Wohnungskrise zwischen Luxuswohnungen, Airbnb und verfallenen Hütten

Wohnungsmarkt Lissabon gilt als europäische Boomtown. Menschen und Kapital aus der ganzen Welt zieht es in die portugiesische Hauptstadt, die Mieten explodieren – mit katastrophalen Folgen für Mieter*innen und das soziale Stadtgefüge
Touristen auf Eroberungszug in Lissabon treiben die Kosten für Wohnraum in die Höhe
Touristen auf Eroberungszug in Lissabon treiben die Kosten für Wohnraum in die Höhe

Foto: Patricia de Melo Moreira / AFP via Getty Images

Manuela Lopes datiert den Beginn ihres Unglück auf den Moment, als ihr Lissabonner Viertel Vergleiche mit Brooklyn auf sich zog. Es war Mitte der 2010er Jahre: Ehemalige Lagerhäuser in der alten Arbeitergemeinde Marvila wichen Co-Working-Spaces, Kunstgalerien, kleinen Brauereien, kreativen Zentren und Tech-Start-ups. 2018 stiegen die Immobilienpreise in der Nachbarschaft um 79,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Nur einen kurzen Spaziergang von Lopes' Wohnhaus entfernt, erhebt sich an der alten Industriepromenade von Marvila ein Luxus-Wohnprojekt mit 12 Gebäuden, das von dem weltberühmten Architekten Renzo Piano entworfen wurde. Die Preise für die Wohnungen, von denen einige über Balkone mit Blick auf den Tejo verfügen, liegen zwischen 500.000 und 925.000 Euro, und viele wurden bereits vor Baubeginn verkauft. Das Werbematerial für das Prata Riverside Village verspricht eine „neue Art, Lissabon zu leben” für „junge Familien, Studierende, digitale Nomaden und Rentner*innen” in einem Viertel, „das sich durch seine echte Nachbarschaftsatmosphäre auszeichnet: ruhig, aber voller Leben.”

Die 77-jährige Lopes wurde in dem architektonisch bescheideneren Santos Lima geboren, einem zweistöckigen Wohnhaus aus dem 19. Jahrhundert, in dem schon ihre Mutter und ihre Großmutter ihre Familien großzogen. Die „echte Nachbarschaftsatmosphäre” herrschte hier in der Tat in den frühen 1970er Jahren, als sich Dissidenten der Salazar-Diktatur zu ihren geheimen Treffen im Santos Lima versammelten.

Jahrelang ging Lopes davon aus, dass ihr Mietverhältnis durch ein portugiesisches Gesetz abgesichert war, das alle über 65-Jährigen vor einer Zwangsräumung schützt, wenn ihr Mietvertrag aus der Zeit vor 1990 stammt. Was sie nicht wusste, war, dass ein Angebot für einen Wohnungswechsel innerhalb des Gebäudes, das sie angenommen hatte, die Bedingungen ihres vorherigen Mietvertrags außer Kraft gesetzt hatte. 2017 wurde ihr gekündigt.

Vom bescheidenen Mietshaus zum Renditeobjekt

In ganz Lissabon schossen die Immobilienpreise in die Höhe, der Tourismus boomte und viele Mieter*innen fanden sich in einer ähnlichen Lage. Lopes und ihre Nachbarn erfuhren, nachdem sie die Räumungsbescheide erhalten hatten, dass Santos Lima für 2,7 Millionen Euro verkauft worden war, obwohl dort 17 Familien zur Miete wohnten. Nur wenige Monate später war das Gebäude für 7,2 Millionen Euro auf dem Markt und wurde als potenziell geeignet für die Umwandlung in private Eigentumswohnungen oder ein Hotel angepriesen: perfekt für einen sich schnell gentrifizierenden Bezirk der Hauptstadt am Flussufer. Und leerstehend.

Lopes hat aufgehört zu zählen, wie viele seltsame Begegnungen sie in dem Gebäude hatte. Unbekannte Personen tauchten in den Korridoren auf und forderten die Mieter*innen auf, das Haus zu verlassen. Türen zu leerstehenden Wohnungen wurden herausgerissen, bevor sie Monate später wieder angebracht wurden. Bauarbeiten wurden ohne Vorankündigung durchgeführt.

Weil viele der älteren Bewohner*innen vor Zwangsräumung geschützt sind, griffen einige Vermieter zu Schikanen, um von dem Boom zu profitieren, sagt Rita Silva, Leiterin der Wohnrechtsorganisation Habita (dt. bewohnt). Lopes und ihre Nachbar*innen sagen, was sie erlebt haben, komme eher einer Einschüchterung gleich. Leute sprechen wieder in gedämpften, verängstigten Stimmen; misstrauisch nicht gegenüber dem Salazar-Regime, sondern gegenüber den gesichtslosen Eigentümer*innen und Immobilienmakler*innen.

Das Gebäude selbst verfällt mit jedem Tag weiter. In Lopes’ Wohnung haben die Wände dunkle Flecken von Feuchtigkeit und Schimmel. An der Tür einer der vielen leeren Wohnungen hängen noch Dekorationen von einem früheren Weihnachten.

Mit Wasserschaden in der Decke, zieht es sich schneller aus – so das Kalkül der Vermieter

Foto: Patricia de Melo Moreira/AFP via Getty Images

„Es bringt nichts, meine Wohnung jetzt zu streichen. Ich weiß nicht, wann ich gehen muss. Ich habe kaum noch Energie übrig”, sagt sie.

Einige der verbliebenen Familien halten durch, aber Lopes, die von einer Rente von weniger als 400 Euro im Monat lebt, wovon sie 147 Euro für die Miete zahlt, hat begonnen, ihre Sachen zu packen. „Ich habe Angst vor dem Tag, an dem jemand auftaucht und ich einfach gehen muss. Mein Arzt sagt, ich sei schon halb in einer Depression”, fügt sie hinzu. „Ich fühle mich dadurch einfach nur klein.”

Portugals Immobilienmarkt wird von Analysten als einer der „dynamischsten” in Europa bezeichnet. Ausländische Investitionen werden für den wirtschaftlichen Aufschwung Portugals verantwortlich gemacht, aber der „Kollateralschaden”, der dem sozialen Gefüge von Lissabon, Porto und anderen Städten zugefügt wurde, ist tiefgreifend, sagt der Geograf und Wohnungsbauaktivist Luís Mendes.

Unbezahlbare Mieten und Zwangsräumungen treffen nicht nur Menschen, die nur ein geringes Einkommen oder eine Rente beziehen, sondern auch einfache Arbeitnehmer*innen und ihre Familien. Ihre Notlage lässt sich auf die europäische Schuldenkrise von 2008 zurückführen. Um ausländische Investoren anzulocken, musste Portugal als Bedingung für seine internationale Rettungsaktion deregulieren. Ein „goldenes Visum”-Programm wurde eingeführt, das Aufenthaltsgenehmigungen für den Erwerb von Immobilien im Wert von 500.000 Euro oder mehr vorsah. Die Investoren waren nicht verpflichtet, nach Portugal zu ziehen, sondern mussten lediglich zwei Wochen pro Jahr im Land verbringen. Außerdem wurde ein separates Programm für den „nicht gewöhnlichen Aufenthalt” eingeführt, das ausländischen Bürgern, die die Hälfte des Jahres in Portugal verbrachten, eine 10-jährige Steuerbefreiung für anderswo verdientes Einkommen gewährte.

5 Milliarden Euro – größtenteils in Immobilien

Zu sagen, diese Programme wären beliebt, ist eine Untertreibung: Seit 2012 wurden 10.000 goldene Visa an Käufer aus Nicht-EU-Ländern ausgestellt, die im Gegenzug mehr als 5 Milliarden Euro investierten, die größtenteils in Immobilien flossen. Die neuen Immobilienbesitzer*innen kommen vor allem aus China, Brasilien, der Türkei, Südafrika und Russland.

Zu Beginn dieses Jahres sagte Luís Lima, der damalige Präsident des portugiesischen Verbands für Fachleute und Unternehmen in der Immobilienvermittlung (Apemip), er habe keinen Zweifel daran, dass die Vergünstigungen Portugal eine wichtige „Flucht” vor den schlimmsten Auswirkungen der Finanzkrise ermöglichten.

„Alles, was gut für den Tourismus ist, ist gut für uns”, sagte Lima dem Guardian. Er gehörte zu den Ersten, die nach der Krise 2008 begannen, sich um Investitionen aus dem Ausland zu bemühen, und erinnerte sich: „Auf manchen Landkarten stand nicht einmal Portugal, sondern nur 'Iberia' – jetzt kennt jeder unseren Namen.”

Während die Algarve früher internationale Immobilienkäufer angezogen hatte, wurden Lissabon, Porto und einige der dazwischen liegenden Küstenregionen zu einem gefunden Fressen für Bauunternehmer und Spekulanten. „Wir haben einen Paradigmenwechsel herbeigeführt”, sagt Lima und fügt hinzu, dass das Programm gut für die Beschäftigung war und indirekt „Tausende von Arbeitsplätzen” geschaffen hat.

Täglich verloren etwa fünf Familien ihre Wohnung

Mendes, der dem Vorstand der Mietervereinigung von Lissabon angehört, ist jedoch der Meinung, dass die Umwandlung eines Großteils der Wohnungen in der Hauptstadt in wohlstandsfördernde Anlagen für viele Bewohner Lissabons „katastrophal” ist.

Zahllose Menschen mussten zusehen, wie ihr Bedarf an Wohnraum in den Hintergrund trat, als Preise in die Höhe schossen und das Sicherheitsnetz für Mieter*innen wegfiel. Eine Sparmaßnahme aus dem Jahr 2012, mit der die „Verkrustungen” auf dem städtischen Mietmarkt beseitigt werden sollten, wurde als „Gesetz über Zwangsräumungen” bekannt. Plötzlich konnte ein Mieter am Ende des Mietverhältnisses mit einer drastischen Mieterhöhung konfrontiert werden oder mit einer Zwangsräumung, wenn ein Vermieter eine Wohnung renovieren wollte, was es zuvor nicht gegeben hat. Bis 2017 hatte sich die Zahl der Zwangsräumungen im Vergleich zu 2013 verdoppelt: Täglich verloren etwa fünf Familien ihre Wohnung.

Als historisches Wohnzentrum waren die Mieten in Lissabon im Vergleich zu anderen europäischen Hauptstädten günstig, aber sie entsprachen den niedrigeren Durchschnittseinkommen in Portugal. Als das Interesse aus dem Ausland zu wachsen begann, überstieg die Nachfrage das Angebot, was die Preise in die Höhe und die Menschen aus den Wohnungen trieb.

Diese Darstellung der Angebotsknappheit ist nur die „Spitze des Eisbergs”, wie Mendes es ausdrückt. Auch in Lissabon gab es bis etwa 2010 eine ungewöhnlich hohe Zahl leer stehender Häuser. Mindestens ein Drittel der Gebäude im historischen Zentrum standen leer, viele davon in einem baufälligen Zustand, sagt Mendes. Das war eine einmalige Gelegenheit für Investor*innen.

In der darauffolgenden Aufregung wechselten Gebäude an einem Abend für 1 Million Euro den Besitzer und wurden am nächsten Morgen für 1,7 Millionen Euro verkauft. „Manchmal sind Immobilien, die vor sechs Jahren für 60.000 oder 70.000 Euro gekauft wurden, heute 400.000 oder 500.000 Euro wert”, sagt Mendes.

Eine Stadt steht zum Verkauf

Foto: Patricia de Melo Moreira/AFP via Getty Images

Der Tourismus hat Lissabon in der Zwischenzeit mit Kurzzeitvermietungen im Stil von Airbnb bekannt gemacht. „Jeder konnte ein Zimmer oder ein Sofa haben, das er vermieten wollte”, erklärt Mendes. Kurzzeitvermietungen, sagt er, begannen, den Markt für bezahlbaren Wohnraum „aufzufressen”.

Einst war die Altstadt voller verfallener Gebäude, verblasstem Mauerwerk und bröckelnder Fassaden, doch sie wurde in halsbrecherischem Tempo umgestaltet. Tuk-Tuks voller Touristen kletterten die engen, kopfsteingepflasterten Straßen hinauf und hinunter, und die Restaurants florierten. Es dauerte nicht lange, bis Lissabon in den internationalen Ranglisten als Reiseziel und als eine der „lebenswertesten” Städte Europas ganz oben stand.

Im Jahr 2019 zählte Lissabon im Durchschnitt 4,5 Millionen Touristen pro Jahr in einer Stadt mit 500.000 Einwohnern. Das bedeutete mehr als acht Touristen auf jeden Einwohner. Bis 2020 war ein Drittel der Häuser im historischen Zentrum Lissabons auf Kurzzeitvermietungs-Websites wie Airbnb gelistet, trotz der 2019 eingeführten Beschränkungen.

Die Warnung von Leilani Farha, der UN-Sonderberichterstatterin für Wohnungsfragen, aus dem Jahr 2016 wurde wahr. Farha hatte gesagt, dass die „ungezügelte Touristifizierung” in Portugal Zwangsräumungen verschärfen und das Entstehen einer „neuen Armut” bewirken könnte.

Wer mit dem portugiesischen Mindestlohn von 665 Euro im Monat auskam, wurde mit Sicherheit durch den Preis vertrieben. Heute liegt die Durchschnittsmiete in Lissabon für eine Familie je nach Stadtteil bei 700 bis 900 Euro pro Monat, während das Durchschnittseinkommen in der Stadt bei etwa 950 Euro liegt. „Viele Menschen sind davon ausgeschlossen”, sagt Mendes.

Im Jahr 2020 stiegen die Hauspreise in ganz Portugal um 8,4 Prozent, wie das nationale Statistikinstitut (INE) mitteilte. „Es sind nicht nur die vulnerablen Bevölkerungsgruppen, die keinen Zugang zu Wohnraum haben. Seit drei Jahren liegt der Mittelschicht eine Schlinge um den Hals – sie findet in Lissabon keinen Wohnraum”, sagt Silva. „Wenn man sich die Einkommen in Portugal ansieht, sind die Hauspreise absurd.”

„Ich möchte einfach in Würde leben”

Dulce Dengue und ihre Kinder wurden eines frühen Morgens im März 2021 von Männern geweckt, die sie anschrieen und die Möbel ihrer Mietwohnung in Loures, einer Stadt im Großraum Lissabon, 13 Kilometer nordöstlich des Stadtzentrums, durchwühlten. „Ich hatte nicht einmal Zeit, meine Kinder richtig zu wecken, in wenigen Minuten tauschten zwei Männer die Schlösser aus und sagten mir, ich müsse gehen”, erzählt sie. Ihr wurde eine gerichtliche Anordnung zugestellt, die Räumlichkeiten zu verlassen.

Dengue hatte zu Beginn der Pandemie ihre Arbeit als Reinigungskraft und Näherin verloren. Sie sagt, dass sie nicht in der Lage war, ihre Miete zu zahlen.

Die Umstände des Falls sind noch Gegenstand eines Gerichtsverfahrens. Aber die alleinerziehende Mutter, ihre eigenen drei Kinder – das jüngste war zu diesem Zeitpunkt gerade 18 Monate alt – und zwei Nichten standen ohne Dach über dem Kopf da. Vier weitere Familien, die im selben Wohnblock gewohnt hatten, wurden ebenfalls obdachlos.

„Wir mussten draußen in der Kälte bleiben, es war furchtbar, ich musste meinen Kindern ihr Essen auf der Straße geben”, sagt sie.

Aktivist*innen zufolge hat die Immobilieninflation nun von Lissabon auf abgelegene Gemeinden wie Loures übergegriffen: „Es ist fast wie ein Nachbeben eines Erdbebens”, sagt Rita Silva von der Organisation Habita. Und Wohnungsbauaktivist Luís Mendes stimmt dem zu: „Sie hat sich vom Epizentrum ... in die Stadtrandgebiete und Vororte ausgebreitet.”

Kaum Sozialwohnungen

Die Schwierigkeit für Menschen wie Dulce Dengue besteht darin, dass Portugal auch eine der niedrigsten Sozialwohnungsquoten in Europa hat. Nur zwei Prozent aller Wohnungen befinden sich in öffentlicher Hand, verglichen mit 17 Prozent im Vereinigten Königreich, 16 Prozent in Frankreich und 24 Prozent in Österreich.

Dengue wurde zunächst in einem Wohnheim untergebracht, das von der örtlichen Behörde bezahlt wurde. Ihre Kinder waren erschöpft, denn der Weg zur Schule dauerte eine Stunde, erzählt sie. „Sie fragten mich ständig, wann wir nach Hause gehen könnten.” Das Gericht hob schließlich Dengues Räumung auf, eine Entscheidung, die angefochten wird. In der Zwischenzeit wurde die Familie zwischen Wohnheimen und Notunterkünften hin- und hergeschoben.

„Ich bitte um Hilfe”, schrieb Dengue Anfang des Jahres in einem offenen Brief an den Wohnungsbauminister. „Ich weiß nicht, wie ich mit den Tränen meiner Kinder umgehen soll, die nicht wissen, wann sie nach Hause zurückkehren werden. Ich weiß nicht, wie ich mit der Ungewissheit des Lebens umgehen soll, mit dem Kommen und Gehen, und manchmal habe ich das Gefühl, dass ich die Kraft verliere, weiter zu kämpfen. Ich möchte meinen Kindern nur ein Leben in Würde ermöglichen. Ich möchte einfach in Würde leben.”

„Der Fall von Dulce ist ein Beispiel für viele Dinge, die in diesem Land brodeln – Menschen, die in der Pandemie ihr Einkommen verlieren, insbesondere Menschen, die sich ohnehin schon in einer prekären Situation befinden”, sagt Silva.

Der Markt für den Bau von Mietshäusern hat sich an den Rändern der Hauptstadt entwickelt. Loures zieht einen stetigen Strom von Käufern dessen an, was die portugiesische Niederlassung des internationalen Immobilienunternehmens JLL als „Mehrfamilien-Anlage” bezeichnet – Wohngebäude, die ausschließlich zu Mietzwecken genutzt werden.

Gonçalo Santos, Leiter des Bereichs Kapitalmärkte bei JLL, ist überzeugt, dass das Programm für goldene Visa eine positive Rolle bei der Konsolidierung Lissabons als Investitionsstandort auf dem Weltmarkt gespielt hat. Dies, so Santos, sei durchaus mit der Schaffung von erschwinglichem Wohnraum vereinbar. Ein Ausstieg Lissabons aus dem Programm für goldene Visa, wie ihn die Regierung für das nächste Jahr plant, wäre nicht nur „schrecklich für die Wirtschaft”, sondern würde auch das Angebot an Wohnungen verringern, sagt er.

11.000 Familien in Hütten

Angesichts des zunehmenden öffentlichen Drucks richtete die portugiesische Regierung 2017 ein Wohnungssekretariat ein. Als Reaktion auf eine wachsende Protestbewegung wurde schließlich im September 2019 ein Gesetz verabschiedet, das das in der Verfassung verankerte Recht auf angemessenen Wohnraum aus dem Jahr 1976 umsetzt.

Die erste umfassende Regierungsuntersuchung zum Wohnen, die als Reaktion auf die Ergebnisse des UN-Sonderberichterstatters für das Wohnungswesen veröffentlicht wurde, ergab, dass 25.762 Familien in „gravierender Wohnungsnot” leben, fast 50 Prozent davon in Lissabon.

Dabei handelt es sich um Menschen, die sich, wie Silva es nennt, „in einer Situation der Erniedrigung befinden, die oft keinen Zugang zu fließendem Wasser haben”. Mehr als 11.000 Familien leben in Hütten und selbstgebauten Behausungen, die in Barackensiedlungen oder anderen „informellen Siedlungen” zusammengefasst sind. Erstaunlicherweise berücksichtigen diese Zahlen weder überfüllte Wohnungen noch von Räumung bedrohte Haushalte.

Wer von Räumungen bedroht ist, bringt sein Hab und Gut vorsorglich außerhalb der Wohnung unter

Foto: Patricia de Melo Moreira/AFP via Getty Images

Die Ministerin für Wohnungswesen, Marina Gonçalves, erklärt, dass die Priorität der Regierung darin besteht, den Anteil des sozialen Wohnungsbaus von zwei auf fünf Prozent zu erhöhen. Sie räumt jedoch ein, dass dies „Zeit braucht”.

Jahrzehntelang, sagt sie, wurde der Wohnungsbau in Portugal den Marktkräften überlassen. Dem öffentlichen Wohnungsbau wurde keine Priorität eingeräumt. „Wir müssen die Antworten finden, wir können Marktanreize schaffen, aber wir können nicht behaupten, dass die Verantwortung beim Markt liegt. Die Verantwortung liegt beim Staat, die öffentliche Wohnungspolitik zu fördern.”

Als die Pandemie ausbrach, setzte die Regierung Zwangsräumungen aus und führte ein vorübergehendes Moratorium für Menschen ein, die mit ihren Hypotheken im Rückstand sind. Ohne ein massives öffentliches Investitionsprogramm für den Wohnungsbau, so Mendes, führt die Pandemie jedoch zu einer Welle künftiger Zwangsräumungen und einer potenziell explosiven Krise.

„Die Lage war bereits ernst und wird sich weiter verschärfen, da die wirtschaftliche und soziale Situation der Menschen immer prekärer wird”, stimmt Silva zu. „Die Preise für Wohnraum sind mit der Pandemie nicht gesunken – Wohnraum bleibt in Lissabon unbezahlbar.”

Pfleger*innen, die in besetzten Häusern leben

Dam arbeitet als Sicherheitsbeamtin in einem Supermarkt, wo sie den Mindestlohn erhält und Nachtschichten einlegt. Obwohl sie einer bezahlten Arbeit nachgeht, lebt die alleinerziehende Mutter in einem besetzten Haus in einer leerstehenden, verwüsteten Sozialwohnung am Stadtrand von Lissabon.

Sie zog hierher, als die Bedingungen in der Wohnung, die sie gemietet hatte, so unhygienisch wurden, dass ein Verbleib keine Option war. In dem besetzten Haus sind die Fenster kaputt, so dass sie die Jalousien herunterlässt, um die Kälte fernzuhalten. „Als ich hier ankam, stand der Müll höher als ich, die Wände waren schmutzig.”

Dam, 40, unterstützt zwei ihrer Kinder und war bis vor kurzem auch die Hauptpflegeperson für ihre behinderte Mutter, die inzwischen an einer Lungenentzündung verstorben ist. Die Familie steht seit fast zehn Jahren auf einer Warteliste für Sozialwohnungen und lebt seit drei Jahren in dem besetzten Haus. Obwohl die Angst vor einer Zwangsräumung täglich über ihnen schwebt, hat Dam das Gefühl, dass sie keine andere Wahl hat. Sie hat sich sehr bemüht, das Haus in ein Zuhause zu verwandeln, indem sie das Badezimmer renoviert und die Wände gestrichen hat.

„Ich habe getan, was ich mit meinen finanziellen Mitteln tun konnte. Jeder weiß, dass ich hier bin, jeder kennt meine Situation. Ich habe Fotos von meiner Ankunft gemacht, von den Arbeiten, die ich am Haus durchgeführt habe, und ich habe überall Briefe verschickt”, erklärt sie.

Dam ist bei weitem kein Einzelfall. Immer mehr Menschen, darunter viele alleinerziehende Mütter, die trotz Arbeit Mühe haben, die Miete in der Stadt zu zahlen, suchen Zuflucht in der Illegalität. Viele derjenigen, die in informellen Siedlungen leben oder leer stehende Gebäude besetzen, arbeiten als Reinigungs- und Pflegekräfte und waren während der Pandemie an vorderster Front des öffentlichen Gesundheitsnotstands in der Hauptstadt tätig.

Dam hatte sich vor kurzem Hoffnungen gemacht, nachdem ihr ein Termin zur Besprechung ihres Antrags auf eine Sozialwohnung angeboten worden war. Bei diesem Termin wurde ihr allerdings nur gesagt, dass es noch keine freien Wohnungen gebe. Sie beginnt, den Glauben zu verlieren und sagt: „Es gibt Tausende von Menschen, die wie ich warten. Ich weiß nicht, was ich sonst tun soll. Ich kann nicht den Rest meines Lebens in Angst leben, ich will nicht, dass meine Kinder so aufwachsen.”

Luxussegment leidet kaum unter Corona

Der portugiesische Markt für Luxuswohnungen trotzt nicht nur der Pandemie, er floriert. Angaben der portugiesischen Datenbank Confidencial Imobiliário zufolge machten ausländische Investitionen 40 Prozent der Wohnungsbauinvestitionen in Lissabon im Jahr 2020 aus, während der Vermögensbericht 2021 von Knight Frank feststellt, dass Lissabon mit einem Preisanstieg von vier Prozent zu den wenigen Städten der Welt gehört, in denen das Luxussegment kaum von der Corona-Unsicherheit berührt wurde.

Laut Immobilienvermittler Luís Lima hat dies keinen Einfluss auf den Mangel an Wohnraum für Menschen am unteren Ende der Einkommensskala. „Die Leute waren überrascht, dass die Preise in einer Pandemie steigen, das ist das Funktionieren des Marktes.”

Auf die Auswirkungen der Deregulierung des Wohnungsmarktes und des Programms für goldene Visa zurückblickend, räumt er ein, dass das Tempo des Wandels in Lissabon alarmierend war. „Es hat viele Fachleute überrascht, mich selbst eingeschlossen, wie schnell wir uns von der Krise erholt haben – und das Sahnehäubchen auf dem Kuchen waren die ausländischen Investitionen.”

Der Mangel an bezahlbaren Wohnungen sei ein politisches Versagen. „Es gibt die Ansicht, dass ausländische Investitionen den Portugiesen die Wohnungen wegnehmen, aber das hat nichts damit zu tun – das sind ganz andere Sektoren.”

Die Tage des goldenen Visums in seiner derzeitigen Form scheinen gezählt zu sein. Die sozialistische Regierung von António Costa versprach, Wohnimmobilien in Lissabon, Porto und der Algarve aus dem Geltungsbereich herauszunehmen, verschob die Reform aber auf Januar 2022, um die Auswirkungen der Pandemie abzufedern. Im Jahr 2021 stiegen die Anträge um 13 Prozent.

Ab dem nächsten Jahr können ausländische Käufer ihr Geld weiterhin steuerbegünstigt in portugiesische Immobilien investieren, allerdings in Regionen mit geringerer Bevölkerungsdichte.

Selbst Lima räumt ein, dass die Möglichkeiten für Geringverdiener nach wie vor gering sind. „Es reicht nicht aus, das Recht auf Wohnraum in der Verfassung zu verankern”, sagt er. „Ich weiß nicht, wie ein junger Mensch mit einem vernünftigen Job heute ein Haus in Lissabon bezahlen können soll. Selbst wenn man 1.000 Euro im Monat verdient, sollte man nicht mehr als 300 Euro [Miete] zahlen müssen – und das ist nicht die Realität in der Stadt. Manche Leute sagen, unsere Preise seien nur ein Bruchteil von denen in Madrid, London oder Paris – natürlich, aber unser Lebensstandard ist nicht der der Spanier, Briten oder Franzosen.”

Übersetzung: Alina Saha

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Geschrieben von

Betriz Ramalho da Silva | The Guardian

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