„Wir verlieren unsere Moral“

Im Gespräch Der in Boston lebende Evgeny Morozov erklärt uns das Internet auf völlig neue Weise: Der 28-Jährige ist ein Digital Native und weist dennoch radikal auf die Gefahren hin
Ian Tucker | Ausgabe 14/2013 3

Der in Weißrussland geborene Evgeny Morozov gilt als einer der brilliantesten Internet-Theoretiker der Gegenwart. In seinem neuen, zweiten Buch To Save Everything, Click Here kritisiert er die Vorstellung, dass es nur der richtigen Codes, Algorithmen und Maschinen bedürfe, um alle Probleme der Menschheit technisch lösen zu können. Er nennt diese Haltung „Solutionismus“ und sagt, dass dieser Hang, jeden Fehler auszumerzen und alles „effizient“ zu gestalten, jeden anderen Weg des Fortschritts unmöglich macht und letztlich zu einer von Algorithmen getriebenen Welt führt. Hier bestimmen weniger frei gewählte Regierungen als vielmehr Firmen wie Google und Facebook, wie unsere Zukunft aussehen wird.

Einige dieser neuen Techniken, die Sie als solutionistisch kritisieren, finden viele nützlich. Self-Tracking-Geräte zum Beispiel: mit denen messen die Leute beim Sport ihren Blutdruck oder sie lassen sich auf gefährliche Fahrgewohnheiten hinweisen und sparen damit Versicherungsbeiträge.

In dem Augenblick, in dem man mit Self-Tracking anfängt, ist man erfolgreich und hat nichts zu verlieren. Man kann dank dieser Techniken beweisen, dass man besser ist als der Durchschnitt und erhält günstigere Konditionen, zum Beispiel bei Versicherungen. Wir werden aber irgendwann an den Punkt kommen, wo denjenigen, die sich nicht selbst tracken, unterstellt wird, sie hätten etwas zu verbergen. Sie haben dann keine andere Wahl, als auch damit anzufangen. Die Firmen aus dem Silicon Valley, die für diese Technologien werben, sagen sehr oft, die Kunden hätten die freie Wahl. Ich sage aber: Das ist ein Mythos.

Aber diese Techniken bieten doch auch viele Lösungen. Das Leben ist doch viel entspannter, wenn man beinahe alles mit seinem Smartphone erledigen kann!

Häufig wird Self-Tracking als Methode der Problemlösung vermarktet. Man kann überwachen, wie viele Kalorien man zu sich nimmt, wie viel Strom man verbraucht. In der Theorie klingt das alles schön. Meine Befürchtung ist aber, dass in der Politik lieber auf die Self-Tracking-Option gesetzt wird, anstatt etwa die Nahrungsmittelindustrie zu regulieren oder sich in Sachen Klimaschutz für strukturelle Reformen einzusetzen. Alle Lösungen haben ihren Preis. Dem Einzelnen die Verantwortung für beinahe alles zu übertragen, ist ein sehr konservativer Ansatz, der das bestehende System zu erhalten versucht, statt es zu reformieren. Durch das Self-Tracking werden wir immer mehr zu Konsumenten. Ich fürchte, dass es unter Politikern zunehmend als viel einfacher, billiger und sexier gelten wird, Google und Co. zur Beteiligung an Problemlösungen einzuladen, als selbst etwas zu tun, was weitaus ambitionierter und radikaler wäre.

Sie sagen, „smarte“ Geräte machen uns dumm.

Sie machen uns nicht zwangsläufig dumm, doch so, wie wir sie gegenwärtig anwenden, begeben wir uns in Gefahr. Wir müssen wissen, was wir von solchen Geräten erwarten: Sollen sie uns wirklich die Lösung für alle unsere Probleme abnehmen? Sollen sie dafür sorgen, dass unser Leben völlig reibungslos verläuft? Ich finde, sie sollten nicht dafür sorgen, dass die Probleme verschwinden, sondern uns dabei helfen, sie zu lösen.

Viele dieser Anwendungen funktionieren über Belohnung oder Strafe in Form sozialer Währungen. So meint man in Silicon Valley, die Wahlbeteiligung ließe sich erhöhen, indem Leute sich mit ihren Smartphones an den Wahlurnen einchecken. Man lockt sie mit Gutscheinen.

Man riskiert damit aber auch, dass Appelle an ein rein ethisches Verhalten in Zukunft unmöglich werden. Wenn man einmal angefangen hat, die Sprache der Gutscheine zu sprechen, muss man sie in allen Lebensbereichen sprechen. Beim Müll- oder auch beim Stromsparen. Ich frage nochmal: Will man wirklich, dass die Leute das Licht ausmachen, weil sie dafür Bonuspunkte sammeln oder weil sie sich um ihre Umwelt sorgen? Auf diese ethischen und moralischen Fragen bekommt man im Silicon Valley keine Antworten. Ich habe drei Jahre dort für mein Buch recherchiert und kann sagen: Dort kümmert man sich nicht um so etwas wie bürgerliche Tugenden.

Sie wollen uns also sagen, dass wir vor Firmen wie Google oder Facebook Angst haben sollten?

Ich selbst benutze ständig Google-Produkte, viele davon sind in der Tat sehr nützlich. Doch irgendwas wollen diese Dienste immer von uns. Die meisten von uns agieren ohne jene Skepsis, die eigentlich angebracht wäre. Sie gehen davon aus, dass sie sich in einem harmlosen Informationsbusiness bewegen. Wir ignorieren die kommerziellen Interessen dieser Firmen und wollen nicht wissen, dass sie uns zwar auffordern, wählen zu gehen, sich aber für die Wahl und unsere Verfassung gar nicht interessieren. Auch Strom zu sparen ist denen nur Mittel zum Zweck, um uns zu beschäftigen. Als Techniker wiederum genießen die Leute meinen großen Respekt. Aber von ihnen wird erwartet, Aufgaben zu übernehmen, die über technische Dinge weit hinausgehen. Dinge, die mehr mit Human und Social Engineering zu tun haben als mit Technik. Mir wäre es lieber, solche Aufgaben würden von Menschen übernommen, die vielseitiger sind, etwas von Philosophie und Ethik verstehen und mehr kennen als Effizienz.

Was unterscheidet denn einen solchen Techniker von einem Politiker?

Wir haben die Techniker nicht gewählt, um uns bei der Lösung unserer Probleme zu helfen. Wird Google erst einmal als eine Art überall verfügbare Infrastruktur ausgewählt, mit der wir die Welt verändern, dann wird Google für immer bleiben. Wer will dann noch eine demokratisch motivierte Rechenschaft von ihnen verlangen? An eine Firma wie Google kann man kein öffentliches Informationsersuchen stellen. Wir geben alle Checks und Balances auf, die wir eingerichtet haben, um unsere öffentlichen Vertreter kontrollieren zu können – zugunsten saubererer, ordentlicherer, effizienterer technischer Lösungen.

Das klingt aber eher so, als ob Sie uns raten würden, uns Anteile an Google und anderen Silicon Valley-Unternehmen zuzulegen.

Das müssen Sie nicht tun, wenn viele Leute mein Buch kaufen und lesen.

Als Rezensent anderer, einflussreicher Internet-Theoretiker haben Sie sich viele Feinde gemacht. Sie haben Jeff Jarvis’ Public Parts verrissen, nannten die Steve Jobs-Biografie von Walter Isaacson „langweilig“. Und Sie machen sich regelmäßig via Twitter über Clay Shirky lustig. Mögen Sie es, sich zu streiten?

Diese Internet-Theoretiker, wie Sie sagen, sind nur erfolgreich, weil sie die konzeptuellen und theoretischen Löcher in ihren Theorien mit inhaltslosen Schlagwörtern wie „Offenheit“ oder „Sharing Economy“ füllen. Aber was in aller Welt soll eine „Sharing Economy“ sein? In meinen Kritiken habe ich versucht, mich ernsthaft mit diesen bescheuerten Konzepten auseinanderzusetzen. Ich wollte sehen, ob etwa die Idee des „kognitiven Überschusses“, an der Clay Shirky so viel Gefallen findet, überhaupt irgendeine Substanz hat. So funktioniert unser Internetdiskurs: Es gibt viele tolle Blogger, Statements und Gedanken. Doch wenn man anfängt, sie in einen Zusammenhang bringen zu wollen, erkennt man, dass sie nicht zusammen passen. Ich finde es wichtig, den Leuten das zu sagen.

Aber vielleicht ärgert es Sie auch nur, dass Jeff Jarvis und Clay Shirky berühmter sind als Sie und viel mehr Twitter-Follower haben?

Viele dieser Internet-Gurus haben mehr Follower, weil Twitter sie auf ihrer Liste von Twitterern nennt, die neuen Usern vorgeschlagen wird. Außerdem teilen sie nun einmal zufällig die gleiche Position. Das zeigt, wie wenig neutral und objektiv diese Plattformen sind. Dabei manipulieren sie auf vielfältigste Weise, wer gehört und gesehen wird. Ich für meinen Teil mache mir keine Sorgen, weil meine Follower auf natürlichem Wege zu mir gekommen sind und nicht, weil ich zu jemandem erklärt worden bin, dem man folgen muss. Mit dem Blick auf die Zahl meiner Follower allein lässt sich mein Einfluss schwer begreifen.

Lassen Sie uns bitte noch über Zeitungen sprechen, das interessiert uns natürlich besonders. Was bedeutet die digitale Zukunft für die Zeitungen?

Kommt drauf an, was die Zeitungen für die Zukunft bringen. Viele Zeitungen haben zu eifrig die digitale Rhetorik übernommen und der Öffentlichkeit ihren eige-nen Wert nicht vermittelt. Von den Internetgurus hört man ständig, jeder solle seine eigenen Leselisten erstellen, jeder solle selbst nach interessanten Geschichten suchen. Ich halte diese Logik für äußerst rückwärtsgewandt, rückständig, antidemokratisch und dumm. Ich finde es vollkommen in Ordnung, wenn 300 Redakteure jeden Tag 5.000 Geschichten lesen und die dann für mich auf 25 Seiten eindampfen, damit ich sie lesen kann. Das ist doch wunderbar! Zeitungen haben etwas ganz anderes zu bieten als die Google-Aggregatoren: ein Wertesystem, eine Vorstellung dessen, was wichtig ist in der Welt. Die Zeitungen müssen anfangen, diesen Wert ausdrücklich zu vermitteln.

Wie benutzen Sie denn persönlich das Internet?

Ich bin da sehr strategisch geworden. Das Leben ist kurz, und ich möchte es nutzen. Ich habe mir eine Art Laptop gekauft, bei dem man sehr leicht die Wi-Fi-Karte entfernen kann – wenn ich also in ein Café oder in eine Bibliothek gehe, komme ich dort nicht ins Netz. Zuhause habe ich einen Kabelanschluss. Außerdem habe ich mir einen Safe mit Kombi-nationsschloss und Timerfunktion gekauft. Das ist eigentlich das Nützlichste, was ich besitze. Mein Telefon und mein Routerkabel schließe ich in meinem Safe weg. Somit bleibe ich völlig ungestört und kann den ganzen Tag, das ganze Wochenende oder die ganze Woche lesen und schreiben.

Können Sie eigentlich auch programmieren?

Die verrückteste Idee, die mir in den letzten Jahren zu Ohren gekommen ist, lautet, dass jeder lernen sollte zu programmieren. Das ist ein äußert regressiver Gedanke. Das gesamte Projekt der Moderne besteht darin, die Macht über uns an fähige Leute zu delegieren. Ich bin absolut dafür, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie die verschiedenen technologischen Infrastrukturen funktionieren. Aber die Vorstellung, jeder sollte programmieren lernen, ist in etwa so plausibel wie zu sagen, jeder sollte Klempnerarbeiten ausführen können.

Sie widersprechen also der Aussage: Wer nicht selbst programmiert, läuft Gefahr, programmiert zu werden!

Der Gebrauch von Computermetaphern schränkt die intellektuelle Vorstellungskraft enorm ein. Die Idee, wir müssten als Bürger alles selbst in die Hand nehmen, ist lächerlich. Wir haben doch für unser parlamentarisches System hart gekämpft. Nun wollen wir dieses ganz System komplett abbauen, nach dem Motto: „Hey, wir haben die Mittel und die Technologie, die es den Leuten möglich macht, sich zu vernetzen“. Diese Philosophie geht nicht auf. Es ist unmöglich, für alles im Leben selbst verantwortlich zu sein und dabei noch ein erfülltes Leben zu führen.

Das Gespräch führte Ian Tucker.

Evgeny Morozov wurde 1984 in Weißrussland geboren. Er ging nach seinem Studium in Sofia und Berlin in die USA. Dort arbeitete er an den Universitäten Stanford und Georgetown. Sein erstes Buch The Net Delusion nannte die New York Times „brillant und mutig“. Er schreibt für große amerikanische Zeitungen, und seine Kolumne „Slate Column“ erscheint u. a. auch in El Pais , Corriera della Sera und in der FAZ . Bei PublicAffairs veröffentlichte er soeben: „To Save Everything, Click Here“

Übersetzung: Zilla Hofman
01:00 18.04.2013
Geschrieben von

Ian Tucker | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 10104
The Guardian
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 3

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community