"Wir sind nicht machtlos"

Occupy Wall Street Kleine Gruppen organisieren die Proteste, die von New York mittlerweile auf andere amerikanische Städte ausgeweitet haben. Karen McVeigh hat bei einem Treffen zugehört

In einem ruhigen Park, einen kurzen Fußweg von dem lauten und geschäftigen "Occupy Wall Street"-Protest in Lower Manhattan entfernt, sitzt eine Handvoll Aktivisten auf der Wiese und diskutiert. Sie gehören zum direct action committee, einer der basisdemokratischen Arbeitsgruppen, die sicherstellen sollen, dass die Proteste im Blick der Öffentlichkeit bleiben.

Denn diese haben keine Anführer und keine Liste mit Forderungen. Sie organisieren sich nach spanischem, griechischem und tunesischem Vorbild mittels demokratisch-dezentraler Vollversammlungen. Die große Herausforderung ist für die kleinen Aktionskomitees ist es, die Bewegung in Schwung zu halten und Entscheidungen zu treffen, die alle Aktivisten und Unterstützer mittragen können.

In den vergangenen drei Wochen haben die Demonstranten mit ihren friedlichen Protesten die zunächst zögerlichen Medien überzeugt, über sie zu berichten. Inzwischen haben sich die Aktionen auf andere Städte im gesamten Land ausgeweitet. Selbst Demonstrationen, die ein böses Ende nahmen, wie die Verhaftung von 700 Menschen auf der Brooklyn Bridge, konnten die Leute von Occupy Wall Street in einen taktischen Erfolg verwandeln. Ein wesentlicher Anteil an diesem Erfolg gebührt dem direct action comitee. Die 35 bis 50 Aktivisten werden von Vollversammlungen ermächtigt, Aktionen vorzubereiten. Einige von ihnen arbeiten in Stadtteilgruppen, andere organisieren ihr Leben in Kommunen und Kollektiven.

Experimente mit Formen des Protests

Bei einem Treffen Anfang der Woche sind zwöf Leute zugegen. Sie reden über Sicherheitsfragen, den Ablauf der einzelnen Demonstrationen, die Frage, wie man mit „autonomen Aktionen“ umgehen soll und Auseinandersetzungen mit der Polizei vermeiden kann. Alle betonen, dass sie selbst nur legale Aktionen planen, auch wenn sie gesetzeswidrige Protestformen Einzelner vielleicht nicht unbedingt stoppen würden. Wie man nun genau mit friedlichem Protest den Betrieb in den Banken stören könnte, wird an diesem Tag aber noch nicht entschieden. "Wir müssen die direkten Aktionen und den zivilen Ungehorsam so gestalten, dass die Leute aufmerksam werden“, sagt Ausschussmitglied Ray Mia, 25, aus New Jersey. „Wir hoffen, dass wir uns weiterentwickeln, zu neuen Formen finden und kreativer werden.“

Sie sprechen auch über die Ereignisse am vergangenen Sonnabend, bei denen Provokateure die Demonstranten vom Fußweg auf die Fahrbahn der Brooklyn Bridge gelenkt hätten. Erst das habe die Polizei auf den Plan gerufen. „Auch wenn in jedem Einzelfall semi-kollektiv vorgegangen wird, gibt es bestimmte Dinge, die nur einer Handvoll von Leuten bekannt sind oder bekannt sein sollten“, sagt Mia. Die Entscheidung, die Demo über die Brücke zu führen, sei bereits eine Woche zuvor getroffen werden und sei am Ende aber ein offenes Geheimnis gewesen. „An der Brooklyn Bridge haben wir versagt, aber wir hatten einen Plan für den Notfall, den nur sechs von uns kannten.“

Der Ausschuss ernennt für jede Demonstration mehrere „Pacemaker“, die sicherstellen sollen, dass sie nicht zu langsam oder zu schnell vorankommt. Sie sind es auch, die über die Route entscheiden. Es gibt auch informelle „Scouts“ und „Runner“, die zwischen den verschiedenen Organisatoren hin- und her rennen, um sie über etwaige Probleme zu informieren. Gerade das hat auf der Brooklyn Bridge nicht geklappt. Die Warnungen der Pacemaker am Kopf der Demo, es könnte zu Verhaftungen kommen, wenn man auf die Fahrbahn übergeht, wurden nicht nach hinten kommuniziert. Für die nächste Demo soll dies verbessert werden.

Zivilpolizisten hören mit

Mia spricht über die Schwierigkeiten, direkte Aktionen mit Leuten zu planen, die man kaum kennt. „Wir kennen uns erst seit zwei Wochen und wir machen das hier in der Öffentlichkeit, umgeben von Polizisten.“ Einer ihrer Kollegen erzählt, dass im Lager Polizeibeamte in Zivil gesehen worden seien, die zuvor Demonstranten verhaftet hätten. Ein 21-jähriger Community-Organisator aus San Francisco stimmt zu: "Wir lernen alle miteinander. Es ist ein Prozess. Wir sind ständig dabei, die Planung von Demonstrationen und andere Aktionen zu verbessern.“ Das sei nötig, um unterschiedliche Aktionsformen nebeneinander zu ermöglichen.

Eine der häufigsten Fragen, die den Aktivisten gestellt werden, ist die nach ihren Forderungen. Was sie verbindet ist jedoch öfter das, was sie nicht wollen: ein korruptes politisches und Wirtschaftssystem, das die Reichen belohnt und die Bedürftigen vernachlässigt. Eines ihrer Hauptziele bestehe in der Schaffung eines neuen Systems. „Wir sagen nicht: Wir sind machtlos, wir wollen um etwas bitten", sagt einer der jungen Leute. "Wenn überhaupt werden wir unsere Ziele auflisten, während wir an ihnen arbeiten. Uns geht es um die Welt, die wir sehen wollen, in der wir gerne leben, in der wir uns anerkannt fühlen und unsere Stimmen gehört und respektiert werden. Wir arbeiten an der Gemeinschaft, in der wir leben wollen, und wir tun dies in der Öffentlichkeit.“

Der Originalbeitrag erschien am Mittwoch (5.10.2011) im Guardian

Ein Kommentar von Jason Farango greift den Vorwurf auf, die Demonstranten würden keine konkreten Forderungen stellen und seien daher nicht ernst zu nehmen.

Übersetzung: Holger Hutt

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Ihre Freitag-Redaktion

18:00 07.10.2011
Geschrieben von

Karen McVeigh | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 38/2020

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