Wut, Angst und Verunsicherung

Ukraine Im Osten gerät die lokale Polizei weiter zwischen die Fronten oder wechselt die Seite. Die Regierung in Kiew hat kaum noch Einfluss
Luke Harding | Ausgabe 19/2014 39
Wut, Angst und Verunsicherung
In Donezk zeigt schon die Ausrüstung: Zurückhaltung ist die erste Polizistenpflicht

Foto: Alexander Khudoteply/ AFP/ Getty Images

Horliwka, die Stadt mit ihren fast 300.000 Einwohnern, liegt nördlich von Donezk, wo vor drei Wochen die „Volksrepublik“ ausgerufen wurde. Am Sonntag soll deren Existenz auch in Horliwka durch ein Referendum über die Trennung vom ukrainischen Staat besiegelt werden. Ist das unausweichlich, nachdem die Aufforderung von Präsident Wladimir Putin, ein solches Plebiszit zu verschieben, offenbart nicht erhört wurde? „Die Aufständischen nehmen eine regionale Verwaltung nach der anderen ein“, sagte ein Polizeioffizier in Donezk. „Über die administrativen Mittel verfügen sie auf jeden Fall.“

Offenbar sind immer weniger Polizisten bereit oder in der Lage, öffentliche Gebäude zu schützen, auch weil Kiew die ohnehin dürftige Kontrolle über die Gesetzeshüter im Osten weiter abhandenkommt. In Luhansk ließ sich die Bereitschaftspolizei von mit Knüppeln bewaffneten Aufrührern im Innenhof eines Gebäudes einkesseln und nach Hause schicken. „Die regionale Führung weiß nicht, ob sie sich auf ihre Polizei noch verlassen kann“, klagt Stanislav Rechynsky, ein Berater des Kiewer Innenministers. „Viele Uniformierte sind nur noch passive Beobachter.“

Zu Wochenbeginn in Donezk. Ein Kontingent Bereitschaftspolizei sieht in voller Kampfmontur zu, wie pro-russische Aktivisten eine Demonstration von Majdan-Sympathisanten angreifen, mit Eisenstangen auf sie einschlagen und fünf Geiseln nehmen. Es handelt sich um Anhänger der Fußballmannschaft von Schachtar Donezk, die dem Zug als Absperrkette vorangingen. Die fünf werden in ein Büro unweit der besetzten Regionalregierung gebracht und nach 24 Stunden wieder freigelassen.

Vor dem Arrest stehen sieben oder acht Polizisten in hellblauen Uniformen neben Freiwilligen der „Volksrepublik Donezk“ in Kampfanzügen und mit orange-schwarzen Bändern der Anti-Majdan-Revolution. Die beiden Gruppen scheinen sich prächtig zu verstehen. Auf die Frage, ob die Polizei der Stadt zu den Separatisten übergelaufen sei, sagt Hauptmann Yevgeny: „Nein, aber bei uns gibt es verschiedene Meinungen. Was nichts daran ändert, dass wir das Gesetz schützen und neutral anwenden.“ Was heißt das mit Blick auf den 11. Mai? „Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich für das Referendum bin.“

Leeres Halfter

Ein anderer Polizist wirft ein: „Wir werden dabei sein. Ich persönlich bin für Russland. Daran trägt Kiew die Schuld. Sie sagen, wir im Osten seien Sklaven und Halbmenschen. Sie verehren Leute wie Stepan Bandera (ein Nationalistenführer aus dem Zweiten Weltkrieg – die Red.), der unsere Brüder erschossen hat. Wir sind ganz normale Bürger wie alle anderen auch.“ Neben ihrem in den ukrainischen Nationalfarben gelb-blau gestreiften Einsatzwagen hat eine Polizistin eine Liste von Beschwerden zur Hand. Die schlechte Bezahlung zählt dazu, man verdient umgerechnet zwischen 150 und 180 Euro im Monat. „Dafür soll ich meine Leben geben? Wer wird hinterher zu meiner Mutter gehen und sagen: ‚Danke für Ihre Tochter‘?“ Darüber hinaus habe der misstrauische Kiewer Innenminister die Dienstrevolver konfisziert.

„Sehen Sie her! Wie soll ich mich verteidigen?“ Yevgeny zeigt auf sein leeres Halfter und erzählt dann, er habe zu den etwa 400 Polizisten aus dem Raum Donezk gehört, die im November zum Einsatz gegen die Anti-Janukowytsch-Proteste in die Hauptstadt geschickt worden seien. Was er erlebt habe, sei zutiefst desillusionierend und schockierend gewesen. Für die neue, teilweise mit Majdan-Aktivisten besetzte Regierung habe er nur Verachtung übrig, dafür aber Sympathie für die pro-russischen Verteidiger von Slowjansk. Auch wenn die nach wie vor 40 Menschen gefangen halten? Einer der Beamten neben Yevgeny mischt sich ein: „Kiew hat angefangen, indem Aktivisten festgenommen und als Kriminelle bezeichnet wurden. Was tun sie denn in Slowjansk? Sie verteidigen bloß ihre Rechte.“

Später erklärt der etwa 40-jährige Igor Vasiljowitsch, ein pro-russischer Milizionär, mindestens die Hälfte aller lokalen Polizisten in Donezk würden den Aufstand unterstützen. „Sie wissen, dass wir ohne Russland nicht anständig leben können.“ Gewiss begeistere sich nicht jeder der eine Million Einwohner für die neue Republik. „Wir sind die aktive Minderheit und werden die passive Minderheit führen!“ Und wenn die Republik keinen Erfolg hat? „Dann ziehen wir in den Partisanenkrieg.“

Die Zeit wird knapp

Serhij Taruta, der neue, von Kiew entsandte Gouverneur der Region Donezk, gibt zu, dass die Sicherheitsbehörden im Osten ihren Job nicht machen. Seine Beamten würden vom „Post-Majdan-Syndrom“ reden, das ihnen zu schaffen mache, seit sie in der Hauptstadt eingesetzt waren. Die Demonstranten in Kiew seien ihre Feinde, wurde ihnen erzählt. Nun seien sie zurück im Osten, wo die gleichen Feinde plötzlich das Land regieren. Zudem herrsche Unsicherheit darüber, ob Viktor Janukowytsch – der nach Russland geflohene Präsident – nicht doch zurückkehren könnte. Was dann?

Ein Polizeioffizier in Donezk lässt keinen Zweifel, dass seine Leute nicht mehr wüssten, wer ihr Herr sei. „Wer gibt die Befehle? Kiew oder Janukowytsch? Oder wer? Wir sprechen mit Kommandeuren und einfachen Polizisten. Es sind ausnahmslos Menschen von hier. Sie sind wütend und haben Angst.“ Die Polizei von Donezk wisse sehr genau, dass ein russischer Kollege in Moskau das Acht- bis Zehnfache verdiene. Warum sollte man dann jetzt sein Leben riskieren? Und noch etwas, die aufgelöste Sondereinheit Berkut genieße hier einen regelrechten Heldenstatus.

Angesichts des näher rückenden separatistischen Referendums läuft der Donezker Pro-Kiew-Administration und Polizeichef Konstantin Pozhidaev die Zeit davon. Auch wenn ein großer Teil der Einwohner vermutlich nicht an diesem Votum teilnimmt, wird die „Volksrepublik“ wohl dennoch einen überwältigenden Sieg verkünden. Der selbsternannte Abgeordnete Anatoli Aneschenko ist davon überzeugt, dass sich die Oblast danach umgehend für autonom erklärt. Auf die Frage, was mit denen sei, die dieses Ergebnis ablehnen, sagt er: „Die können ja gehen.“

Luke Harding ist Korrespondent des Guardian in Russland und der Ukraine

Übersetzung: Zilla Hofman
06:00 09.05.2014
Geschrieben von

Luke Harding | The Guardian

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