Wirklichkeit sticht

Donald Trump Die Lektion aus der Covid-19-Erkrankung des Präsidenten ist: Alle Lügen der Welt können über die Realität nicht hinwegtäuschen
Wirklichkeit sticht
Simuliert Donald Trump Amtsfähigkeit?

Foto: Joyce N. Boghosian/The White House via Getty Images

Wären die vergangenen Tage in der US-Politik ein Theaterstück, würde man die Handlung für zu unglaubwürdig halten. Eine Gruppe von Charakteren kommt zusammen, um den letzten Willen einer Richterin des Obersten Gerichtshofs zu verletzen. Sie hatte sich gewünscht, dass ihre Nachfolgerin erst nach der Präsidentschaftswahl im November besetzt wird. Nur wenige Tage nach dem Tod der Richterin trifft sich die Gruppe im Rosengarten des Weißen Hauses. Sie plaudern vertraulich, stecken die Köpfe zusammen, um leise miteinander zu sprechen. Andere umarmen sich und geben sich zur liebevollen Begrüßung Küsschen. Das Ganze wirkt nicht wie eine politische Veranstaltung, sondern wie eine Zeremonie des reinen Triumphes.

Auf der Feier zu Ehren der von US-Präsident Donald Trump nominierten Richterin Amy Coney Barrett bewegen sich die Mitglieder seines inneren Kreises mit der Leichtigkeit und guten Laune einer Clique, die sich frei von Einschränkungen durch öffentliche Rechenschaftspflicht oder moralische Skrupel fühlt. Ruth Bader Ginsburg ist tot. Sie werden ihre Kandidatin als Nachfolgerin durchdrücken. Die Pandemie, die außerhalb der angenehmen Stimmung des Rosengartens im Land wütet – für sie nicht von Bedeutung.

Doch es kommt zu einer unverhofften Wendung. Präsident Trump und mindestens sieben andere Teilnehmer*innen an dieser Veranstaltung werden positiv auf das Coronavirus getestet. Trump und eine weitere Person – Chris Christie – müssen ins Krankenhaus. Immer weitere Mitarbeiter des Weißen Hauses, die eng mit Donald Trump zu tun haben, werden positiv getestet. Die Pandemie, die Trump so lange kleingeredet und trivialisiert hat, holt den mächtigsten Mann der Welt letztlich ein.

Wir sind es nicht gewöhnt, dass Trump für seine Handlungen abgestraft wird. Was die Republikanische Partei und Trumps Unterstützer in der ganzen Nation angeht, war seine Präsidentschaft eine Studie der Gleichgültigkeit: Er konnte tun und lassen, was er wollte – egal wie unmoralisch, unehrlich, inkompetent oder sogar illegal es auch war. Dagegen hatte die Überheblichkeit der Rosengarten-Veranstaltung fast etwas Biblisches: Der Pharao, der glaubt, er sei ein Gott, stellt seine Straflosigkeit offen zur Schau und wird durch eine Seuche bestraft.

Die Republikaner werden nichts aus der Erkrankung Trumps lernen

Aber mit übernatürlicher Vergeltung hat nichts davon zu tun. Es lässt sich kühl und rational erklären. Schließlich gibt es einen Grund für den Zeitpunkt, an dem Boris Johnson an Covid-19 erkrankte, nachdem er sich einige Tage zuvor gerühmt hatte, bei einem Krankenhausbesuch „allen“ die Hand geschüttelt zu haben. Ebenso gibt es eine Logik hinter Trumps Ansteckung einige Tage nach einer Veranstaltung, bei der alle Sicherheitsvorkehrungen in den Wind geschlagen wurden. Die Naturgesetze sind nicht außer Kraft. Die Realität existiert noch und sie ist dabei, Donald Trump schnell einzuholen.

Wenn es darum geht, die Wahrheit zu verdrehen, sind der Präsident und seine Partei zu Vielem fähig, aber sein fahles und ermüdetes Gesicht beim Video-Auftritt aus dem Krankenhaus zeugte von seinen Grenzen.

Diese Grenzen wird er dennoch weiter austesten. Weder Trump noch seine Partei werden aus diesem Moment eine Lehre ziehen. Die Reaktion wird weder Demut noch Ernüchterung sein – oder gar Klasse zu zeigen. Auch Respektbezeugung wird es nicht geben gegenüber einer Nation, die hunderttausende Tote zu beklagen hat unter einem Staatsoberhaupt, das sich über alle, die Maske tragen, mokiert oder sie beschimpft – zuletzt seinen Rivalen um die Präsidentschaft Joe Biden beim TV-Rededuell.

Nur vier Wochen vor einer Wahl, die sorgfältige Kommunikation und enge Koordination zwischen dem Weißen Haus und Trumps medizinischen Beratern erfordern wird, hat die US-Regierung den Weg autoritärer Regime eingeschlagen, indem sie Aufnahmen davon zeigt, wie der Präsident leere Papiere unterschreibt, um den Eindruck zu vermitteln, er arbeite weiter.

Präsident Trump selbst stellte es trotz seiner Atemlosigkeit effekthaschend als seine Entscheidung dar, das Weiße Haus zu verlassen und ins Krankenhaus zu gehen. Denn das ist es, was ein großer Führer tut: „Man kann mich nicht einfach in einen Raum im Dachgeschoss sperren, nur damit ich sicher bin.“

Trumps Krankheit sollte ein Weckruf für seine Regierung sein, eine Möglichkeit, die Strategie im Umgang mit dem Virus zu korrigieren. Aber dafür besteht kaum eine Chance. Wenn Trump nach überwundener Krankheit wieder auftaucht, werden er und seine Anhänger seine Genesung in den Dienst von noch mehr Propaganda über seine Stärke und Widerstandsfähigkeit stellen. Oder er wird sein Comeback als Munition nutzen, um zu beweisen, dass die Gefährlichkeit des Coronavirus tatsächlich übertrieben werde.

Keine Zeit für Demut

Jedenfalls wird er einen Weg finden, seinen Kampf mit dem Virus als Waffe gegen Joe Biden zu verwenden – der, so wird er argumentieren, ein schwacher Mann sei, der nicht weiß, wie die Amerikaner*innen sich fühlen, weil er sich abgeschottet hat, sicher vor dem Virus, versteckt hinter seiner Maske. Trumps Krankheit, die er sich als Ergebnis seiner Unvorsichtigkeit und Arroganz zugezogen hat, wird als Beweis dafür umgedeutet werden, dass er ein Mann des Volkes ist – der sich so sehr unter die Öffentlichkeit mischt, dass er sich auch mit dem Virus angesteckt hat.

Sollte sich Trumps Zustand dagegen verschlimmern, ist zu erwarten, dass eine Blüte der Verschwörungstheorien bevorsteht – und eine potenzielle Krise der Demokratie. Diese Regierung kommt nicht einmal in stabilen Zeiten gut zurecht, erst recht nicht in einer Krise. Eine Partei, deren Präsident schon gedroht hat, das Weiße Haus im Fall einer Wahlniederlage nicht zu verlassen, wird versuchen, noch weitere Normen aufzulösen. Zu viel steht auf dem Spiel, und die Zeit vor dem Wahltag ist zu kurz, um nur einen Atemzug auf Demut zu verschwenden.

Anstatt sich mit den außergewöhnlichen US-Todesfallzahlen und der Tatsache, dass sich der Präsident selbst wegen einer katastrophal schlechten Bewältigung der Pandemie angesteckt hat, auseinander zu setzen, steht dem Land die schlimmste Schlägerei noch bevor. Die Republikaner werden über Leichen gehen, um ihre Interessen zu sichern, genau wie sie es im Fall von Ginsburg getan haben.

Welche kurzfristigen Gewinne die zynische Ausnutzung von Trumps Krankheit ihm und seiner Partei auch bringen wird, sind die letzten Tage eine Erinnerung daran, dass es etwas außerhalb ihrer Macht gibt. Es gibt ein paar Untaten, mit denen sie nicht davonkommen können. Donald Trumps schwerwiegendes Führungsversagen und die Komplizenschaft der Republikaner bei diesem Versagen wird sie letztlich einholen. Trotz aller Lügen wird die Realität sich am Ende durchsetzen.

Nesrine Malik ist Guardian-Kolumnistin und Autorin von We Need New Stories: Challenging the Toxic Myths Behind Our Age of Discontent

Übersetzung: Carola Torti

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14:53 05.10.2020
Geschrieben von

Nesrine Malik | The Guardian

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Ausgabe 43/2020

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