Borschtsch und Peniswitze: Wolodymyr Selenskyjs Weg vom Komiker zum Symbol des Mutes

Ukraine Als Präsident der Ukraine hat ihn sein Widerstand auf der ganzen Welt zu einem Helden gemacht. Ist Wolodymyr Selenskyjs Erfolg als Politiker in seinen Jahren als Schauspieler angelegt?
Wolodymyr Selenskyj, ukrainische Präsident, Komiker und Schauspieler am 13. März 2019 mit seiner Comedy-Gruppe Kvartal 95 in Kiew
Wolodymyr Selenskyj, ukrainische Präsident, Komiker und Schauspieler am 13. März 2019 mit seiner Comedy-Gruppe Kvartal 95 in Kiew

Foto: Sergei Supinsky/AFP/Getty Images

Der britische Schauspieler Hugh Bonneville war diese Woche genauso wie viele andere überrascht, von den Talenten des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zu erfahren. „Bis heute“, twitterte er, „hatte ich keine Ahnung, wer Paddington Bear in der Ukraine die Stimme gab.“ Auch andere Teile von Selenskyjs Showbusiness-Karriere wurden unterschätzt. Als Selenskyj im April 2019 im Alter von 41 Jahren zum Präsidenten gewählt wurde, sagte der russische Kommentator Sergej Parkhomenko: „Er ist schwach, er hat keine Religion, er hat keine Nationalität.“ Das alles war als Kritik gemeint. Aber manches davon erklärte gerade, warum Leute Selenskyj gewählt hatten (der während der Sowjetära in eine jüdische Familie geboren wurde, als die Ausübung von Religion entmutigt wurde). Er ist nicht einschüchternd. Er hat keinen politischen Hintergrund. Er ist russischer Muttersprachler aus der Mitte des Landes. Aber für die Ukrainer:innen war er vor allem jemand, den man kannte, und er war witzig. Der nette Kerl aus der TV-Sendung „Diener des Volkes“. Du weißt schon, die, in der der komische Geschichtslehrer über Nacht Präsident wird. Der Paddington-Stimme-Typ.

Außerhalb von der Ukraine und ihren nächsten Nachbarländern hätte man normalerweise nichts von alledem gewusst. Man hätte wahrscheinlich nicht einmal von der TV-Serie gehört, auch wenn Netflix sie sich irgendwann schnappte. (Mittlerweile ist sie mit englischen Untertiteln auf YouTube zu sehen). Außerhalb der Ukraine wurde Selenskyj bis vergangene Woche nur als „Komiker, der Präsident wurde“ bezeichnet. Die anfängliche Berichterstattung über seinen erdrutschartigen Wahlsieg, bei dem er 73,2 Prozent der Stimmen erhielt, war von Spott geprägt. Was dachten sich die Menschen in der Ukraine? Wer war der Mann überhaupt? Wohl kaum Ronald Reagan. Was für ein Witz.

Doch die Bezeichnung „Komiker“ ist irreführend. Es legt jemanden nahe, der a) nicht ernsthaft und b) ein Solo-Performer ist. Selenskyj ist nichts von beidem. Stand-up-Comedian war er nie. Die Tradition von „Monolog-Comedy“ ist in den Ländern der früheren Sowjetunion noch relativ neu. (Vielleicht der einzige außerhalb Russlands und der Ukraine bekannte post-sowjetische Stand-up-Comedian ist der in St. Petersburg lebende Igor Meerson, der auf Russisch und Englisch auftritt und mit der britischen Komikerin Eddie Izzard auf Tour war.) Außerdem: Wie in den gerade viral gehenden Videos über Selenskyjs Leben vor seiner Präsidentschaft gezeigt, lag seine Karriere zwar in der Unterhaltungsbranche. Aber er nahm sie extrem ernst. Er ist ein Workaholic, er war immer ernsthaft dabei und er ist ein Teamplayer. Diese Qualitäten – geschmiedet im Glutofen des postsowjetischen Showbusiness –, sind seine Vorteile.

Wolodymyr Selenskyj hat als Teenager im Club der Witzigen und der Erfindungsreichen mit Improvisationsauftritten begonnen

Der „Teamplayer“-Aspekt ist dabei besonders interessant – und vielleicht aus einer westlichen Perspektive am schwierigsten zu erfassen. Denkt man an das US-amerikanische oder europäische Modell von Showbusiness – insbesondere im Bereich Comedy – fangen Komiker häufig in Kollektiven an (Saturday Night Live, Armando Iannucci’s The Day Today lineup), aber sie bleiben selten zusammen. Normalerweise nutzen sie das Kollektiv als Sprungbrett für eine Karriere als Solo-Performer. Selenskyj dagegen war immer Teil von etwas Größerem als nur er selbst.

Begonnen hat er als Teenager 1995 mit Improvisationsauftritten bei den KVN-Wettbewerben in seiner Heimatregion. KVN (Klub Vesyolykh i Nakhodchivykh oder Club der Witzigen und der Erfindungsreichen) ist eine beliebte, in der ganzen früheren Sowjetunion bekannte Institution. Sie wurde zu einer der am längsten laufenden Shows im russischen Fernsehen; ihre Feeds auf den sozialen Medien sind seit 27. Februar inaktiv. Sie entwickelte sich aus einer 60er-Jahre-TV-Sendung, die übersetzt „Abend der lustigen Fragen“ hieß, bei der Performer im Wettbewerb um die lustigsten Antworten gegeneinander antraten. Anfang der 70er wurde die Sendung nach Konflikten mit der Zensur abgesetzt, aber während der Ära von Glasnost und Perestroika 1986 wiederbelebt.

Selenskyj war ein leidenschaftlicher Improvisationskünstler und wurde Teil des ukrainischen Kvartal-95-Teams, das aus etwa 10 Mitgliedern bestand. Sie tourten durch die damals gerade aufgelöste Sowjetunion, gewannen KVN-Wettbewerbe und feilten an ihren russischsprachigen Sketchen. Erst viel später begannen sie, mehr Sketche auf Ukrainisch zu machen: Selenskyjs Geschichte steht für die fließenden Grenzen zwischen dem russischen und dem ukrainischen Kulturpublikum. Er ist und ist nicht „einer von uns“.

Selenskyj als Elvis im rosa-Satin-Outfit

2003 etablierte sich Kvartal 95 als unabhängige Produktionsfirma, die TV-Shows und Filme für ukrainisch- und russischsprechendes Publikum machte. Das Projekt erhielt einen starken Anschub, als Selenskyj 2006 die Tanz-Casting-Show „Dancing with the Stars“ in der Ukraine gewann, gemeinsam mit seiner Tanzpartnerin Alena Schoptenko. Sie ist immer noch eine von 196 Personen, denen er auf Instagram folgt. (Er hat 13,4 Millionen Follower.) Highlights waren ein Jive zu „Blue Suede Shoes“, den Selenskyj als Elvis im vollen rosa-Satin-Outfit gab, sein Bleistift-Schnurrbart für einen Tango zu „Big Spender“, ein Rumba mit verbundenen Augen zu Stings „The Shape of My Heart“ und ein skurriler Standardtanz als Charlie Chaplin. Seine Auftritte waren von Energie und vollem Einsatz geprägt – und er war super-fit. Das war – und ist – ihm eindeutig wichtig: Bis er Präsident wurde, postete er regelmäßig Videos auf den sozialen Medien, die ihn im Fitnessstudio zeigten oder schwimmend oder beim Joggen in New York.

Er drehte immer mehr Filme. 2008 spielte er Igor in dem Film „Love in the Big City“, einen russischen Zahnarzt in New York. Igor ist einer von drei Freunden, die an Impotenz leiden und den Weg der wahren Liebe finden müssen, um ihre Potenz wiederzuerlangen. (Darauf könnte man leicht abschätzig reagieren, aber der Film hat in den Kinos neun Millionen US-Dollar eingespielt und fairerweise geht Steve Carells „Jungfrau (40), männlich, sucht...“ in eine ähnliche Richtung).

Zwei Fortsetzungen folgten. In „Office Romance: Our Time“ (2011) spielte er den Finanzanalysten Anatolij, der eine schwierige Chefin hat. Beim Versuch, befördert zu werden, verliebt er sich in sie - nach vielen Verwicklungen mit einer Seilbahn, einem Motorrad und anderen, äh, Fahrzeugen, die für Komik sorgen. „Rzhewski Versus Napoleon“ (2012) mit Jean-Claude Van Damme (er verzichtete auf sein Honorar) und Xenija Sobtschak (der Tochter des früheren Bürgermeisters von St. Petersburg Anatoli Sobtschak, die angeblich Putins Patenkind sein soll), war einer von Selenskyjs am wenigsten erfolgreichen Kinofilmen. Es ist definitiv bizarr, ihn sich heute anzugucken. Selenskyj spielt einen triumphierenden Napoleon in dem Augenblick, als er Moskau erobert hat und auf St. Petersburg zumarschiert. (Putin ist nicht als großer Kino-Fan bekannt, aber man muss sich einfach fragen, ob er diesen Film gesehen hat.)

Vier Männer in bauchfreien Tops und Leggings

Selenskyjs Komödienstil liegt im Spektrum von Steve Martin oder, ja, Steve Carell: überspitzte Figuren, mit vielen Pointen und Wortspielen, aber immer im Rahmen des Charmanten. Die Filme selbst sind klassische Post-Sowjet-Komödien: Ein westliches Publikum würde sie wahrscheinlich naiv, altmodisch und mindestens ein bisschen politisch inkorrekt wahrnehmen.

Seine Sketche mit Kvartal 95 ähneln denen von Saturday Night Live: unterschiedlich gute Witzszenen, die Shakespeare aufnehmen, sich über Influencer:innen lustig machen, oder als Babuschkas (alte Frauen) verkleidete Männer zeigen. Einige ihrer besten Sachen überzeugen visuell. Das Video im Beyoncé-Stil, das diese Woche weithin geteilt wurde, ist ein großartiges Beispiel. Vier Männer in ledernen bauchfreien Tops und Leggings versuchen sich an aufreizenden akrobatischen Bewegungen, während sie ukrainische Köstlichkeiten anpreisen: „Borschtsch! Salo (Suppe! Schweinefett)!“

Selenskys leckt sich die Lippen, während er in die Kamera blickt: „Tzybulya (Zwiebel)!“ Peniswitze gibt es im Überfluss (man denke eher an den britischen Komiker Benny Hill als an Monty Python, obwohl letztere als Inspiration für Selenskyj zitiert werden) und ein häufiges Kennzeichen der Charaktere des zukünftigen Präsidenten ist eine „ungelegen kommende“ Erektion. Vielleicht ist „ungelegen“ auch das falsche Wort, wenn man den Sketch gesehen hat, in dem er freihändig Hava Nagila auf dem Klavier spielt, die Hose an den Knöcheln.

Wolodymyr Selenskyj als glückloser Geschichtslehrer Wassyl Petrowitsch Holoborodko fester Bestandteil der russischsprachigen Comedy

Doch die Entwicklung von schlüpfriger Comedy hin zum Präsidentenamt wäre nicht ohne einen TV-Erfolg gekommen: Diener des Volkes. Die Sendung gehört dem Team von Kvartal 95. Ihre drei Staffeln liefen von 2015 bis 2019 mit Selenskyj als Autor, Produzent und Star. Die letzte der 51 Folgen wurde am 28. März 2019 ausgestrahlt; am 21. April gewann Selenskyj die Wahl. Ein Jahr zuvor hatte Kvartal 95 „Diener des Volkes“ als den Namen einer neuen Partei angemeldet.

In der Serie spielt Selenskyj den glücklosen Geschichtslehrer Wassyl Petrowitsch Holoborodko, der per Zufall ins Präsidentenamt katapultiert wird, nachdem ein Video viral gegangen ist, in dem er die Regierung beschimpft. Die Tirade, die Holoborodko den Sieg verschafft, ist ein fester Bestandteil der russischsprachigen Comedy geworden, ein bisschen wie Ricky Gervais’ Robotertanz in der britischen Serie „The Office“, aber gespickt mit Pieptönen (denn jedes zweite Wort ist ein Schimpfwort).

Interessant ist die Sprachwahl in „Diener des Volkes“. Die Serie ist auf Russisch und Holoborodko ist ein russisch-sprechender Ukrainer. Einige der Charaktere sprechen aber Ukrainisch. Die berühmte Schimpftirade wiederum ist auf Russisch – und sie ist eine Meisterlektion darin, dass Fluchen eine eigene Sprache für sich ist (eine feste Überzeugung vieler russischsprachiger Menschen). Unter dem Piepsen lassen sich die russischen Worte für „fucking“, „Hündin“ (normalerweise benutzt für „verflixt noch mal“), „Päderasten“ (benutzt im Sinne von „Bastarde“) und Fotze erkennen. Die Wortschwall endet mit: „Ich wünschte, jeder Lehrer würde wie der Präsident leben. Und der Präsident – Piep – wie ein Lehrer. Ich sage Ihnen das als der Geschichtslehrer, der ich bin. Auch wenn es Sie nicht die Bohne interessiert. Pederasty!“

Selenskyj kann richtig fluchen

Millionen haben diesen Filmausschnitt seit 2015 gesehen und assoziieren Selenskyj damit – auf positive Weise. Es besteht eine ironische Parallele zwischen den realen viral gehenden Videos, die derzeit aus der Ukraine kommen, die mit genau den gleichen Worten gespickt sind. Wie Ido Vock in der britischen Wochenzeitung New Statesman schrieb, fragte ihn ein russischer Freund diese Woche: „Warum bekämpfen wir Leute, die genau wie wir fluchen?“ Selenskyj und Holoborodko repräsentieren den ganz normalen Typen, der am Ende seiner Kraft ist und so richtig fluchen kann.

Aber die Trumpfkarte, die sich jetzt zeigt, ist Selenskyjs Status als Teamplayer. In seiner Rede an das russische Volk vergangene Woche forderte er es auf, die offizielle Propaganda zu hinterfragen. Warum würde er einen Krieg unterstützen, der Städte angreift, die er kennt und liebt? „Um wen zu erschießen? Um was zu bombardieren?... Lugansk? Die Heimat der Mutter meines besten Freundes? Den Ort, an dem sein Vater begraben liegt?“

Der beste Freund, von dem er spricht, ist Jewgeni Koschewoi (man kann ihn in dem Beyoncé-Video tanzen sehen), dessen Familie tatsächlich aus Lugansk kommt. Die beiden haben 18 Jahre lang zusammengearbeitet und standen im Frühling 2014 gemeinsam auf der Bühne, als Kvartal 95 nach Kriegsbeginn im Donbas vor Soldaten an der Front auftrat. Koschewoi erzählte einmal aus dieser Zeit: „Die Leute sagten uns, dass sie an diesem Abend über unsere Witze lächelten – das erste Lächeln seit Wochen.“ Auch Selenskyjs Arbeitsethik kann er bezeugen: „Einmal wurde er schrecklich krank durch Salmonellen in einem schlechtgewordenen Ei, aber er kam trotzdem für ein Konzert auf die Bühne. Wir mussten ihn auf die Bühne tragen.“

Der britische politische Kommentator und Komiker David Baddiel twitterte diese Woche: „Eine Sache über Wolodymyr – Ich glaube nicht, dass er auf sein Leben zurückblickt (von dem ich hoffe, dass es noch viele Jahre andauern wird) und denkt, er habe nicht voll aus dem Kelch des Lebens getrunken.“ The Show must go on (Die Show muss weitergehen.)

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Geschrieben von

Viv Groskop | The Guardian

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