazu bringt, sich schneller zu bewegen als eine Riesenschildkröte, ist es die Aussicht darauf, das in die Währungsunion investierte politische Kapital völlig zu verspielen. Um das zu vermeiden, bleiben nur zwei Möglichkeiten übrig. Merkel, Sarkozy und die Regierungschefs der Benelux-Staaten, Finnlands und Österreichs entwerfen einen Plan B, nach dem ihre Länder mit Deutschland einen neuen Euroraum schaffen, während die anderen Euro-Staaten eine Satellitenzone bilden. Dieser Plan B dürfte freilich erst in Betracht kommen, wenn es noch düsterer aussieht.

Die zweite Variante liefe darauf hinaus, dass die EZB die Notenpresse anwirft, um gewaltige Mengen an italienischen und spanischen Anleihen zu kaufen, und sich nicht daran stört, wenn die Inflationsängste ins Kraut schießen.

Deutschland tut sich damit wegen der Erinnerung an die Hyper-Inflation von 1923 so schwer. Hinter den Kulissen soll Merkel einen solchen Schritt befürworten, sagt dies aber noch nicht öffentlich. Die Bundesbank würde sich zwar allem entgegenstellen, dem der Geruch von Geldvermehrung anhaftet. Doch wäre dies bedeutungslos, wenn eine Mehrheit der 23 Mitglieder des EZB-Rates die Lage als so ernst einschätzt, dass ihnen diese Maßnahme alternativlos erscheint. Diese Majorität würde in dem Glauben handeln, anders nicht verhindern zu können, dass die Währungsunion einen dramatischen Vertrauensverlust erleidet und zu Bankenpleiten großen Stils sowie einer Rezession wie in den dreißiger Jahren führt. In der Nacht zum 15. November schien dieser Moment recht nahe.

Larry Elliott ist Wirtschaftskolumnist beim Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

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17:00 29.11.2011
Geschrieben von

Larry Elliott | The Guardian

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